Ehrenbreitstein, ehem Residenzschloss Philippsburg
Inventarnummer: cbdd10042
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Das während des 30jährigen Krieges (1626-1629) errichtete Residenzschloss der Trierer Kurfürsten unterhalb der Festung Ehrenbreitstein gehörte zu den bedeutendsten Bauten des 17. Jahrhunderts. Trotz seiner Zerstörung 1801 ff. liegen einige Nachrichten über die verlorenen Deckenmalereien vor.

Kurzbeschreibung und Lage
Das Schloss lag auf dem rechten Rheinufer, unterhalb der Festung Ehrenbreitstein und gegenüber der Moselmündung. Richtung Rhein war ihm eine Befestigung in Form eines Kronwerks vorgelagert. Südlich, in Richtung des heute als Stadtteil zu Koblenz gehörenden Ortes Ehrenbreitstein (während des 17. und 18. Jahrhunderts zur Unterscheidung von der Festung „Thal Ehrenbreitstein“ genannt), entstanden vom Ende des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts verschiedene weitere, zur Residenz gehörende Gebäude von denen die Pagerie (Johann Christoph Sebastiani, 1690-1692 auf älterem Sockelgeschoss von 1679), das Dikasterialgebäude von Balthasar Neumann (ab 1739, Innenausstattung bis 1759) der dahinter gelegene Krummstall und der 1762-1763 nach Plänen von Johannes Seiz errichtete Marstall bis heute erhalten sind.[1]Für das Dikasterialgebäude ist noch die Ausmalung eines Zimmers durch den Maler Gottfried Bernhard Manskirsch (1736-1817) nachweisbar, über die aber weiter nichts bekannt ist[2], so dass sie hier unberücksichtigt bleibt.
Das zerstörte Schloss, dessen heutige, vom Bauherren abgeleitete Bezeichnung „Philippsburg“wahrscheinlich erst im 19. Jahrhundert, lange nach der Zerstörung, entstand[3], umfasste sieben Flügel, die drei Höfe umgaben. Dabei waren die beiden äußeren Höfe zum Felshang, der mittlere zum Rhein hin geöffnet. Die äußeren und inneren Ecken der rheinseitigen Flügel wurden durch einstöckige Türme mit geschweiften Hauben und Laternen betont die oberhalb der Traufe aufgesetzt waren.[4]
Der mittlere, zum Rhein hin geöffnete Hof war auf der Rückseite durch einen teilweise auf bzw. gegen den Felsen gebauten Flügel geschlossen, dessen Mitte das turmartige Treppenhaus, wieder mit geschweifter Haube und Laterne, vorgelagert war. Alle Bauteile wiesen über dem Sockelgeschoss drei Stockwerke auf, wobei der mittlere Flügel im Bereich des Sockelgeschosses einen vorgelagerten Altan ausbildete zu dem mittig eine doppelläufige Freitreppe und zwei seitliche Treppen hinaufführten. Von hier aus führte der Eingang in das vorspringende Treppenhaus, das rechts und links von einem weiteren Altan, gebildet aus dem vorgezogenen Erdgeschoss, flankiert wurde. Unterhalb der Altane befanden sich Bogengänge, die als Kommunikationsmöglichkeit zwischen dem linken und rechten Gebäudeteil dienten. Diese ungewöhnliche Lösung war wegen des anstehenden Felsens notwendig, dem der Mittelflügel gewissermaßen stufenförmig aufgesetzt war.[5]
Die seitlichen Gebäudeteile waren nicht genau rechtwinklig zum mittleren Hof angeordnet, sondern in einem stumpfen Winkel, d. h. die rechte und linke Front wichen nach außen hin leicht zurück. Dies könnte einerseits bewusst angelegt worden sein um den Hof tiefer erscheinen zu lassen[6], andererseits wurde sehr wahrscheinlich in den rechten Flügel ältere Bausubstanz einbezogen, die diese Stellung vorgab, so dass sie aus Symmetriegründen auch auf der linken Seite ausgeführt wurde. Wahrscheinlich bedingte der vorhandene Altbau außerdem die trotz gleicher Frontlänge unterschiedliche Zahl der Fensterachsen im linken und rechten rheinseitigen Flügel.
