Hausen bei Geltendorf, Pfarrkirche St. Nikolaus


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 87–90, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche (z. Z. von Geltendorf vikariert), Gemeinde Geltendorf, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Gericht Landsberg

Patrozinium: St. Nikolaus, z. Z. der Ausmalung Johann Baptist

Zum Bauwerk: Die gotische Kirche des frühen 15. Jh. wurde 1754 barock erweitert und ausgestattet. Stuckierung des ARs um 1754, des Langhauses um 1795. — Saalbau zu 3 Jochen und eingezogener AR mit 5/8-Schluß

Autor und Entstehungszeit: Signatur in B über dem östlichen Rahmen auf einem Stein IOANESBAPT./ANWANDER AUGUST / Pinxit 1795; in A auf dem Notenblatt 1795. Bei dem Maler handelt es sich um den Sohn des in Landsberg meist als Vergolder tätigen Franz Anton Anwander (*1718 †1797) und um den Neffen des bekanntesten Freskanten der Familie, Johann Anwander aus Lauingen (*1715 †1770). Johann Baptist Anwander, zwischen 1741 und 1754 in Landsberg geboren, erhielt nach einer Lehrzeit zuerst bei seinem Vater, dann in Augsburg bei dem Maler Tobias Benno Lederer und der Fassmalerswitwe Theresia Selig 1777 das Meisterrecht der Augsburger Malerzunft. Irrtümlicherweise werden die Arbeiten Johann Baptist Anwanders auch den Söhnen des Lauinger Malers Johann Anwander zugeschrieben, deren Namen Johann Christoph (*1740) und Johann (*1754) ähnlich lauten und die auch als Maler tätig waren. Die Werke dieser beiden Vettern sind bis auf Fassarbeiten unbekannt. Die Herkunftsbezeichnung Augsburg in der Signatur von B spricht eindeutig für den einzigen in Augsburg tätigen Johann Baptist, den Sohn Franz Anton Anwanders (vgl. Landsberger Geschichtsblätter 1907 und Schöttl).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs und AR Flachtonne mit Stichkappen

Rahmen: A gradliniger Stuckprofilrahmen mit klassizistischem Band verziert, B ovaler Stuckprofilrahmen mit klassizistischem Band und Blumenranken umwunden, C annähernd vierpaßförmiger Stuckprofilrahmen, den seitlich je eine Rocaillekartusche (C1-2) überlappt.

Technik: Fresko; A, B, C polychrom, C1-2 Grisaillen auf violettem Grund

Maße: A Höhe 7,50 m; 2,30 × 3,20

B Höhe 7,50 m; 6,70 × 3,90

C Höhe 6,90 m; 2,70 × 2,50

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1905 durch Ranzinger, 1953 durch S. Hausinger restauriert, wobei frühere Übermalungen wieder beseitigt wurden. Bis auf größere Risse ist der Zustand der Bilder gut. Die Emporenbilder stammen aus neuerer Zeit.

 

Beschreibung und Ikonographie

A DAVID PSALLENS Das einansichtige Fresko über der Orgel hat seine Basis im Westen. Es zeigt eine über dem Westrahmen aufgebaute, mit Draperien verhängte Säulenhalle, in deren Mitte König David im Hermelingewand thront und die Harfe schlägt. Auf dem Empiretischchen an der rechten Seite ist das Zepter Davids und eine Inschriftentafel aufgestellt: Herr! öffne / meine Lippen / u. mein Mund / wird dein Lob / verkünden. / Ps 50 (= Ps 50, 17). An der Stufe darunter lehnt ein Notenblatt mit der Jahreszahl 1795. Im Vergleich zu den anderen Fresken der Kirche wird hier durch die verkürzte Architektur und einige Untersichten etwas Höhenillusion angestrebt. Symmetrische Komposition und Farbgebung sind typisch für die späte Entstehungszeit. Die kühlen Weiß-, Ocker-, Blau- und Rosatöne sind ebenfalls symmetrisch angeordnet und durch einen zarten Grauton gedämpft (Abbildung S. 90).

B ST. NIKOLAUS PATRON DER KRANKEN UND NOTLEIDENDEN Das längsovale Fresko erstreckt sich über zwei Joche. Dargestellt sind zwei Figurengruppen, und zwar eine irdische und eine himmlische, die durch eine leere Mittelzone voneinander getrennt sind und nur inhaltlich durch Gesten und Blicke aufeinander bezogen sind. Das untere, östliche Drittel füllt die arme und kranke Bittsteller, im oberen erscheint der hl. Nikolaus in der Glorie. Der Bildaufbau ist in der Vertikalen durch die Mittelachse bestimmt, westlich durch die Gestalt des Heiligen markiert, östlich durch eine am Krankenlager ruhende junge Frau hervorgehoben, zu deren Seiten Gruppen Bittflehender angeordnet sind: rechts ein mit zwei Männern ringender Besessener, dessen Mund Dämonen entfliehen, links ein Betender, eine Frau mit Kind und ein Alter mit Pestglöckchen. Vor diesen Figuren, die auf einem halbkreisförmig nach hinten geschwungenen schmalen Sockel stehen, erstreckt sich ein leeres, in die Tiefe führendes Feld.

 

wiedergegeben sind, kauern auf abfallendem Terrain ein halbbekleideter Greis mit Stock und Bündel und eine schlafende Alte.

