Griesstädt, Pfarrkirche St. Johannes der Täufer


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 12, Teil 1: Stadt und Landkreis Rosenheim. Hirmer, München 2006, ISBN 978-3-7774-3355-4, S. 172–174, geschrieben von Bauer-Wild, Anna und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

GRIESSTATT

Pfarrkirche (seit 1806), Gemeinde Griesstätt am Inn, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Erzdiözese Salzburg, Archidiakonat Baumburg. Griesstätt war Expositur der Pfarrei Eiselfing, die seit 1170 der Benediktinerabtei Attel inkorporiert war. Die Hofmark Griesstätt mit Warnbach war seit 1667 im Besitz des Dominikanerinnenpriorats Altenhohenau. Das Kirchenvermögen wurde von der Priorin von Altenhohenau als der Hofmarksherrin im Einverständnis mit dem Abt von Attel als dem Pfarrherrn verwaltet. Gericht Kling

Patrozinium: St. Johannes der Täufer

Zum Bauwerk: Spätgotischer Bau, als wahrscheinliches Weihedatum ist 1491 überliefert. 1720-26 Neueinrichtung mit Hochaltar, Seitenaltären und Kanzel; 1767 Tabernakel von Ignaz Günther. Nach einem Blitzschlag 1775 Barockisierung mit Ausrunden der Fenster, Abschlagen der Rippen und Gewölbedekoration. Doppelempore statt der einfachen Empore 1827. Regotisierung mit Erweiterung der Kirche nach Osten 1870 nach Plänen des Baumeisters Michael Geisberger: ein neuer Chorbogen wurde errichtet, die Fenster erhielten neogotisches Maßwerk und bunte Scheiben, am Gewölbe wurden wieder Rippen angebracht. Die Altäre der Ausstattung um 1720/26 wurden durch neogotische ersetzt, der Tabernakel Ignaz Günthers kam auf den Dachboden und wurde 1913 um 500 Mark an die Asamkirche in München verkauft.

Saal zu sechs Jochen, Doppelempore im W; Belichtung durch vier Fenster von S und fünf von N. AR von gleicher Breite in 5/8-Form. Das Fresko befindet sich im LHs vor dem Chorbogen.

Auftraggeber: Die Neuausstattung fand während der Regierungszeit des Atteler Abtes Dominikus I. Gerl (1757–89) statt unter dem Griesstätter Expositus P. Ignaz Scheyrer (1758–76), der Konventuale von Attel war und sich sehr für die Renovierung seiner Kirche einsetzte. Priorin von Altenhohenau und damit Hofmarksherrin von Griesstätt war damals Maria Columba Weigl (1774–77).

Autor und Entstehungszeit: Franz Xaver Lamp (* Rottweil † 1816 München) 1775

Franz Xaver Lamp ist als Autor durch ein heute verschollenes Manuskript von Karl Zerrar aus der Zeit unmittelbar vor der Regotisierung 1870 überliefert, das Mitterwieser noch ausgewertet hat. Zerrar stützte sich dabei wohl auf eine Signatur. Mitterwieser benutzte außerdem die Kirchenrechnungen der drei Kirchen Griesstätt, Berg und Holzhausen der Hofmark Altenhohenau (ehemals im Staatsarchiv Landshut, heute ver- schollen); doch war in der fraglichen Rubrik 1775 nur die pauschale Bausumme der Innenausstattung genannt (2299 fl.), nicht aber einzelne Posten oder Namen der Handwerker. Nur wenige Freskierungen sind für Lamp gesichert: die Ausmalung von Ramerberg (signiert und datiert 1777, s. S. 417–20); das Deckenbild im Mönchschor von Attel (signiert und datiert 1778, s.S.61) und die Ausmalung der Frauenkirche in Osterwarngau (signiert und datiert 1782; s. CBD, Bd 2, S. 537–40). 1771 war Lamp Schüler von Franz Ignaz Öfele und Roman Anton Boos in München, 1777 erwarb er in München die Malergerechtigkeit, die vorher Ignaz Schilling († 1773) innegehabt hatte (s. Liedke, Meisterbuch, in: Ars Bavarica 10, 1978, S.48, 56). Die Ausmalung von Griesstätt ist sein erstes bekanntes Werk.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Spätgotisches Gewölbe, von dem damals die Rippen abgeschlagen waren. Rahmen: Ursprünglich ein vergoldeter Stuckrahmen (Zerrar); jetzt gemalte Rahmung. Technik: Fresko; polychrom. Maße: Höhe 8,50 m; 3,40 × 4,30 m.