Die gesamte Anlage war etwa 130m breit, die beiden äußeren Gebäudeteile jeweils 45m, der mittlere Flügel 40m. Laut einer 1788 erstellten Beschreibung enthielt das Schloss drei Säle, 83 Zimmer und außerdem Nebenräume sowie Flure.[7]
Bau-, Ausstattungs- und Funktionsgeschichte
Nach den erhaltenen Schriftquellen lag die hauptsächliche Bauzeit des Schlosses in den Jahren 1626 bis 1629, wobei eine Inschrifttafel das Jahr 1630 nannte.[8] Bereits seit dem 16. Jahrhundert führten Konflikte mit der Bürgerschaft und später dem Domkapitel dazu, dass die Trierer Kurfürsten und Erzbischöfe die alte Kathedralstadt Trier zugunsten anderer Orte vernachlässigten.[9] Bei der langsamen Ausbildung einer festen Residenz erwiesen sich die verkehrsgünstige Lage sowie die durch die Burg bzw. Festung Ehrenbreitstein gegebene Sicherheit als positive Faktoren für Koblenz bzw. den gegenüberliegenden Ort Mülheim im Thal, später Thal Ehrenbreitstein.[10] Hinzu kamen die diversen Kriege des 17. Jahrhunderts, die zu einer mehrmaligen Besetzung Trier führten und somit die Entscheidung für eine Residenz am Rhein zusätzlich festigten.
Der Bauherr, Kurfürst Philipp Christoph von Sötern (AZ 1623-1652) verlieh dieser Orientierung somit gewissermaßen architektonischen Ausdruck, auch wenn er den von seinem Vorgänger Lothar von Metternich (AZ 1599-1623) begonnen Ausbau des kurfürstlichen Palastes in Trier trotzdem weiterführte.
Der Entwurf der Philippsburg wurde von Fritz Michel Georg Ridinger zugeschrieben, was er mit dessen Tätigkeit auf der Festung Ehrenbreitstein 1610 und die Ähnlichkeit der Philippsburg mit dem Aschaffenburger Schloss begründete.[11] Allerdings müsste der Plan des 1617 verstorbenen Ridinger dann bereits unter dem Vorgänger Söterns, Lothar von Metternich, entstanden sein.
Sehr wahrscheinlich wurde beim Bau der Philippsburg ein bereits vorhandenes Gebäude, das sogenannte „Fuderhaus“ (das auf einigen älteren Ansichten zu sehen ist und bei dem es sich um eine Niederburg zur Sicherung des Aufgangs zur Festung gehandelt haben dürfte[12]) in den rechten rheinseitigen Flügel integriert. Dies bestätigen nicht nur Schriftquellen (es sind lediglich Ausgaben für den Abbruch seines Daches, nicht aber der Mauern aufgeführt) sondern auch Ende des 18. Jahrhunderts entstandene Grundrisse. Darin sind die ehemaligen Außenmauern des Fuderhauses aufgrund ihrer großen Stärke deutlich erkennbar.[13]Zudem wird der betreffende Gebäudeteil in einem 1776 entstandenen Protokoll des Hofbaumeisters Johannes Seiz als „der älteste theil von dem Residenz gebäude“ bezeichnet.[14]
Söterns Nachfolger ließen immer wieder Teile des Schlosses neu ausstatten und renovieren, wobei diese Arbeiten aufgrund der Zerstörung lediglich anhand der erhaltenen Schriftquellen nachvollzogen werden können, so dass hier nicht im Einzelnen darauf eingegangen werden soll. Der Baubestand wurde hierbei vor allem durch die Erweiterung der im äußersten linken Flügel gelegenen Hofkapelle 1751-1755 nach Plänen von Johannes Seiz verändert, ein 1749 von Balthasar Neumann projektiertes neues Treppenhaus kam nicht zur Ausführung.[15]
1776 wurden im Auftrag des Kurfürsten Clemens Wenzeslaus von Sachsen (AZ. 1768-1794/1801) Gutachten über den Baubestand eingeholt, die eindeutig einen sehr schlechten Zustand des Gebäudes ergaben und auf die Gefahr von Felsstürzen verwiesen. Neben dem bereits erwähnten Gutachten von Johannes Seiz lieferte auch Michel D’Ixnard, der spätere (erste) Architekt des Neuen Schlosses in Koblenz, eine Denkschrift, die die Aufgabe der Philippsburg empfahl, auch wenn Seiz noch zwei Pläne für eine Wiederherstellung und Umgestaltung vorlegte.[16]
