Weißer, Katrina:Gern, St. Georg, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2023, URL: www.deckenmalerei.eu/553493c7-78b9-4e4b-85ed-d301c4311402

Inventarnummer: cbdd10553

Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen

Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Die bisher fälschlich als Schlosskirche identifizierte Pfarrkirche St. Georg in Gern geht auf 1500 zurück und beinhaltet Deckengemälde von 1763, die den Heiligen Georg und die Heilige Dreifaltigkeit zeigen.

Eggenfelden/Gern, Pfarrkirche St. Georg
Eggenfelden/Gern, Pfarrkirche St. Georg

Das Bauwerk

Die Gründung der Pfarrei Gern ist urkundlich spätestens auf 1418 zu datieren, als Alban von Closen, der Pfleger im Rottal war, ein Ewiges Licht für die Kirche stiftete.[1] Anzunehmen ist aber, dass St. Georg als sogenannte Eigenkirche schon im 14. Jahrhundert entstand, über die das örtliche Adelsgeschlecht – ab 1315 die Herren von Closen – das Patronatsrecht ausübte.[2] Die Wahl des Ritterheiligen St. Georg als Schutzpatron ist auf die Closen zurückzuführen, deren Kirchen sich, wie in Arnstorf und Stubenberg, durch dieses Patrozinium auszeichneten.[3]

Kurzbeschreibung und Lage

Die auf einer Landspitze zwischen den Wasserläufen des Geratskirchener Bach (Gera) und der Rott gelegene Kirche ist ein spätgotischer Strebepfeilerbau mit barockem Zwiebelturm.[4] Wie auf dem 1723 von Michael Wening publizierten Kupferstich zu sehen ist, war St. Georg ursprünglich im Bezirk der Hofmark Gern neben den Ökonomiegebäuden auf einer künstlichen Insel situiert, die von einem aus dem Bach Gera gespeisten Wassergraben umgeben war.[5] Von ihr bestand mittels einer Brücke nach Osten Verbindung zu der ebenfalls von dem Wassergraben umschlossenen Alten Burg, die 1742 zerstört wurde.[6] In westlicher Richtung schloss sich über eine Brücke die restliche Anlage der Hofmark und das 1720 inmitten eines Parkes errichtete neue Schloss an, welches 1921 abbrannte.[7]

Eine Friedhofsmauer umgibt die Kirche fast vollständig. Wie auch im Inneren sind an der Mauer zahlreiche Grabplatten der Familie von Closen angebracht.

Bau-, Ausstattungs- und Funktionsgeschichte

Um 1500 wurde der romanische Vorgängerbau von St. Georg umgebaut, verbreitert, erhöht und mit einem Chor versehen.[8] Ab ca. 1750 wurde das Gebäude erneut verändert und die Netzrippen der gotischen Gewölbe entfernt, sodass Anton Scheitler 1763 an den Decken von Langhaus und Chor Fresken anbringen konnte.[9] Dabei wurden auch die Schildbogen zu unprofilierten Wandvorlagen abgearbeitete und gekappt.[10]

Das Gotteshaus wird irrtümlich in den Denkmalinventaren als ehemalige Schlosskirche aufgeführt, war aber schon immer eine vom Adel gestiftete Pfarrkirche, die der Familie von Closen, welche ab 1315 Lehensträger und danach Hofmarksherren von Gern waren, als Grabstätte diente.[11]

Das Allianzwappen der Grafen von Closen (Arnstorfer und Haidenburger Linie) am Chorbogen deutet auf das Ehepaar Georg Cajetan, Graf von Closen zu Arnstorf und Gern (gest. 1780) und seine zweite Ehefrau, Antonia Catharina von Closen, geborene Freiin von Closen zu Haidenburg, als Stifter der Neuausstattung hin.[12] Dies lässt auch das Closen-Wappen an der ca. 1720/30 entstandenen Kanzel vermuten, auf dem sich das Herzschild der Haidenburger Linie befindet.[13] Aus dieser Zeit stammt ebenfalls der Aufbau des Hochaltars mit zwei Säulen in Stuckmarmor, dessen Altarblatt mit der Darstellung des Hl. Georg jedoch auf das 19. Jahrhundert zu datieren ist.[14]

Das klassizistische Grabdenkmal von Georg Cajetan von Closen befindet sich im Chor auf der Nordseite, gerahmt von zwei prächtigen Grabtafeln aus Rotmarmor. Die rechte ist seinen Großeltern, dem Ehepaar Georg Heinrich (1636 - 1680) sowie Maria Jakobe von Closen (gest. 1704) gewidmet.[15] Links davon ist die Grabplatte der Anna von Closen (gest. 1545) zu sehen.

