Bietigheim Bissingen, Hornmoldhaus

Seeger, Ulrike:Bietigheim-Bissingen, Hornmoldhaus, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/6cb648f4-5a4d-4b8b-9283-d9d15583285a

Inventarnummer: cbdd20182

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Johann Sebastian Hornmold, der als Enkel des Erbauers 1620–1625 die Sommerstube als scheinarchitektonische Loggia ausmalen ließ, wirkte mit den biblischen und konfessionellen Wandmalereien in Grisaille der einstigen Leichtigkeit des über die Stadtmauer nach Süden hinausragenden Raums entgegen.

Die Sommerstube von 1575
Die Sommerstube von 1575

Das Hornmoldhaus in Bietigheim

 
Das Hornmoldhaus in Bietigheim

Baugeschichte und Raumprogramm

Das Hornmolhaus wurde 1535–1536 durch den Weinhändler, Stadtschreiber und Vogt Sebastian Hornmold (1500–1581) errichtet.[1] Es befindet sich direkt oberhalb des Rathauses. Zudem liegt es an der wichtigsten und breitesten Straße der damaligen Stadt, die vom Marktplatz und der Stadtkirche den Berg hinauf zum württembergischen Schloss, dem Amtssitz des Bietigheimer Vogts, führte. Der 1535 bis auf den Sockel abgebrochene Vorgängerbau des Hornmoldhauses war Teil der Johannespfründe. Nach Einführung der Reformation in Württemberg war er 1534 an Herzog Ulrich von Württemberg (1487–1550, reg. 1498–1519 und 1534–1550) gefallen, der ihn seinem treuen Untertan Sebastian Hornmold zum Geschenk gemacht hatte.[2]

Das Haus bestand zunächst aus dem heutigen Vorderhaus, einen stattlichen, drei Stockwerke hohen, zur Straße nach Norden giebelständigen Fachwerkwerkbau mit zwei Dachgeschossen. Im Erdgeschoss befand sich in einer dreischiffigen Halle die Weinhandlung Sebastian Hornmolds.[3] Im ersten und zweiten Obergeschoss lagen mehrere Stuben, die ihre mit Ornamenten und Blattmasken bemalten Holzdecken bis heute bewahren konnten. Die Türgewände wurden von gemalten Ädikulen umgeben.[4] Die Küche mit einer als Risalit vortretenden Speisekammer befand sich im ersten Obergeschoss an der Ostseite neben der großen Wohnstube.[5]

1556–1557 wurde als Verbindung zum älteren Scheunengebäude auf der Rückseite ein schmaler Fachwerkbau angefügt, in dessen Obergeschoss die erste Sommerstube eingerichtet wurde.[6] Sommerstuben befanden sich meist in hervorgehobener Lage mit möglichst schöner Aussicht. Sie waren nicht zu heizen, wurden als repräsentative Aufenthaltsräume jedoch oft bemalt. Die erste Sommerstube des Hormoldhauses besitzt noch heute ihre ornamentale Bemalung der Gefache an den Wänden mit Blumen und Blättern in roter Farbe.[7] Um sie von der zweiten Sommerstube zu unterscheiden, wird sie heute als „Galerie“ bezeichnet.

Das Sommerhaus

 
Das Hornmoldhaus in Bietigheim

Anstelle der älteren Scheune ließ Sebastian Hornmold 1575 das heutige Sommerhaus erbauen, das mit seiner Südwand auf der Stadtmauer aufsitzt. Es ist deutlich niedriger als das Vorderhaus, doch der First verläuft ebenfalls von Nord nach Süd.[8] Am Südende des Sommerhauses wurde eine zweite Sommerstube eingerichtet, die mittels einer Holzkonstruktion um eine Fensterachse über die darunterliegende Stadtmauer vorkragt. Sie besitzt drei Fenster nach Süden und eines nach Osten.

Die Sommerstube von 1575

 
Die Sommerstube von 1575

Die zweite Sommerstube von 1575, die schon im 16. Jahrhundert als solche archivalisch bezeichnet wurde,[9] nimmt eine leicht trapezförmige längsrechteckige Grundfläche ein. Ihre Langseite öffnet sich mit drei Fenstern nach Süden über die Stadtmauer hinweg Richtung Metter. Ein weiteres Fenster ermöglichte den Blick nach Osten Richtung Enz, beziehungsweise fing, in Anbetracht der Butzenscheiben, zumindest das Morgenlicht ein.