Bereits im folgenden Jahr1777 musste der Hofzimmermann Michael Wirth die zwei Türme des südlichen Flügels wegen akuter Einsturgefahr abbrechen, der Kurfürst verließ die Philippsburg und zog vorübergehend, bis zur Fertigstellung des Koblenzer Schlosses, in den benachbarten Dikasterialbau.[17]
Das leerstehende Gebäude der Philippsburg wurde in den folgenden Jahren noch zur Unterbringung verschiedener Gewerbebetriebe genutzt[18], später dann als Lazarett für verwundete Soldaten der Koalitionskriege. Nicht nur das Mobiliar, sondern auch Teile der wandfesten Ausstattung wurden zur Wiederverwendung im Koblenzer Schloss und in anderen kurfürstlichen Gebäuden entfernt, hinzu kamen Diebstähle und allgemeiner Verfall der in großen Teilen ungenutzten und nicht ausreichend bewachten Anlage. Weitere Schäden entstanden in Folge der Belagerung der Festung Ehrenbreitstein durch französische Truppen.[19]
Eine 1797 entstandene Zeichnung zeigt den rechten, südlichen Schlossteil bereits als dachlose Ruine.[20] Weitgehend zerstört wurde die Philippsburg 1801, als die französischen Truppen, die gemäß dem Frieden von Lunéville das rechte Rheinufer räumen mussten, die Festung Ehrenbreitstein sprengten. Spätestens mit der Neubefestigung des Ehrenbreitsteins durch Preußen nach 1815 wurde die Ruine abgetragen, lediglich einige Mauerreste[21] und in verschiedenen anderen Gebäuden verwendete Spolien (Gewändesteine mit dem Namen des Bauherren) sind noch erhalten.[22]
Deckenmalerei im Rittersaal
Der 1776 als solcher bezeichnete „Ritter=Saal“[23] lag im obersten, d. h. dritten Stockwerk und nahm fast den gesamten mittleren Flügel ein, wie ein 1788 von Hofzimmermann Wirth erstellter Grundriss zeigt[24]. Der Saal wurde unmittelbar vom Treppenhaus betreten und hatte eine Größe von 110x22 Schuh, d. h. 32,5x6,5m, er nahm fast die gesamte Hoffront des mittleren Flügels ein, lediglich links, d. h. nördlich umfasste ein anschließender Raum noch eine der hofseitigen Fensterachsen. Hieraus ergab sie eine, bezogen auf das Treppenhaus, etwas unsymmetrische Gliederung des Saales, der nördlich des Treppenhauses vier und südlich fünf Fensterachsen zum Hof aufwies. In der Tiefe umfasste der Saal den gesamten Flügel, die Rückwand wurde teilweise vom anstehenden Felsen gebildet, wobei unmittelbar gegenüber dem Treppenhaus offenbar eine Art tiefe Nische ausgebrochen war. Durch zwei mittig in den Schmalseiten gelegene Portale wurden die benachbarten Räume angeschlossen. Sehr wahrscheinlich befanden sich hier die beiden Marmorportale, die 1668 von Johann Heinrich Neuß geliefert wurden, außerdem soll er noch zwei Kamine für den Saal gefertigt haben[17], der Grundriss von 1788 zeigt allerdings keine Schornsteine in diesem Bereich.
Der bereits erwähnte Umbauplan Balthasar Neumanns von 1749 überliefert einen Schnitt durch den Saal.[25]
Demnach war die Wand im oberen Drittel durch ein kräftiges Horizontalgesims gegliedert, oberhalb dessen lagen kleine Fensteröffnungen, die auf der Hofseite mit den großen Fensteröffnungen korrespondierten. Auf der Rückseite waren, wegen des anstehenden Felsens nur diese kleinen oberen Fenster vorhanden.[26] In dieser Wand scheint gegenüber dem Treppenhaus später eine bis in den Felsen reichende Nische eingebrochen worden zu sein, die auf dem 1788 entstandenen Grundriss eingetragen ist.
Die Decke war als Muldengewölbe ausgebildet, in das Stichkappen für die kleinen Fensteröffnungen oberhalb des Gesimses einschnitten, an den Stirnseiten waren ebenfalls drei solcher Stichkappen vorhanden.
