Beilngries, Friedhofskirche St. Lucia, sog. Bühlkirche
BEILNGRIES
Sog. Bühlkirche
Friedhofskirche, Pfarrei St. Walburga Beilngries, Stadt Beilngries, Diözese Eichstätt. Die Kirche war bis gegen 1445 Pfarrkirche von Beilngries, das Präsentationsrecht hatte die Benediktinerabtei Plankstetten. Im Zuge der Entwicklung von Beilngries zum Markt und zur Stadt 1053 bzw. 1443 Verlegung der Pfarrrechte in die seit 1305 urkundlich nachweisbare Kirche im Ort; z. Z. der Ausmalung war Beilngries im Besitz des Hochstifts Eichstätt, 1806–1972 Landgericht bzw. Bezirksamt bzw. Landkreis Beilngries/OPf.
Patrozinium: St. Lucia, Inschriftkartusche am Chorbogen IN HONOREM/S. LUCIAE. Nebenpatrone Maria, hl. Willibald und hl. Ottilia
Zum Bauwerk: Die auf einem Hügel (Bühlkirche) östlich der Stadt gelegene Kirche ist anlässlich der Übertragung des Patronatsrechts an das 1138 neu gegründete Benediktinerkloster Plankstetten erstmals erwähnt. Der bestehende Bau geht auf einen gotischen Umbau zurück. Datum an der Kirchenfassade 1469, im Chor 1476. Gotischer Chor mit Rippenkreuzgewölbe und Schlusssteinen, gemalte Rollwerkornamentik in Gewölbe in hellen und dunklen Ockertönen wohl aus der 1. Hälfte des 17. Jh.
Die Jahreszahl 1740 im Stuck über der Orgelempore bezieht sich auf die Barockisierung des Langhauses, die der Beilngrieser Maurermeister Johann Pauer durchführte. Eine bestehende Holzkassettendecke, an der bereits 1715 und 1735 Veränderungen vorgenommen worden waren, wurde durch eine Stuckdecke ersetzt, die Stuckdekoration fertigte der Eichstätter Stuckator Franz Xaver Horneis.
1715 fand in dem »bueswürdigen Gotteshaus Bühlkürch« eine Reparation um 627 fl. statt. 1725/26 malte Hanns Georg Hörmann »eine arme Seel an das portall zu Bühlkürchen«. Der ruinöse Dachstuhl des Langhauses war seit 1731 beanstandet worden. 1735 nahm der Maler Valentin Koller »das grosse bildt an dem Tabulat zu büllkürchen welches von den Ein Regnen schadten gelitten« herunter (DAEI, R14, 1715–35). 1739 waren zwei Füllungsteile der Holzkassettendecke heruntergefallen und hatten »ainige Kirchen stühl errschlagen und ist zu besorgen, dass bey längeren Verrschub das ganze Tabellat herabstürzen werde, wordurch die 2. Nebenaltär, die Canzl und alle Kirchenstuehl würden zerschunder werden« (DAEI, Pfarrakten Beilngries I,4). Daraufhin wurde 1740 eine umfangreiche Renovierung in Angriff genommen: »Hanns Georg Paur«
BEILNGRIES
Maurermeister, erhielt 319 fl., Michael Mittermayr, »HofzimmerMaister«,130 fl. Dem Stuckator Franz Xaver Horneis von Eichstätt wurden laut Akkord 66 fl. gezahlt, der Gips wurde aus Nürnberg angeliefert (DAEI, R14, 1740).
Langhaus (17,60 x 9,80 m) zu 2 Achsen, Belichtung durch große stichbogenförmige Fenster, Voutendecke mit kräftigem Kranzgesims, Chorbogen mit profilierten Kämpfern. Einachsiger Chor (11 x7,70 m), dreiseitig geschlossen. Die Kirche ist nach Süden gerichtet.
Auftraggeber: Amtierender Pfarrer in Beilngries war Franz Josef Bernhard (1706-† 1740). Frühmesser in Beilngries war Johann Jakob Pfaller (1736–54), ein Bruder des Johann Alois Pfaller, Pfarrer in Enkering. Nachdem die Stuckdekoration und die Restaurierung der älteren Ölgemälde in den Rechnungen der Heilingfaktorei des Amtes Hirschberg abgerechnet wurden, müssen die Medaillonfresken 1-5 entweder von der Pfarrei selbst getragen oder gestiftet worden sein.
