Hechenwang, Filialkirche St. Martin
Filialkirche, Pfarrei und Gemeinde Windach, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Pfarrei Eresing, Herrschaft Benediktbeuern
Patrozinium: St. Martin
Zum Bauwerk: Der Kirchenneubau, von Wilhelm Neu dem Wessobrunner Baumeister und Stukkator Joseph Schmuzer zugewiesen und datiert, stammt aus dem frühen 18. Jh.: der Chor wohl von 1704, das LHs von 1714 (das Datum MDCCXIIII gibt eine Kartusche am Triumphbogen an), der Turm folgte 1719. – Saalbau mit eingezogenem halbrundem Altarraum
Autor und Entstehungszeit: Die kräftig profilierten Stuckrahmen und die einfachen Formen der Bildfelder, zwei Querovale (A, C) und ein von einem Quadrat durchdrungener Vierpaß (B) im LHs stammen aus der Zeit von 1714. Auf eine Entstehungszeit im zweiten Jahrhundertviertel weisen die Figurentypen, in Form und Farbe allerdings nur schlecht erhalten, wie auch der flächige Bildaufbau mit seichter, gleichmäßig mit Figuren gefüllter Handlungsbühne, ohne Differenzierung von irdischer und himmlischer Raumzone (vgl. B).
Der für die Hechenwanger Deckenbilder von Wilhelm Neu vorgeschlagene Maler Johann Caspar Schäffler aus Oberfinning – er malte in St. Martin 1747 (laut Überlieferung) ein Marienbild (seit 1875 in Dettenschwang) – könnte in Frage kommen: gewisse Übereinstimmungen im Figurentypus (mißglückte Körperdrehungen), in der Gewandbehandlung und in der Mariendarstellung lassen sich im Vergleich mit dem einzigen von Schäffler signierten Deckenbild in Holzhausen am Ammersee und den ihm zugeschriebenen Fresken in Reisch feststellen. Bei einem Vergleich der Darstellungen der Himmelfahrt Mariens von Epfenhausen (signiertes Altarbild Schäfflers von 1738) und Reisch (siehe dort) fallen aber auch Unterschiede im Bildaufbau auf: In den letztgenannten Bildern werden irdische und himmlische Zone deutlich perspektivisch geschieden. Die Hauptfiguren, Maria und Christus, werden klar hervorgehoben; die Komposition ist im Gruppenbau der Figuren akzentuierter und reicher in der Kombination. Das Oeuvre des Malers ist archivalisch jedoch so wenig sicherzustellen und der Erhaltungszustand der Hechenwanger Bilder so schlecht, daß eine Entscheidung kaum möglich ist.
Das AR-Fresko D ist wesentlich später entstanden, wie Größe und Form des Freskofeldes als auch die Figurentypen deutlich zeigen. Es kann mit Sicherheit dem Freskanten Johann Baptist Anwander zugeschrieben werden. Das signierte und 1795 datierte, thematisch verwandte Fresko dieses Künstlers in der Nikolauskirche von Hausen bei Geltendorf zeigt bis in Einzelheiten gehende Übereinstimmungen. Bildaufbau und szenische Darstellung entsprechen sich. Die Figur des auf Wolken thronenden Bischofs ist bis auf das abgewandelte Haltungsmotiv genau wiederholt. Ähnlich sind auch die Kranken und Bresthaften der irdischen Szene nur unwesentlich variiert. Die Figuren zeigen die gleichen derb charakterisierten Gesichter und silhouettenhaft scharf gezeichneten Profile. – Das wesentlich besser erhaltene Fresko von Hausen gibt eine Vorstellung davon, wie stark das ehemals übertünchte Hechenwanger Fresko farblich verändert wurde: Es ist im ganzen zu ockertonig geworden und in den Formen (vgl. vor allem die Wolken) zu schwammig-weich. Bei der Restaurierung von 1955 wurde im AR die Signatur des Stukkators Johann Gigel, 1795, welche die dem alten Dekorationssystem hinzugefügten kleinen Stuckbilder betrifft, gefunden. Diese Jahresangabe ist auch auf das

Fresko zu beziehen (vgl. Hausen 1795). (Archivalische Studien für Hechenwang bei W. Neu, Lechisarland 1963; zu Schäffler siehe Lechisarland 1962)
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs und AR Flachtonne mit Stichkappen
Rahmen: Stuckprofil
Technik: Fresko; alle Deckenbilder sind polychrom
Maße: A Höhe 10,60 m; 2,70 × 3,30
B Höhe 10,60 m: 4,20 × 4,20
C Höhe 10,60 m; 2,70 × 3,30
D Höhe 9,30 m: 5,30 × 4,00
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1875 wurden die Deckenbilder übertüncht und die barocken Altäre (nach Dettenschwang) abgegeben. 1955 sind die Fresken in LHs und AR durch A. Dasser freigelegt und restauriert. Dabei wurden Fehlstellen ergänzt (besonders in B die Bildmitte). Die originale Malerei ist in Farbe und Detailzeichnung schlecht erhalten.
