Geltendorf, Pfarrkirche St. Stephan
Pfarrkirche, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung hatte die Stadt Friedberg das Präsentationsrecht auf die Pfarrei Gericht Landsberg
Patrozinium: St. Stephan
Zum Bauwerk: Das Langhaus der 1493 erbauten Pfarrkirche wurde 1694 erweitert. Unter Pfarrer Franz Kornemann wurde das Innere der Kirche um 1750 barockisiert - Vierachsiger mit Doppelpilastern gegliederter Saal, eingezogener, einjochiger AR mit 3/8-Schluß und einfacher Pilastergliederung
Auftraggeber: Pfarrer Franz Xaver Kornemann (1735- 1777), dessen Wappen (Mann mit Kornähren) neben dem von Friedberg (Staufenkreuz) am Chorbogen angebracht 1ST
Autor und Entstehungszeit: Signatur in A über dem östlichen Rahmen: JGD(ligiert)ieffenbrunner fecit: / 1754 (= Johann Georg Dieffenbrunner). 1754 berichtet Pfarrer Kornemann an das Augsburger Ordinariat, daß seine Pfarrkirche »heuer herrlich ausgestuckhadiert, gemahlen und reichlich vergulden worden« sei (Hofmann S. 131). Dieses Datum ist nicht nur für die durch Dieffenbrunners Signatur gesicherten und datierten Fresken des Langhauses, sondern wohl auch für das AR-Gemälde gültig, das von Sigfrid Hofmann neuerdings Matthäus Günther zugeschrieben worden ist. In den Jahren 1754/55 arbeitete Dieffenbrunner auch mit Günther in Indersdorf (OB, LKr. Dachau) zusammen. Bildanlage, Farbgebung und Figurenrepertoire weisen das AR-Fresko als ein charakteristisches Werk des Matthäus Günther aus. Man vergleiche nur die Trinitätsgruppe mit der des Johann-Nepomuk-Freskos in Fiecht, Tirol (Hermann Gundersheimer, Matthäus Günther, Augsburg 1930, Abb. 90) und mit der Glorie des hl. Antonius der Augsburger Antoniterkirche (Hermann Gundersheimer, Abb. 106). Farblich kommt das in der Trinitätsgruppe leicht variierte AR-Fresko der Pfarrkirche Schongau (1748, s. LKr. Weilheim-Schongau) sehr nahe, wo Gottvater, Sohn und Engel gleichfarbene Kleider wie in Geltendorf tragen. Für Günther spricht neben vielen anderen mit gesicherten Werken identischen Details (vgl. Hofmann S. 131 f.) auch die typische Einbeziehung der Kartuschfiguren in die Hauptszene. Wie in Wilten (Tirol, 1754) und im Würzburger Käppele (UFr 1752) trennt die Stuckrocaille nicht die Kartuschenszene als eigenes Bild ab, sondern bildet nur ein Gitter, hinter dem eine zum Hauptbild durchgehende Wolkendecke liegt. Stilistisch stimmt das Fresko mit dem Datum 1754 überein, da es noch nicht die leicht erstarrten, kühlen Kompositionen und die ein wenig gedämpfte mit einem matten Schleier überzogene Farbgebung der späteren Werke, wie die des nahegelegenen Moorenweis (1775, OB, LKr. Fürstenfeldbruck) aufweist.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs und AR stark abgeflachte Tonne mit Stichkappen
Rahmen: A dekorierter geschwungener Profilrahmen mit Goldauflage, von weißen Stuckrocaillen durchbrochen; B geschwungener, reich verzierter und vergoldeter Stuckprofilrahmen, seitlich von Stuckwölkchen mit Puttoköpfen überlappt und in Rocaillekartuschen (B1-2) aufgelöst, deren Malerie in das Fresko B übergeht.