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Spätestens bei der Regotisierung und dem Einziehen neuer Gewölberippen wurden die barocken Deckenbilder überstrichen. Das neogotische Gewölbe und der Raum wurden durch den Wasserburger Maler Johann Baptist Lueginger neu gefaßt. Innenrestaurierung 1910/11 mit Ausmalung der Kirche durch Josef Elsner, München. Weitere Innenrestaurierung 1948 mit neuer Raumfassung und Freilegung des ehem. AR-Deckenbilds durch Hugo Williroider. Damals wurden vermutlich die Vier Evangelisten im Chor gemalt. Nächste Restaurierung 1969/70 mit Neutünchung des Raumes und Neufassung der neogotischen Altarausstattung. Das Deckenbild wurde gereinigt und der Raum durch den Maler Gustl Huber aus Rott am Inn in Weiß- Tönen neu gefaßt. Letzte Restaurierung 1995 durch Helmut Knorr, Grafing. Lose Rippen wurden befestigt, bei der Fassung der Raumschale orientierte man sich an der Fassung von 1970. Die Farben des Deckenbildes sind durch Übertünchen und Wiederaufdecken stark verblaßt; von Buntfarben kann bei dem allgemein verwaschenen Eindruck keine Rede mehr sein.

Beschreibung und Ikonographie

Mitterwieser 1913 benützte eine heute verschollene Beschreibung der Kirche von Griesstätt, die der damalige Koadjutor Karl Zerrar († 1899 als Pfarrer von Isen) 1870 vor der Regotisierung angefertigt hatte. Danach bestand die Ausmalung der Kirche aus zwei Hauptfresken. Im Langhaus war die Predigt Johannes des Täufers dargestellt (verloren), im Chor die Enthauptung (erhalten). Das Langhaus-Fresko war nach Karl Zerrar an den Gewölbezwickeln von sechs Bildfeldern in grünlich monochromer Malerei begleitet, die Embleme zeigten. »Der übrige Teil und die grünlichen Gewölbezwickel aber waren mit symbolischen Bildern und Sprüchen ausgefüllt, so bei der Bußpredigt Standhaftigkeit und Wankelmut durch Fels und Röhricht, Wahrheit und Falschheit durch einen unversehrten und einen zerbrochenen Spiegel, die Heiligung des Täufers im Mutterleibe sinnig durch eine Perle in der Muschel, der Ruf zur Buße drastisch durch eine Posaune und eine Kanone« (Mitterwieser, S. 18).

Das frühere Chorfresko liegt wegen der baulichen Veränderungen von 1870 heute zwischen dem ersten und dem zweiten Langhaus-Joch von Osten her; diese beiden Joche bildeten vor dem Anbau den alten Chor. Von begleitenden Nebenbildern wie im LHs ist nichts überliefert.

