Besigheim, Rathaus
Inventarnummer: cbdd20181
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Von der einstigen Ausmalung zeugen in der Gerichtsstube Salomos Urteil und vier alttestamentliche Könige in Grisaille von 1571. An der inneren Westwand reihen sich in fingierten Nischen die Wappen der Stadt, des badischen Obervogts Wilhelm Schenk von Winterstetten (gest. 1587) und des Untervogts.

Das Rathaus von 1459
Baugeschichte und Raumprogramm
Das Besigheimer Rathaus wurde 1459 mit Erlaubnis des Markgrafen Karl I. von Baden (1427–1475) zunächst als Kaufhaus errichtet. Die Urkunde datiert vom 3. November 1459.[1] Der Rechteckbau öffnet sich mit seiner östlichen Schmalseite giebelständig zum Marktplatz. Die westliche Schmalseite erhebt sich ebenfalls giebelständig über der Stadtmauer, die den Steilabfall zur Enz sicherte und in diesem Abschnitt noch erhalten ist.
Im Erdgeschoss des dreigeschossigen Gebäudes befanden sich unter den Arkaden Brot- und Fleischbänke, das Salzlager und die Fronwaage.[2] Ein Verschlag an der Westfront, also der Stadtmauer zugewandt, beherbergte das städtische Arsenal. Er wurde erst 1976/1977 entfernt.[3] Das erste Obergeschoss, zu dem man über eine Außentreppe gelangte, besaß einen großen Tanzsaal.[4] Im Inneren war die Westwand des ersten Obergeschosses mit ähnlichen Malereien versehen, wie sie im Stockwerk darüber noch erhalten sind. Sie wurden bei der Renovierung des Rathauses in den 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts entfernt.[5]
Das zweite Obergeschoss, in dem sich an der inneren Westwand und in der ehemaligen Gerichtsstube die zu besprechenden Wandmalereien erhalten haben, beherbergte die Amtsstuben für Magistrat und Gericht.[4] Dort befanden sich die einzigen beheizbaren Räume im gesamten Gebäude und zwar „ein großes und ein kleines Stüblin mit Ofen“.[6]Einer davon war die Bohlenstube mit den Gerichtsbildern, die offenbar als Gerichtsstube diente.
Besigheims Übergang von Baden nach Württemberg im 16. Jahrhundert
1504 wurde Besigheim von Herzog Ulrich von Württemberg erobert, kam jedoch 1529, als Württemberg von den Habsburgern regiert wurde, wieder an Baden. 1595 wurde das badische Vogteiamt an Württemberg verkauft und bildete den Mittelpunkt eines Amtes.[7] Die Bemalung der inneren Westwand im zweiten Obergeschoss mit dem Wappen des seit 1561 amtierenden markgräflich badischen Obervogts Wilhelm Schenk von Winterstetten (gest. 1587) entstand demnach ebenso in badischer Zeit wie die inschriftlich 1571 datierten Malereien der Gerichtsstube.
Innere Westwand im zweiten Obergeschoss mit Blick zur Enz
Der im zweiten Obergeschoss die gesamte Breite des Gebäudes mit drei Fenstern nach Westen Richtung Enz einnehmende Raum ist in seiner ursprünglichen Funktion nicht bekannt. Man könnte ihn vermutlich auf historischen Plänen finden und dadurch zumindest in seiner ursprünglichen Ausdehnung und Lage zur Magistrats- und zur Gerichtsstube begreifen. Möglicherweise handelte es sich um einen Versammlungs- oder auch nur um einen Vorraum.
Stadt- und Vogtwappen mit vermutlich Tugenden
Die innere Westwand mit drei Fenstern zur Enz wird durch gemalte Fensterädikulen und fingierte Nischen auf Sockeln gegliedert. Die Fensterädikulen beginnen über roten Postamenten mit Diamantquadern, auf denen rote Säulen einer korinthisierenden Ordnung einem Rollwerkgiebel tragen. Auf den Giebelschrägen lagern vermutlich Tugenden.
Die Nischen, deren Sockel von Tüchern dekorativ verdeckt werden, nehmen Wappen auf. Das mittlere Wappen ist das der Stadt Besigheim mit einer silbernen Burg auf einem grünen Hügel vor rotem Grund.[8] Heraldisch rechts, mithin an der hierarchisch höherstehenden Seite, steht das Wappen des seit 1561 amtierenden markgräflich badischen Obervogts Wilhelm Schenk von Winterstetten (gest. 1587).[9] Es ist quadriert mit drei goldenen Blättern auf blauem und einem schwarzem Doppelhaken auf gelbem Grund. In der Helmzier stehen eine dunkel- und eine hellhäutige Figur einander gegenüber. Heraldisch links des Stadtwappens wird das Wappen des Untervogts Melchior Ehrer vermutet.[10]
Die mutmaßlichen Tugenden lassen sich nicht eindeutig identifizieren, da ihre Attribute nicht gut zu erkennen sind. Die Scheinarchitektur war lange Zeit übermalt und wurde im 20. Jahrhundert freigelegt, wobei etwa 8000 Beilhiebe zu kitten waren. Über der Fensterädikula des nördlichen Fensters lagern zwei Engel, die im Scheitel als „Charitas“ also Nächstenliebe beschriftet sind. Traditionellerweise wird Caritals als Frau mit zwei oder drei Kindern dargestellt, was in Besigheim nicht eingehalten wurde.
Über dem westlichen Fenster könnte Temperantia liegen, die mit ihren zwei Gefäßen Wasser mit Wein verdünnt sowie Justitia mit Schwert und Schriftrolle. In der vor Ort aushängenden Beschriftung wird die mutmaßliche Temperantia jedoch als Weinbau und Justitia wegen der in der Tat fehlenden Waage als Kriegsdienst gedeutet.
