Kruse, Jasmin:Hadamar, Residenzschloss, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/63f3171a-00f6-4fa0-8a2c-a5f20980d424

Inventarnummer: cbdd10251

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Das Residenzschloss der Nassauer Nebenlinie in Hadamar entstand durch umfangreiche Umbauten einer Wasserburg aus dem 17. Jahrhundert. Ein mit Stuck aus Eugenio Castellis Werkstatt und Deckenbildern des Hofmalers Valentin Küssner dekoriertes Doppelappartement hat sich darin teilweise erhalten.

Valentin Küssner (?): Das Licht in Gestalt Apolls vertreibt die Geschöpfe der Nacht, um 1723
Valentin Küssner (?): Das Licht in Gestalt Apolls vertreibt die Geschöpfe der Nacht, um 1723

Das Residenzschloss Hadamar

Der Text zum Residenzschloss Hadamar erscheint in Kürze.

Die Fürstenwohnung


Das kleine Vorzimmer (später Bibliothek)

Bei dem schmalen, holzgetäfelten Raum mit Spiegeldecke, der heute vom Vorzimmer erreichbar ist und ein Fenster nach Westen hat, handelte es sich ursprünglich um ein Vorzimmer, durch das man das Gemach des Grafen betreten konnte. Der Grundriss des gerade neugestalteten Schlosses von 1627 hält fest, dass man vom an der Ostseite an den Südflügel angelagerten Treppenturm aus sowohl direkt in das Gemach eintreten konnte (dieser Zugang befand sich direkt neben dem Ausgang auf der Südseite des Turmes), oder aber den Turm umrunden und über das schmale Vorzimmer, im Grundriss "Vohrplatz" genannt, eintreten konnte.

Dass der Kamin des gräflichen Gemachs und auch jener der im Westen angrenzenden "Schreibstube" von diesem Vorraum aus geheizt werden konnte, erlaubt den Gedanken, dass es sich ursprünglich um einen Nebenraum gehandelt hat, der von Bediensteten genutzt wurde, um möglichst ungesehen und ohne Schmutz in den Wohnräumen die Feuer anzuheizen. Die erhaltene Ausstattung des kleinen Raumes mit einer von zarten Blumengirlanden und plastischen Muschelornamenten gestalteten Stuckdecke mit ursprünglich zwei eingehängten Leinwandgemälden zeigt jedoch, dass der Raum spätestens bei der Neugestaltung der Fürstenwohnung im frühen 18. Jahrhundert repräsentative Bedeutung hatte und davon auszugehen war, dass er besucht wurde.

Von den beiden Deckengemälden hat sich nur eines erhalten, das zweite ist spätestens seit den 1980er Jahren verschollen. Was es zeigte, ist ungewiss, möglicherweise handelte es sich um eine mythologische Darstellung aus den Metamorphen des Ovid, die das erhaltene Deckenbild komplimentierte, das den Sturz des Ikarus zeigt.

Bemerkenswert ist außerdem der Natursteinboden in schwarz. weiß und rot - es ist der einzige erhaltene Natursteinboden des Gemachs, in den übrigen Räumen wurde zu einem späteren Zeitraum Parkett verlegt.

Das erhaltene Deckenbild: Der Sturz des Ikarus

Das Leinwandbild ist in einem kleeblattförmigen Rahmen aufgespannt. Es zeigt Ikarus, der bei dem Versuch, mithilfe selbstgebauter Flügel gemeinsam mit seinem greisen Vater Daedalus von Kreta zu fliehen, zu Tode kommt (Ovid, Metamorphosen, 8, 183-235). Die Darstellung erfasst den Moment, in dem die Sonne, der Ikarus trotz der Warnungen seines Vaters zu nahe kam, das Wachs schmilzt, das die Federn seiner Flügel zusammenhält, und er daraufhin ins Meer stürzt, wo er sein Ende finden wird. Er fällt kopfüber und schlägt eine Hand gegen den Kopf als Ausdruck des Schreckens, den die Aussicht auf sein heranschnellendes Ende in ihm weckt. Im Hintergrund fliegt Daedalus, im sicheren Schatten einer Wolke, unter ihm liegt eine Insel mit einem großen Turm, über allem glüht die goldene Sonne.

Eine konkrete Vorlage kann nicht benannt werden, das Gemälde versammelt aber gängige Versatzstücke, die in der frühen Neuzeit zur Darstellung der Ikarusgeschichte auftauchen, etwa den einsamen Turm auf einer kleinen Insel. Es ist etwa vergleichbar mit Crispyn de Passe's Stich nach Marten de Vos (1602)[1], Ikarus' Griff zum Kopf während des Sturzes wird nach Hendrick Goltzius' Fallendem Ikarus nach Cornelis Cornelisz. van Haarlem (1588)[2] mehrfach rezipiert und spielte vielleicht auch hier eine Rolle als Vorlage für die Pose.

Die Geschichte des Ikarus warnt vor Hybris und unbedachtem Übermut, und den schlimmem Konsequenzen, die es mit sich bringt, sich über die Grenzen des Menschenmöglichen zu erheben und die Götter herauszufordern. In der fürstlichen Wohnung von Schloss Hadamar mag es sowohl als Ausdruck von Belesenheit, als auch als Aufruf zur Besonnenheit und Mäßigkeit gedient haben - sowohl für den Gast, als auch für den Bewohner.