Es handelte sich dabei um eine Holzkonstruktion, das Gutachten des Hofbaumeisters Seiz von 1776 beschreibt sie folgendermaßen „In dem langen saal ist das höltzerne gewölb nur von bordt zusamm genagel, welches mehren theils von wurm und trockener faullung gantz durchzogen ist, daß die daran so schwehr angenagelte und hangente stuckatur arbeit nach und nach stücker weiß herunter fallen und alle darunter durch Baßirente [=passierende Personen] der gefahr ausgesetzet seind, von solche abfallende stucke beschädigt zu werden, wie der schon vielle herunter gefallen seindt undt zwar zu glück als niemand im saal wahr.“[27]
Dieses „mit vielen hundert Centnern Gyps beladenes Gewölb“[28] war 1688 von Nicolao Carcano stuckiert worden, zusammen mit einem Raum neben dem Saal, der Antichambre und einem neuen Zimmer über der Kapelle.[29]
Eine Beschreibung der Räume in der Philippsburg findet sich in einem Reisebericht, der 1764 in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde, aber den Zustand etwa 1705[30] wiedergibt:
„In dem Churfürstlichen Pallaste sind die Zimmer nicht sehr groß, aber mit überaus schönen Tapeten behangen. Dennoch hat er einen Saal über hundert Fuß lang, in dessen Decke ein Italiäner, Namens Sanguinetti, verschiedene verschiedene Begebenheiten aus der aus der Geschichte des Marcus Aurelius und Aelius Verus gemalt hat. Dieser Saal ist gleichfalls mit einer Menge guter Bildnisse ausgezieret, unter welchen Kaiser Leopolds, König Karls II. von Spanien, und des deutschen Helden, des letzten Churfürsten von Brandenburg, Friedrich Wilhelms seines ist. Unter den vornehmsten Tapetenbekleidungen sind die Geschichten Josephs und seiner Brüder in zwölf Stücken. Die Geschichte des Belisarus, des Feldherren des Justinians, der ein merkwürdiges Beispiel der Unbeständigkeit des Glücks ist, in acht Stücken. Die schönste unter allen aber, meinem Geschmacke nach, ist die Geschichte der Meleagers und der Atalante, in sechs großen Stücken. Das Schlafgemach des Churfürsten ist mit rothem Damast behangen. Auf diese Art sind auch das Bette und die Stühle, alles aber mit güldenen Franzen besetzt.“[31]
Die Deckengemälde im Saal sind somit wohl mit einer 1695 erfolgten Zahlung von 125 Pistolen an Lazarus Maria Sanguinetti für „Fresco-Gemälde“[32] in Montabaur und Ehrenbreitstein in Verbindung zu bringen. Da die erhaltenen Deckengemälde in Montabaur (siehe dort) eher kleinformatige Arbeiten sind, dürfte der größte Teil des recht stattlichen Betrages (etwa 625 Reichstaler) für die Malerei im Saal der Philippsburg bestimmt gewesen sein, da die Malerei in Montabaur allerdings erst später ausgeführt worden sein kann, könnte es sich auch um einen Vorschuss gehandelt haben, womit der Anteil der Ausmalung des Ehrenbreitsteiner Saales noch größer wäre. Nicht zutreffend ist daher die Angabe Fritz Michels, nach der Sanguinetti den Saal erst Anfang des 18. Jahrhunderts ausgemalt habe[33], zumal die in dieser Zeit von Sanguinetti ausgeführten Malereien in anderen Räumen lagen (siehe unten). Allerdings erfolgte 1714 eine Ausbesserung verschiedener Stuckarbeiten durch den Stuckateur von „Newenwied“ (=Neuwied), also vermutlich einem der am dortigen Schloss tätigen Stuckateure, die auch den Stuck im Rittersaal betroffen haben könnte.[34]
Da keine genaueren Angaben vorliegen, muss offenbleiben, welche Szenen aus dem Leben der römischen Kaiser Marc Aurel (AZ 161-180) und Aelius Verus (AZ 161-169) dargestellt waren. Damit erübrigen sich auch detaillierte Überlegungen nach dem mit der Malerei ausgedrückten Programm, allenfalls die Auswahl der beiden Herrscher lässt vielleicht einen Bezug zu den geistlichen Kurfürsten erkennen: Da beide gemeinsam regierten und beide von ihrem Vorgänger adoptiert worden waren, könnte hier ein Verweis auf die Praxis gesehen werden, dass die geistlichen Kurfürsten zu Lebzeiten einen Koadjutor erhielten der dann das Recht zur Nachfolge beanspruchen konnte.
Für den Auftraggeber, Johann Hugo von Orsbeck (AZ 1676-1711), traf dies zu, da er Koadjutor seines Onkels, Carl Caspar von der Leyen (AZ 1652-1676) gewesen war.[35] Dieser wiederum war jedoch seinerseits nur gegen den Widerstand seines Vorgängers, Philipp Christoph, des Schlosserbauers, und mit Unterstützung des Trierer Domkapitels als Koadjutor gewählt worden. Da Philipp Christoph aufgrund seiner pro-französischen Politik stets im Widerspruch zum Domkapitel gestanden hatte (und zeitweilig die Installation des Kardinals Richelieu als seines Koadjutors betrieb) hatte man ihn verhaftet und als kaiserlichen Gefangenen bis 1645 festgehalten.[36]
Die im Reisebericht ausdrücklich erwähnten, im Saal hängenden Portraits Kaiser Leopolds I. und des spanischen Königs Karl II. könnten dabei als ein Bekenntnis zur Treue zum Haus Habsburg verstanden werden: Philipp Christophs pro-französische Politik hatte bei den Habsburgern die Befürchtung erweckt, das Kurfürstentum Trier könne sich als französischer „Keil“ zwischen die habsburgisch-spanischen Besitzungen in den Niederlanden und die Stammlande schieben.