Baubeschreibung

Die Kirche ist außen durch Strebepfeiler gegliedert, welche die ganze Anlage umgeben und sich in weißer Farbe, von der ansonsten in Gelb gehaltenen Fassade absetzen. Der vorgesetzte Westturm ist viergeschossig angelegt und verfügt über ein achtseitiges Zwiebeldach. Sein Erdgeschoss öffnet sich nach Süden zu einer Vorhalle. Das mit Spitzbogenfenster versehene Langhaus besteht aus fünf Jochen und schließt mit einem eingezogenen Polygonalchor ab. An ihn fügt sich in nördlicher Richtung die zweigeschossige Sakristei und nach Süden eine rechteckige Kapelle an.

Über das Südportal im Erdgeschoss des Turmes besteht Zutritt zur sternengewölbten Vorhalle. Von dieser führt ein Portal unter die unterwölbte Westempore, die sich in drei Kielbogenarkaden zum Schiff öffnet.[10] Das Langhaus mit Spitzbogenfenster umfasst fünf Joche, die durch eine Tonne mit Stichkappen gewölbt sind. Der Chor verfügt über ein Langjoch und schließt mit Spitzbogenfenstern an den fünf Polygonalseiten ab.[16]

Schrift- und Bildquellen

In der den Kupferstich von Michael Wening ergänzenden Beschreibung von 1726 wird die Pfarrkirche und ihr Kirchenpatron explizit erwähnt: „Dises Orths in der Pfarr=Kirchen wird der heilige Georgius verehret / allda nach Zaig der verhandnen alten unnd neuen Grabstainen die von Closen / welche auch deß Gottshaus Stüffter seynd / ihr Begräbnuß genommen / […]."[17]

Langhaus mit Chor

Die Beschreibung des Langhauses ist unter St. Georg -> Baubeschreibung zu lesen.

Gesamtdecke

Die 1763 von Anton Scheitler ausgeführten Malereien umfassen die Fläche des ursprünglich gotischen Gewölbes in Langhaus und Chor. Dabei ist die Tonne inklusive der Stichkappen komplett ausgemalt.

Die Deckenfresken sind bei Restaurierungen im 19. und 20. Jahrhundert stark überarbeitet worden, sodass die Malweise teilweise grob, ja fast entstellt wirkt.[18] Die Restaurierungen sind auf die Jahre 1848, 1869 und den Zeitraum von 1900 bis 1904 zu datieren, als das gesamte Gebäude renoviert wurde.[16]

Die Decken von Langhaus und Chor nehmen drei große, in goldener Farbe gemalte Rahmenwerke auf, in denen figürliche Darstellungen Platz finden. An der Decke des Langhauses sind zwei Bildfelder angebracht: Über der Empore sind musizierende Engel unter dem Auge Gottes abgebildet, während zum Chorbogen hin die Apotheose des Hl. Georg dargestellt ist. An dem Gewölbe des Chores ist die Heilige Dreifaltigkeit zu sehen.

Die drei Bildfelder sind umgeben von Dekorationsmalerei in Grisaille, die stuckiertes Muschelwerk imitiert. Dabei heben sich die plastisch wirkenden Ornamente in Dunkelgrau von dem hellgrauen Hintergrund der Tonne ab. Die Ornamentierung der Stichkappen zeichnet sich durch einen hellgelben Hintergrund aus.

Komposition und Ansichtigkeit

Die zwei Darstellungen an der Decke des Langhauses sind gegensätzlich angelegt: Während das annährend querovale Bildfeld über der Empore auf den zur Gemeinde zelebrierende Priester ausgerichtet ist, antizipiert die längsovale Apotheose am Chorbogen den eintretenden Betrachter. Dies gilt ebenfalls für die Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit im Chor, die zudem in vertikaler Beziehung zu dem auf dem Altarblatt darunter abgebildeten Hl. Georg steht.

Zwischen den beiden Bildfeldern im Langhaus ist eine Glorie mit Puttenköpfen zu sehen, in deren Mitte sich die von einem Strahlenkranz umgebene Taube des Heiligen Geistes als vergoldete Stuckfigur befindet.

Der Heilige Georg

In dem längsovalen Bildfeld mit geschweiften Ecken ist in der Mitte der Heilige Georg zu sehen, der von zwei Engeln empor getragen wird. Er ist als Drachentöter dargestellt, dessen Haupt ein Heiligenschein ziert. In seiner rechten Hand hält er einen Palmzweig als Zeichen seines Sieges über den Drachen. Dieser liegt bezwungen zu seinen Füßen, ein Stück der Lanze aus seinem Hals herausragend. Unterhalb des Ritterheiligen thront ein Engel mit grotesk überstrecktem Bein auf einer Wolkenbank und hält in seiner Linken dessen Speer. Oberhalb und neben der Glorifizierung des Heiligen Georg befinden sich Puttengruppen und Köpfe von Putten, die ihm erwartungsvoll entgegenblicken.