Autor und Entstehungszeit: Erste Ausmalung gegen 1700, Autor unbekannt. Zweite Ausmalung 1740, Zuschreibung an Hugo Ernst Murmann (tätig 1741/47 in Eichstätt)
Die Ölgemälde A und EB1-3 sind ins 17. Jh. zu datieren; stilistisch sind sie in die Nachfolge von Johann Heinrich Schönfeld einzuordnen. Das Deckenbild A war in eine Holzkassettendecke eingelassen in der Art, wie sie z.B. in Kinding nachweisbar ist (S. ##). Dort malte Kaspar Köll von Kipfenberg.
Die Restaurierung, Doublierung und Übertragung des Ölgemäldes in die neue Stuckdecke ist in den Rechnungen der Heilingfaktorei des Amtes Hirschberg von 1740 genau dokumentiert: der Buchbinder und Maler Joseph Barth erhielt für »Überlämung des grossen Bildt auf Büllkirchen sag Scheins 2 fl. für 22 Ellen Leinentuch das ganze Bildt hinten zu überzihen 3 fl. 40 kr. Valentin Koller Mahlern solches zu buzen und repariren lauth scheins 1 fl. 36 kr. Thomas Niedermayr Haffner für irdenes Geschirr für den Stuckador und Mahler 38 kr. Thomas Wittmann Tagwerckher die Nägl aus dem Tabulat herauß zu thun gegen 1/2 Centner und anderes 4 Taglohn 48 kr. « (DAEI, R14, 1740, fol. 32 r.).
1741 malte und fasste der Maler Jakob Forster 2 Antependien auf die Seitenaltäre, der Maler Valentin Koller reparierte die drei Altäre und »butzte 3 andere Bülder an weissendeckh« - unklar, welche damit gemeint sein können -; außerdem wurden Farben, Leim und andere Materialien abgerechnet. (DAEI, R14, 1741, fol. 35 v.)
Von den fünf gleichzeitig mit dem Stuck 1740 entstandenen Heiligendarstellungen in den Kartuschen ist weder in den überlieferten Rechnungen noch in den Pfarrakten die Rede. Stilistisch stimmen sie aber so auffallend überein mit den von Hugo Ernst Murmann 1741 datierten Bildern in der Salvatorkapelle in Grösdorf (s. S. ##), dass auf den gleichen Maler geschlossen werden kann. Der Stuck stammt dort ebenfalls von Franz Xaver Horneis.
Befund
Träger der Deckenmalerei: A, 1-5 Flachdecke mit Hohlkehle Rahmen: A doppeltes Stuckprofil in Achteckform, 1-5 bass geigenförmige Stuckkartuschenrahmen
Technik: A, EB1-3 Öl auf Leinwand, auf Hartfaserplatten aufgezogen; 1–5 Fresko; alle Bilder polychrom
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1909 Restaurierung durch Hans und Karl Vogt, Beilngries. Signatur am Bildrand von 5 Hl. Nepomuk«: Restaur. Karl u. Hans Vogt 1909.
Nach einem Gutachten des BLfD 1959 war das Mittelbild A durch Firnis sehr nachgedunkelt und die Medaillons waren übermalt. 1967 Innenrestaurierung durch Hugo Preis, Parsberg: Verputzarbeiten, Stuckergänzungen und Absichern der schadhaften Decke im Hauptschiff, Tünchen des Innern, Freilegen der originalen Tönungen des Stucks im Langhaus sowie der Rippen und Freskoornamente im gotischen Chorgewölbe 1995 wurden die 1970 abgetragenen neugotischen Altäre von 1863 wieder aufgestellt. 2002 Außen- und Inneninstandsetzung.
Die Ölbilder A und EB1-3 sind vom Firnis stark nachgedunkelt, die Kartuschen 1–5 zeigen Übermalungen.
Beschreibung und Ikonographie
Stuck und Fresken nehmen nicht die gesamte Decke, sondern nur ein abgegrenztes, rechteckiges Feld ein; dieses ist mit der für Franz Xaver Horneis bekannten Stuckdekoration aus Bandwerk und Ranken dekoriert, typisch für ihn ist auch die Datierung im Stuck. Die Aufteilung der Bildfelder in ein Mittelbild und vier diagonale Kartuschen findet sich in dieser Form im Landkreis Eichstätt auch in Grösdorf, Gungolding, Enkering und Pfahldorf.
