Greiz, Residenzschloss Oberes Schloss
Inventarnummer: cbdd10161
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Auf dem oberen Schloss in Greiz haben sich Reste von dekorativer Wandmalerei aus der Zeit um 1750 erhalten. Ein Aeneaszyklus von ca. 1745 nach Vorlagen von Johann Andreas Thelot befindet sich seit 1911 auf Schloss Burgk.

Das Obere Schloss in Greiz
Kurzbeschreibung und Lage
Das Obere Schloss in Greiz geht auf eine hochmittelalterliche Höhenburg der Vögte von Weida zurück. Es erhebt sich 50 Meter über der Stadt Greiz auf einem langen schmalen Bergrücken. Dieser fällt im Westen, Süden und Osten steil ab. Im Tal ist im Osten die Stadt Greiz gelegen und im Westen der ehemalige Lustgarten. Der Zugang zum Schloss erfolgt von Norden.
Die Schlossgebäude sind von Nord nach Süden um einen schmalen Schlosshof gelegt. Sie sind über die Jahrhunderte zu einem Konglomerat zusammengewachsen. Unterschiedliche First- und Geschosshöhen lassen die vormalige Eigenständigkeit der Häuser noch erkennen. Die ehemaligen Hauptgebäude mit den Repräsentationsräumen sind an der Südspitze gelegen. Im Norden erhebt sich der Schlossturm hinter dem Eingang. Der Schlosshof ist zweigeteilt in einen oberen gepflasterten Bereich und einen unteren gärtnerisch gestalteten Bereich bis zum Bergfried. Vor der Kernburg ist im Norden eine Vorburg mit verschiedenen Einzelbauten gelegen.
Nutzungs- und Baugeschichte
Das Schloss[1] war bereits im Spätmittelalter Hauptort. Die von den Vögten von Weida abstammenden Reußen teilten sich im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit in zahlreiche Nebenlinien, die teilweise eigene souveräne Herrschaften begründeten. Allen Linien gemeinsam war der Leitname Heinrich und der Umstand, dass nicht nur die Herrscher, sondern alle Söhne mit einer Ordnungsnummer versehen wurden. Ältester Residenzort der Reußen war Greiz und im Oberschloss hatte die älteste Teillinie ihre Sitz. Seit 1564 gab es zwei Herrschaften in Greiz, von denen die eine im Oberschloss und die andere im Tal residierte. Das Obere Schloss diente verschiedenen Linien bis um 1800 als Residenz. Nach dem Aussterben der Linie in Untergreiz 1768 wurde die Residenz in das bequemere Tal verlegt und ab 1810 beherbergte das Obere Schloss nur noch die obersten Staatsbehörden sowie Beamtenwohnungen.
Die gegenwärtige Architektur des Oberschlosses geht weitgehend auf einen Wiederaufbau von 1540-46 nach einem Brand zurück. Der Baubestand wurde laufend ergänzt und modernisiert. Die Erhebung der Reußen in den Reichsgrafenstand 1673 zog unmittelbar keine besonderen Bau- oder Ausstattungsmaßnahmen nach sich. Diese erfolgten erst ab ca. 1700 mit Niederlegung der Fortifikationen und Errichtung von Repräsentationsbauten wie etwa einem Komödiensaal. Viele der Maßnahmen erfolgten in dieser Zeit unter Vormundschaftsregierungen. Heinrich XI., der von 1743 bis 1800 regierte, veranlasste dann zahlreiche Umbauten, die in Zusammenhang mit der Erlangung der Reichsfürstenwürde 1778 zu sehen sind sowie dem Aussterben der Linie von Untergreiz, womit die Greizer Lande wieder vereint wurden. Zahlreiche Räume sind im Hinblick auf die Standeserhöhung ab 1742 sowie ab 1764 ausgestattet worden. Im Mittelpunkt standen die Wohnräume des Grafenpaares sowie drei so genannten Paradezimmer. Nach dem Anfall von Untergreiz 1768 wurde kaum noch neue Arbeiten begonnen, sondern lediglich das Begonnenen zum Abschluss gebracht.
Auftraggeber
Auftraggeber der wichtigen Umgestaltungen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren Gräfin Henriette Amalie als Vormund für ihren Sohn Heinrich II. bis 1722. Ihr Enkel Heinrich XI. stand bis 1743 unter Vormundschaft von Heinrich XXIV. Reuß zu Köstritz. Heinrich XI. regierte von 1743 bis zu seinem Tod 1800. Er heiratete die Tochter seines Vormundes. Beide vertraten die pietistische Linie des Luthertums.