Technik: Fresko; A, B, B1-2 polychrom, A1-2 monochrom ocker
Maße: A Höhe 7,45 m; 10,50 × 5,70 B Höhe 6,45 m; 5,50 × 4,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1889, 1936 Reinigung von B, B1-2; 1938 Restaurierung von A durch Scheichmantel. 1946/48 wurden die Wasserschäden in B durch Hartmann behoben, 1955 abermals Reinigung. Die modernen Emporenbilder stammen von Kutruff. A zeigt starke Risse, vor allem Längsrisse im Scheitel und in der unteren Partie rechts, Querrisse in der Mitte des Freskos und über der Empore im W; von hier ausgehend mehrere Diagonalrisse. B zeigt einen Längsriß im Scheitel und leichte Bereibungen in der Westpartie, hier auch teilweise Übermalungen. Die Wolken über der Trinität, die rechte Hand Christi und der Engel an seiner Seite scheinen anläßlich der Behebung der Wasserschäden erneuert worden zu sein.
Beschreibung und Ikonographie
A STEINIGUNG DES HL. STEPHANUS (Act 7, 58 ff.) Das stark längsproportionierte Hauptfresko des Schiffes zeigt eine einansichtige über dem Ostrahmen aufgebauten Komposition. Das östliche Drittel wird von einem ansteigenden Terrain eingenommen, auf dem sich recht oben, etwas im Hintergrund, die Stadt Jerusalem erhebt, welche in die das westliche Bildfeld füllenden Wolken hineinragt. Das Terrain ist in zwei übereinanderliegende Erdschichten unterteilt. Auf der unteren, der Grablegungsstätte, lagern trauernde und betende Gestalten. Von einer dreistufigen Treppe und dem daran anschließenden Wall wird die untere Gruppe von der Marterszene isoliert, die sich darüber in einem muldenförmig ausgedehnten Panorama abspielt. Am Horizont der ansteigenden, von Steinen übersäten Wiese kniet im Diakonsgewand der zusammenbrechende Heilige und empfiehlt seinen Geist Christus. Männer – mit Steinen bewaffnet und in wilden Gebärden – dringen von hinten auf ihn ein. Die Szene wird U-förmig eingerahmt, die seitlichen Rahmen formal miteinbeziehend, durch Buschwerk und repoussoirhaft angesiedelte Gestalten (Zuschauer, heidnischer Priester, Knabe als Bewacher von am Boden verstreuten Waffen und Kleidern – vielleicht Saulus –, Steinauflesender, Gestalt mit Pferd etc.), die sich bis vor die Tore der Stadt erstrecken.
Ein Engel mit Siegessymbolen (Palme, Lorbeerkranz) schwebt über dem hl. Stephan auf einer voluminös aufsteigenden Wolkensäule. Diese gabelt sich hinter dem Engel, zieht zweigeteilt empor und schließt sich über dem Westrahmen zu einem Kreis, der eine Licht- und Engelsgloriole einrahmt. Auf den gegabelten Wolkenbänken lagern Engel und Putti; im W versuchen zwei stark verkürzt wiedergegebene Putti, die dunkle Wolkenmasse beiseitezuschieben.
Dieffenbrunner mildert die starke Längsbetonung des Freskos, indem er über Ost- und Westrahmen eine Dunkelzone einführt, die die untere Terrainstufe und die obere Wolkenpartie isoliert und den Blick zentralisierend auf das helle Mittelfeld lenkt. Dadurch wird auch die höhenillusionistische Wirkung betont, obzwar keinerlei Größendifferenzen zwischen höher- und tieferliegenden Figuren gemacht werden. Einige Gestalten weisen starke Untergesichter und Verkürzungen auf, andere sind fast frontal gegeben. Trotz Unstimmigkeiten dieser Art hat das Bild einen illusionistischen Charakter, der durch die wirbelnden Wolken, die kurvierten, ansteigenden Bodenlinien, die hochaufragende, fast vornüber kippende Stadtarchitektur bewirkt wird. Farblich dominiert in dem hellen Mittelfeld ein gelblicher Sandton bei Architektur, Terrain und Wolken, zwischen denen seitlich etwas hellblaues Himmel durchscheint. Aus der Gruppe seiner weiß gekleideten Mörder leuchtet die goldtonige Tunika des hl. Stephan hervor. Das Inkarnat der Engel ist in Weißlichbeige, ihre Kleider sind in zartem Altrosa, Lindgrün und Hellblau gehalten. Die beiden Schattenzonen sind farblich intensiver: die Wolkenpartien im W weisen ein fast grauschwarz getöntes Rost, die Wiesen über dem Ostrahmen ein intensives Moosgrün auf. Die Figuren in der Schattenzone tragen Kleider in dunklem Rost, Graublau, auch Ocker und Grün.