A KRONUNG MARIENS Das in seiner Farbigkeit sehr intensive Ölgemälde zeigt eine Himmelsdarstellung, die eingerahmt ist von runden Wolkenballen. Mit versuchten Untersichten und Verkürzungen ist es als Deckenbild komponiert. Maria und die Heiligste Dreifaltigkeit umschreiben in dem achteckigen Bildfeld ein auf den Kopf gestelltes Quadrat. Maria wird auf Wolken von drei Putten empor getragen, die ihr mit einem Kranz aus Rosen huldigen. Christus und Gottvater halten über sie eine Krone, deren edelsteingeschmückter Reif auf einer dunkelroten Samtkappe sitzt. Darüber schwebt die Geisttaube. Christus hält ein großes Kreuz, Gottvater legt die Linke auf den Erdball, viele Putten umschweben die göttlichen Personen. Delikat ist die Farbgebung des Gemäldes: der freie Raum in der Mitte um Mariens Haupt und die Krone erscheinen wie in Gold getaucht, eingefasst vom leuchtender Rot des Mantels Christi und dem Gelb und Blau der Gewandung Gottvaters. Von einem porzellanen schimmernden, bläulichen Weiß ist dagegen das Gewand Mariens, deren dunkel umrahmtes Köpfchen verklärt wirkt. Das rosige Inkarnat der blondgelockten Putten hebt sich gegen den dunklen Wolkengrund ab. Maria nimmt an der Decke einen Ehrenplatz ein als Patronin der Benediktinerabtei Plankstetten und als Nebenpatronin von Beilngries.
1-5 HEILIGE Die Heiligen sind in Ganzfigur auf der kahlen Erde vor einem Wolkenhintergrund mit Alpenkette am Horizont wiedergegeben
Die Auswahl der Heiligen ist - wie mehrfach bei Heiligenzyklen im Landkreis Eichstätt – nur teilweise erklärbar; wie üblich dürfte es sich um lokale Patrone oder Namenspatron von Stiftern gehandelt haben. Es gab eine Johann-Baptist-Kapelle im Friedhof, die nicht mehr in Gebrauch ist, und ein Johann-Nepomuk-Kapelle südlich der Stadt.
Emporenbrüstung
EB1-3 HEILIGE In die Emporenbrüstung sind drei breitformatige Ölgemälde mit szenischen Darstellungen eingelassen, von links nach rechts:
EB. HL. STEPHANUS UND HL. LEONHARD In einer weitläufigen Landschaft weiden rechts Kühe und links Pferde. Dazwischen stehen nebeneinander der hl. Stephanus in roter Dalmatik, einen Stein in beiden Händen und die Märtyrerpalme im Arm, und der hl. Leonhard im Benediktinerhabit mit Abtsstab und Kette. Rechts befinden sich zwei kleine Gestalten auf Wanderschaft.
EB2 HL. OTTILIA Die mehrteilige Darstellung entwickelt sich von links her: Auf einem Thron, der mit rotem Stoff ausgekleidet ist, sitzt, ebenfalls ganz in Rot gewandet, der Herzog Eticho, umringt von seiner Familie. Ihm zugewendet vollzieht sich der Akt der Taufe und der damit verbundenen Blindenheilung seiner Tochter: Das Mädchen Ottilia, ganz in weiße Tücher gehüllt, kniet tief gebeugt über einer Schale, während der hl. Erhard, Bischof von Regensburg, mit der Hand Wasser über ihren Kopf träufelt. Er schöpft es aus einem Becken, das ihm ein junger Mann darreicht. Zwei Männer, ein jüngerer und ein bärtiger älterer, stehen hinter dem Bischof. Eine Art Pfeiler begrenzt diesen Raum gegen eine weitere Szene, in der die hl. Ottilia als Benediktinerin in einer offenen Landschaft kniet. Ihre Attribute, Buch und Augen, liegen von ihr. Ihre Aufmerksamkeit ist nach rechts gerichtet, wo sie einen Höllenrachen erblickt, in dessen Flammen ein Mensch zu sehen ist. Vom Himmel her greift ein Engel ein und zieht ihn heraus.
Ottilia entstammte einer herzoglichen Familie im Elsaß. Weil sie blind geboren war, wurde sie von ihrem Vater Eticho verstoßen. Heimlich wurde sie im Kloster Baume les Dames aufgezogen und bei der Taufe durch den fränkischen Missionsbischof Erhard sehend. Erst kurz vor seinem Tod schenkte der Vater seiner Tochter das Kloster Odilienberg. Ihre beständige Fürbitte um die Erlösung ihres Vaters aus dem Fegfeuer wurde schließlich erhört und ihr offenbart (LCI Bd 8, Sp. 76-79). Der Vita nach wurde Ottilia nicht bei der Taufe, sondern erst nach der Taufe sehend, als ihr Bischof Erhard die Augen mit Chri-sam bestrich. Auch der Herzog soll bei der Taufe nicht anwesend gewesen sein, obgleich er meistens mit dargestellt ist.