Die rautenförmig in sich geschlossene Nikolausgruppe führt den Heiligen im Bischofsornat auf einer von Puttigetragenen Wolke vor. Zu seiner segnend erhobenen Rechten hält ein Engel den Krummstab, zur Linken zwei Engel die

Bei einzelnen Motiven sind Untersicht und Verkürzung erkennbar, die jedoch der tafelbildmäßigen Anlage kaum entgegenwirken. Darin und in der klaren Zeichnung der Figuren, der Drehung ihrer Körper in die Frontale, der symmetrischen Komposition und der kühlen Farbgebung äußern sich klassizistische Tendenzen. Die Gesamtfarbigkeit bestimmen die weiten Partien graublauen Himmels und grauweißer Wolken. Auch in den Figuren und Gewändern ist Weiß in verschiedenen Brechungen verwendet, daneben Goldocker, Blau, Violett und Rosa.

C JESUS UND MARIA AN EINEM STERBEBETT In nahezu tafelbildmäßiger Anlage wird ein Krankenlager vorgeführt, auf dem sich ein Mann zwischen den Vorhängen des gerafften Betthimmels aufgerichtet hat und sich den himmlischen Personen mit erhobenen Händen zuwendet. Christus – mit dem Kreuz – und Maria erscheinen an dem Lager des Kranken und spenden dem Mann Trost und Segen. Aus dem Himmel bricht ein von Puttoköpfchen gesäumter Lichtkegel, in den das Kreuz, als steile Diagonale die Komposition beherrschend, hineinragt. Durch eine große Wolke, die weniger unter als neben ihnen schwebt, und durch Engel in ihrer Begleitung sind Christus und Maria als Himmelserscheinung gekennzeichnet. Es gibt jedoch keine Distanz zwischen irdischer und himmlischer Sphäre – wie im Langhausfresko –, der visionäre Charakter der Szene kommt nicht zur Geltung. Die Darstellung hat votivbildhaften Charakter. Auch die Inschrift: »Du Zuflucht der Sünder bitt für uns« ist eine votivhafte Anrufung. Die genrehafte Ausschmückung des von Anwander mit Vorliebe dargestellten Krankenlagers (mit Matratze, Polstern, Laken und Nachtgeschirr) untermalen diese Wirkung. Farblich erscheint das Bild bis auf die in Blau und Rost gekleidete Jungfrau fast monochrom; weiß, grauweiß, gelbbeige sind Wolken, Bett und Draperien.

 
C2 St. Notburga

C1 HL. WENDELIN Der Heilige, in ländlicher Kleidung als Halbfigur wiedergegeben, erscheint mit gefalteten Händen, über ihm schwebt eine Himmelskrone, die ihm anstelle der verachteten irdischen zuteil wurde. Der Legende nach war Wendelin ein iroschottischer Königssohn; er ist ein Patron der Landleute (AASS Oct., Tomus 9 21. 10., S. 342 ff.).

C2 HL. NOTBURGA Ebenfalls als Halbfigur und in ländlicher Tracht hält sie ein Brot in der Hand und deutet auf die über ihr schwebende Sichel. Notburga von Rattenberg ist die Patronin der Dienstmägde. Die Sichel bezieht sich auf eine legendäre Begebenheit: Notburga hörte beim Vesperläuten auf zu mähen, um zur Abendandacht zu gehen. Zum Weiterarbeiten aufgefordert, hängte sie die Sichel in die Luft, wo diese frei schwebend blieb. (AASS Sept., Tomus 4, 14. 9., S. 720 f.)

 
 

W ERZIEHUNG MARIENS Das Fresko an der südlichen Chorwand zeigt Anna in zeitgenössischem Miederkostüm auf einem Stuhl sitzend, an sie gelehnt die kindliche Maria, die im Lesen unterwiesen wird. Im Hintergrund Joachim.

Ergänzungen zur Ikonographie: Das Hauptbild (B) ist dem hl. Nikolaus gewidmet. Obgleich die Kirche noch im 19. Jh. dem hl. Johannes d. Täufer geweiht war, erfuhr der hl. Nikolaus schon im 18. Jh. in Hausen besondere Verehrung (vgl. Hopp). Die Alten, Kranken, Besessener und Notleidenden spielen nicht auf bestimmte Wunderaten des Heiligen an, sondern sie vertrauen sich mit ihren Anliegen in die Fürbitte ihres Patrons Nikolaus.

Das Altarraumfresko (C) schildert das trostreiche Sterben in Christus. Dem Sünder (vgl. Inschrift) erteilt Jesus durch die Vermittlung Mariens – die Absolution am Sterbebett. Diese Darstellung steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit der noch heute in Hausen bestehenden Corpus-Christi-Bruderschaft. Eines der Hauptgebetsanliegen der Corpus-Christi-Bruderschaft ist das um einen guten christlichen Tod.

 
 
A David psallens

Quellen und Literatur

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 387

Hopp, Jakob, Pfründe-Statistik der Diözese Augsburg, Augsburg 1893, Bd 2, S. 218.

KDB I OB (1), S. 463.

[Schober, Johann Jakob], Aus den Pfarrmatrikeln der Stadt Landsberg, in: Landsberger Geschichtsblätter 1907, Nr. 9, S. 51.

Schöttl, Julius, Der schwäbische Barockmaler Johann Anwander, in: Jahrbuch des Historischen Vereins von Dillingen 54, 1952, S. 177 ff.

Heimatbuch Fürstenfeldbruck, Fürstenfeldbruck 1952, S. 263.

Landkreis Fürstenfeldbruck, Heimatbuch, Pörsdorf 1963, S. 160.

Fried, Pankraz und Sebastian Hiereth, Die Landgerichte Landsberg und Schongau (= Historischer Atlas von Bayern, Bd 22–23), München 1971, S. 173.