Hertzig, Stefan:Dresden, Kügelgenhaus, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2023, URL: www.deckenmalerei.eu/826dcc5a-3776-4c29-87e1-9c03a82b00f8

Inventarnummer: cbdd20090

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Das Kügelgenhaus wurde Ende des 17. Jahrhunderts erbaut und gehört zu den kulturhistorisch wertvollen Bürgerhäusern aus der Zeit Augusts des Starken. Im Vorderhaus befinden sich zwei Holzbalkendecken aus der Entstehungszeit, die von dekorativer Malerei mit emblematischen Darstellungen verziert sind.

Das Kügelgenhaus

Baugeschichte / Beschreibung

Das sogenannte Haus „Gottessegen“ oder „Kügelgenhaus“, Hauptstraße 13, war aus dem Zusammenbau zweier älterer Häuser entstanden, welche wohl ebenfalls noch aus früherer Bausubstanz stammten: Um 1743 muss der größere, vier Geschosse hohe und sieben Achsen breite Neubau im Knöffelschen Lisenenstil fertiggestellt gewesen sein. Im Erdgeschoss befindet sich in der Mitte ein breites Stichbogenportal mit Rokokoornament darüber. In den Obergeschossen sitzen an den beiderseits zwei Seitenachsen jeweils glatte Fenster mit aufgeputzten, quadratischen Feldern. An dem dreiachsigen Mittelrisalit sind es hingegen in zwei Etagen oberhalb profilierter Fenster verschiedene Dreiecks- und Segmentgiebelverdachungen. Als einziger größerer Zierrat der Fassade befindet sich am Fries über dem dritten Obergeschoss in Gold auf blauem Grund der Schriftzug „AN GOTTES SEGEN IST ALES GELEGEN“. Ein Mansarddach mit insgesamt zwölf Dachgaupen und einem kleinen Dachreiter in der Mitte beschließt den Bau. Der berühmteste Bewohner des Hauses war der Dresdner Maler Gerhard von Kügelgen (1772–1820), der das Haus seit 1808 gemeinsam mit seiner Familie bewohnte. Eine Restaurierung in den Jahren 1978–81 stellte den ursprünglichen Zustand des Äußeren des Hauses und Daches nach historischen Stichen und sowie nach Originalbefunden, die man unter dem Putz fand, wieder her.[1]

Bauwerksabschnitt

Das Kügelgenhaus ist eine großzügige, vierflügelige Anlage, bestehend aus einem Vorder-, zwei Seiten und einem Hintergebäude, die sich um einen atriumsartig geschlossenen, vierseitigen Innenhof herum gruppieren. Durch diesen werden die verschiedenen innenliegenden Zimmer beleuchtet.

Erster zweiachsiger Raum, Obergeschoss, Vorderhaus

 

Gesamtdecke

In der Kügelgenschen Wohnung im zweiten Obergeschoss befinden sich in den beiden zwei- bzw. drei Fensterachsen einnehmenden Zimmern des Vorderhauses zwei Holzbalkendecken mit Bemalungen. Diese stammen aus der Zeit der Ersterbauung vom Ende des 17. Jahrhunderts (evtl. 1697–99) und zeigen emblematische Darstellungen. Die Malereien waren unter späteren Stuckdecken erhalten geblieben und während einer Restaurierungskampagne in den Jahren 1978–81 wiederentdeckt worden.

Malerei im ersten zweiachsigen Raum, Obergeschoss, Vorderhaus

In dem ersten, zweiachsigen Raum ist die Deckenmalerei fast vollständig in Grisailletönen gehalten. Auf den schweren Unterzügen sind jeweils breit gerahmte und auf dunklem Grund stehende weißliche Akanthusblätter aufgemalt. Die tiefer liegenden, lediglich aufgemalten „Querbalken“ sind in gleicher Weise mit Blattmotiven und kleinen Glöckchen geschmückt. Die auf diese Weise ausgesparten 28, gedrückt quadratischen Füllungsfelder sind zu einer Hälfte mit Blumenarrangements gefüllt: Die aus kleinen Muscheln bestehenden Zwickel nehmen viertelkreisförmig eingeschwungene Felder in der Mitte aus. In diesen befinden sich muschelartige Kartuschen mit starken Einrollungen an den Unterseiten. Auf diesen sitzen wiederum die als einzige Teile der Decke in starker Farbigkeit wiedergegebenen Blumengebinde. Die gänzlich in Weißgrau gehaltenen emblematischen Darstellungen stehen dabei gemeinsam mit ihren jeweiligen Sinnsprüchen in vierpaßartigen Kartuschen vor dunklem Grund. In den Zwickeln sitzen jeweils vierblättrige Blumen und kräftige Einrollungen befinden sich an den Ecken der breit gerahmten Gebilde.

Zweiter dreiachsiger Raum, Obergeschoss, Vorderhaus

 

Siehe dazu erster zweiachsiger Raum Obergeschoss Vorderhaus.

