Hinterkeuser, Guido:Berlin, Pfaueninsel, Meierei, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/68447cd8-4f6a-4de7-9d65-183efa88f074

Inventarnummer: cbdd10524

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Der nach außen hin als eine Ruine gestalteter Bau offenbart im Inneren prachtvolle Illusionsmalerei gotischer Architektur.

Bauwerk

Die Baugeschichte

Noch während der Bauarbeiten am Hauptschloss wurden die Planungen zur Einrichtung einer Meierei am anderen Ende der Insel aufgenommen.[1] Erneut wurde der Hofzimmermeister Johann Gottlieb Brendel mit der Ausführung betraut, von dem auch die Entwürfe stammen dürften. Noch 1794 wurde mit den Arbeiten begonnen, die bereits ein Jahr später abgeschlossen wurden.

Baubeschreibung

Das Gebäude der Meierei setzt sich wie das Hauptschloss aus zwei unterschiedlichen Baukörpern zusammen. Während der Kernbau am Hauptschloss von dem Paar der Rundtürme überragt wird und somit an der zum Ufer hin ausgerichteten Hauptfassade gar nicht zur Geltung kommt, nimmt der Kernbau an der Meierei eine dominierende Position ein und wirkt gegenüber dem eingeschossigen Anbau selbst als turmartiger Block. Seiner weiß verputzten Fassade sind Dienste in Feldsteinmauerwerk vorgelegt, die in Spitzbogen enden. Auf drei Seiten rahmen sie je drei Fensterachsen, mit einem niedrigen Spitzbogenfenster im Erdgeschoss und einem höheren im Obergeschoss, wo sie größtenteils zum Festsaal gehören. Nach oben zu brechen die Dienste und das Mauerwerk unregelmäßig ab, wodurch dem Bauwerk der Charakter einer gotischen Ruine verliehen werden soll. Ähnlich ist die Fassade des vierachsigen eingeschossigen Anbaus gestaltet, wo die Dienste ebenfalls abbrechen und einen Zinnenkranz ausbilden, hinter welchem sich allerdings ein für die damalige Zeit modernes Bohlendach erhebt.

Das Umfeld

Die im Nordosten der Pfaueninsel gelegene Meierei bildet den Gegenpol zum Hauptschloss, das sich am anderen, südwestlichen Ende der Insel befindet. Beide Bauwerke stehen in keinerlei Sichtbeziehung zueinander. Stattdessen übernimmt die Meierei neben ihrer tatsächlichen Aufgabe für die Milchwirtschaft vor allem die Rolle eines wirkmächtigen Staffagebaus innerhalb des Landschaftsgartens und setzt damit einen wichtigen Akzent in einem ansonsten abgelegenen Teil der Insel. Außerdem ist sie gut vom Wasser aus sichtbar und bildet somit eine wichtige Landmarke aus.

Der Festsaal

Der schlichte und bewusst als Ruine inszenierte Bau der Meierei lässt beim Anblick von außen kaum vermuten, dass er in seinem Inneren einen derart prächtigen Festsaal birgt.[2] Drei Architekten waren 1794 aufgefordert, einen Entwurf für den Saal vorzulegen: Michael Philipp Boumann, Carl Gotthard Langhans und mit Johann Gottlieb Brendel auch der Baumeister der Meierei. Der König entschied sich für Boumanns Entwurf, den Brendel dann ausführen musste. Neben der Klassik und dem otaheitischen Stil im Hauptschloss kommt hier nun erstmals in der Innenausstattung auf der Pfaueninsel die Neogotik ins Spiel. Laut Horwath ist das Gewölbe „mit Bogen von Holz angelegt und geschaalt worden.“[3] Constantin Philipp Sartori schuf die Stuckaturen an den Wänden, die sich wie in einem Vexierspiel mit der Architekturmalerei Bartolemeo Veronas vermischen, so dass die Gattungen bei oberflächlichem Blick kaum auseinanderzuhalten sind. Davon abgesetzt ist der Fußboden, der in Rüstern- und Maulbeerbaumholz angelegt ist.

