Erfurt, sog Haus zum Sonneborn
Inventarnummer: cbdd20247
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In einer Bohlenstube hat sich Wandmalerei aus der Zeit um 1600 erhalten. Ein Tugendzyklus, ein Jahreszeitenzyklus sowie ein Zyklus der Sinne werden ergänzt durch Tiere und Fabelwesen, die sich in wucherndem Rankenwerk befinden.

Das sog. Haus zum Sonneborn in Erfurt
Kurzbeschreibung und Lage
Das so genannte Haus zum Sonneborn[1] steht in der Erfurter Altstadt unweit des Domplatzes auf einem Eckgrundstück an der Einmündung der Straße „Kleine Arche“ in die Straße „Große Arche“, sodass die Giebelseite des Hauses bereits von der Marktstraße aus gesehen werden kann.
Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte
Das so genannte Haus zum Sonneborn wurde 1546 für Nikolaus Ludolf erbaut. Im 20. Jahrhundert wurde es niedergelegt und in seiner äußeren Erscheinung bis 1988 als „Hochzeitshaus“ kopierend neu errichtet. Vom ursprünglichen Bau sind nur die Gewölbekeller, die Südwand, das Eingangsportal und eine Bohlenstube mit figürlich bemalten Sgraffitifeldern im ersten Obergeschoss erhalten.[2]
Beschreibung
Das zweigeschossige Bürgerhaus mit hohem Krüppelwalmdach hatte ursprünglich ein massives Erdgeschoss und Obergeschosse von Fachwerk. Die Giebelseite mit Eingang ist nach Norden ausgerichtet. Das üppig verzierte Eingangsportal unter der vorkragenden Bohlenstube zeigt in den Portalzwickeln Baujahr sowie Familienwappen und Initialen des Bauherrn. Die Sgraffiti an der Außenwand der Bohlenstube stellen Allegorien der Gerechtigkeit (Justitia) und der Wissenschaft (Scientia) in zeitgenössischer Tracht dar.[3]
Bohlenstube und ihre Malerei
Bau- und Ausstattungsgeschichte
Die Bohlenstube ist im ersten Obergeschoss an der Nordwestecke des Hauses gelegen. Während die Wände noch original sind, stammen Fußboden und Decke von 1988. Die Decke erhielt einen neutralen Anstrich nach Befund. Auf eine Rekonstruktion der dort nahezu gänzlich verlorenen gemalten Fassung wurde verzichtet. Die Bemalung der Wände stammt aus der Zeit um 1600 und ist weitgehend erhalten. Fehlstellen wurden sichtbar gelassen und in Tratteggio-Technik geschlossen. Auf eine ergänzende Analogiefassung ist verzichtet worden.[4]
Beschreibung
Der rechteckige Raum wird von Süden aus durch eine mittige Tür betreten. An der Nordseite befinden sich drei Fenster. An der Südwand stand ehemals ein Ofen, dessen Nische sich links der Eingangstür erhalten hat. Die Wände sind mit malerischen Mitteln in drei horizontal verlaufende Bereiche untergliedert. Über einem roten Sockelstreifen mit vegetabiler Ornamentik folgen zwei annähernd gleich hohe Zonen. In der unteren befinden sich in üppigem Blattwerk mit Früchten und Blumen verschiedene Tiere und Fabelwesen. Darüber sind mit Ausnahme der Fensterwand Medaillons mit Allegorien und Personifikationen als Hüftstück angeordnet. Sie sind modisch in der Tracht um 1600 gekleidet. Die beiden oberen Bereiche sind durch ein neues Gesims voneinander getrennt, die ein ursprüngliches ersetzen, dessen Aussehen unbekannt ist.
Die Nordwand
Beschreibung und Ikonographie
Die Nordwand ist jene Wand, auf die man blickt, wenn man den Raum betritt. Im oberen grün gehaltenen Bereich werden die Fenster durch grüne vegetabile Ornamentik in der Art von Rollwerk umfasst. Der untere Bereich ist in großen Teilen zerstört. Zwischen den Fenstern ist links ein Strauß zu sehen und rechts eine Antilope.
