Esslingen, Haus Schloßberger, Webergasse 12
Inventarnummer: cbdd20194
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Parallel zum Esslinger Rathaussaal schuf Paul Ambrosius Reith 1726/27 im Wohnhaus des Bürgermeisters Georg Andreas Schloßberger ein Deckengemälde mit dem Schloßbergerwappen und dem Bibelwort „DOMINUS PROVIDEBIT“ – der Herr wird vorsorgen, das er mit Ähren, Blumen, Füllhorn und Lorbeer verbildlichte.

Haus Schloßberger, Webergasse 12
Lage, Auftraggeber, Baugeschichte
Die in der Nordostecke des Esslinger Marktplatzes beginnende, nach Osten führende Webergasse erschloss seit dem Mittelalter neben großen Klosterhöfen auch Patrizierhäuser des 14. bis 18. Jahrhunderts.[1] Vom Stadtbrand im Jahr 1701 blieb sie mitsamt ihrer Umgebung verschont. Das Gebäude Webergasse 12, das ein Eckhaus zu der nach Süden abgehenden Strohstraße bildet, wurde um 1540 von Peter Schloßberger (um 1500–1558) erbaut.[2] Die Familie Schloßberger ist in Esslingen schon seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar.[3] Im Jahr 1542 erhielt der Handelsherr Peter Schloßberger von Kaiser Karl V. einen Wappenbrief.[4]
Das Wappen, das beispielsweise ein 1658 im Alter von 60 Jahren in Auftrag gegebener Porträtstich des Esslinger Bürgermeisters Johann Georg Schloßberger überliefert,[5] zeigt eine Dreiturmanlage mit einem Portal im mittleren Turm. Das noch zu besprechende Deckengemälde lehrt, dass das Schloss in Silber auf rotem Grund stand.
Das Gebäude wurde unter Konrad Schloßberger (vor 1558–1638) durch Heinrich Schickhardt verändert, da Schickardt es in seinem Werkverzeichnis führt.[6] Es erhebt sich mit zwei Fachwerkgeschossen über einem steinernen Sockelgeschoss und besaß zumindest vermutlich zur Webergasse hin ursprünglich einen Giebel.
Den barocken Umbau, der die mutmaßlichen Giebel beseitigte und möglicherweise auch die Nordwestecke mit der Stube im Inneren des zweiten Obergeschosses über einer Kehle weit vorkragen ließ, veranlasste Georg Andreas Schloßberger (1666–1737).[7] Sicher stammen aus dieser Zeit die Fenster mit ihren geohrten Sandsteinrahmen nebst Scheitelsteinen und das Hauptportal ebenfalls mit einem Scheitelstein in der rundbogigen Archivolte. Georg Andreas Schloßberger, der zudem Auftraggeber des Deckengemäldes ist, wurde 1720 in Esslingen Bürgermeister.[8]
Stube in der Nordwestecke des zweiten Obergeschosses
Der mit dem Deckengemälde inmitten einer Stuckdecke mit Bandelwerkstuck ausgestaltete Raum liegt im zweiten Obergeschoss hinter der weit vorkragenden Nordwestecke des Hauses. Durch die drei Fenster zur Webergasse und die beiden zur Strohstraße erhält der auf Stockwerkshöhe verbleibende, als Stube anzusprechende Raum viel Licht.
Drei Putten präsentieren das Schloßbergerwappen
Beschreibung
Vor einem blauen, hell bewölkten Himmel sitzt ein kräftiger Putto ohne Flügel, doch mit einem seitlich auffliegenden roten Mantel auf einem Füllhorn. Er hält das Wappen der Familie Schloßberger, das er mit Ähren schmückt, die auch sein Haupt bekränzen. Das Wappen mit einer silbernen Dreiturmanlage auf rotem Grund steht mit seiner Helmzier auf einem blauen Grund, der in goldenen Lettern die Inschrift „DOMINUS PROVIDEBIT“ trägt. Dominus Providebit ist ein Zitat aus Genesis 22,8 und bedeutet „der Herr wird vorsorgen“. Die Bibelstelle schildert Abrahams Bereitschaft, seinen Sohn Isaak zu opfern.
Die Versorgung durch Gott versinnbildlichen im Deckengemälde die Ähren und das Füllhorn, aus dem vor allem symbolbeladene Blüten, wie Rose, Clematis und Passionsblume, aber auch Ähren, Äpfel, Birne und Trauben quellen. Weitere Blumengirlanden mit Rosen, Clematis und Passionsblume umranken das Wappen. Sie werden von einem mit einem Lorbeerkranz herbeischwebenden Putto gehalten. Ein weiterer nunmehr geflügelter Putto hält einen kahlen Zweig, lächelt jedoch verzückt. Neben ihm liegt eine Weintraube.
