Benediktbeuern, ehem. Benediktinerabtei, Anastasiakapelle
Anastasiakapelle
Patrozinium: St. Anastasia
Zum Bauwerk: Zum Dank für die wundersame Verschonung im Spanischen Erbfolgekrieg 1704 gelobt der Konvent den Neubau der Anastasiakapelle. Nach Abtragung des Vorgängerbaues wird nordöstlich an den Chor der Stiftskirche anschließend 1750 nach einem Plan Johann Michael Fischers der heutige Bau ausgeführt, Palier ist Melchior Streicher; Weihe 1758
Hoher Zentralraum auf elliptischem Grundriß mit Nischen- und Pilastergliederung; stark vorspringendes unterbrochenes Gebälk, darüber breite Fensterzone: Belichtung von N und O (Planskizze S. 40).
Auftraggeber: Abt Leonhard Hohenauer von Benediktbeuern (1742-58), dessen Wappen sich über dem westlichen Eingangsbogen befindet
Autor und Entstehungszeit: Signatur in A auf dem Orgelsockel im Engelskonzert Jo./Jacob/Zeiller inv. & fecit./ 1752 (Johann Jakob Zeiller * 1708 Reutte † 1783 Reutte). Auch das Wandfresko (W) der Kapelle stammt von Zeiller.
Die sonst bei Zeiller und den Tiroler Freskanten bevorzugte Rahmung des Deckenbildes durch Architekturmalerei (vgl. Bichl, S. 143-47, Dickelschwaig, S. 275 f. und Ettal, S. 284-316), ist hier durch feinen Rocaillestuck (wohl von Johann Michael Feichtmayr) ersetzt, der Rücksicht auf die Fischersche Raumkonzeption nimmt.
Eine Entwurfskizze, Öl auf Leinwand, 78 × 62 cm, existiert in Mainzer Privatbesitz
Befund
Träger der Deckenmalerei: Elliptische Flachkuppel mit Stichkappen
Rahmen: Goldenes Stuckprofil, stellenweise verkröpft, vor Rocailleornamenten überspielt, in den »Diagonalen« auf einer Art Konsole je ein Putto mit Posaune, Rose, bzw. Palmzweig
Technik: Fresko; A polychrom, A1-4 monochrom ocker Maße: Höhe 14,40 m; 11,85 × 7,95
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1963 letzte Restaurierung durch Alban und Antonie Wolf, München. Der Zustand ist gut. Das Wandbild W wurde teilweise ergänzt.
Beschreibung
A DIE HL. DREIFALTIGKEIT UND MARIA IN ERWARTUNG DER HL. ANASTASIA Reine Himmels- und Wolkenszenerie. Zeiller kombiniert in diesem Fresko das Motiv der zentralen Himmelsglorie mit der einansichtigen Darstellung. Die helle Glorienöffnung, in der die Taube des Hl. Geistes in einem Strahlenkranz erscheint, ist exzentrisch in das westliche Bilddrittel verschoben. Auf den Wolkenbänken, die sie kreisförmig umgeben, sind Putti und Puttoköpfchen dargestellt. In diesem Bereich des Bildes ist die Wolkenszenerie zum Rand hin stark abgedunkelt, so daß Höhenillusion durch die Steigerung des Lichts bis hin zur Glorienöffnung erreicht wird. Die figurale Komposition bezieht sich auf die Ansicht gegen O. Gottvater und Christus sind unter der Glorie auf Wolken thronend dargestellt, von zahlreichen Engeln und Putti begleitet. Links unter Christus wird die Gestalt der Immaculata von Engeln auf einer Wolke getragen. In der Bildmitte, formal auf die Himmelsglorie darüber bezogen, erscheint eine Strahlenglorie. Von einem Engel und einem Putto werden vor diesen Strahlenkranz die Martyrersymbole der hl. Anastasia gehalten, Palmzweig, Kranz und Dornenkrone. An der O-Seite des Freskos ist auf einer großen Wolkenbank eine Gruppe musizierender Engel zu sehen.