Malerei im zweiten dreiachsigen Raum, Obergeschoss, Vorderhaus

Wesentlich aufwendiger als die erste ist die zweite, in dem dreiachsigen Raum befindliche Decke, welche aus insgesamt 42, in lichten Blau- und Rottönen gehaltenen quadratischen Feldern besteht. Die Balken der Unterzüge sind mit plastisch wiedergegebenen Bändern bemalt, die im Wechsel vorne und hinten mit einzelnen Akanthusblättern besetzt sind und sich vor rotem Grund um einen Rundstab in der Mitte winden. Die Seiten sind im Übergang zur Decke hingegen mit Perlstäben bemalt. Die nur aufgemalten kürzeren Unterzüge sind vor lichtblauem Grund mit kleinen, durchlöcherten Blattmotiven an den Mitten und Enden verziert. Von den quadratischen Füllungsfeldern sind die untergeordneten, kleineren Felder mit einem doppelten, grauen und weißen Rahmen umgeben. Sie zeigen in der Mitte auf rotem Grund einen aus Palmzweigen zusammengewundenen Kranz, darin ein grauer Rahmen mit Perlstab und vor hellblauem Grund eine Rosette. Die 21 größeren, emblematisch verzierten Felder werden nur von einem einfachen, weißgrauen Rahmen eingefasst und in den Zwickeln mit blattartigen Gebilden vor rotem Grund ausgefüllt. In der Mitte der Felder sitzen die allesamt in rötlichen Tönen gehaltenen unterschiedlichen Embleme schließlich in klassischen, runden Tondi, welche von breiten weißen Rahmen mit triglyphenartigen Einkerbungen eingefasst sind.

Zur Ikonographie der Holzbalkendecken

Die Kunst der Emblematik (Emblem im Sinne von Intarsie, Einlegearbeit) wurde seit ihrer Begründung durch Andrea Alciato nicht nur im Rahmen der Buchkunst, sondern auch außerhalb dieser und nicht zuletzt auch in architektonischen Zusammenhängen (Wände, Mauern, Decken, Tapisserien) angewandt. So dienten seit der Mitte des 17. Jahrhunderts Emblemsammlungen immer wieder auch als Vorlagen für bildende Künstler, die damit gerade auch im architektonischen Bereich u. a. Kirchen, Rathäuser, Schulen und Lusthäuser ausstatteten. Die Beweggründe, dies im Außenbau wie auch in Innenräumen zu tun, waren höchst unterschiedlich. Mit ihren humanistischen und theologischen Wurzeln erfüllte die Emblematik selbstverständlich repräsentative Zwecke – oftmals auch im Rahmen der höfischen wie auch der bürgerlichen Festkultur. Die Embleme stellten häufig den politischen oder kulturellen und bildungsmäßigen Anspruch des Hausherren dar und entsprachen dabei humanistischer Gelehrsamkeit oder folgten höfischen Vorstellungen (u. a. mit Themen der Liebe, des Spiels und des Divertissements).

Aufgrund der Tatsache, dass bürgerliche Beispiele der emblematischen Kunst rar sind, kommt den beiden Decken des Kügelgenhauses ein hoher kulturhistorischer Wert zu. An den Dresdner Decken gingen sämtliche Darstellungen auf ein einziges Emblembuch zurück, nämlich auf die „Devises et emblemes“ von 1693. Statt der üblichen Dreiteilung in Motto, pictura und subscriptio wurde letztere – die Verständnishilfe – weggelassen, so dass die beiden verbleibenden Bestandteile nur in ihrer Verbindung miteinander zu verstehen waren. Die erforderte bewusst einen höheren Bildungshintergrund, in ihrem Rätselcharakter sollten die Embleme bewusst nicht leicht zu entschlüsseln sein. Mit ihren Darstellungen aus dem Bereich der Natur (Bäume, Tiere, Pflanzen, Landschaften und Naturgewalten), von durch Menschen gestalteten Dingen (Gebäude und Gerätschaften), sowie aus dem Umkreis von Dichtung und Mythologie sollten die Embleme Denkanstöße geben, Lebensregeln vorschreiben, sowie zur Abkehr von Lastern und zur Hinwendung zu Tugenden aufrufen.[1]

Bibliographie

  • Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen I. Regierungsbezirk Dresden, München/Berlin 1996, S.226.
  • Hertzig, Das Dresdner Bürgerhaus, 2009, S. 85–86. – Hertzig, Stefan: Das Dresdner Bürgerhaus in der Zeit des Spätbarock, Dresden, 2009, S.85-86.
  • Freytag/Peil/Harms - Das Kügelgenhaus, 2000, S.15-23. – Freytag, Hartmut/Peil, Dietmar/Harms, Wolfgang: Das Kügelgenhaus in Dresden und seine emblematische Deckendekoration, München, 2000.
  • La Feuille, Daniel de: Devises et emblemes anciennes et modernes. Tirées des plus celebres auteurs, avec plusieurs autres nouvellement inventées et mises en latin, en françois, en espagnol, en italien, en anglois, en flamand et en Allemand, Amsterdam, 1693.

Einzelnachweise

  1. Freytag/Peil/Harms, Das Kügelgenhaus, 2000, S.15-23; La Feuille, Devises et Emblèmes Anciennes et Modernes, 1693.