Froschhausen, Filial- u. Wallfahrtskirche St. Leonhard
Filial- und Wallfahrtskirche, Gemeinde und Pfarrei Murnau, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Pfarrei Riegsee, die dem Kollegiatstift Habach inkorporiert war, Gericht Weilheim
Patrozinium: St. Leonhard
Zum Bauwerk: Die ursprünglich gotische, 1631 barockisierte Kirche erhielt unter Propst Franz Joseph Freiherr von Oberndorf von Habach (1781–89) ihre Spätrokokoausstattung. Der Stuck wird dem Wessobrunner Franz Edmund Doll zugeschrieben, der mit dem Freskanten Gaibler auch in Beuerberg (S. 138) und Jachenau (S. 191) zusammengearbeitet hat. Chronogramm am Chorbogen Deo / In sanCtIs sVIs / MIrabILI sIt / LaVs VIrtVs / e IVbILatIo. (= 1786).
Saalraum zu drei Fensterachsen, im W Empore; gleicher breiter, zweijochiger AR, dreiseitiger Schluß mit zwei Fenstern
Autor und Entstehungszeit: Signatur in der NO-Ecke von B Aloys Gaibler Kauffbur / pinxit 1786 (Georg Aloys Gaibler * 1751 Kaufbeuren † 1813 Kaufbeuren)
Die Emporenbrüstungsbilder EB1-4 unterscheiden sich stilistisch von den Deckenfresken Gaiblers; die Bilder sind der Malerei des Franz Seraph Zwinck aus Oberammergau verwandt.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A) Segmenttonne, AR (B) Tonne mit Stichkappen, im O abgemuldet
Rahmen: A und B vergoldete geschweifte Stuckprofile, von Rocaillen überlappt
Technik: A, B Fresko; polychrom, EB1-4 Secco; polychrom Maße: A Höhe 7,80 m; 7,00 × 5,00
B Höhe 6,80 m; 3,40 × 4,40
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Letzte Restaurierung 1935, bei der Fresken der Barockisierung von 1631 freigelegt und wieder übertüncht wurden (Lohr, S. 19). A und B haben gekittete Risse und Feuchtigkeitsschäden, die zum Teil ausblühen, in B Fehlstellen. EB1-4 Abblätterungen und Übermalungen. In A werden durch den flächenweisen Wechsel der Malweise von farbig klarer zu milchig trüber Zeichnung die Grenzen von »Tagwerken« sichtbar, so z. B. zwischen Baum und Felsentor und oberhalb der Figur Leonhards.
Beschreibung
A ST. LEONHARD IN DER EINÖDE VON NOBLAC Das annähernd rechteckige Bildfeld erstreckt sich über die drei LHs-Joche, es ist von langgezogenen flachen Kurven gerahmt. Die Bildanlage zeigt ein reduziertes Panorama: Der Landschaftsschauplatz ist einansichtig dargestellt (Betrachterstandort unterhalb des westlichen Bilddrittels), seitlich jedoch bogenförmig hochgezogen. Entsprechend umschreiben die Wolken am Himmel ein halbes Oval, die traditionelle Glorie fehlt darin.
Schauplatz ist eine Rodungslandschaft mit Baumstümpfen im Vordergrund, im Hintergrund durch eine waldige Hügellandschaft begrenzt. Während der Boden in Draufsicht wiedergegeben ist und nach hinten ansteigt, sind der Tempietto und der Klosterbau links im Bild und gegenüber der Laubbaum und das Felsentor in Untersicht gezeigt. Es sind die im 18. Jh. als landschaftliche Kulissen geläufigen Versatzstücke verschiedenen Charakters: die schmucklose und die ornamental organisierte Architektur (Klosterbau und Tempietto), die einfache und die ornamental gestaltete Natur (Laubbaum und Erdrocaille als Felsentor).
Im Mittelgrund des Bildes, auf einer Wiese, steht St. Leonhard in Benediktinertracht; zu seinen Füßen eine Schar bittender und dankender Gefangener und Pilger. Die Figuren umschreiben eine Dreiecksfigur, an der Spitze Leonhard. Die Gestalt des Heiligen bezeichnet die Mittelachse des Bildes, in die alle Kompositionslinien münden. In der Farbigkeit fallen zwei unterschiedliche Arten der Abtönung auf: Der irdische Schauplatz ist zum größten Teil in Braunmischwerten mit scharf voneinander abgegrenzten lichten und dunkleren Streifen gegeben (eine eigentliche Schattenführung fehlt). Beim rechten Teil der Szene, bei Hintergrund und Himmel dagegen wechselt die Farbigkeit übergangslos zu milchig trüben, ineinander übergehenden, durchwegs hellen auf Blaugrau gestimmten Werten. Bei dem hohen Laubbaum sind beide Malweisen zum Ausgleich gebracht, zeichnerisch klar nuanciertes Grün bezeichnet Schatten im Laub, milchiges grünhaltiges Weiß steht für Licht.
B PATRON ST. LEONHARD Das querformatige Bildfeld hat an der Basis (der Hochaltarbekrönung ausweichend) eine tiefe, breite Einbuchtung. Dem entspricht die Komposition durch eine Teilung der figürlichen Szene in zwei Hälften. Seitlich ist der terrestrische Schauplatz weit herumgezogen. Links sind im Vordergrund zahlreiche Bittflehende vor einem Turm auf abschüssigem Gelände versammelt. Aus einem der vergitterten Turmfenster schaut eine Gefangene heraus. Ein verbundenes Bein und
Krücken bezeichnen die Lahmen, ein Glöckchen die Aussätzigen. Ein Besessener (mit einem dem Mund entfahrenden Drachen-Dämon) wird von zwei Helfern gehalten. Ganz im Vordergrund eine Mutter mit einem Säugling und einem Mädchen. Gegenüber bildet ein Baum das Pendant zum Turm. Darunter führt ein höfisch gekleideter Mann ein Pferd herbei, um ihn sind weitere Pferde und Rinder geschart.