In den Figuren über dem mittleren Fenster könnte man links Fortitudo mit Säule erkennen, doch handelt es sich bei ihrem Gegenüber nicht um Prudentia, die Personifikation der Weisheit, die als Attribute Schlange und Spiegel erfordern würde. Somit könnte es sich bei beiden Figuren auch um Frauen mit geöffneten Schriftrollen handeln.
In der vor Ort aushängenden Beschriftung wird als Datierung 1571 angegeben, da der Maler der der inschriftlich 1571 datierten Gerichtsbilder sei. Da die Gerichtsbilder viel feiner gemalt sind, wird hier lediglich die Datierung „nach 1561“, also nach Amtsantritt des badischen Obervogts Wilhelm Schenk von Winterstetten (gest. 1587) angegeben.
Gerichtsstube im zweiten Obergeschoss
Die einstige Bohlenstube mit den Gerichtsbildern liegt mit heute insgesamt vier Fenstern gut durchlichtet an der Südostecke des Gebäudes. Zwei Fenster wenden sich dem Marktplatz an der Ostseite zu. Die Grisaille-Bemalung der horizontal angebrachten Bohlen beschränkt sich heute auf die Nordwand, erstreckte sich ursprünglich jedoch auch auf die Westwand des Raumes. Dort werden sie von der jetzigen modernen Wandverkleidung verdeckt.[6] Der vor Ort aushängenden Erläuterung zufolge, handelte es sich an der Westwand um die römischen Könige Julius Cäsar, Tiberius und Vespasian.
Die Stuckdecke mit Bandelwerk könnte um 1730 entstanden sein. Da jedoch 1755 ein Umbau des Raumes belegt ist,[11]hat man sie vermutlich 1755 zu datieren.
Das Urteil König Salomos
König Salomo sitzt frontal auf einem Thron, dessen Füße in goldenen Löwenköpfen enden und dessen Rückenlehne von einer Nische mit Kalotte gebildet wird. Die. Zu beiden Seiten der Kalotte steht die Datierung „15“ und „71“. Die Sockelplatte trägt neben der Inschrift „HISTORIA SALOMO“ weitere nur noch ansatzweise („C C“) zu erkennende Buchstaben.
Die beiden Mütter, die sich um das lebende und das verstorbene Kind streiten, stehen beziehungsweise knien in aufgeregten Körperhaltungen rechts und links des königlichen Richters. Das tote Kind liegt in der Mitte, das lebendige Kind, das ein Soldat auf Salomos Geheiß im Begriff ist, zu zerteilen, weicht erschrocken zurück. Der Bildtradition zufolge handelt es sich bei der knienden Frau in der Nähe des erschrockenen Kindes um die gute Mutter, da sie um das Leben des Kindes bittet. Die andere Mutter zur Rechten des Throns zeigt sich hingegen distanziert.
Die Malerei ist in Grisaille mit hellgrauen Pinselstrichen auf dunklem Grund ausgeführt. Hinzu kommen Goldhöhungen auf den Ornamenten des Throns, der Krone Salomos, dem Helm des Soldaten und dem Haar der Frauen. Insgesamt konzentrieren sich die Goldhöhungen auf Salomo in der Bildmitte. Die Grisaille ähnelt einer Zeichnung mit Weißhöhungen.
In der Komposition ähnlich ist ein Holzschnitt von Virgil Solis von circa 1548, doch kommt er als Vorlage nicht Betracht. Die Unterschiede sind zu groß. Auch ist die Besigheimer Szene wesentlich bewegter und dramatischer aufgefasst als der kleinformatige Holzschnitt von Solis. Ihr Urheber ist nicht bekannt, doch ist die Malerei in der Gerichtsstube insgesamt feiner als die an der inneren Westwand des Gebäudes.
Weitere biblische Könige
Ergänzt wird die Darstellung des Salomonischen Urteils durch vier stehende alttestamentliche Könige in einer fortlaufenden fingierten Nischenarchitektur. Sie sind in den Archivolten bezeichnet als JOSTAS REX“, „JOSAPHAt REX“, „DAVID REX“ und „SAUL REX“. Die Könige Joschija und Joschafat tragen eine Rüstung mit Pfeil und Bogen, David und Saul hingegen sind in lange Gewänder gehüllt mit einem Zepter in der Hand.
Wie das Urteil König Salomos sind auch die stehenden Könige in Grisaille gemalt. Die Goldhöhungen beschränken sich auf die Kronen und Details der Rüstungen.
- ↑ Schedy, Besigheimer Rathaus, 2020, S. 6–7. In Ehrensperger, Besigheimer Häuserbuch, 1993, S. 584 wird das Rathaus nur sehr knapp abgehandelt.
- ↑ Schedy, Besigheimer Rathaus, 2020, S. 8–9.
- ↑ Schedy, Besigheimer Rathaus, 2020, S. 9.
- ↑ 4,0 4,1 Schedy, Besigheimer Rathaus, 2020, S. 10.
- ↑ Schedy, Besigheimer Rathaus, 2020, S. 11.
- ↑ 6,0 6,1 Schedy, Besigheimer Rathaus, 2020, S. 12.
- ↑ Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart - Findbuch A 319 L: Besigheim W u. G - Einführung
- ↑ Breining, Alt-Besigheim, 1925, S. 66.
- ↑ Die Zuweisung der Wappen findet sich auf einem vor Ort aushängenden Erläuterungstext. Zu Wilhelm Schenk von Winterstetten (gest. 1587): Deutsche Inschriften Online: Inschrift
- ↑ Die Zuweisung der Wappen findet sich auf einem vor Ort aushängenden Erläuterungstext.
- ↑ Vor Ort aushängender Erläuterungstext.