Damit war durch die Deckenmalerei einerseits ein Verweis auf das Instrument der Koadjutorwahl gegeben, die Portraits verwiesen andererseits auf die Treue zum Haus Habsburg. Damit drückte der Saal eine Abkehr von der Politik des Schlosserbauers aus, der die Möglichkeit der Koadjutorwahl unglücklich benutzt und gegen Habsburg gehandelt hatte. Allerdings bleibt diese Deutung unsicher, da nichts über die weiteren, laut Reisebericht Blainvilles noch im Saal hängenden Bildnisse bekannt ist, die diese Deutung womöglich unterstützen aber auch widerlegen könnten.
Aus dem Wortlaut des Reiseberichts ist ebenfalls nicht zu erkennen, ob die genannten Tapisserien zumindest teilweise ebenfalls in dem Saal angebracht waren. Man muss hierbei allerdings bedenken, dass zwar die zum Felsen gelegene Rückwand des Saales nur oberhalb des Gesimses Fenster aufwies, daher zur Aufhängung von Gemälden und/oder Tapisserien relativ viel Fläche bot (abgesehen von der anscheinend in späterer Zeit in die Wand eingebrochenen Nische), andererseits aber auf den Schmalseiten durch die Portale erheblich weniger Platz zur Verfügung stand. Die Vorderwand war durch Fenster und den Treppenhauszugang fast völlig aufgelöst und daher nur sehr bedingt zu Aufhängung von Bildern geeignet. Daher kann man wohl annehmen, dass im Saal keine großformatigen und mehrere Stücke umfassenden Serien von Tapisserien hingen.
Malerei in den "Lothringischen Zimmern"
Unter Johann Hugo von Orsbecks Nachfolger Karl Joseph von Lothringen (AZ 1711-1715) wurde eine Neuausstattung der kurfürstlichen Räume in Angriff genommen. Es ist anzunehmen, dass nach der langen Regierungszeit Orsbecks und den kriegerischen Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte ein gewisser Nachholbedarf im Hinblick auf eine zeitgemäße Ausstattung bestand.
Zunächst wurde am 7. August 1711 durch den Hofbaumeister Philipp Joseph Honorius Ravensteyn der Akkord mit dem Stuckateur Carlo Maria Pozzi geschlossen, was Profile, Laubwerk und Reliefs umfasste. Im November des nächsten Jahres (1712) folgte der Vertragsabschluss mit Lazarus Maria Sanguinetti über Deckenmalereien in fünf Zimmern und die Voute in einem Kabinett zum Preis von 1000 Gulden.[37] Dass man hier wieder Sanguinetti beauftragte, dürfte neben einer vermutlich angestrebten Einheitlichkeit der Deckenmalereien in allen Räumen auch daran gelegen haben, dass er seit spätestens 1699 in Koblenz ansässig war.[38]
Die Räume wurden nach dem Auftraggeber fortan die „lothringischen Zimmer“genannt[17], und es ist wahrscheinlich, dass es sich hierbei um das kurfürstliche Appartement im nördlichen Flügel handelte. Da die Nutzungsgeschichte der Räume in der Philippsburg bislang fast gänzlich unerforscht ist, muss offenbleiben, welche Räume konkret ausgestattet wurden und ob diese Neuausstattung vielleicht mit Änderungen im Zeremoniell zusammenhing. Geht man jedoch vom Rittersaal aus, so kommt man hierbei tatsächlich auf die Zahl von fünf unmittelbar auf den Saal folgenden Räumen und einem anschließenden Kabinett.
Bereits für 1744 sind jedoch wieder Stuckarbeiten in den kurfürstlichen Räumen belegt, 1757 wurden neue Supraporten für die lothringischen Zimmer beschafft, am 3. Februar 1769 wurde wiederum ein Vertrag über Stuckarbeiten, diesmal mit Michael Eytel, abgeschlossen, auch 1771 erfolgte eine Reparatur von Stuck bzw. dessen Erneuerung.[39] Inwieweit diese Arbeiten bereits die Zerstörung oder zumindest Veränderung der Malerei Sanguinettis zur Folge hatte, ist unklar; zumindest im Bereich des Stucks war es in Koblenz (und gerade im Werk Michael Eytels) in dieser Zeit durchaus üblich, ältere Decken mit moderneren Ornamenten zu kombinieren[40] so dass die Eingriffe in die ältere Dekoration nicht unbedingt sehr tiefgreifend gewesen sein müssten, sofern überhaupt die gleichen Räume betroffen waren.