Aus der Bauzeit hat sich die bemalte Balkendecke erhalten. Die Wände waren ursprünglich in Ocker gefasst.[10] Die heutige Gestaltung der Wände mit grauer Scheinarchitektur und Wandgemälden in Grisaille geht auf Sebastian Hornmold (1500–1581), den Enkel des Erbauers, zurück.[10]

Über einer gemalten Arkadenreihe wurde damals als eine Art Fries eine niedere Kolonnade mit bauchigen Säulenschäften gemalt, die den Eindruck erweckt, die Decke sei hier zur Durchlüftung des Raumes angehoben worden. Diese scheinbar luftige Zone verleiht dem Raum eine gewisse Leichtigkeit und südliche Note.

Balkendecke der Bauzeit

Die Malerei der Balkendecke ist 1575 datiert, fällt also in die Bauzeit des Sommerhauses.[11] Die Unterseiten der Balken wurden mittels Begleitlinien und Rosetten unterteilt, wohingegen die dazwischenliegenden Brettfelder große Medaillons zwischen Ornamentfeldern mit Blattranken aufnehmen. Die meisten Medaillons zeigen Rosetten. Zwei der Medaillons zieren reformatorische Spottbilder, eines das Lamm Gottes und ein weiteres eine Blattmaske .[12]

Satirebild mit Papst- und Teufelskopf

Die reformatorischen Spottbilder wenden sich gegen das Papsttum. Sie gehen auf Spottmedaillen zurück, die 1545 geprägt wurden. „Es handelt sich in beiden Fällen um Vexier- oder Spottbilder, die von zwei Seiten betrachtet werden können.“[13] So „wandelt sich das Bildnis des Papstes mit Tiara, um 180 Grad gedreht, in ein Bildnis des Teufels mit Hörnern. Die lateinische Umschrift lautet: „MALVS CORVVS MALVM OVVM 1575“ (der böse Rabe legt ein schlimmes Ei).“[13]

Einen Grund für die Anbringung der Satirebilder zwanzig Jahre nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 vermutet Günther Bentele in dem Sachverhalt, dass Sebastian Hornmolds zweiter Sohn, Samuel Hornmold (1537–1601) als Kanzler der katholischen Markgrafschaft Baden-Baden dort aus konfessionellen Gründen in Misskredit geraten war.[14]

Satirebild mit Kardinals- und Narrenkopf

Das zweite Medaillon zeigt „in derselben Weise einen Kardinal mit Kardinalshut und einen Narren mit Schellenmütze. Hier besagt die Umschrift: „ET STVLTI ALIQVANDO SAPITE PSAL XCII“ (und ihr Toren, wann wollt ihr klug werden, Psalm 92)." [13] Diese Darstellung ist mit der Jahreszahl 1545 beschriftet, die sich auf die Datierung der als Vorlagen dienenden Spottmünzen von 1545 bezieht.[13]

Lamm Gottes

Das Lamm Gottes mit Siegesfahne, dessen Blut aus der Seitenwunde in einen Kelch fließt, ist eines der häufigsten Christussymbole. Es steht für den Opfertod am Kreuz. Der Sachverhalt, dass in Bietigheim das Lamm nicht auf einem Hügel, sondern auf einem Kissen steht, könnte es mit dem Abendmahl verbinden, bei dem der Kelch als liturgisches Gefäß auf einem Textil präsentiert wird.

Die Wanddekoration von 1620–1625
 
Die Sommerstube von 1575

Auftraggeber und scheinarchitektonische Gliederung

Nachdem der älteste Sohn des Erbauers Sebastian Hornmold, Josias Hornmold (um 1529–1582) beim württembergischen Herzog in Ungnade gefallen war und Bietigheim verließ, verzögerte sich die Fertigstellung der Sommerstube um einige Jahre. Der Enkel des Erbauers, Johann Sebastian Hornmold (1570–1637), der wie sein Großvater Direktor des herzoglichen Kirchenrats war, führte die wandfeste Ausgestaltung mit Szenen aus dem Neuen Testament weiter.[10]

Als Grundlage der Dekoration wurde eine fingierte Loggia erdacht, durch deren gemalte Arkaden man auf die grau in grau gemalten biblischen Szenen blickte. Es war die Schau ins Heilige Land, der in Anbetracht der Butzenscheiben in den Fenstern kein realer Ausblick gegenüberstand. Von den 16 zur Verfügung stehenden Arkaden haben sich in neun Arkaden die Malereien zumindest als Fragmente erhalten. Hiervon werden acht besprochen. Vermutlich hat man die Auswahl und Darstellungsweise protestantisch zu deuten.