Beschreibung
Der Schlosshof ist von zwei- bis dreigeschossigen Bauten umstanden. Die ehemaligen Repräsentationsräume sind an der Südseite gegen die Stadt Greiz hin gelegen. Nicht nur ein Großteil der erhaltenen wandfesten Ausstattung, auch die Erhöhung des Flügels stammt aus der Zeit um 1750. Saal und Repräsentationsräume befanden sich im ersten Obergeschoss und wurden über ein Vestibül erschlossen. Im Westflügel haben sich Reste der wandfesten Ausstattung erhalten. Ein hofseitiger Gang erschloss die zum Tal hin gelegenen Wohnräume. Der ehemals im zweiten Obergeschoss des so genannten Amtshauses befindliche Aeneaszyklus wird seit 1911 in Schloss Burgk präsentiert.
Die ehemaligen Räume im Südflügel
Beschreibung
Die ehemaligen Räume im Südflügel[2] wurden durch einen Korridor an der Hofseite erschlossen. Zum Tal auf die Stadt Greiz hin orientiert lagen die Wohnräume. In ihnen haben sich Reste gegenständlicher Wandmalerei erhalten, die heute teilweise abgenommen sind. Das erste Obergeschoss war das Hauptgeschoss und hier befanden sich bereits 1618 die repräsentativen Räume, deren Grundstruktur wohl bei den Umbauten des 18. Jahrhundert erhalten blieb. Die Binnenstruktur der Räume ist jedoch nur teilweise nachweisbar.
Die Malereireste aus dem Südflügel
Beschreibung und Ikonographie
Der hofseitige Korridor war mit floraler Malerei verziert, die wohl noch aus der Zeit vor 1700 stammt.[3]
In einigen Räumen an der Talseite haben sich Reste einer gemalten architektonischen Wandgliederung erhalten, die wohl aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammt. Die Sockelzone zeigt illusionistische Kassettierungen sowie Profile monochrom in grau und rosarot. Teileweise nehmen sie Rocaillekartuschen oder Festons auf. In den Fensterlaibungen haben sich weitere gemalte Gliederungselemente erhalten, die den Anschluss zur Decke herstellen. Zu sehen sind Medaillons mit antikisierenden Profilköpfen oder auch Bandelwerk.[3]
Von einer gemalten Sockelzone aus dem so genannten Raum 38 haben sich Malereien mit Papageien erhalten, die in ihren Schnäbeln Festons halten. Sie stammen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und werden nach Abnahme heute in eigenen Rahmen präsentiert.[3]
Der ehemalige Saal im so genannten Amtshaus
Bau- und Ausstattungsgeschichte
Im bis 1731 erbauten so genannten Amtshaus[4] wird 1894 von Lehfeldt ein Raum genannt, der einen Aeneaszyklus an der Wand präsentierte. „Ein Zimmer im zweiten Obergeschoss an der südlichen Ecke (neben dem Commissonszimmer, zur ehemaligen Wohnung des katholischen Geistlichen gehörend) enthält an den Wänden ausgespannte Leinwand mit Oelmalerei aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Abgesehen von den kleineren Bildern (Landschaft, Stillleben, Kopf, Schäferscene in der Art Watteau’s etc.), verrathen die von den kleineren Bildern eingefassten, grösseren Bilder aus der Geschichte des Aeneas (Vision, Brand Trojas, Bau Karthago’s, Dido’s Tod, Aeneas und Dido, Vorbereitung zum Begräbnis des Misenus) bei aller Derbheit noch die letzten Nachklänge der römischen und eklektischen Schule.“ 1911 wurde diese Ausstattung nach Schloss Burgk transloziert.
Die translozierte Ausstattung auf Schloss Burgk
Der Raum auf Schloss Burgk öffnet sich heute mit zwei Fenstern zum Tal nach Osten. Die übrigen drei Wände nehmen jeweils eine Tür auf. Die Haupteingangstür im Westen befindet sich in der Mitte der Wand. Die Tür in der Nordwand ist aus der Mittelachse an das Fenster herangerückt, die Tür an der Südwand gegenüber ist aus der Mittelachse nach Westen verschoben. Die Darstellungen aus der Aeneis rahmen die Türen an der West und Nordwand. Im Osten ist eine Darstellung zwischen den Fenstern angebracht, im Süden bleibt nur links der Tür Raum für ein Gemälde. Ob die Situation in Greiz ähnlich war, ist heute nicht mehr festzustellen. Denkbar ist, dass der sehr schmale Bildstreifen an der Nordwand rechts ehemals breiter war. Eventuell gehört der schmale Landschaftsstreifen an der Südwand rechts der Tür ursprünglich zum schmalen Gemälde der Nordwand.
