Dünzelbach, Pfarrkirche St. Nikolaus
Pfarrkirche, von Egling aus vikariert, Gemeinde Moorenweis, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung hatten die Grafen Törring-Seefeld, die Besitzer der Hofmark Dünzelbach (1472–1848), das Präsentationsrecht auf die Pfarrei Dünzelbach und deren Patronat inne. Gericht Landsberg
Patrozinium: St. Nikolaus
Zum Bauwerk: Spätgotischer Chor um 1500 mit anschließendem LHs aus der ersten Hälfte des 18. Jh. Die in der Literatur mehrfach erwähnte Vergrößerung der Kirche von 1767 steht in Widerspruch zum Stuckdekor der LHs-Decke, dessen Gliederungsschema die ganze Deckenfläche bis zur Westwand einbezieht und dessen Bandelwerk und Rautenmuster aus stilistischen Gründen um 1725 zu datieren sind (nach den Kirchenrechnungen von 1726 Erneuerung und Stuckierung der Kirchendecke). Das irrige Baudatum 1767 kam wohl dadurch zustande, daß unter Pfarrer Laurentius Mezger (1763–72) die Kirche umfassend renoviert und weitgehend neu ausgestattet wurde; neu gebaut wurde nur ein Oratorium über der Sakristei, heute vermauert (siehe Kirchenrechnungen 1765–70).
Vierachsiger Saalbau mit stark eingezogenem, zweijochigem AR mit 3/8-Schluß, durch einen spitzbogigen Chorbogen miteinander verbunden; Stuckdekor an LHs-Decke und AR-Gewölbe, Stuckkartuschen zwischen den LHs-Fenstern und eine an der Westempore; Belichtung durch barocke Rundbogenfenster.
Auftraggeber: Für den Saalbau und den Stuck Maximilian Cajetan Graf von Törring-Seefeld (* 1670 † 1752); sein und seiner Gemahlin Adelheid Felicitas, Marchesa von Canossa († 1737), Allianzwappen, von einer Krone überhöht und von der Kette mit dem Goldenen Vlies umzogen, erscheint gemalt
in einer Stuckkartusche am Chorbogenscheitel (Graf Maximilian wurde 1706 durch den König von Spanien zum Ritter des Goldenen Vlieses ernannt, s. Töpfer, S. 53). Die frühklassizistischen Deckenbilder wurden wahrscheinlich unter Pfarrer Joseph Walch (1799–1810) geschaffen, von dem in seinem Epitaph an der LHs-Westwand gesagt ist »Der die Kirche so prächtig zierte«. Hofmarksherr war zu dieser Zeit Anton Clemens Graf von Törring-Seefeld (* 1725 † 1812). Die Textstelle im Epitaph des Pfarrers Laurentius Mezger (1763–72) an der südlichen Chorwand »Per Quem haec Ecclesia stat in suo Decore« bezieht sich nachweislich auf die Altäre sowie die Auffrischung der damals neuen Fresken (Kirchenrechnungen 1765–70).
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Johann Baptist Anwander (* zwischen 1741 und 1754 Landsberg am Lech † unbekannt) um 1800
Soweit die stark restaurierten LHs-Deckenfresken A, A1-4 und – rudimentär – das Chorfresko B stilistische und formale Vergleiche noch zulassen, ergibt sich eine Zuschreibung an Johann Baptist Anwander, Sohn des Franz Anton Anwander (hauptsächlich Vergolder, * 1718 † 1797) und Neffe des bedeutenderen Freskanten der Familie, Johann Anwander (* 1715 † 1770). Man vergleiche die Dünzelbacher Nikolausglorie (A) mit dem LHs-Fresko, Nikolaus als Patron der Kranken, in der Pfarrkirche St. Nikolaus in Hausen bei Geltendorf (CBD, Bd 1, S. 88), signiert und datiert 1795; ferner mit Fresko D, St. Martin, Patron der Kranken, in der Filialkirche St. Martin in Hechenwang (CBD, Bd 1, S. 93) und mit Fresko A, Glorie des hl. Ulrich, in der Kapelle St. Ulrich bei Egling (CBD, Bd 1, S. 62). Der Dünzelbacher Nikolaus ist ähnlich konzipiert wie die genannten drei Bischofsfiguren und auch im Physiognomischen verwandt. Ähnlich ist auch die tafelbildmäßige Komposition, die auf Höhen- und Tiefenillusion weitgehend verzichtet und die Körper meist in Frontalansicht gibt; ähnlich ebenfalls die kühle Farbigkeit, die im wesentlichen mit gebrochenen Blautönen, gebrochenem Weiß, blassem Goldocker, Rosa und Orange arbeitet. Vergleichbar in Haltung und Gesichtstyp (spitzes Kinn, längliche Nase) sind auch der Engel mit den Goldkugeln (Dünzelbach), der Engel mit der Martinsgans (Hechenwang), und der mit dem Fisch (Egling). Die Dünzelbacher Evangelisten (A1-4) zeigen gewisse Ähnlichkeiten mit Ambrosius und Joachim (A3, B1) in Zell, der Christus in Fresko B von Dünzelbach mit der sitzenden Christusfigur im Chorfresko C in Hausen.