ENTHAUPTUNG JOHANNES DES TÄUFERS Ansicht nach O. Schauplatz der Szene ist ein Bühnenpodest, zu dem Stufen hinaufführen. Es zieht sich über die ganze Bildbreite und trägt eine triumphbogenartige Säulenarchitektur, hinter der sich der Bildraum zu einem Kuppelsaal mit Pilastern und hohen Fenstern weitet. Im Gegensatz zur dunkleren Vordergrundsarchitektur, die wie ein mächtiges Repoussoir wirkt, erscheint die Tiefe des halbrund geschlossenen Saales sehr hell. Die Tafel des Herodes mit den Gästen ist leicht schräg in den Raum gestellt. Links, am Kopfende ist der baldachinüberwölbte Thron mit Herodes zu sehen. Salome steht in tänzerischer Haltung, reich gekleidet und den Kopf mit Federn aufgeputzt, und hält dem Henker, der zu ihr tritt und ihr das Haupt des Täufers präsentiert, die Schüssel entgegen. Das Johannes-Haupt bildet genau den Mittelpunkt der Komposition. Zu dem auf die Hervorhebung des Johannes-Hauptes hingewiesenen Bildaufbau tritt als weiteres Bildmittel das einer gewollt naiven Drastik, das die Aufmerksamkeit des Betrachters zusätzlich auf das Geschehen bannt: So treten von rechts Pagen auf, die – als eine Paraphrase der Johannesschüssel – auf Schüsseln gehäufte Speisen tragen; so ist links ein Hund gezeigt, der nicht nur nach den Speisen auf den Schüsseln giert. Salome selbst, mit ihren schleifengeschmückten Schuhen noch Tanzschritte vollführend, blickt unter ihrem Federschmuck in grotesker Fröhlichkeit geradeaus, vom Haupt des Täufers weg, wie um ihre völlige innere Teilnahmslosigkeit zu demonstrieren, während der Henker, das blutige Schwert noch in der Rechten, über das Haupt hinweg auf Salome sieht.

 
Enthauptung Johannes des Täufers (Franz Xaver Lamp 1775)

Quellen und Literatur

AEM, Pfarrakten Griesstätt, Bauten II; Pfarrbeschreibung. Kunstreferat der Erzdiözese: Stefan Nadler, Maria Hildebrandt, Sabine John: Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Griesstätt. Dokumentation zur Bau-, Ausstattungs- und Restaurierungsgeschichte (2004), unter Auswertung aller Quellen.

BLfD, Akt Griesstätt, Pfarrkirche St. Johann Baptist.

Lechner, Joseph, Versuch einer beurkundeten Darstellung des Kirchenwesens in Baiern, Salzburgischen Diözese-Antheiles..., Bd 1, Salzburg 1810.

Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 91 f.

KDB I, OB (2), S. 1956

Mitterwieser, Alois, Die Kirche in Griesstätt (= Die Kirchen der Gegend um Rosenheim, hg. von Lorenz Huber, Heft 10) Rosenheim 1913.

-, Die Kirche in Griesstätt, in: Der Wendelstein, Nr. 142, Rosenheim 1913: II. Geschichte des Baues und der Einrichtung. Nr. 142: III. Grundbesitz und anderes Einkommen der Kirche

-, Geschichte der Benediktinerabteien Rott und Attel am Inn in: Südostbayrische Heimatstudien Bd. 1, Watzling 1929. Hartig, Michael, Die Oberbayrischen Stifte Bd. 1, München 1936, Attel S. 46–50.

Historischer Atlas I, Bd 15, Die Landgerichte Wasserburg und Kling (Tertulina Burkard), München 1965, S. 294–97. Dehio 1990, S. 374.

Braun, Reiner, Die bayerischen Teile des Erzbistums Salzburg und des Bistums Chiemsee in der Visitation des Jahres 1558 (= Studien zur Theologie und Geschichte 6), St. Ottilien 1991.

Knorr, Helmut, Ingeborg Mende und Alexander Heisig, St. Johann Baptist in Griesstätt, in: RENOVAVIT. Festschrift für Domkapitular Prälat Georg Schneider (= Jahrbuch des Vereins für Christliche Kunst in München E. V., Sonderband 2000), Lindenberg 2001, S. 157–64. A. B./K. S

GROSSHOLZHAUSEN