In der Mitte zwischen beiden Gruppen ist ein Ausblick in eine tiefer liegende Landschaft gemalt: der Riegsee mit den Ortschaften Froschhausen und Riegsee vor der Alpenkette. In der Glorie darüber ist der Patron, St. Leonhard, im Abtsgewand dargestellt; er streckt seine Rechte den Hilfesuchenden entgegen. Ein Engel trägt Buch und Mitra des Abtes. Wolkenringe fassen die Glorie ein, deren Mitte der Strahlennimbus des Heiligen einnimmt. Leonhard ist wie auch die irdischen Figuren kaum verkürzt in der vorderen Bildebene gegeben.
Farblich ist dieses Fresko ausgeglichener als A, es zeigt die zurückhaltenden, milchigen Buntwerte. In einzelner Gewändern sind Karminrot und helles Blau durch Weißhöhungen ausgezeichnet.
EB1-4 NT-HEILUNGSSZENEN an der Emporenbrüstung:
EB1 Jesus heilt die Aussätzigen – Gehet hin und zeiget euch den Priester. Luc. 17 (= Lc 17, 14)
EB2 Jesus heilt den seit achtunddreißig Jahren Kranken am Teich Bethesda - Sündige nicht mehr, damit dir nicht was ärgers widerfahre Joh. 5. (= Io 5, 14)
EB3 Gleichnis vom barmherzigen Samariter – Geh hin, und thu des gleichen. Luc. 10 (= Lc 10, 37)
EB4 Petrus heilt den Lahmgeborenen am Schönen Tor - Silber und gold habe ich nicht was ich aber habe, das gebe ich dir: im Namen Jesu steh auf und geh. apostelgeschichte 3, 6 <math>(= Act 3, 6)</math>
Ikonographie
A ST. LEONHARD IN DER EINÖDE VON NOBLAC Die Darstellung folgt eng der legendären Vita (vgl. Ribadeneira-Hornig, Bd 2, 6. 11., S. 698-700). Um in der Einsamkeit zu leben, hatte sich Leonhard vom französischen König ein Stück Wald erbeten. Zu Ehren Mariens und seines Lehrers, des hl. Bischofs Remigius, errichtete er eine Kapelle - im Tempietto auf dem Altar die Statuen der Heiligen - und baute eine Klosterzelle für sich und seine Ordensbrüder. Das beschwerliche Wasserholen von einem entlegenen Ort veranlaßte Leonhard, einen Brunnen graben zu lassen. Er »erlangte durch sein Gebett nächst der Capelle einen so wasser-reichen Brunnen von Gott, daß... alle Umligende darmit nach Genügen versehen seynd« (loc. cit., S. 699). Vor dem Kloster links im Hintergrund sind zwei Ordensbrüder mit Graben beschäftigt, zwei andere sind mit einem Wassereimer durch das Felsentor zu sehen, hinter ihnen eine entfernte Ortschaft.
St. Leonhard wird umringt von Gefangenen, die ihre Ketten zu seinen Füßen niederlegen. Hierzu berichtet die Vita von der übernatürlichen Kraft des Heiligen, Gefangene aus Türmen, Gewölben und Schluchten zu befreien, »dahero man durch alle Strassen dergleichen mit Hals-Eisen, Hand- und Beinschellen beschwert und beschlagen ankommen sahe, welche ihm fußfallend für die Erlösung dancketen und zur Danckbarkeit ihre Dienste antrugen« (loc. cit., S. 699).
B PATRON ST. LEONHARD Die Darstellung der Bittenden links im Bild knüpft bei den Wunderberichten der Vita an; die gekrönte Mutter im Vordergrund z. B. deutet auf die wunderbare Hilfe hin, die Leonhard der Gemahlin des Königs in Geburtsnöten gewährt hatte (Ribadeneira-Hornig, loc. cit., S. 698-99). Zum Patronat der Gefangenen, Lahmen, Besessenen und der Gebärenden kam im bayerischen Raum das Patronat des Viehs hinzu, woraus sich die verbreitete Verehrung des hl. Leonhard erklärt (vgl. hierzu Josef Dünninger, Das Viehpatronat des hl. Leonhard, in: Münchener Theologische Zeitschrift 1,
1950, H. 3, S. 51–54). Vom großen Zulauf der Wallfahrt im späten 18. Jh. zeugen die zahlreichen Votivbilder an den Wänden der Kirche.
EB1-4 Die NT-Heilungsszenen sind ähnlich wie in der Wies (CBD, Bd 1, S. 613–19 u. 622: ED1-6) in Zusammenhang mit der Wallfahrt als Exempel zu deuten.
Quellen und Literatur
Gailler, Franciscus, Vindeliciae Sacrae... Capitulum Weilheimense, Augsburg 1756, Cap. 35, 5 und 44, 3. KDB I OB (1), S. 701.
Gebhart, Hansjakob, Staffelseechronik, Murnau [1931], S 118.
Rückert, Georg, Kirchliche Kunst im alten Landgericht Weilheim, in: Lechisarland 11, 1935, S. 110 f., 144 f. Lohr, Martin, Murnau (= KKF, Nr. 476), München 31961, S. 18–20.
Mauthe, Willi, Der Pfaffenwinkel, Weilheim 31962, S. 37. Dehio-Gall OB, S. 199.