A1 FIDES Frauengestalt mit Buch, Kelch und Kreuz A2 CARITAS Frauengestalt mit brennendem Herz und Flammenzungen, Personifikationen von zwei der drei Göttlichen Tugenden.
B GLORIE DES HL. STEPHANUS Das reichgegliederte, annähernd quadratische Altarraumgemälde ist auf den im Langhaus stehenden Betrachter orientiert. In einer S-förmigen Kurvenlinie steigt die Komposition von der nordöstlichen Ecke des Bildes an, von wo ein schräg gelagerter Engel, Steine auf den Armen haltend, zu der rechts etwas höher knienden Gestalt des Erzmartyrers führt. Körperachse, Kopfhaltung und Blick des hl. Stephan leiten, unterstützt von der Bewegung des rechts neben ihm sitzenden Engels, wieder schräg nach links empor zu Christus, der, neben der Weltkugel thronend, eine Krone über das Haupt des ersten Martyrers hält. Seitlich zurückgesetzt blickt neben Christus Gottvater mit geneigtem Zepter auf die Krönung. Die Körperachse Christi wie das von einem Engel gestützte Kreuz führen wieder nach rechts oben zur westlichen Rahmenmitte, von wo die Taube des Hl. Geistes in einem Strahlenkranz niederfliegt. Wie in den meisten seiner himmlischen Szenen strebt Günther hier keine starke Höhenillusion an, sondern erzielt durch die lockere Komposition, die graziösen Engel und eine fein abgestimmte, delikate Farbgebung die Illusion der geöffneten Decke und des Eindringens der himmlischen Sphäre, gesteigert noch durch die formale Einbeziehung der seitlichen Kartuschen B1-2. Die Stuckrocaillen wirken wie ein durchsichtiges Gitterwerk, durch das man in die Himmelswelt blickt, in der sich Putti und Engel tummeln.
Die leicht graugetönten, rosaweißen, gegen den Rahmen zu etwas rostfarbenen Wolken bilden den Hintergrund, gegen den sich Weiß in verschiedenen Brechungen (Engelsflügel, Stephans Gewand und das Trinitätszeichen) absetzt. Die drei Engel, die den Heiligen in der goldockerfarbenen Dalmatika umringen, tragen Tücher in Mittelblau, hellem Rost und Lindgrün. Die Dreifaltigkeitsgruppe darüber ist eine Farbnuance heller gehalten: die Gewänder in Altrosa-Rost, Hellblau, Beige und zartem Lindgrün (Engel).
B1 Putti mit Steinen B2 Putti mit Palme und Lorbeerkranz, den Martyrerattributen des Kirchenpatrons
Quellen und Literatur
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 387 Hopp, Jakob, Pfründe-Statistik der Diözese Augsburg, Augsburg 1893, Bd 2, S. 217. KDB IOB (1), S. 460. Heimatbuch Fürstenfeldbruck (o. V.), Fürstenfeldbruck 1952, S. 255 f. Landkreis Fürstenfeldbruck, Heimatbuch, Pörsdorf 1963, S. 144. Gruber, Max, Johann Georg Dieffenbrunner, in: Amperland, Heimatkundliche Vierteljahresschrift für die Kreise Dachau, Freising, Fürstenfeldbruck, H. 4, 1969, S. 90. Hotmann, Sigfrid, Ein bisher unbekanntes Fresko von Matthäus Günther in der Pfarrkirche Geltendorf, in: Das Münster 23, 1970, S. 131 ff.