Die übrige Malerei im Raum zeigt die von Lehfeldt genannten Landschaften, Stillleben, Köpfe und Schäferszenen. So sind in den Raumecken im Wechsel übereinander jeweils zwei Profilköpfe von Männern und Frauen sowie zwei kleine Landschaftsveduten angebracht. Unter ihnen befindet sich – noch über der Sockelzone – eine größeren Kartusche. Sie präsentiert eine weitere Landschaft. Auf ihrem oberen Rahmen ruht eine Obstschale als Fruchtstillleben. Identische Kartuschen befinden sich auch unter den fünf großen Aeneasdarstellungen an den Wänden. Die Landschaften zeigen teilweise Architekturen oder auch Personen, die an Watteau erinnern. Sie sind aber wie die Köpfe unspezifisch.
Hinzufügungen
Der Sockelbereich sowie die Deckenabschlüsse wurden 1910/11 ebenso neu geschaffen wie die Malerei in den Fensternischen. Sie gehören nicht zur Greizer Ausstattung.
Ebenso ist es bei den drei Supraporten. Sie zeigen junge Männer in antikem Gewand vor Landschaften. Schriftfelder zwischen Supraporte und Bild bezeichnen die Dargestellten. Es handelt sich demnach um frühverstorbene Mitglieder aus der Linie Reuß zu Burgk. Der Junge an der Südwand ist als Apoll mit rotem Umhang, Bogen und Köcher dargestellt. Der Text lautet „Heinrich der Fünffzehnte, Graf Reuß zu Burgk, geb. 1675, + 1683.“ Der Knabe an der Nordwand hält einen Feldherrnstab und steht vor einer Schlachtenszene. Es soll sich um „Heinrich der Zwölffte. Graf Reuß zu Burgk, geb. 1669, + 1678.“ handeln. Der Jüngling an der Westwand trägt wieder Bogen und Köcher. Er hält zusätzlich ein Wappenmedaillon mit einem Allianzwappen unter einer Grafenkrone in seiner linken Hand und wird als „Heinrich der Einundzwanzigste, Graf Reuß zu Burgk, geb. 1658, + 1668“ bezeichnet. Leider lassen sich keine Mitglieder des Hauses Reuß zu Burgk mit diesen Lebensdaten und dieser Zählung nachweisen.
Lehfeldt erwähnt die drei Gemälde nicht. Sie stammen aus Burgk und nicht aus Obergreiz und sind daher auch nicht Bestandteil der ehemaligen Ausstattung im Greizer Schloss. Sehr wahrscheinlich wurden die Gemälde von Heinrich XII. und Heinrich XXI. sogar erst 1910 durch den Greizer Hofmaler Louis Neidhardt in Ergänzung zum Gemälde Heinrichs XV. geschaffen, das tatsächlich aus dem 17. Jahrhundert stammt. Es ist im Bild selbst beschriftet und zeigt Heinrich XV. demnach im Alter von 8 Jahren. Die drei Kinderporträts wurden wohl zum Füllen der leeren Felder über den Türen in diesen Raum angebracht.
Der Aeneaszyklus aus dem Oberschloss in Greiz
Beschreibung und Ikonographie
Der Aeneaszyklus aus dem Oberschloss in Greiz umfasst sechs Szenen, die alle aus den ersten Büchern der Aeneis stammen. Lehfeldt nennt 1891 die entsprechenden Darstellungen, mit denen jene in Burgk identifiziert werden können. Die Erzählung beginnt mit der Flucht des Aeneas aus Troja („Brand Trojas“), es folgt sein Aufenthalt in Thrakien, wo er dem Polydorus ein Grabdenkmal setzt („Vorbereitung zum Begräbnis des Misenus“ – hier irrt Lehfeldt). Daran schließt sich der Aufenthalt des Aeneas auf Kreta an, wo ihm die Hausgötter im Traum offenbaren, dass Kreta nicht sein Ziel sei, sondern Italien („Vision“). Nach diesen drei Stationen der Aeneas auf der Suche nach einer neuen Heimat folgen drei zu seinem Aufenthalt in Afrika. Üblicherweise wird hier das erste Zusammentreffen von Aeneas und Dido gezeigt. In Greiz hat man sich für den Beginn ihrer Beziehung in einer Höhlet („Aeneas und Dido“) entschieden. Auf dem nächsten Bild mahnt Merkur den Aeneas, nicht seinen Auftrag zu vergessen und nach Italien aufzubrechen („Bau Karthago’s“). Die letzte Malerei zeigt den Tod der Dido („Dido’s Tod), die es nicht erträgt, von Aeneas verlassen worden zu sein.