Beschreibung
A HEILUNG EINES BESESSENEN In dem quer ovalen Feld über der Orgel ist die Heilungsszene mit wenigen großen Figuren, welche das Bildfeld fast ganz ausfüllen, wiedergegeben. - Von rechts her tritt St. Martin im Bischofsornat, gefolgt von zwei Begleitern, zu einem halb entblößten Mann hin und gebietet mit der segnenden Rechten dem Dämon IN NAMEN GOTTES. Der Dämon entweicht in Gestalt eines schwarzen Drachens dem Munde des Besessenen, der von zwei Männern an den ausgestreckten Armen gehalten wird. — Die Figuren sind parallel zum Rahmen in die Bildfläche gebreitet. Ein übereck gestelltes Säulenpodest mit einer Vorhangdraperie führt in die Szene ein, welche vor einen nur eben angedeuteten Landschaftsgrund gesetzt ist.
B HIMMELFAHRT MARIENS Die zum Himmel auffahrende Jungfrau Maria, begleitet von einem ein Rauchfaß schwingenden Engel, wird von Christus mit Krone und Zepter zur Krönung erwartet. Die drei kaum bewegten Figuren sind in einer Diagonale einander zugeordnet. - Entlang dem gekurvten Bildrand, vielfach von diesem überschnitten, sind die Apostel in lockerer Ordnung nebeneinandergereiht. Hervorgehoben ist der vor dem leeren Sarkophag Mariens kniende Apostel Petrus, er hält ein aufgeschlagenes Buch, dessen Inschrift nicht mehr lesbar ist. – Wenige leicht übereck gestellte Architekturstücke füllen die seitlichen Kreissegmente des Bildfeldes.
B1-2 Zu seiten der Mariendarstellung im LHs finden sich zwei kleine emblematisch aufgemachte Legendenszenen.
Bi Dem hl. Martin, in einer vornehmen Bettstatt schlafend, erscheint im Himmel Christus, angetan mit der von Martin dem Bettler gespendeten Mantelhälfte. Die Inschrift erklärt die Szene PULCHRE, QUIA LIBERALITER.
B2 Bischof Martin geht in Begleitung eines Diakons an einem Säulenstandbild vorbei, er streckt ein kleines Kreuz gegen dasselbe aus, die Figur darauf beugt sich zu dem Bischof hinab. Die Inschrift sagt über den Heiligen: POTENTER; QUIA PIE.
C AUFERWECKUNG EINES TOTEN Das A entsprechende Deckenbild vor dem Chorbogen zeigt eine kompositionell ähnlich angelegte Szene. Bischof Martin erhebt in feierlichem Gestus die rechte Hand zum Himmel und streckt die linke dem Auferweckten entgegen. Dieser richtet sich gerade auf, den Deckel seines steinernen Sarkophages emporstemmend. Zwei Begleiter des Bischofs sind Zeugen des Geschehens. – Kompositionell wird die Gruppe durch eine Folge von Senkrechten (aufragende Figuren, hohes Säulenpodest), welche gitterartig durch Diagonalen (ausgestreckte Arme, Sarkophagdeckel) miteinander verbunden werden.
a-h In den Bogenlaibungen der Fenster sind acht auf den hl. Martin bezogene Embleme gemalt.