EB, HL. LUCIA Dargestellt ist das Martyrium der hl. Lucia. Das junge Mädchen steht auf einem Scheiterhaufen, dessen Flammen seitwärts züngeln, ohne ihre Füße zu erfassen. Sie ist mit einem dunklen Kleid und roten Mantel angetan, ein weißer Schal ist um die Schultern geschlungen, der Kopf mit einem Krönchen und Perlen geschmückt. Sie richtet den Blick fest zum Himmel, hebt segnend die Hand gegen den Schergen, der mit einem langen Degen ihren Hals durchbohrt. Lucias Taille ist umgürtet mit den Zügeln einer Anzahl Ochsen, die von ihr weggetrieben werden. Eine Gruppe von Menschen und Reitern ist an dem Auflauf beteiligt. Links im Hintergrund ein Haus, an dessen Fenstern die Köpfe der Zuschauer zu sehen sind, rechts daneben Schaulustige in orientalischer Aufmachung. Im rechten Bildteil, etwas in der Bildmittelgrund gerückt, spielt sich eine andere Szene ab. Zwei Frauen gehen auf einen Rundtempel zu; über diesem erscheint in Wolken eine himmlische Gestalt, die hl. Agatha.
Die hl. Lucia lebte während der diokletianischen Verfolgung in Syrakus. Aus vornehmer Familie und bereits verlobt begleitete sie ihre kranke Mutter zum Grab der hl. Agatha, um Heilung für sie zu erflehen. Die Heilige erschien ihnen, heilte die Mutter und verkündete Lucia ihr bevorstehendes Martyrium. Sie verzichtete daraufhin auf die Ehe. Der Legende nach soll sie sich ihre schönen Augen ausgerissen und dem Bräutigam geschickt haben, der sie als Christin anzeigte. Als sie sich weigerte, in ein Bordell gebracht zu werden, konnten mehrere Ochsen sie nicht von der Stelle bewegen. Auch der Versuch, sie zu verbrennen, misslang, schließlich starb sie an einem Schwertstreich, der ihren Hals durchbohrte (LCI Bd 7, Sp. 415-20).
Die hl. Ottilia findet sich, wenn auch selten, im Zusammenhang mit der hl. Lucia. Gemeinsam ist beiden das Patrozinium am 13. Dezember; jede ist Patronin für Augenleiden. Auch von Ottilia berichtet die Legende, dass sie sich die Augen ausgerissen habe, weil ein Fürst sich in sie verliebt hatte. Nach dem
22. Kapitel der Vita sanctae Odiliae war Ottilia ohne christliche Wegzehrung gestorben und die Schwestern flehten Gott an, damit sie wieder lebendig werde und den Leib des Herrn empfange. So geschah es auch, und die Äbtissin jammerte über die Rückkehr in ihren Leib, weil sie ja schon in den Himmel und dort in die Gesellschaft der hl. Lucia aufgenommen worden war (frdl. Mitt. Marie-Thérèse Fischer, Straßburg). Ottilia ist auch am Hochaltar mit Walburga als Assistenzfigur der hl. Lucia dargestellt. Eine geschnitzte Figur der hl. Lucia, um 1500, ist an der Chorwand angebracht.
Quellen und Literatur
DAEI, Pfarrakten Beilngries I,4: Baulichkeit an der Bühl (Gottesacker) Kirche; R14: Rechnungen der Heilingfaktorei des Amtes Hirschberg 1730–50; Buchner Eichstätter Bistumsgeistliche.
BLfD, Akt Beilngries, Friedhofskirche
Kunstinventar Diözese Eichstätt, Friedhofskirche St. Lucia in Beilngries, bearbeitet von Emanuel Braun, 1989.
Beilngries, Stadt in der Provinz Mittelfranken, nebst dem Schlosse Hirschberg und der ehemaligen Benediktinerabtei Plankstetten, in: Sulzbacher Kalender 1859, S. 99.
KDB II OP (12), S. 18-21
Buchner Bistum Eichstätt 1937, S. 61–71
(o.V.), Die Friedhofskirche in Beilngries, in: Bayerische Volkszeitung Nürnberg 294, v. 15. 12. 1936.
Neuhofer, Theodor, Beiträge zur Kunstgeschichte des Hochstifts Eichstätt, in: SHVE 61, 1965/66, S. 9-92, hier: S. 44, 58. Daentler, Barbara, Kirchen der Pfarrei Beilngries (= KK) Nr. 1524), München-Zürich 1985, S. 14–15.
Krempl, Armin, Kirchen der Pfarrei Beilngries (= Ped Kunstführer Nr. 180), Passau 2002, S. 21–24.
Dehio OB 1990, S. 991.; 2006, S. 10
C.B.