Die einzelnen Gruppen innerhalb der Figuralkomposition sind in ihrer räumlichen Situation zwar untereinander durch Farbe und Größe differenziert, unterliegen aber nicht der Höhenrichtung der Glorienöffnung. Die Göttlichen Personen und die musizierenden Engel werden mit ihren stark aufgehellten Farbwerten räumlich entrückt, während der Engel mit den Martyrersymbolen durch seine Größe und intensiveren Farbwerte in vorderster Bildebene erscheint und der im Altarblatt darunter dargestellten hl. Anastasia direkt zugeordnet ist.
Alle Figurengruppen sind in die lichten Himmels- und Wolkenpartien verhältnismäßig klein eingesetzt und auf die Bildmitte konzentriert, in einer fast kreisförmigen Komposition, während der Rand des Deckenbildes von Wolken vor dem hellen Blau des Himmels eingenommen wird. Der Farbkontrast Blau-Gelb, beherrschend in der Himmelslandschaft im Gegensatz von Gelb als Lichtfarbe zum Blau des Himmels, wird in der Figuralkomposition immer wieder aufgenommen. Bestimmende Farbe sind auch die vermittelnden Rosa-Werte in Wolken, Inkarnat und Gewändern; Grün gibt nur Akzente. Die stark aufgehellten Rosa-Werte ergeben zusammen mit dem Lichtgelb ein rosig-goldgelb flutendes Bildlicht, das durch die helle Fensterzone der Kapelle unterstützt wird. Dieser Lichtkranz zwischen dunklem Wandgesims und farbigem Deckenfresko, nur mit weißem und wenig goldenem Stuck ornamentiert, vermittelt die Illusion der über dem Raum schwebenden Bildwelt.
Zeiller, der die Darstellung einer großen, illusionistischen Himmelskuppel durchaus beherrschte (erst kurz vorher hatte er die Ettaler Kuppel fertiggestellt), gibt sich hier in Benediktbeuern intimer, fast moderner; hier bahnt sich die Reduktion des räumlichen Illusionismus seiner späten Jahre an.
A1-4 ANASTASIA-SZENEN Monochrom ockerfarbige Medaillons in den Zwickeln zwischen den Stichkappen in farblicher Abstimmung zur goldenen Bildrahmung in diese einbezogen
A1 ANASTASIA WIRD IM CHRISTLICHEN GLAUBEN UNTERWIESEN Anastasia, in der Linken ein Kruzifix haltend, kniet vor ihrer Mutter Fausta, die ein großes aufgeschlagenes Buch auf ihrem Schoß hat. Beide Frauen sind mit prunkvollen Gewändern bekleidet, ihr Haupt ziert jeweils eine Krone.
A2 ANASTASIA BEKENNT IHREN GLAUBEN VOR DEM KAISER Anastasia steht mit gefesselten Händen vor Kaiser Diokletian, der ihr, auf einem Thronsessel ruhend, aufmerksam sein Haupt zuneigt. - Im Hintergrund drei Männer, wohl die Richter der Heiligen.
A3 MARTYRIUM DER HL. ANASTASIA Die Martyrin, die ihren Blick zum Himmel erhebt, ist an Pfähle eines Scheiterhaufens gebunden, aus dem bereits Flammen emporschlagen. Zwei Häscher im Vordergrund legen Holzscheite nach. Ein alter bärtiger Mann weist mit seiner Rechten zum Himmel.
A4 ANASTASIA GEHT ZU DEN GEFANGENEN In einem Kerker erscheint die Heilige mit einer Schale vor einer Gefangenen und einem alten, mit den Armen an den Boden geketteten Mann. Von außen beobachten Neugierige durch das Kerkergitter das Geschehen.