Da der Putto keine Flügel hat und die alttestamentliche Textstelle das Opfer Isaaks durch seinen Vater Abraham schildert, könnte der Putto auch den Nachwuchs der Familie versinnbildlichen, der mit Gottes Hilfe gesund, kräftig und zahlreich erhofft wurde.
Zuweisung an den Maler des Rathauses Paul Ambrosius Reith
Der Maler des Deckengemäldes ist Paul Ambrosius Reith, der 1726–1727 die Deckengemälde des großen Saals im Esslinger Rathaus in Öl auf Leinwand gemalt hat.[9] Die stilistisch überaus überzeugende Zuschreibung wird durch den Sachverhalt gestützt, dass Georg Andreas Schloßberger seit 1720 Bürgermeister in Esslingen war.[9] Er gehörte also zu jeder Gruppe von Männern, die das Programm des Rathaussaals seinerzeit mitbestimmten.
Programm und Synthese
Ähnlich wie im zeitgleich ebenfalls von Paul Ambrosius Reith gemalten Deckenprogramm im Rathaussaal, verbindet das Deckengemälde in der Stube des Bürgermeisters Georg Andreas Schloßberger Standesbewusstsein mit Gottesfürchtigkeit. Das von einem kräftigen, gesunden Nachwuchs verheißenden Putto gehaltene Wappen repräsentierte die Familie mit ihrer Tradition und der Hoffnung auf langes Weiterbestehen. Die Beischrift in der Übersetzung „der Herr wird vorsorgen“ erinnerte zusammen mit den reichen Gaben der Natur, wem der Wohlstand zu verdanken war.
Bibliographie
- Ottersbach, Hic domus, 2002 = Christian Ottersbach, „Hic domus haec patria est”. Esslingens barockes Rathaus. Residenz der Ratsaristokratie und imaginäres Kaiserschloss?, in: Esslinger Studien, 41 (2002), S. 15–45.
- Ottersbach/Augustin, Esslingen, 2013 = Esslingen am Neckar. Ein kulturgeschichtlicher Stadtführer, hg. von Christian Ottersbach und Mario Augustin, Esslingen am Neckar 2013.
- Ottersbach/Ziehr, Esslingen, 2005 = Esslingen am Neckar. Kunsthistorischer Stadtführer, hg. von Christian Ottersbach und Claudius Ziehr, 3.te überarbeitete Auflage, Esslingen am Neckar 2005.
- Wichmann, Esslingen am Neckar, 1981 = Ortskernatlas Baden-Württemberg, hg. vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Bd. 1.1: Stadt Esslingen am Neckar, bearbeitet von Petra Wichmann, Stuttgart 1985.
Einzelnachweise
- ↑ Wichmann, Esslingen am Neckar, 1981, S. 40 und 42.
- ↑ Ottersbach/Ziehr, Esslingen, 2005, S. 113; Ottersbach/Augustin, Esslingen, 2013, S. 135. Die Lebensdaten nach Handelsherr Peter Schlossberger geb. um 1500 Ulm,,,,,,,, gest. 03 Aug 1558 Esslingen,,,,,,,,: Familiendaten der Paul Wolfgang Merkelschen Familienstiftung
- ↑ Ottersbach/Ziehr, Esslingen, 2005, S. 113; Ottersbach/Augustin, Esslingen, 2013, S. 135.
- ↑ Ottersbach/Augustin, Esslingen, 2013, S. 135. Handelsherr Peter Schlossberger geb. um 1500 Ulm,,,,,,,, gest. 03 Aug 1558 Esslingen,,,,,,,,: Familiendaten der Paul Wolfgang Merkelschen Familienstiftung
- ↑ Permalink: http://diglib.hab.de/varia/portrait/a-19221/start.htm. Stecher sind Johann Georg Bodenehr und Jonas Arnold.
- ↑ Ottersbach/Ziehr, Esslingen, 2005, S. 113; Ottersbach/Augustin, Esslingen, 2013, S. 135–136. Die Lebensdaten nach Konrad Schlossberger geb. vor 1558 Esslingen,,,,,,,, gest. 28 Okt 1638 Esslingen,,,,,,,,: Familiendaten der Paul Wolfgang Merkelschen Familienstiftung
- ↑ Ottersbach/Ziehr, Esslingen, 2005, S. 113–114; Ottersbach/Augustin, Esslingen, 2013, S. 136. Die Lebensdaten nach Georg Andreas von Schlossberger geb. 16 Sep 1666 Esslingen gest. 1 Dez 1737 Esslingen: Familiendaten der Paul Wolfgang Merkelschen Familienstiftung
- ↑ Ottersbach/Ziehr, Esslingen, 2005, S. 113–114; Ottersbach/Augustin, Esslingen, 2013, S. 136.
- ↑ 9,0 9,1 Ottersbach/Ziehr, Esslingen, 2005, S. 114; Ottersbach/Augustin, Esslingen, 2013, S. 136.