Benediktbeuern, ehem. Benediktinerabtei, ehem. Kapitelsaal
Ehem. Kapitelsaal, z. Z. Bildschnitzerwerkstatt
Zum Bauwerk: Der Osttrakt des Alten Konventbaues wurde 1669-71 durch Baumeister Caspar Feichtmayr errichtet. Der Kapitelsaal liegt im Erdgeschoß und grenzt mit seiner W-Seite an den Kreuzgang.
Rechteckiger Saal (8,80 × 6,90 m) zu zwei Jochen; zwei Fenster nach O; Eingang vom Kreuzgang her (Übersichtsplan S. 38)
Auftraggeber: Abt Placidus Mayr von Benediktbeuern (1671–90)
Autor und Entstehungszeit: In der Darstellung von Figuren und Bewegungsmotiven sowie in den Details zeigen die Bilder des Kapitelsaals Ähnlichkeiten mit Bildern von J. Andreas Wolff (* 1652 München † 1716 München), doch erreichen sie nicht die Qualität von eigenhändigen Werken. Die Gemälde dürften gleichzeitig mit der Stuckierung entstanden sein, die Mindera (GKF 21970, S. 28) überzeugend um 1686/90, im Anschluß an die der Stiftskirche ansetzt
Befund
Träger der Deckenmalerei: A und B Stichkappentonnen Rahmen: A und B profilierte Holzleisten, äußerer Rahmen schweres Stuckprofil
Technik: Öl auf Leinwand; polychrom Maße: A Höhe 4,40 m; 1,60 × 1,60
B Höhe 4,40 m; 1,60 × 1,60
Erhaltungszustand: Die Gemälde sind offenbar noch nicht restauriert. Sie sind gut erhalten; geringfügig nachgedunkelt
Beschreibung
A ST. BENEDIKT ALS ORDENSGRÜNDER Einansichtige Szene, Ansicht gegen O. Der Heilige thront frontal in der Mitte des Bildes. Im Vordergrund sitzen rechts und links auf Konsolen zwei Putti mit verschiedenen Attributen. Nur an dieser Stelle, den beiden östlichen Ecken des Bildes, ist versucht, eine Schrägansicht von unten in den Bildraum hinein zu geben; die Konsolen sind in starker Untersicht dargestellt, aber schon die Treppenstufen dazwischen wie das ganze übrige Bild haben geringe Untersicht.
Geschwungene Stufen, mit einem Samtteppich belegt, führen zum Sessel des Heiligen empor. Ein Baldachin, aus einer üppigen Samtdraperie gebildet, vervollständigt den thronartigen Aufbau. Das Haupt des hl. Benedikt wird von dem muschelförmigen Ornament der Rückenlehne wie von einem weiten Nimbus umgeben.
Der Aufbau des Bildes ist streng achsensymmetrisch: Der Heilige wird an beiden Seiten von je zwei Engeln flankiert, großen Gestalten mit mächtigen, ausgebreiteten Flügeln, die Attribute mönchischer Tugenden vorweisen. Die Farbigkeit wird von dem Schwarz des Mönchsgewandes beherrscht. Buntfarben treten zwar an den Gewändern der Engel auf, doch werden sie vom Hintergrund fast aufgesogen, wo sie – stark ins Grau hin abgewandelt – wieder aufgenommen werden: das Stahlblau des rechten Engels in der blaugrauen Baldachindraperie, das Gelb des Engels links in dem matten Gold der Fransen, Troddeln und Verzierungen und das Rot des Engels mit dem Schloß in den gedämpften Marmortönen des Thronaufbaus.
B VISION DES HL. BENEDIKT Einsichtige Szene, Ansicht gegen O. Die Gestalt des Heiligen steht beherrschend im Mittelpunkt des Bildes; er hat die Arme ausgebreitet und den Blick nach oben gerichtet, wo in einer Kugel, von Strahlen umgeben, die Dreifaltigkeit erscheint. Zwei Puttengruppen, auf Wolken in der rechten und linken oberen Bildecke schwebend, tragen Benedikts Attribute. Den Heiligen umgeben kniend die Allegorien der vier
Erdteile mit ihren Symboltieren, vor ihm tummelt sich eine Schar von Putti, die Wolken tragen, aus denen Benedikt emporzuwachsen scheint.
Vordergrund und Einführung in das Bild bildet ein bildparallel laufendes profiliertes Gesims, das seitlich auf Konsolen ruhend gemalt ist. Hier herrscht Untersicht: die auf ihm knienden Allegorien der Erdteile sind in ihrer Haltung zumindest im unteren Teil noch auf diese Weise dargestellt, während die beiden oberen Bilddrittel auch sonst keine illusionistischen Momente mehr zeigen.
Auch in diesem Bild ist die Komposition von der Symmetrie bestimmt, wobei die Entsprechung bis in Einzelheiten geht. In der Farbigkeit wird das dominierende Schwarz des Mönchsgewandes dem kräftigen Inkarnat der vielen Putti gegenübergestellt; Blau, Rot und Karmin sind fleckenhaft eingestreut.