Überlegungen zum Programm der Ausmalung dieser Räume lassen sich, da nicht einmal die einzelnen Darstellungen bekannt sind, nicht anstellen.
Malerei in der Hofkapelle
Zur Hofkapelle macht der erwähnte Reisebericht folgende Angaben: „Die Kapelle ist klein, aber sehr schön. Die Decke ist mit vergüldeter Bildhauerarbeit und die Wände mit Gemälden in verschiedenen Feldern, welche die merkwürdigsten Begebenheiten in unseres Heilands Leben vorstellen, ausgeschmückt. Ein Theil dieser Malereien ist von Baptista, einem Italiäner und der übrigen von Hektor, einem berühmten deutschen Maler.“[41]
Die Kapelle befand sich im nördlichen, linken Flügel des Schlosses, Richtung Osten, d. h. zum Felshang hin orientiert. [42] 1668 war sie mit einem Altar des Kölner Bildhauers Johann Heinrich Neuß ausgestattet worden, 1682 wurden Gemälde von Johann Baptist de Ruel und mehrfach, zuletzt 1710 Gemälde von Nicolaus Hector, 1703 schließlich solche von Louis Counet aus Trier bezahlt.[33] Ein Gemälde Counets, das möglicherweise zu diesen gehörte, war bis zum Zweiten Weltkrieg noch in der Koblenzer Städtischen Kunstsammlung vorhanden, ist heute aber verschollen. Es zeigte allerdings eine Verkündigung[43], wie sie bereits (siehe unten) von de Ruell für die Kapelle gemalt worden war, so dass die Zuordnung zur Hofkapelle unwahrscheinlich ist.
Die Bezeichnung „in verschiedenen Feldern“ legt dabei nahe, dass die Bilder fest eingebaut waren, es dürfte sich -da Fresken von den erwähnten Malern bislang nicht bekannt sind- wohl um Ölmalereien gehandelt haben. Da der vom Reisebericht erwähnte Italiener Baptista sonst nicht nachweisbar ist, dürfte es sich wohl um eine Verwechslung mit dem erwähnten, aber aus Antwerpen stammenden Johann Baptist de Ruel handeln. Dessen sechs Bilder zeigten „Natiuitate Christi, Purificationis, Praesentationis, Annuntiationis, Visitationis undt fugae in Aegyptium“.[44]
Der beschriebene Zustand wurde Mitte des 18. Jahrhunderts wohl bereits wieder beseitigt, als man ab 1752 mit einer umfassenden Erneuerung der Kapelle nach Plänen von Johannes Seiz begann. Hierbei erfolgten nicht nur eine Vergrößerung Richtung Osten und der Anbau eine Turms, sondern auch im Inneren eine komplette Neuausstattung mit Stuck und Marmoraltären, die 1756 abgeschlossen war.[45]1761 erhielt Januarius Zick noch eine Zahlung für ein Heiliges Grab in der Hofkapelle[46], wobei nicht klar ist, ob es sich dabei um Freskomalerei oder eine nur temporär aufzustellende Konstruktion und damit Ölmalerei auf Holz oder Leinwand handelte.
Bibliographie
- Becker, Wilhelm: Das königliche Schloß zu Coblenz. Ein Beitrag zur Geschichte des letzten Kurfürsten von Trier, Clemens Wenceslaus und der Stadt Coblenz. Koblenz 1886.
- Blainville, J. de: Des Herrn von Blainville [...] Reisebeschreibung durch Holland, Oberdeutschland und die Schweiz, besonders aber Italien aus des Verfassers eigener Handschrift in englischer Sprache zum erstenmal zum Druck befördert von Georg Tunbull, der Rechten Doctor und Wilhelm Guthrie, Ritter, nunmehr in das Deutsche übersetzet [...] von Johann Tobias Köhler, Professor zu Göttingen und Mitglied der Churfürstlich Maynzischen Akademie der nützlichen Wissenschaften, Ersten Bandes erste Abteilung Lemgo 1764.