Zuschreibung an den Maler Conrad Rotenburger

Als Maler hat Günther Bentele mit guten Argumenten Conrad Rotenburger (1579–1633) vorgeschlagen.[15] Er war in Bietigheim ansässig, Mitglied des dortigen Rats und des Gerichts und schuf nach Vorgaben des württembergischen Theologen und Diakons Johann Valentin Andreae (1586–1654) die Illustrationen zu den „Biblischen Summarien“.

Das Werk enthält auf 91 Blättern 1444 kleinformatige Radierungen, unter denen in knappen Merkversen die biblischen Geschichten notiert wurden.[16] Insbesondere die Szenen aus der Passion Christ sind mit den neutestamentlichen Szenen der Sommerstube vergleichbar, da in beiden Zyklen Christi Heiligenschein als charakteristischer Strahlenkranz begegnet.[17]

Gloriole mit wiederkehrendem Christus neben einem Tempel mit Engelserscheinung

In einem Tempel mit einer großen Menschenmenge erscheint ein geflügelter Mann mit Heiligenschein in der Art des gekreuzigten Christus. Außerhalb des Tempels thront Christi mit Segensgestus in einer Wolkengloriole.

Konfessionsbild

In einer Kirche sind die beiden wichtigen Sakramente des protestantischen Glaubens zu sehen. Am Altar wird das Abendmahl ausgeteilt, am achteckigen Taufbecken eine Taufe begangen. Außerdem ist die zentrale gottesdienstliche Handlung der Predigt mit der Kanzel rechts im Bild dargestellt.

Christus mit Siegesfahne neben der Kreuzigung

Am linken Bildrand ist der auferstandene Christus mit Segensgestus und Siegesfahne zu erkennen. Die Bildmitte nimmt das Kreuz mit dem Gekreuzigten ein.

Taufe in einem Tempel oder letztes Abendmahl

Die Szene ist nur schwer zu erkennen. Es könnte sich sowohl um die Taufe als auch um das letzte Abendmahl handeln.

Tür mit Samson an der Westwand

Das Türblatt der Westwand ist mit Samson als Löwenbezwinger bemalt. Samson sitzt auf dem Löwen, der ihm den Kopf zuwendet.

Einzug in Jerusalem

Die Szene stellt vermutlich den Einzug Christi in Jerusalem dar. Zu erkennen ist Christus auf dem Palmesel. Im Baum sitzt der Zöllner Zachäus.

Christus vor knienden Soldaten

Christus und seine Jünger erscheinen Soldaten, von denen einer durch eine Lanze in der Brust getötet wurde.

Christi Geburt

Die am besten erhalte Szene stellt die Geburt Christi dar. Maria betet das Kind auf den Knien an. Josef sitzt frontal auf dem Boden. Links stehen mit ausdrucksvollen Gesichtern Ochs und Esel. Im Hintergrund sind die Hirten hinter einer Mauer zu sehen.

Bibliographie

  • Bentele, Hornmloldhaus, 2022 = Günther Bentele, Das Bietigheimer Hornmoldhaus. Die Malereien, hg. Stadt Bietigheim-Bissingen, Stadtarchiv und Stadtmuseum, Bietigheim-Bissingen 2022.
  • Bentele, Rotenburger, 1999 = Günther Bentele, Conrad Rotenburger, ein Bietigheimer Künstler aus der Zeit der Familie Hornmold, in: Himmelszeichen und Erdenwege. Johannes Carion (1499–1537) und Sebastian Hornmold (15001581) in ihrer Zeit, hg. vom Kultur- und Sportamt der Stadt Bietigheim-Bissingen, Ubstadt-Weiher, 1999, S. 155–192.

Einzelnachweise

  1. Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 12.
  2. Zu Hormolds Werdegang, seinen einflussreichen Ämtern und Verdienste: Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 11–13.
  3. Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 20–25.
  4. Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 26–49.
  5. Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 35.
  6. Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 14.
  7. Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 50–55.
  8. Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 14–15 und S. 56–63.
  9. Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 58.
  10. 10,0 10,1 10,2 Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 67.
  11. Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 61.
  12. Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 60–63.
  13. 13,0 13,1 13,2 13,3 Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 62.
  14. Mit einer ausführlichen Begründung: Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 65.
  15. Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 74–75. Zu Rotenburger ausführlich: Bentele, Rotenburger, 1999.
  16. Bentele, Hornmloldhaus, 2022, S. 74–75.
  17. Bentele, Rotenburger, 1999, S. 170–171.