Die Ausmalung des Festsaals an Wand und Decke

Verona hat den mit einem hohen Stichkappengewölbe versehenen Saal an Wand und Decke mit neogotischer illusionistischer Architekturmalerei versehen, um somit den gotischen Charakter des Saals, der insbesondere durch die Fenster- und Gewölbeformen hervorgerufen wird, noch zu steigern und zu vollenden. Zu Hilfe kommen ihm dabei die Stuckaturen Sartoris, der die das Gewölbe tragenden Dienste sowie verblendetes Maßwerk und Wimperge besteuerte, während die Gestaltung der Decke allein in Veronas Händen lag. Sie hat er, ausgehend von den stuckierten Diensten, mit einem Netz an weißen Rippen überzogen, die in spiegelsymmetrischer Anordnung Schleifensterne ausbilden. Die dazu gefügten Rosetten und hängenden Blüten steigern ihren ornamentalen Charakter. Überaus gekonnt hat Verona die Konturen seiner Formen mit Schattenlinien hinterlegt, so dass tatsächlich die Illusion von realem Stuck erzeugt wird. Die Wandfelder, die entweder von in Stuck gearbeitetem Maßwerk oder Diensten und Wimpergen gerahmt werden, hat er seinerseits mit hochartifiziellen gotischen Fialen ausgemalt. Vor dem dunkelbraunen Hintergrund treten sie aus der Ferne als weiße, dreidimensionale Körper in Erscheinung, doch bemerkt man bei genauerem Hinsehen, dass einzelne Partien zudem in hellen und dunkleren Brauntönen ausgeführt sind, wodurch erst die gewünschte Plastizität erreicht wird. In ähnlicher Malweise hat er die Lambriszone behandelt, die er mit einem Muster aus Flechtbändern versehen hat.

Die Molkenstube

In der direkt rechts neben dem Eingang und unter dem Festsaal gelegenen Molkenstube fand sich die königliche Familie ein, um Milch zu trinken oder sich in der Herstellung von Butter zu versuchen. Damit verfolgte sie zumindest für einige Stunden das Ideal eines einfachen Lebens auf dem Lande, wie es damals an vielen europäischen Höfen Mode war.[4] Der mit einfacher Dielung versehene Raum weist zwei Fenster nach Nordosten und eines nach Südwesten auf. Die gotisierenden Eckvitrinen gehören zur Originalausstattung und heben den Raum weit über eine rein bäuerliche Lebenswelt hinaus.

Die Ausmalung der Molkenstube an Wand und Decke

Der artifizielle Charakter der Molkenstube kam nicht zuletzt in ihrer Wandausmalung zur Geltung. Diese galt eigentlich bereits längst verloren, doch konnten in den letzten Jahren glücklicherweise einige Partien freigelegt werden, die eine Ahnung von der ursprünglichen Erscheinung der Stube vermitteln. Die wenigen Reste geben den Blick in eine gotische Säulenhalle frei, in der schlanke Rundpfeiler hohe spitzbogige Gewölbe tragen. Der kleine Ausschnitt an der Decke deutet hingegen auf Gesimsformen, die eher dem klassischen Formenkanon entspringen. Vielleicht wollte der Maler insgesamt den Eindruck vermitteln, dass dieser Raum zur Substruktion des Festsaals gehörte.

Bibliographie

  • Boersch-Supan, Amtlicher Führer Pfaueninsel, 1989. – Boersch-Supan, Helmut (bearb.): Die Pfaueninsel, hrsg. v. d. Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten, Berlin 1989.
  • Horvath, Der Königliche neue Garten, 1802. – Horvath, Carl Christian: Der Königliche neue Garten an der heiligen See, und die Pfauen- Insel bey Potsdam welche Friedrich Wilhelm der Zweyte zu seinem Lieblings- Aufenthalte erbauet hat, Potsdam 1802. Unveränderter fotomechanischer Nachdruck der Originalausgabe. Mit freundlicher Genehmigung der Berliner Staatsbibliothek Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin, hrsg. von der Stiftung Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci, Potsdam 1991.
  • Seiler, Amtlicher Führer Pfaueninsel, 1993. – Seiler, Michael (bearb.): Die Pfaueninsel 1793–1993, neu hrsg. zum 200. Gartenjubiläum von der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten, 1. Aufl., Berlin 1993.

Einzelnachweise

  1. Horvath, Der Königliche neue Garten, 1802, S. 57f. [233f.]; Boersch-Supan, Amtlicher Führer Pfaueninsel, 1989, S. 30f.; Seiler, Amtlicher Führer Pfaueninsel, 2000, S. 63–65.
  2. Horvath, Der Königliche neue Garten, 1802, S. 58 [234]; Boersch-Supan, Amtlicher Führer Pfaueninsel, 1989, S. 31; Seiler, Amtlicher Führer Pfaueninsel, 2000, S. 64f.
  3. Horvath, Der Königliche neue Garten, 1802, S. 58 [234].
  4. Horvath, Der Königliche neue Garten, 1802, S. 58 [234]; Boersch-Supan, Amtlicher Führer Pfaueninsel, 1989, S. 31; Seiler, Amtlicher Führer Pfaueninsel, 2000, S. 63f.