Die Erzählung der Aeneis nach Vergil
Die mythologische Figur des Aeneas war der Sohn des Trojaners Anchises und der Göttin Venus. Sie wurde vom römischen Dichter Publius Vergilius Maro ca. 29 v. Chr. - 19 v. Chr. als Gründungsmythos von Rom geschaffen.[5] Als Troja am Ende des trojanischen Krieges von den Griechen erobert und zerstört wurde, floh er auf göttliches Gebot hin aus der Stadt. Auf der Suche nach einer neuen Heimat hatte er zahlreiche Abenteuer und Prüfungen zu überstehen, eher in Italien sein Ziel erreichte und Stammvater eines Weltreiches wurde, das den Weltfrieden garantierte: Das Römische Reich. Aeneas rettet seinen lahmen Vater und die Hausgötter aus dem brennenden Troja. Er fährt nach Thrakien, wo er eine Stadt nach seinem Namen gründen will. Nach der Entdeckung des Grabes des Polydorus lässt er von diesem Vorhaben jedoch ab und bestattet diesen ordnungsgemäß. Er verlässt Thrakien wieder und gelangt nach Delos, wo ihm das Orakel des Apoll offenbart, die „alte Mutter“ der Trojaner zu suchen. Fälschlicherweise deuten sie die „alte Mutter“ als Kreta, die Kultheimat der der Trojaner. Die dort gegründete Stadt wird aber bald von einer Seuche heimgesucht und eine Dürre sucht die Trojaner heim. Die Hausgötter erscheinen Aeneas im Auftrag des Apoll und teilen ihm den Unwillen des Jupiter mit. Sie erklärten, dass sie nicht an diesem Ort bleiben wollen, sondern die Fahrt nach Italien fortzusetzen sei. Nach zahlreichen Abenteuern landen die Trojaner in Afrika bei Königin Dido, die gerade Karthago gegründet hat. Dido nimmt die Flüchtlinge herzlich auf. Als auf einer Jagd ein Unwetter ausbricht, flüchten Aeneas und Dido in eine Höhle, wo sie sich näher kommen. Aeneas unterstützt Dido nun bei ihren Bemühungen, Stadt und Herrschaft aufzubauen. Als Jupiter davon erfährt, sendet er Merkur aus, der Aeneas an seinen Schicksalsauftrag erinnert und zur sofortigen Abreise aus Karthago ermahnt. Er gehorcht und lässt sich von Dido nicht abhalten. Nach der Abreise des Aeneas tötet sich die verzweifelte Dido selbst auf dem Scheiterhaufen mit einem Schwert bzw. Dolch. Aeneas aber gelangt nach Italien und erfüllt dort seinen göttlichen Auftrag.
Aeneas flieht aus Troja
Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Malerei stammt aus dem Oberschloss in Greiz und befindet sich heute auf Schloss Burgk. Vor dem Wiedereinbau am gegenwärtigen Anbringungsort wurde sie durch den Greizer Hofmaler Louis Neidhardt restauriert und auf neue Rahmen gespannt.[6]
Beschreibung und Ikonographie
An der Westwand links der Tür ist in Schloss Burgk das erste Bild des Zyklus zu sehen. Es kombiniert zwei Szenen.[7] Im Vordergrund erblickt man Askanius, den Sohn des Aeneas. Sein Haupt steht in Flammen, ohne dass es ihm Schaden zufügen würde. Besorgt neigt sich seine Mutter Krëusa zu ihm während von rechts zwei Dienerinnen mit Wasser kommen, um das Feuer zu löschen. Das gelingt ihnen jedoch nicht. Dieses Wunder deutete der Vater des Aeneas als Zeichen der Götter, zu fliehen. Die Konsequenz dieser Erkenntnis sieht man links: Aeneas hat seinen lahmen Vater geschultert, um ihn aus der brennenden Stadt zu tragen. Man sieht sie im Bildhintergrund.
Vorlagen und Vergleiche
Die Darstellung folgt eng der querformatigen Fig. 14 aus Johann Andreas Thelots „Augsburger Vergil“.[8] Sie wurde in ein Hochformat übertragen. Die Gegenstände links im Vordergrund sind Wertsachen, die Diener zusammentragen, die sich jedoch auf der Vorlage noch weiter links befinden und daher nicht in der Malerei übernommen wurden. Auch ein Krieger hinter Krëusa wurde nicht übernommen. Dafür hat der Künstler das brennende Troja mit Flammen und Rauchschwaden unter einem hohen Himmel hinzugefügt.