Das Göttliche Auge
 
Eggenfelden/Gern, Pfarrkirche St. Georg

In dem querovalen Bildfeld mit geschweiften Ecken stehen sich zwei Gruppen musizierender Engel gegenüber. Jeweils zwei Engel im Vordergrund sind größer dargestellt und spielen Cello sowie Laute. Den Engeln dahinter sind Blasinstrumente, eine Geige und eine weitere Laute beigegeben. In der Mitte der beiden Gruppen sind singende Putten zu sehen. Über der Szene ist das von einem Dreieck umfasste göttliche Auge in einem Strahlenkranz gemalt.

Die Heilige Dreifaltigkeit

Das von den scheinarchitektonischen Ornamentmalerei zwischen den Stichkappen abgegrenzte Bildfeld zeigt mittig die Heilige Dreifaltigkeit, bestehend aus Gottvater, Christus und der darüber schwebenden Taube des Heiligen Geistes. Der mit den Wundmalen versehen Christus neigt seinen Kopf zu dem seines Vaters, der als bärtiger Greis dargestellt ist. Mit seiner Linken reicht er ein goldenes Zepter seinem Sohn. Beide sind von einem hellblauen Dreieck hinterfangen, unter dessen Spitze die Taube schwebt. Hinter dem Dreieck ist eine helle Lichtglorie zu sehen, die sich von den rundum in hellem und dunklem Grau gemalten Wolken abhebt.

Vor dem Paar von Gottvater und Sohn ist der Ausschnitt eines hölzernen Kreuzes zu erkennen. Unterhalb davon hält ein in blaues Tuch gewandeter Engel mit seiner Linken ein Weihrauchfass empor, dessen Rauch zu dem rechts davon dargestellten Engel steigt. Dieser hält sich beide Hände vor sein Gesicht. Seine Beine sind gefiedert. Ein kleiner Engel ist schräg unterhalb des Weihrauchfasses als Rückenfigur dargestellt. Er faltet anbetend beide Hände zusammen.

Bibliographie

  • Albrecht, Geschichte.
  • Albrecht, Pfarrkirche.
  • Brix, Michael (Hrsg.): Niederbayern, in: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Band 2, München 2008.
  • Karlinger, Hans: Die Kunstdenkmäler von Bayern. Bezirksamt Eggenfelden, in: Kunstdenkmäler von Niederbayern, Band 4, 1923.
  • Lampl, Sixtus: Niederbayern. Ensembles, Baudenkmäler, archäologische Geländedenkmäler, München/Oldenburg 1986.
  • Lubos, Rita: Das Landgericht Eggenfelden, in: Historischer Atlas von Bayern, Band 28, München 1971.
  • Soden-Fraunhofen, Anna Gräfin von: Beitrag zur Geschichte der Familie Closen, Karlsfeld 2008.
  • Wening, Michael: Das Renntambt Straubing, in: Wening, Michael: : Historico-topographica descriptio: das ist Beschreibung deß Churfürsten- und Hertzogthumbs Ober- und Nidern Bayrn. Reprod. nach den Orig.-Kupferplatten des Bayer. Landesvermessungsamtes 4, 1726.

Einzelnachweise

  1. Karlinger, Niederbayern, 1923, S. 76; Albrecht, Pfarrkirche.
  2. Lubos, Eggenfelden, 1971, S. 52; Albrecht, Pfarrkirche; Albrecht, Geschichte.
  3. Albrecht, Pfarrkirche.
  4. Lampl, Niederbayern, 1986, S. 337.
  5. Lampl, Niederbayern, 1986, S. 336.
  6. Karlinger, Niederbayern, 1923, S. 82.
  7. Karlinger, Niederbayern, 1923, S. 83.
  8. Dehio, Niederbayern, 2008, S. 164; Albrecht, Pfarrkirche.
  9. Karlinger, Niederbayern, 1923, S. 76; Dehio, Niederbayern, 2008, S. 164; Albrecht, Pfarrkirche.
  10. 10,0 10,1 Dehio, Niederbayern, 2008, S. 164.
  11. Albrecht, Pfarrkirche; Lubos, Eggenfelden, 1971, S. 52.
  12. Soden-Fraunhofen, Closen, 2008, S. 205-206.
  13. Karlinger, Niederbayern, 1923, S. 79; Soden-Fraunhofen, Closen, 2008, S. 206.
  14. Karlinger, Niederbayern, 1923, S. 78.
  15. Soden-Fraunhofen, Closen, 2008, S. 179-180; Karlinger, Niederbayern, 1923, S. 79.
  16. 16,0 16,1 Karlinger, Niederbayern, 1923, S. 76.
  17. Wening, Straubing, 1726, S. 26.
  18. Karlinger, Niederbayern, 1923, S. 78; Dehio, Niederbayern, 2008, S. 164.