Greifswald, Johann Sebastian Bach Straße 20

Dreyer, Angelika:Greifswald, Johann-Sebastian-Bach-Straße 20, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/69e6aa46-7836-41ae-b4ee-e56fdad8481c

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Das mittelalterliche Gebäude in stadtgeschichtlich bedeutender Lage erfuhr ab 1732 barocke Veränderungen. Davon haben sich in den Innenräumen wenige Wandmalereien von hoher künstlerischer Qualität erhalten, die indirekt auf eine sozial wichtige Auftraggeberschicht verweisen.

Greifswald, Johann-Sebastian-Bach-Straße 20
Greifswald, Johann-Sebastian-Bach-Straße 20

Lage, Auftraggeber (unbekannt), Bau– und Ausstattungsgeschichte

 
Greifswald, Johann-Sebastian-Bach-Straße 20

Lage

Das heutige Wohn- und Geschäftshaus liegt im ehemaligen „Siedlungsbereich der hanseatischen Kaufleute [...], [der] die Bebauung um Markt und Fischmarkt sowie die Bebauung zwischen dieser Platzanlage und dem Hafen an der Steinbeckerstraße, Fischstraße, J.-S.-Bach-Straße, Knopfstraße und Brüggstraße“[1] umfasst.

Auftraggeber

Ein namentlich benennbarer Auftraggeber ist bisher nicht erforscht.

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Das ursprünglich über einem mittelalterlichen Keller erbaute Gebäude wurde „1732/34 zwischen älteren Brandmauern errichtet.“[2] Im Zuge dieses Um(Neu-?)baues stattete man sowohl die Räume im Erdgeschoss und im 1. Obergeschoss mit zeittypischer Rankenmalerei aus, von denen sich bis heute Reste im Flur und in der darüber liegenden Wohnung erhalten haben.

Das Bauwerk

Das Gebäude in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 20 ist ein „[K]leiner zweigeschossiger Putzbau von drei Achsen [...].[2] Die drei, die Fassade gliedernden Fensterachsen des traufseitigen Gebäudes sind nicht symmetrisch in deren Fläche verteilt, sondern, zusammen mit der Eingangstüre, leicht nach rechts versetzt. Dies kann ein baulicher Hinweis auf die Umbausituation um 1732/34 sein, als man das bestehende Haus außen und innen den neuen Bedürfnissen des namentlich nicht bekannten Besitzers anpasste.

Um diese gestalterische Unpässlichkeit auszugleichen, ist das Fenster der linken Haushälfte, das direkt auf dem oberen Gesimsband der die beiden Geschosse trennenden Attikazone aufsitzt, drei- statt zweibahnig geformt.

Die hohe Bedachung des Gebäudes ist mit insgesamt sechs korbbogigen Dachgauben versehen, die sich auf zwei Reihen verteilen. Diese Anordnung bringt eine ganz eigengesetzliche Dachlandschaft hervor, die mit der Wandstruktur der Fassade darunter keinerlei achsiale Bezüge aufweist.

Flur im EG: Beschreibung und Maße

Das Innere des Gebäudes betritt man von der Straße aus durch einen Eingangsbereich, der als Windfang dient. Von hier aus führt eine doppelflügelige Türe in den langen Flur, der sowohl den ehemaligen Wohnbereich auf der Nord- und Südseite als auch den Zugang zur Treppenanlage erschließt.

Auf der Nordwand, westlich des ersten nordöstlichen Zimmers, hat sich ein 1,8m breiter Streifen mit der ehemaligen Wandbemalung erhalten.

Wandmalerei: Akanthusranke

Von der ehemals vorhandenen Pflanzenstruktur eines Akanthus, der sich über die Wandhöhe ausbreitet und deren großformatig gebildete Schlaufen sich teilweise ineinander verschlingen, sind noch drei Teilbereiche sichtbar.

Obwohl dieser Missstand eine genau nachvollziehbare Musterung nicht mehr erlaubt, lässt sich dennoch der hohe gestalterische Anspruch der Wandmalerei ermessen, der darin besteht, die grünen Ranken mit einer roten Strichlage zu begleiten. Dieser scheinbar so einfache Einfall, die Pflanzenschwünge im konzentrischen Abstand durch die rote Farbgebung zu begleiten, erzeugt, auch bedingt durch die Farbkomplementarität, den höchst wirkungsvollen Effekt, die Darstellung als plastisches und tiefenräumliches Gebilde wahrzunehmen.

Eingangsbereich der Wohnung im 1. OG

Die Räumlichkeiten der im 1. Obergeschoss gelegenen Wohnung orientieren sich sowohl nach Osten und gewähren damit einen Blick auf die Johann-Sebastian-Bach-Straße als auch nach Westen mit Blick in den Innenhof.

Der Eingangsbereich ist nordsüdlich ausgerichtet und misst 5,8m, die Schmalseite 2,8m bei einer Höhe von 2,6m.

Wandmalerei: Akanthusranke

Im Eingangsbereich der Wohnung im 1. Obergeschoss, der den Zugang zu deren östlichen und westlichen Räumen erschließt, ist auf der Zwischenwand zu den beiden Osträumen das Fragment der ursprünglichen Wandbemalung sichtbar.

Innerhalb der zweigeteilten Fachwerkstruktur ist im oberen Gefache eine Rankenmalerei erkennbar, deren grüne Strunke von roten Strichen zur Steigerung der plastischen und tiefenräumlichen Wirkung begleitet werden.

Im unteren Gefache überkreuzen sich Akanthusranken und bilden ein symmetrisches Dekorfeld aus, zu dem sich ein Akanthus hochrankt.

Bibliographie

  • Feldmann, Mecklenburg-Vorpommern, 2016 — Feldmann, Hans-Christian: Mecklenburg-Vorpommern (= Dehio: Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler: Mecklenburg-Vorpommern), Berlin/München 2016 (2. Auflage)
  • Von der Wense (Hg.), Bekanntmachung, 1999 — Von der Wense, Joachim (Hg.): Amtliche Bekanntmachung der Denkmalbereichsverordnung Altstadt Greifswald der Hansestadt Greifswald, Nummer 21, 1999, S. 5–10

Einzelnachweise

  1. Von der Wense (Hg.), Bekanntmachung, 1999, S. 7.
  2. 2,0 2,1 Feldmann, Mecklenburg-Vorpommern, 2016, S. 199.