D ST. MARTIN PATRON DER KRANKEN In dem längsformatigen, einansichtig komponierten Freskobild des Chores sind die irdische und die himmlische Szene deutlich voneinander getrennt. Während der irdische Schauplatz durch Komposition und Untersichtperspektive auf den Betrachter bezogen ist, wirkt die Gloriengruppe perspektivisch indifferent und zugleich distanziert.
Auf einer einfachen Bretterbühne stehen zwei Bettstätten, die Kranken darauf wenden sich flehend zum hl. Martin empor. An der linken Seite knien bäuerliche Pilger im Gebet nieder, rechts stützt eine Frau eine zu Boden sinkende zweite. Die Figuren sind dicht an den Rand der Bühne gedrängt, dieser – farblich dunkel gehalten – wird durch die scherenschnittartig umrissenen Figuren einer Knienden und einzelner Geschirre am Boden stark betont.
Ikonographie
Bis auf die eine Mariendarstellung (die Kirche besaß ehemals auch einen im 18. Jh. errichteten Marienaltar) sind alle Fresken dem Patron der Kirche (Patronatsbild im AR) gewidmet. Auffälligerweise ist die bekannteste Szene, die Mantelspende des Ritters vor den Toren von Amiens, nur indirekt durch die Traumszene in B1 dargestellt. Von dieser Erscheinung Christi im Traum berichtet Sulpicius Severus (Vita S. Martini 3,4, in: CSEL Bd 1, S. 113). Da die beider Wunderszenen A und C nicht näher gekennzeichnet sind können sie auch allgemein für die verschiedenen Wundertaten dieser Art stehen, welche vom hl. Martin berichtet werden. In B2 ist wahrscheinlich auch ein Wunder dargestellt, nämlich der Sieg St. Martins über den Teufel, der Götzenbildern und Tempeln innewohnten, ein wiederholtes Motiv der St. Martins-Vita des Sulpicius Severus (CSEL Bd 1). Vor dem Kreuz in der Hand des Heiligen neigt sich die sitzende Säulenfigur. Die Bildinschrift paßt gut zu dieser Deutung.
Die Embleme ergänzen die Szenen der Vita; sie haben ein allgemein auf das Bild bezogenes Lemma (b–g) und dazu direkt auf den hl. Martin bezogene deutsche (a–h) und zwei ebensolche lateinische (a, h) Erklärungen.
a Iras deponite manes. — Verlacht den Teifell. Heranfliegende Pfeile zerbrechen an einem wehrhaften Turm. Picinelli, s. v. sagitta, Lib. 22, Nr. 88, gibt das Bild von den am harten Stein zerbrechenden Pfeilen u. a. für die den Heiden und Häretikern widerstehenden Kirchenlehrer. In ähnlichem Sinn paßt es auch auf den hl. Martin. Die latei nische Inschrift stellt eine Aufforderung an die Feinde Martins dar, eine Anspielung auf die Teufelserscheinung beim Tod Martins (vgl. die Todesdarstellung in Thaining). Die deutsche Inschrift legt diese Deutung nahe.
b Accisa virescet Altius. – Hat vill zu leiden. Ein Gärtner beschneidet ein Bäumchen. Dieses Bild steht bei Picinelli, s. v. arbor, Lib. 9, Nr. 60, für den Menschen, der aus der Eitelkeit der Welt heraus zur religiösen Vollkommenheit geführt wird. Das Emblem ist auf die Drangsale bezogen, die der junge Martin zu erdulden hat, bevor er in Tours Ordensmann und Bischof wird.