Aeneas errichtet dem Polydorus ein Grabdenkmal
Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Malerei stammt aus dem Oberschloss in Greiz und befindet sich heute auf Schloss Burgk. Vor dem Wiedereinbau am gegenwärtigen Anbringungsort wurde sie durch den Greizer Hofmaler Louis Neidhardt restauriert und auf neue Rahmen gespannt.[6]
Beschreibung und Ikonographie
Die Darstellung mit Aeneas, der Polydorus ein Grabenkmal errichtet,[9] befindet sich heute an der Nordwand rechts neben der Tür und ist sehr schmal. Es steht zu vermuten, dass sie ehemals breiter war. Auf dem Gemälde sieht man Aeneas vor einer aufgesockelten Graburne in einem Wald, wie er im Begriff ist, eine Wurzel auszureißen. Im Hintergrund erkennt man tanzende Menschen, die offenbar ein Tier an einem Altar opfern wollen.
Aeneas flieht aus Troja nach Thrakien, wo die Trojaner eine neue Stadt gründen wollen. In Vorbereitung auf ein Opfer für seine Mutter Venus holt er Holz und entdeckt an einer ausgerissenen Wurzel Blut. Es offenbart sich, dass es vom Sohn des ehemaligen Königs von Troja stammt. Dieser hatte seinen Sohn Polydorus zusammen mit dem trojanischen Goldschatz aus Sicherheitsgründen nach Thrakien zum befreundeten König Polymestor evakuiert. Nach dem Fall Trojas vergaß der Thrakerkönig jedoch seine Freundschaft und die Regeln des Gastrechts. Er tötete Polydorus und bemächtigte sich des Schatzes. Daraufhin führen die Trojaner eine Leichenfeier für den Ermordeten durch und errichteten ihm einen Grabhügel. Anschließend verlassen sie Thrakien.
Wieder sind mehrere Szenen in einer Darstellung kombiniert. Aeneas reißt die Wurzel aus und vor ihm steht bereits das vollendete Grabdenkmal. Dieses ist jedoch im Gegensatz zur Erzählung kein Hügel, sondern eine Urne. Im Hintergrund erkennt man die Leichenfeier.
Vorlagen und Vergleiche
Das Gemälde folgt eng der querformatigen Fig. 16 aus Johann Andreas Thelots „Augsburger Vergil“.[10] Aeneas und die Urne wurden enger zusammengerückt. In der Feierszene im Hintergrund wurde das Opfertier, das sich auf der Vorlage noch weiter links befindet, nach rechts verschoben, damit es auf dem Gemälde noch zu sehen ist. Die Bäume sind nach oben verlängert.
Die Hausgötter erscheinen Aeneas im Schlaf
Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Malerei stammt aus dem Oberschloss in Greiz und befindet sich heute auf Schloss Burgk. Vor dem Wiedereinbau am gegenwärtigen Anbringungsort wurde sie durch den Greizer Hofmaler Louis Neidhardt restauriert und auf neue Rahmen gespannt.[6]
Beschreibung und Ikonographie
An der Südseite des Raums in Burgk erblickt man links der Tür, wie ihm die Hausgötter im Schlaf erscheinen.[11] Aeneas liegt auf einem Bett unter einem Baldachin und windet sich im Schlaf. Vor dem Bett liegt seine Rüstung am Boden. Von links drängen drei Götter auf Wolken herab. Der älteste spricht zu Aeneas. Im Hintergrund, eine Wolkenebene höher, sitzt Apoll.
Nachdem die Trojaner auf Kreta gelandet sind, werden sie vom Unglück heimgesucht. Im Auftrag Apolls erscheinen daraufhin die Hausgötter dem Aeneas im Schlaf und klären ihn darüber auf, dass Kreta nicht sein eigentliches Ziel ist.
Vorlagen und Vergleiche
Das Gemälde folgt der Fig. 18 aus Thelots „Augsburger Vergil“.[12] Der Künstler hat die querformatige Vorlage ins Hochformat transformiert. Dazu wurden die Hausgötter näher an den Schlafenden herangeschoben und zugleich statt nebeneinander, übereinander gestaffelt. Der Baldachin wurde erhöht und der Strahlenkranz um Apolls Haupt ausgeweitet.