- Dühr, Elisabeth / Lehnert-Leven, Christl (Hrsg.): Barockmalerei an Maas und Mosel. Louis Counet und die Lütticher Malerschule / La peinture baroque entre Meuse et Moselle. Louis Counet et L’École de Liège. Trier 2009.
- Eitelbach, Kurt: Johann Christophorus Sebastiani, ein kurtrierischer Hofbaumeister des 17. Jahrhunderts. Beitrag zur kurtrierischen Baugeschichte des 17. Jahrhunderts, Mainz 1950.
- Fachbach, Jens: Trier und Koblenz/Ehrenbreitstein. In: Adam, Wolfgang; Westphal, Siegrid (Hrsg.): Handbuch kulturelle Zentren der Frühen Neuzeit, Band 3, Berlin/New York 2012, S. 1919-1962.
- Fachbach, Jens: Hofkünstler und Hofhandwerker am kurtrierischen Hof in Koblenz / Ehrenbreitstein 1629-1794. Studie, Handbuch, Quellen (=Artifex. Quellen und Studien zur Künstlersozialgeschichte). Petersberg 2017.
- Fachbach, Jens: „Schönheit ohne Ziererei“ und „Pracht ohne Prunk“. Das Koblenzer Schloss als Residenz des aufgeklärten geistlichen Kurfürsten Clemens Wenzeslaus von Sachsen (1739-1812), in: Forster, Bernhard / Dupper, Jürgen / Buchhold, Stefanie (Hrsg.): 800 Jahre Veste Oberhaus. Mächtig prächtig! Fürstbischöfliche Repräsentation zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Regensburg 2019, S. 205-213.
- Liessem, Udo: Kurze Bemerkungen zu einigen Spolien der Philippsburg in Ehrenbreitstein in Gebäuden aus preußischer Zeit. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 39, 2013, Koblenz 2013, S. 357-362.
- Lohmeyer, Karl: Johannes Seiz. Kurtrierischer Hofarchitekt Ingenieur sowie Obristwachtmeister und Kommandeur der Artillerie. 1717-1779. Die Bautätigkeit eines rheinischen Kurstaates in der Barockzeit (=Heidelberger Kunstgeschichtliche Abhandlungen 1). Heidelberg 1914.
- Lohmeyer, Karl: Barocke Kunst und Künstler in Ehrenbreitstein. Das Wirken einer rheinischen Künstlerkolonie (= Zeitschrift des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz 13.1919/20, H. 1/2). Düsseldorf 1919.
- Michel, Fritz: Der Ehrenbreitstein. Koblenz o. J. [1933].
- Michel, Fritz: Die Kunstdenkmäler der Stadt Koblenz. Die profanen Denkmäler und die Vororte (=Die Kunstdenkmäler von Rheinland- Pfalz 1). München 1954.
- Persch, Martin / Schneider, Bernhard (Hrsg.): Kirchenreform und Konfessionsstaat 1500-1801 (Geschichte des Bistums Trier 3). Trier 2010.
- Restorff, Jörg: Die Baukunst des kurtrierischen Hofarchitekten Johannes Seiz unter besonderer Berücksichtigung der Schlösser und Residenzen. Münster 1992.
- Schwickerath, Marianne: Wo stand eigentlich die Philippsburg? Die ehemalige kurfürstliche Residenz in Ehrenbreitstein. Koblenz o. J. [1992].
- Straßer, Josef: Januarius Zick 1730-1797. Gemälde. Graphik. Fresken. Weißenhorn 1994.
- Weber, Ulrike (Bearb.): Stadt Koblenz. Stadtteile mit Einbeziehung der 1986 separat veröffentlichen Stadtteile südliche Vorstadt und Oberwerth (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz 3.3.). Worms 2013.
Einzelnachweise
- ↑ Nach wie vor bester Überblick über die Baugeschichte der Residenzgebäude: Michel, Kunstdenkmäler, 1954, S. 405-419. Ein Gesamtplan bei Schwickerath, Philippsburg, 1992, S. 237. Der heutige Zustand der Gebäude: Weber, Kulturdenkmäler, 2013, S. 78-82.
- ↑ Michel, Kunstdenkmäler, 1954, S. 414.
- ↑ Fachbach, Hofkünstler, 2017, Band 1, S. 18.
- ↑ Rekonstruktion von Udo Liessem und Albert Necker in Schwickerath, Philippsburg, 1992, S. 40, Abb. 43.
- ↑ Michel, Kunstdenkmäler, 1954, S. 410-411, Abb. 338-339; Schwickerath, Philippsburg, S. 44-49.
- ↑ Michel, Kunstdenmäler, 1954, S. 409.
- ↑ Schwickerath, Philippsburg, 1992, S. 41.