W TRANSLATIO UND INTHRONISATION DER ANASTASIA-RELIQUIE An der S-Wand der Kapelle befindet sich das Wandfresko. Das oben segmentbogenförmig beschlossene hochrechteckige Bild zeigt in leichter Untersicht (entsprechend seinem Platz über dem südlichen Seitenaltar) die feierliche Inthronisation der Reliquienbüste auf einem mit Säulen eingefaßten Tabernakel. Davor knien Benediktinermönche und assistieren der Zeremonie des Abtes. Rechts im Hintergrund ist die Translationsprozession von Geistlichen und Volk zu sehen. In der Ferne ist eine vieltürmige Stadt, möglicherweise Verona, zu erkennen.
Ikonographie
A DIE HL. DREIFALTIGKEIT UND MARIA IN ERWARTUNG DER MARTYRIN ANASTASIA Die früher entstandenen Altarblätter von J. Amigoni, am Hochaltar Anastasia, am nördlichen Seitenaltar die Immaculata, am südlichen Seitenaltar St. Johann Baptist (heute Schutzengelgruppe) sind für Zeillers Deckenbild kompositionell und ikonographisch von Bedeutung: Anastasia ist in die Hauptachse des Freskos einzubeziehen, die Darstellung der Jungfrau neben der Dreifaltigkeit steht in Bezug zum nördlichen Seitenaltar darunter. Diese, im Altar als Immaculata Conceptio gezeigt, ist im Deckenfresko im Typus der »Purisima« in der Glorie dargestellt, deren Fuß auf die Mondsichel tritt, und die von Engeln und Putti verherrlicht wird, die ihr hier Lilien und einen Blumenkranz reichen. Die Jungfrau verweist auf die hl. Anastasia als Vermittlerin zu Christus und Gottvater.
A1-4 und W ANASTASIA-SZENEN In Benediktbeuern wird die Martyrin Anastasia von Sirmium verehrt, deren Reliquien 1053 durch den Mönch Gottschalk in Verona erbeutet wurden (K. Meichelbeck, Leben, Leyden, Todt, Erhebung der hl. Anastasia, München 1710). Unter Abt Gothelmus (ca. 1032-62) herrscht in Benediktbeuern eine Hungersnot. Er schickt den Mönch Gottschalk mit Begleitern um Getreide nach Verona. Gottschalk nimmt dort Quartier im Kloster St. Maria, das den Leib der hl. Anastasia besaß. Beim Diebstahl dieser Reliquien wird Gottschalk ertappt, erhält aber nach langem Flehen als Geschenk für Benediktbeuern eine Reliquie aus dem Haupt der Martyrin. Nach einem von vielen Wundern begleiteten Zug über die Alpen trifft er am 5. Juli 1053 in der Heimat ein, eine Prozession zieht ihm entgegen, Abt Gothelmus und der Konvent empfangen ihn. Die Reliquie erhält auf dem Altar S. Benedicti ihren vorläufigen Platz, bis ihr in der neuen Kapelle ein eigenes Heiligtum errichtet wird (W)
Die Rocaillekartuschen um das Hauptfresko zeigen Szenen aus dem Leben der hl. Anastasia, wie sie nach einer römischen Legende und einer Erweiterung in der Legenda Aurea (LA-Benz, S. 61–64) erzählt werden: Die Römerin Anastasia wurde christlich erzogen von ihrer Mutter, der Christin Fausta (A1) und dem hl. Chrysogonus von Aquileia. Gegen den Willen ihres heidnischen Gemahls, dem sie sich versagt, besucht sie Christen im Gefängnis und bringt ihnen Almosen (A4). Nach dem Tod ihres Gemahls führt man sie vor einen Richter des Kaisers Diokletian und verlangt von ihr ein heidnisches Opfer (A2). Nachdem sie vielen Peinigungen widerstanden hatte, wird sie mit zweihundert anderen Jungfrauen (LA-Benz, S. 63) auf die Insel Palmaria gebracht, an Pfähle gebunden und verbrannt (A3).
Spezialliteratur zur Anastasiakapelle
Fischer, Pius OSB, Der Barockmaler Johann Jakob Zeiller und sein Ettaler Werk, München 1964, S. 26 f. Matsche, Franz, Der Freskomaler Johann Jakob Zeiller, Marburg/Lahn 1970, S. 240–47. Literatur siehe S. 133