Aeneas und Dido in der Höhle
Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Malerei stammt aus dem Oberschloss in Greiz und befindet sich heute auf Schloss Burgk. Vor dem Wiedereinbau am gegenwärtigen Anbringungsort wurde sie durch den Greizer Hofmaler Louis Neidhardt restauriert und auf neue Rahmen gespannt.[6]
Beschreibung und Ikonographie
An der Ostwand in Schloss Burgk ist jene Szene aus der Aeneis angebracht, die zeigt, wie Aeneas und Dido ein Paar werden.[13] Als auf einer Jagd ein Unwetter ausbricht, zerstreut sich die Jagdgesellschaft und jeder sucht einen Unterschlupf. Dido und Aeneas flüchten in eine Höhle, wo sie zusammenkommen. Aeneas ist vor Dido auf ein Knie gefallen, hat mit einer Hand die ihre ergriffen und seine andere auf ihr Knie gelegt. Auf Wolken betrachten Juno mit Pfau als Schützerin der Ehe und Hymenaeus mit Fackel als Gott der Eheschließung die beiden.
Vorlagen und Vergleiche
Das Gemälde folgt der Fig. 22 aus Thelots „Augsburger Vergil“.[14] Auch hier musste ein Querformat ins Hochformat gebracht werden. Dazu wurde der Raum der Höhle nach oben erweitert und die beiden Gottheiten auf ihren Wolken weit auseinandergerückt, sodass jeder Beziehung zwischen den Personen verloren gegangen ist. Der Ausblick aus der Höhle fällt auf eine Landschaft mit Jägern. Die Vorlage zeigt hier die im Regen flüchtende Jagdgesellschaft.
Mercur mahnt Aeneas zum Aufbruch aus Karthago
Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Malerei stammt aus dem Oberschloss in Greiz und befindet sich heute auf Schloss Burgk. Vor dem Wiedereinbau am gegenwärtigen Anbringungsort wurde sie durch den Greizer Hofmaler Louis Neidhardt restauriert und auf neue Rahmen gespannt.[6]
Beschreibung und Ikonographie
Der Blick fällt auf eine Baustelle. Recht sind Steinmetzen dabei, Werkstücke nach Zeichnungen anzufertigen. In der Mitte steht Aeneas. Ihm werden von mehreren Architekten Pläne präsentiert. Im Hintergrund erkennt man die wachsende Stadt Karthago mit Bauleuten und Hebekränen. Doch Aeneas wendet sich ab, denn von hinten ist Merkur gekommen und erinnert ihn an seinen Auftrag, in Italien ein neues Reich zu gründen.
Vorlagen und Vergleiche
Das Gemälde folgt eng der Fig. 23 aus Thelots „Augsburger Vergil“.[15] Alle Elemente sind übernommen. Die Bauten wurden jedoch ein wenig in die Höhe gezogen und Personengruppen enger zusammengerückt. Die Steinmetze befinden sich auf der Vorlage im Vordergrund. Auf dem Gemälde sind sie bedeutend kleiner dargestellt; wohl um eine Position im Bildmittelgrund anzudeuten. Vor allem der hohe Himmel ist eine Hinzufügung.
Der Tod der Dido
Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Malerei stammt aus dem Oberschloss in Greiz und befindet sich heute auf Schloss Burgk. Vor dem Wiedereinbau am gegenwärtigen Anbringungsort wurde sie durch den Greizer Hofmaler Louis Neidhardt restauriert und auf neue Rahmen gespannt.[6]
Beschreibung und Ikonographie
An der Nordwand ist in Burgk der Tod der Dido zu sehen.[16] In der Mitte der Komposition steht ein aufgetürmter Scheiterhaufen. Auf ihm liegt die tote bzw. sterbende Dido, von ihrer Schwester gehalten. Vor ihr liegen aufgetürmte Waffen. Didos Gefolge eilt bestürzt und trauernd herbei. Vom Himmel kommt Iris mit dem Regenbogen. Sie hält ein Messer, um Dido eine Locke abzuschneiden.
Nachdem Aeneas sich für seinen göttlichen Auftrag und gegen Dido entschieden hatte, war diese in Schwermut und Liebeskummer versunken. Ihrer Schwester spielte sie jedoch vor, sie habe Aeneas überwunden und wolle alle Erinnerungsstücke an ihn verbrennen. Es handelt sich um die Waffen auf dem Scheiterhaufen. Dido tötet sich jedoch selbst auf dem Scheiterhaufen mit einem Dolch, der auf der Darstellung bereits ihren Händen entglitten ist. Juno erbarmt sich der Leidenden und schickt Iris, die ihr eine Locke als Totenopfer abschneidet und damit ihre Seele befreit.