Die Kammer des Fürsten


Die Decke der Kammer


Die Allegorien der Mäßigung und Gerechtigkeit


Das Mittelbild: Das Licht in Gestalt des Apoll vertreibt die Nacht
 
Valentin Küssner (?): Das Licht in Gestalt Apolls vertreibt die Geschöpfe der Nacht, um 1723

Externes Bild
Valentin Küssner (?): Das Licht in Gestalt Apolls vertreibt die Geschöpfe der Nacht, um 1723
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Die Schreibstube


Das Deckenbild: Die Metamorphose der Pieriden

Das längsovale Leinwandbild thematisiert eine Szene aus den Metamorphosen nach Ovid: den Wettstreit der Pieriden mit den Musen (Ovid, Metamorphosen 5, 265-308, 663-678). Pallas Athene sitzt im Zentrum des Bildes auf einer Wolke, allerdings nur knapp über dem Boden der irdischen Welt. Sie ist mit einem Brustschild unter einem Gewand in Rottönen angetan und trägt einen Helm mit hoher, roter Federzier auf dem Kopf. Der Aegis-Schild ruht an ihrer Seite und sie führt eine lange Lanze mit sich. Hinter ihr fliegt ein weiteres Attribut der Göttin auf, eine braune Eule. Athene weist mit einer zeigenden Geste in den Himmel, wo ein Schwarm aus neun Elstern durch die Luft fliegt - es sind die Pieriden, die neun Töchter des Pieros von Emathia, die sich in einen Wettstreit mit den Musen begeben hatten und zur Strafe für ihre Hybris verwandelt wurden. Allerdings wendet sich Athene in die andere Richtung - an die in der rechten Bildhälfte sitzende Gruppe von sechs Musen. Eine von ihnen, die ein entrolltes Notenblatt in der Hand hält, macht ebenfalls eine Geste in Richtung der Elstern. Dieser Gruppe gegenüber sitzen die drei restlichen Musen im Schatten einiger Bäume unterhalb des Elsternschwarms; die Mittlere stützt sich auf eine große Lyra. Die Darstellung zeigt nicht die Wettstreitszene selbst, sondern spiegelt die Erzählform der Metamorphosen wieder: nachdem sich die Göttin bei einem Besuch der Quelle auf dem Helikon über die Gesprächigkeit der Elstern wundert, erzählt ihr eine der Musen die Geschichte des Gesangswettstreits und der Verwandlung. Instrumente, die im Vordergrund auf dem Boden verstreut liegen - eine Geige mit Bogen, eine goldene Flöte und eine Triangel sowie ein aufgeschlagenes Notenbuch -, weisen im Gemälde auf diesen Wettstreit hin, versetzen den Betrachter aber gleichzeitig in die Position der Athene, die den Ereignissen nicht beigewohnt hat, sondern sie aus der Erzählung erfährt.

Die Verwandlung der Pieriden gehört nicht zu den häufig in der bildenden Kunst wiedergegebenen Metamorphosen; die Wahl des Motivs im fürstlichen Schreibzimmer kann als Ausdruck von Belesenheit/Gelehrsamkeit aufgefasst werden, gleichzeitig warnt es vor der Hybris, die Menschen mit besonderen Talenten ins Unglück stürzen kann.

Das Kabinett des Grafen


Die Decke: Tondi mit teilweise erhaltenen Amorettenbildern
 


Das Kabinett der Gräfin


Die Gewölbeausmalung: Die vier Elemente
 


Östliche Gewölbekappe: Die Erde
 


Südliche Gewölbekappe: Das Feuer
 


Westliche Gebäudekappe: Die Luft
 


Nördliche Gewölbekappe: Das Wasser
 


Fenstersturz: Amoretten mit Rosen


Hund und Katze auf den Innentüren des Wandschranks

Beim Aufklappen des Schrankes wird ein amüsantes malerisches Detail aufgedeckt: Im unteren Teil der Türen befindet sich jeweils ein gerahmtes Bildfeld. Das rechte zeigt einen kleinen Hund, vermutlich einen Spaniel - ein weißes Schoßtier mit braunen Flecken, das mit aufgestellten Schwanz aufgebracht zum Sprung nach links ansetzt. Dort, im linken Bild, hockt eine gefleckte Katze, die wie aufgeschreckt in Richtung des Bildes mit dem Hund umblickt.

Der sogenannte Wintersaal im zweiten Obergeschoss

Luthmer vermerkt in seiner Beschreibung des Wintersaals 1902, der zusammen mit dem Sommersaal (ursprünglich als ein Raum) das zweite Obergeschoss ausfüllt, das Vorhandensein von "spärlichen Resten einer reichen Wandbemalung".[3] Ihre Motive führt er bedauerlicherweise nicht näher aus und es ist bisher nichts weiteres darüber bekannt. Es ist anzunehmen, dass die Räume des zweiten Obergeschosses, die um 1699 opulent an den Wänden und vor allem Decken stuckiert wurden, in dieser Zeit auch eine angepasste Wandfassung erhielten. Ihr Erhaltungszustand war jedoch offenbar so schlecht, dass sie bei einer Restaurierung des Raumes 1908 zerstört wurde.[4]

  1. http://kk.haum-bs.de/?id=passe-c-d-d-ae-wb3-0001-11
  2. https://id.rijksmuseum.nl/200489216
  3. Luthmer, Bau- und Kunstdenkmäler, Bd. III, 1902, S. 150.
  4. Stahl 1974, S. 82.