Der frühklassizistische Habitus der Dünzelbacher Fresken und ihre stilistische Nähe zu den 1795 datierten Fresken von Hausen erlauben eine Datierung um 1800. Nach Auskunft von Frau Reindl (Dünzelbach) war vor 1957 im Deckenbild A noch ein Datum zu lesen: Anno 1790 oder 1799.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs Flachdecke; AR nach O abgemuldete Spitztonne mit Stichkappen (die spätgotischen Rippen sind abgeschlagen)
Rahmen: A, B schlichte Stuckprofilrahmen; A1-4 stuckierte Akanthusblattrahmen, von je einer trichterförmigen Blumenvase bekrönt
Technik: Fresko; polychrom Maße: A Höhe 6,50 m; 4,00 × 2,40 B Höhe 6,00 m; 2,70 × 2,00
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Renovierung der Kirche 1901, hierbei wurde das AR-Fresko B übertüncht und von Kunstmaler Wilhelm Geromiller, München, ein neues Chorfresko mit dem Thema der Dreifaltigkeit geschaffen. 1957 Restaurierung durch Sebastian Hausinger, München: die Fresken wurden gereinigt, Übermalungen aus früheren Restaurierungen gemindert, das übertünchte Chorbild freigelegt und in einer pointillistischen Malweise restauriert. Der Stuckdekor wurde ausgekratzt und die ursprüngliche Tönung zurückgewonnen. Der technische Zustand ist gut. Die heutige Darstellung der Sieben Sakramente in den sechs Wandkartuschen und der einen Emporenkartusche geht wahrscheinlich auf die Restaurierung von 1901 zurück.
Beschreibung und Ikonographie
A GLORIE DES HL. NIKOLAUS Einansichtige, tafelbildmäßige Bildanlage in einem langgezogenen Vierpaß, nach O gerichtet. Betrachterstandort im westlichen LHs-Drittel. Die Gruppe des Heiligen und der ihn begleitenden Engel ist in der Bildmitte plaziert, nach Westen von Puttenköpfchen umspielt, nach O über einem Segelschiff auf wildbewegtem Meer angeordnet, Hinweis auf Nikolaus als Patron der Seefahrer. Nikolaus im ockerfarbenen Bischofsornat, das Haupt von einer Glorie umrahmt, thront auf einer Wolke, die von einem betenden Engel unterfangen ist. Die beiden flankierenden Engel halten die Attribute des Heiligen, den Bischofsstab und die drei Goldkugeln auf dem Buch. Symmetrische und frontale Figurendarbietung, Wegfall jeglicher Raumillusion, Verfestigung der Figurenumrisse und eine kühle Farbgebung mit gebrochenen Tönen kennzeichnen die erstarrende Endphase der barocken Deckenmalerei.
A1-4 EVANGELISTEN Die vier Evangelisten sind als sitzende Ganzfiguren in kreisförmige Eckmedaillons komponiert. Sie wirken stark überarbeitet (keine Abb.). A1 Johannes A2 Lukas A3 Markus A4 Matthäus
B MARIENKRÖNUNG Das heute kaum noch als barockes Deckenbild erkennbare Chorfresko zeigt Maria auf der Weltkugel kniend, während die sie flankierenden Figuren von Gottvater und Christus, etwas höher angeordnet, die Krone über ihrem Kopf halten. In der Physiognomie und in der Sitzhaltung Christi sind Anklänge an Johann Baptist Anwander spürbar.
Quellen und Literatur
StAM, Archiv Törring-Seefeld II, Kirchenrechnungen 1697–1819, Bde 1726, 1765–70: Kürchen Rechnung über das Würdige Nicolai Pfarrgottshaus zu Dünzelbach: 1726 fol. 504v–506v; 1765 fol. 471v–473v; 1766 fol. 482v–483v;
DÜNZELBACH
1767 fol. 459r; 1768 fol. 475v; 1769 fol. 468v-469r; 1770 fol. 473r-473v.
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 397. Töpfer, Friedrich, Geschichte des Schlosses Seefeld, in OAVG, Bd 9, 1848, S. 3–58, spez. S. 53. Steichele-Schröder, Bd 2, 1864, S. 423, 553 f. Dorn, Johann, Aus einer alten Dorfchronik. Dünzelbach, in Lechisarland II, 1935, S. 49–55.
Heimatbuch Fürstenfeldbruck (o.V.), Fürstenfeldbruck 1952, S. 236.
Landkreis Fürstenfeldbruck (o.V.), Heimatbuch, Pörsdorf 1963, S. 128.
Historischer Atlas I, Bd 22/23, S. 136, 149, 174.
Kunst- und Kulturdenkmäler, S. 219.
Kraft, Klaus und Florian Hufnagel, Landkreis Fürstenfeldbruck (= Baudenkmäler in Bayern, Bd 12), S. 30 f.
Dehio 1990, S. 198.