- ↑ Michel, Kunstdenkmäler, 1954, S. 408 u. 411.
- ↑ Fachbach, Trier und Koblenz / Ehrenbreitstein, 2012.
- ↑ Fachbach, Hofkünstler, 2017, Band 1, S. 13-21.
- ↑ Michel, Ehrenbreitstein, 1933, S. 21; Michel, Kunstdenkmäler, 1954, S. 408, der Besuch Ridingers dort irrtümlich 1619 datiert.
- ↑ Michel, Kunstdenkmäler, 1954, Abb. 316-317.
- ↑ Schwickerath, Philippsburg, 1992, S. 41 u. Abb. 51.
- ↑ Landeshauptarchiv Koblenz, Best. 1C, Nr. 3261, Fol. 4r-5v, im Wortlaut abgedruckt bei Lohmeyer, Seiz, 1914, S. 61-62.
- ↑ Lohmeyer, Seiz, 1914, S. 54-55, Abb. 16. Der Plan Landeshauptarchiv Koblenz, Best. 702, Nr. 141.
- ↑ Fachbach, Koblenzer Schloss, 2019, S. 342.
- ↑ 17,0 17,1 17,2 Michel, Kunstdenkmäler, 1954, S. 409.
- ↑ Fachbach, Hofkünstler, 2017, Band 1, S. 152-168.
- ↑ Ausführlich Schwickerath, Philippsburg, 1992, S. 214-225.
- ↑ Zeichnung des Grafen Franz von Kesselstatt, datiert 17. Juli 1797, abgebildet bei Lohmeyer, Ehrenbreitstein, 1919, S. 38, Abb. 22. Aus: Stadtbibliothek Trier, HS 2238/2025 8°, S. 6.
- ↑ Schwickerath, Philippsburg, 1992, S. 46-50.
- ↑ Liessem, Spolien, 2013.
- ↑ Gutachten Michel D’Ixnards über den Zustand der alten Residenz, im Wortlaut: Becker, Königliches Schloß, 1886, S. 208-209, hier S. 209.
- ↑ Landeshauptarchiv Koblenz, Best. 702, Nr. 2318.
- ↑ Landeshauptarchiv Koblenz, Best. 702, Nr. 141.
- ↑ Schnitt durch die Philippsburg bei Michel, Kunstdenkmäler, 1954, Abb. 339.
- ↑ Landeshauptarchiv Koblenz, Best. 1C, Nr. 3261, Fol. 4r-5v, im Wortlaut abgedruckt bei Lohmeyer, Seiz, 1914, S. 61-62, hier zit. nach ebd., S. 61.
- ↑ Becker, Königliches Schloß, 1886, S. 209 (Gutachten Michel D’Ixnards).
- ↑ Lohmeyer, Ehrenbreitstein, 1919, S. 7.
- ↑ Blainville, Reise, 1764, S. 124, dort wird der 1634 geborene Kurfürst als zum Zeitpunkt des Besuches „beynahe schon zwey und siebenzig Jahre alt“ bezeichnet. Der Bericht erschien erstmals 1743 in englischer Sprache: Dühr / Lehnert-Leven, Counet, 2009, S. 66, Anm. 57.
- ↑ Blainville, Reise, 1764, S. 123-124.
- ↑ Eitelbach, Sebastiani, 1950, S. 23.
- ↑ 33,0 33,1 Michel, Kunstdenkmäler, 1954, S. 408.
- ↑ Lohmeyer, Ehrenbreitstein, 1919, S. 13.
- ↑ Persch / Schneider, Geschichte, 2010, S.85-87.
- ↑ Persch / Schneider, Geschichte, 2010, S. 24-30; 81-83.
- ↑ Lohmeyer, Ehrenbreitstein, 1919, S. 11-12.
- ↑ Lohmeyer, Ehrenbreitstein, 1919, S. 12, Anm. 12.
- ↑ Lohmeyer, Ehrenbreitstein, 1919, S. 35-36; Michel, Kunstdenkmäler, 1954, S. 409.
- ↑ Michel, Kunstdenkmäler, 1954, S. 172, Abb. 126.
- ↑ Blainville, Reise, 1764, S. 124.
- ↑ Schwickerath, Philippsburg, 1992, S. 48-51.
- ↑ Dühr / Lehnert-Leven, Louis Counet, 2009, S. 329.
- ↑ Zit. nach Lohmeyer, Ehrenbreitstein, 1919, S. 8.
- ↑ Restorff, Seiz, 1992, S. 19-23.
- ↑ Straßer, Zick, 1994, S. 14.