c Ad omnia. - Opfert sich Gott völlig. Eine Hand aus dem Himmel beginnt auf einer reinen Leinwand, die auf einer Staffelei steht, zu malen. Picinelli, s. v. tela, Lib. 15, Nr. 227, bringt ein entsprechendes Emblem als Bild für die aufnahmebereite, bildungsfähige Jugend und des weiteren – mit anderem Lemma – als Bild für den Gehorsam (Nr. 228). Die deutsche Inschrift bezieht sich auf den jungen Martin, der sich – noch Katechumene – ganz in Gottes Verfügungsgewalt stellt.
d De obscuris clarior ortus. - Martinus von Haydnischen Eltern. Ein großer Stern steht am düsteren Himmel. (Die rechte Bildhälfte ist sehr beschädigt.) Ein Stern ist in der Emblematik als Bild für Heilige geläufig, der von Wolken umringte, trotzdem hell strahlende Stern bezeichnet z. B. die reine, standhafte Seele (Picinelli, Liber 1, s. v. stellae, Nr. 329; vgl. auch die anderen Embleme Nr. 325 ff.). - Beim Hechenwanger Emblem wird der düstere Himmel der heidnischen Herkunft des hl. Martin verglichen
e Sic se perfectior ipsâ. - Martinus thailet seinen Mantel. Ein Gärtner hebt mit Hilfe einer Hippe einen Baumsetzling aus dem Boden. Picinelli, s. v. arbor, Lib. 9, Nr. 42: Ein umgepflanztes Bäumchen mit dem Lemma »Dabit Uberiores« steht für einen Menschen, der die Welt zurückläßt, in einen Orden eintritt und dort die »reichere Frucht der Tugend hervorbringt«. In diesem Sinn ist das Emblem auf den jungen Martin zu deuten, der für die Kirche und das Ordensleben gewonnen wird. Die deutsche Inschrift knüpft ganz äußerlich bei der Tätigkeit des Schneidens an (Hippe beschneidet die Wurzeln Schwert durchschneidet den Mantel).
f Pluribus ut prosit. - Thuet allen guetes. Ein Fluß mit seinen Nebenarmen strömt breit dahin. Bei Picinelli, s. v. flumen, Lib. 2, Nr. 430, ist der das Land bewässernde und so das Wachstum der Pflanzen fördernde Fluß ein Bild für die Nächstenliebe, hier der Hirtensorge des Bischofs Martin
g Sic accepta refers.s – Wird von den seinigen verfolgt Das schlecht erhaltene Bild zeigt ein großes Gestirn (Mond?). Ein sinnverwandtes Lemma, »Acceptum Com- MUNICAT ORBI« hat Zincgreff für das Bild des Mondes, der das von der Sonne empfangene Licht weitergibt, bezogen auf die Nächstenliebe (Picinelli, s. v. luna, Lib. 1, Nr. 310; vgl. Emblemata, Handbuch zur Sinnbildkunst des 16. u. 17. Jh., hg. v. Arthur Henkel u. Albrecht Schöne, Stuttgart 1967, Sp. 36). Vielleicht ist das Hechenwanger Emblem in diesem Sinn zu deuten. Die deutsche Erklärung paßt allerdings nicht dazu.
h Totus tibi concinit Aether. – Stirbt under Englischen gesang. Gestirnter Himmel (Verbildlichung der Sphärenmusik). Beide Inschriften beziehen sich auf die Vita des Heiligen, diese berichtet vom Gesang der Engel im Himmel beim Tode des Heiligen.
Quellen und Literatur
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 386
Hopp, Jakob, Pfründe-Statistik der Diözese Augsburg, Augsburg 1893, Bd 2, S. 216, 226.
Neu, Wilhelm, Johann Caspar Schäffler – ein vergessener Maler des Lech-Ammerseegebietes, in: Lechisarland 1962, S. 36–44.
-, Unbekannte Frühwerke des Baumeisters Joseph Schmuzer, in: Lechisarland 1963, S. 5–34. Debio Call OR (1064) C 200
Müller-Hahl, Bernhard (Hg.), Heimatbuch Stadt- und Landkreis Landsberg am Lech, Aßling-München 1966, S. 491.
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