Vorlagen und Vergleiche
Das Gemälde folgt eng der Fig. 24 aus Thelots „Augsburger Vergil“.[17] Um das Hochformat zu füllen, hat der Künstler einen Regenbogen über Iris hinzugefügt.
Bewertung des Aeneaszyklus
Eine besondere Schwerpunktsetzung
Auffallend ist die Schwerpunktsetzung des Zyklus in Greiz. Obwohl Aeneas viele Abenteuer auf seiner Reise erlebt, er sich und die Seinen vor Angriffen schützen muss und immer wieder in tödliche Gefahren gerät, werden all diese Szenen nicht gezeigt. Sie waren in der Zeit durchaus beliebte Bildthemen. Auch Aktionen der Götter, die die Reise des Aeneas beeinflussen, fehlen. Zu denken wäre hier vor allem an zwei Ereignisse. Das erste ist Juno, die Aeolus darum bittet, eingesperrte Winde freizulassen, damit sie das Meer aufwühlen und die Schiffes des Aeneas kentern lassen. Das zweite ist Neptun, der die Wogen des Meeres wieder beruhigt.
Die Pietas des Aeneas
Im Greizer Zyklus werden nicht die Abenteuer des Aeneas oder das Handeln der Götter dargestellt; Thema ist vielmehr die Pietas des Helden, also seine Pflichterfüllung.[18] Aeneas rettet seinen lahmen Vater aus dem brennenden Troja. Und er nimmt auch seine Hausgötter mit sich. Hier zeigt sich ein hohes Maß an Pietas. In Thrakien will er seiner Mutter Venus opfern und nach der Entdeckung des Mordes an Poyldorus ehrt er den Toten und errichtet ihn ein Grabdenkmal. Es handelt sich um gänzlich uneigennützige Handlungen, die die pflichtbewusste Gesinnung des Aeneas offenbaren. Er achtet die Götter und unterwirft sich widerspruchslos ihren Anweisungen. Das erkennt man bereits bei der Mitnahme der Hausgötter aus Troja, es wird deutlicher bei der Erscheinung eben dieser Hausgötter während seines Schlafes auf Kreta und ist offensichtlich in Karthago, wo er persönliches Glück und eigenen Erfolg aufgibt, um seinen Auftrag zu erfüllen.
Dass sein Handeln belohnt wurde, war allen Zeitgenossen bekannt. Aeneas war Stammvater des Römischen Reiches, dieses hatte den Weltfrieden gebracht sowie die christliche Religion verbreitet und geschützt. Greiz gehörte – das darf man nicht vergessen – zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und stand damit in direktem Bezug zur Aeneis.
Dido selbst ist das abschreckende Gegenbeispiel für Handlungen, die den persönlichen Bedürfnissen und Vorlieben folgen. Ganz ihren Gefühlen unterworfen, vergisst sie ihren Auftrag und entzieht sich allen Verpflichtungen durch ihren Selbstmord.
Der Zyklus aus Greiz folgt eng den graphischen Vorlagen Johann Andreas Thelots. Doch muss sich deren Schwerpunktsetzung mit denen des Auftraggebers gedeckt haben, sonst wäre ein anderes Programm gewählt worden. Bedenkt man, dass der Auftraggeber des Zyklus - Heinrich XXIV. Reuß zu Köstritz – ein wichtiger Vertreter des Pietismus war, verwundert diese Schwerpunktsetzung nicht. Im Pietismus ist die namengebende Pietas zentral. Das fromme Subjekt steht im Fokus, seine fromme Pflichterfüllung, die wichtiger ist als lediglich das Wissen um diese Pflicht. Es geht um die fromme Tat. Und derartige Taten zeigt auch der Aeneaszyklus aus Greiz.
Bibliographie
- Literatur:
- Bärnighausen, Greiz, 1998. – Bärnighausen, Hendrik: Oberes und Unteres Schloß in Greiz. In: Bärnighausen, Hendrik/Jacobsen, Roswitha (Hrsg.): Residenz-Schlösser in Thüringen. Bucha bei Jena 1998, S. 239-244.
- Binder, Aeneis, 2008. – Binder, Edith und Gerhard (Hrsg./Übers.): P. Vergilius Maro. Aeneis. Lateinisch/Deutsch. Stuttgart 2008.
- Czech, Legitimation, 2003. – Czech, Vinzenz: Legitimation und Repräsentation. Zum Selbstverständnis thüringisch-sächsischer Reichsgrafen in der Frühen Neuzeit (Schriften zur Residenzkultur, 2). Berlin 2003.