Ikonographie
A BENEDIKT ALS ORDENSGRÜNDER Der Gründer des Benediktinerordens und »Patriarch der abendländischen Mönche« ist hier von Engeln umgeben dargestellt, die die mönchischen Tugenden verkörpern, wie sie Benedikt in seiner Regel niedergelegt hat (s. Bibliothek der Kirchenväter, Bd 20, übersetzt von Pius Bihlmeyer O.S.B., Kempten und München 1914). Er selbst hält das Regelbuch mit der Inschrift Ausculta O Fili, / praecepta Magistri.,
dem Anfang der Regel. Der Engel mit dem Säulenstumpf links stellt Stabilitas, im besonderen Stabilitas loci, dar, die bei der Profess gelobt werden muß (vgl. Regel, Kap. 4). Der Engel daneben, der den Zeigefinger der Rechten im Schweigegestus auf den Mund legt und ein Schloß vorweist, verkörpert Silentium, die Tugend des Schweigens (Kap. 6); der Engel rechts von Benedikt hält eine Lilie in Händen, auf die er mit der Linken ausdrücklich hinweist: das Symbol der Reinheit (Kap. 7), während der Engel ganz rechts auf sein übergroßes Ohr zeigt: Er stellt Oboedientia dar, den klösterlichen Gehorsam, eine mönchische Haupttugend, die ebenfalls bei der Profess gelobt wird (Kap. 5). Zugleich bezieht sich diese Darstellung auch auf die im ersten Kapitel der Regel immer wiederholte Aufforderung, zu hören (»inclina aurem cordis tui«) auf Gottes Wort, die Stimme des Geistes und die Vorschriften des Lehrers. Der Putto links im Vordergrund läßt von der Konsole, auf der er sitzt, Krone, Zepter, Ketten und Geschmeide nach unten fallen, während er die Linke abwehrend erhoben hält. Er symbolisiert den Verzicht auf Rang, Macht und Reichtum, und bezeichnet damit die klösterliche Armut (Kap. 58). Der rechte Putto hält eine Schlange, die in diesem Zusammenhang die Klugheit des Christen bedeutet (Mt 10, 16). Der Puttokopf an der Thronbekrönung, der eine Mitra trägt, weist auf die Abtswürde des hl. Benedikt hin.
VISION DES HL. BENEDIKT
Die Vision des hl. Benedikt, überliefert in den Dialogen Gregors des Großen (Gregor I., Dialoge II, Bibliothek der Kirchenväter, Bd 3/2, S. 99-101), ist ein sowohl im Mittelalter als auch im 17. und 18. Jh. häufiger dargestelltes Thema, das aber nie einen festen ikonographischen Typ ausgebildet hat. Der Bericht lautet: »Er (Benedikt) stand am Fenster und betete zum allmächtigen Gott. Während er so in frühester Stunde hinausblickte, sah er plötzlich, wie sich ein Licht von oben her ergoß, die ganze Finsternis der Nacht verscheuchte und so hell aufleuchtete, daß dies in der Finsternis strahlende Licht den Tag übertraf. Etwas sehr Wunderbares war mit dieser Erscheinung verbunden; es wurde ihm nämlich, wie er später selbst erzählte, auch die ganze Welt wie in einem einzigen Sonnenstrahl vereinigt vor Augen geführt. Indem der ehrwürdige Vater den Blick unverwandt auf den Glanz dieses Lichtschimmers richtete, sah er die Seele des Bischofs Germanus von Capua in einer feurigen Kugel von Engeln zum Himmel emporgetragen.« Rupert Sutor O.S.B. (Lehr-Tugend und Wunder Spiegel. Daß ist des großen Patriarchen und Ertz-Stüffters Benedicti ... Leben, München 1719, S. 169–70) schreibt dazu: »Aus disen Worten Gregorij .. schließen nicht unrecht vil berühmbte Theologi... Daß der H. Ben. ... die Gottliche Essenz oder Wesenheit nicht nur im Spiegl oder Figur sondern in sich selbsten gleich wie die Heilige und Außerwöhlte in dem Himmel gesehen...« Die drei Hauptbestandteile der Vision: Großes Licht, die ganze Welt in einem Blick und die feurige Kugel, erfahren ihre bildliche Vergegenwärtigung auf ganz verschiedene Weise (vgl. z. B. Johann Joseph Morper, Die Kanzel von Vierzehnheiligen, Bamberg 1960, S. 11–16; Wessobrunn, CBD, Bd 1, S. 568).
In Benediktbeuern schwebt die Kugel, in der die Dreifaltigkeit zu sehen ist, über dem Haupt des Heiligen. Sie ist von hellen Strahlen umgeben (das große Licht). Die Welt ist zu Füßen Benedikts in Gestalt der vier Erdteile dargestellt, die die Dreifaltigkeit verehren. Links sieht man Europa, einen Mann im kaiserlichen Ornat, die Kaiserkrone auf dem Haupt und ein Zepter in der Hand, bei ihm ist das Pferd, das Europa als Attribut zugeordnet ist. Es folgt Africa mit Federschmuck und Perlen, eine dunkelhäutige Gestalt, zu der als Attribut der Affe gehört, der im Vordergrund unter den von Putti getragenen Wolken sichtbar ist. America, an der anderen Seite des Heiligen, eine dunkle Gestalt mit Federkrone, hat als Symboltier den Papagei bei sich. Ganz rechts ist Asia dargestellt, als männliche Figur in prächtigen Gewändern mit einem Turban auf dem Haupt. Zu ihr gehört das Kamel. Die in den Wolken schwebenden Putti tragen Abtstab, Mitra und Buch des hl. Benedikt, dazu den zerbrochenen Becher mit der Schlange, der an folgendes legendäre Ereignis erinnert: Als die Mönche von Vicovaro den Heiligen durch Gift in einem Becher zu töten versuchten, weil ihnen seine Zucht zu streng war, machte Benedikt das Kreuzzeichen über den Becher; der zersprang und man fand eine Schlange darin. (Gregor I. Dialoge II, loc. cit., S. 55 ff.)
Literatur siehe S. 133