Die Westwand
Beschreibung und Ikonographie
Im oberen Wandbereich waren die fünf Sinne dargestellt. Sie sind jeweils beschriftet. Ganz links ist der Tastsinn „TACTVS“ dargestellt. Ein Vogel pickt auf den Finger einer Frau. Es folgt der Geschmackssinn „GVSTUS“, visualisiert durch einen Mann, der aus einem Glas trinkt. Als nächstes folgt eine Laute spielende Frau, die für den Hörsinn „AVDITVS“ steht. Als viertes folgt wieder ein Mann. Die Darstellung ist beschriftet mit „RACTVS“, es muss jedoch ODORATVS heißen. Der Mann riecht an einer Frucht und allegorisiert den Geruchssinn. Der Gesichtssinn „VISUS“ ist verloren und das Feld heute leer.
Im unteren Feld ist links ein springender Hirsch zu sehen. Dann folgt eine Taube. In der Mitte der Wand steht ein weißes Einhorn. Weiter rechts erblickt man einen Strauß. Ganz rechts ist die Malerei auch im unteren Register zerstört.
Die Ostwand
Beschreibung und Ikonographie
Im oberen Register werden die drei theologischen und vier weltlichen Tugenden im Bild präsentiert. Ganz links ist der Glaube mit Kelch und Kreuz zu sehen. Die Beschriftung „SPES“ ist verloren. Es folgt die Nächstenliebe „CHARITAS“ mit zwei Kindern, von denen sie eines stillt. Danach ist die Hoffnung „SPES“ mit Anker und einem Falken unter einer Haube auf ihrer Hand dargestellt. In der Mitte der Wand ist die gerüstete Stärke „FORTITVDO“ ins Bild gesetzt. Kraftstrotzend hat sie ihr Hauptattribut – eine Säule – geschultert. Die rechts folgende Gerechtigkeit „IVSTITIA“ hält ihre üblichen Attribute Schwert und Waage in Händen. Die nächste Allegorie zeigt die zweigesichtige Klugheit „PRVDENTIA“ mit Schlangen in der Hand. Den Schluss der Folge macht bereits auf der Südwand die Mäßigkeit „TEMPERANTIA“.
In der unteren Reihe sind in den Ranken links ein Adler und daneben ein Löwe zu sehen. Das nächste Tier ist verloren. Ganz rechts steht ein Elefant.
Die Südwand
Beschreibung und Ikonographie
An der Ostwand ist die vierte der weltlichen Tugenden sowie die vier Jahreszeiten allegorisch ins Bild gesetzt. Ganz links neben der Ostwand ist die Tugend der Mäßigung „TEMPERANTIA“ zu sehen, die Wein mit Wasser mischt. Es folgt die Allegorie des Winters „HYEMS“, dargestellt durch eine warm gekleidete Frau, die sich eine Hand über einem Kohlebecken wärmt. Die anschließende Darstellung des Herbstes „AVTVMNVS“ ist nur in ihrer oberen Hälfte erhalten. Man erblickt einen Mann, dessen Haupt mit Weintrauben geschmückt ist. Die dritte Allegorie, die den Sommer darstellen soll, ist fast komplett verloren. Der Schriftzug „AESTAS“ ist weitgehend erhalten. Bei der Allegorie des Frühlings, die den Schluss macht, fehlt die Beschriftung. Man erblickt einen Mann mit Blumen im Haar, der in seiner rechten Hand ebenfalls Blumen hält. Rechts vor ihm steht eine Blumenvase.
Die Darstellungen im unteren Wandbereich sind fast komplett verloren. Nur ganz rechts ist ein Vogel auszumachen. Dafür sind hier Reste einer zweiten Fassung zu sehen, zu der ein Jüngling gehört.
Bibliographie
- Literatur:
- Dehio, Thüringen, 2003. – Dehio, Georg: Thüringen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Stephanie Eißing und Franz Jäger. 2. Aufl. München/Berlin 2003.
- Dehio, Thüringen II, 2025. – Dehio, Georg: Thüringen II (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Stephanie Eißing, Franz Jäger und anderen; überarbeitet und erweitert von Kerstin Vogel und anderen. Berlin/Boston 2025.
- Archivalien:
- Hausakte. – Stadtverwaltung Erfurt, Bauamt, Untere Denkmalschutzbehörde, Hausakte Große Arche 6.