- Götte, Aeneis, 2002. – Götte, Johannes (Hrsg./Übers.): Aeneis. Lateinisch-deutsch. 10. Aufl. Düsseldorf/Zürich 2002.
- Grau, Augsburger Vergil, 2013. – Grau, Peter: Vorstellung der 24 Radierungen Thelots im „Augsburger Vergil“. In: Wilke, Ulrich/Suerbaum, Werner/Grau, Peter (Hrsg.): Der „Augsburger Vergil“ von J. A. Tehlot (1655-1734). Aus der Sammlung Dr. Ulrich Wilke. München 2013, S. 14—62.
- Grau, Burgk, 2013. – Grau, Peter: Der Gemäldezyklus zur Aeneis in Schloss Burgk (Thüringen). Zur Rezeption von Thelots „Augsburger Vergil“. In: Wilke, Ulrich/Suerbaum, Werner/Grau, Peter (Hrsg.): Der „Augsburger Vergil“ von J. A. Tehlot (1655-1734). Aus der Sammlung Dr. Ulrich Wilke. München 2013, S. 76-79.
- Lehfeldt, KDM Reuss, 1891. – Lehfeldt, Paul (Bearb.): Fürstenthum Reuss Älterer Linie (Bau- und Kunst-Denkmäler Thüringens, 6). Jena 1891.
- Löffler, Residenzen, 2000. – Löffler, Anja: Reußische Residenzen in Thüringen. Diss. Weimar 2000.
- Ungelenk, Burgk, 1959. – Ungelenk, Manfred: Die Baugeschichte des Schlosses Burgk – Saale. Burgk 1959.
- Quellen:
- Voss, Äneide, 1799. – Voss, Johann Heinrich: Äneide. [Übersetzung der Aneis in deutsche Metren]. In: Publius Vergilius Maro. Werke. Band 2-3. Braunschweig 1799.
- Archivalien:
- Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [76.053-0015]. Greiz. Oberes Schloss. Haus 7. Dokus & Untersuchungen Band. II.
- Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [76.053-0015]. Greiz. Oberes Schloss. Haus 7. Dokus & Untersuchungen Band. IV.
Einzelnachweise
- ↑ Czech, Legitimation, 2003, S. 293-297; Löffler, Residenzen, 2000, S. 43-55; Bärnighausen, Greiz, 1998; Lehfeldt, KDM Reuss, 1891, Heft IX, S. 11-15.
- ↑ Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [76.053-0015]. Greiz. Oberes Schloss. Haus 7. Dokus & Untersuchungen Band. II; Band IV.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [76.053-0015]. Greiz. Oberes Schloss. Haus 7. Dokus & Untersuchungen Band. II.
- ↑ Lehfeldt, KDM Reuss, 1891, S. 14; Ungelenk, Burgk, 1959, S. 61-62; Löffler, Residenzen, 2000, S. 47, 59-60.
- ↑ Der Handlungsverlauf wird von Vergil nicht chronologisch wiedergegeben, sondern setzt mit der Landung des Aeneas in Karthago ein. Es schließt eine Rückschau an, dann entwickelt sich die Handlung weiter. Voss, Äneide, 1799; Binder, Aeneis, 2008; Götte, Aeneis, 2002.
- ↑ 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 6,5 Grau, Burgk, 2013, S. 77-78; Ungelenk, Burgk, 1959, S. 61-62.
- ↑ Grau, Augsburger Vergil, 2013, S. 40; Grau, Burgk, 2013, S. 76-77.
- ↑ Grau, Augsburger Vergil, 2013, S. 40-41.
- ↑ Grau, Augsburger Vergil, 2013, S. 44; Grau, Burgk, 2013, S. 76-77.
- ↑ Grau, Augsburger Vergil, 2013, S. 44-45.
- ↑ Grau, Augsburger Vergil, 2013, S. 48; Grau, Burgk, 2013, S. 76-77.
- ↑ Grau, Augsburger Vergil, 2013, S. 48-49.
- ↑ Grau, Augsburger Vergil, 2013, S. 56; Grau, Burgk, 2013, S. 76-77.
- ↑ Grau, Augsburger Vergil, 2013, S. 56-57.
- ↑ Grau, Augsburger Vergil, 2013, S. 58-59.
- ↑ Grau, Augsburger Vergil, 2013, S. 60; Grau, Burgk, 2013, S. 76-77.
- ↑ Grau, Augsburger Vergil, 2013, S. 60-61.
- ↑ Grau, Burgk, 2013, S. 79.