Bad Lobenstein, ehem Witwensitz Christianenzell

Laß, Heiko:Bad Lobenstein, ehem. Witwensitz "Christianenzell", in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/fa51d7c3-cecd-4e49-bcb6-4cdb474f90cd

Inventarnummer: cbdd10094

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Christianenzell wurde 1714 erbaut und diente dem Grafen Reuß zu Lobenstein als Witwen- und Wohnsitz. 1794 wurde es verkauft. Aber erst 1960/61 gelangten fünf Wandmalereien von ca. 1780 aus Christianenzell nach Schloss Molsdorf und haben sich so erhalten. Christianenzell wurde 2010 abgerissen.

Das ehemalige Schloss Christianenzell

 

Bau- und Nutzungsgeschichte

Christianenzell[1] wurde unter Graf Heinrich III. Reuß zu Lobenstein 1714 als Witwensitz für seine Mutter Marie Christiane errichtet. Nachdem diese im November 1714 verstorben war, nutzte es der Hof nach einem Brand der Residenz bis 1718 als Ausweichquartier. Später diente es als Wohnsitz für drei unverheiratete Schwestern des Bauherrn. Seit 1784 wohnte Graf Heinrich XXIX Reuß-Lobenstein-Selbitz und seine Schwester Friederike im Schloss. Um 1780 sollen die heute noch erhaltenen fünf Wandbespannungen mit Leimfarbfassung im nordöstlichen Raum des Obergeschosses angefertigt worden sein. Es ist unklar, ob sie für Christianenzell beauftragt oder 1784 aus Schloss Selbitz transloziert wurden. 2010 wurde das Gebäude abgerissen.

Beschreibung

Christianenzell war über eine Sichtachse auf das Residenzschloss bezogen.[2] Es handelte sich um eine Dreflügelanlage, deren Ehrenhof von der Eingangsseite abgewendet war. Dort befand sich ein Garten. Das palaisartige Schloss war zweigeteilt. Der westliche Teil umfasste im Erdgeschoss sechs und im östichen Teil acht Fensterachen. Die zentrale Tordurchfahrt hatte zu beiden Seiten Eingänge in den jeweiligen Gebäudeteil. Diese erschlossen jeweils Vorsäle mit anschließenden Treppen in die Obergeschosse. Im Ostteil befand sich ein Hauptsaal. Das Obergeschoss nahm wohl auf beiden Seiten gräfliche Wohnräume auf.

Die Wandmalerei aus dem ehemaligen nordöstlichen Raum des Obergeschosses

Gegenwärtiger Anbringungsort der Malerei in Schloss Molsdorf

Die um 1780 geschaffenen fünf Wandbespannungen mit Leimfarbfassung befinden sich seit 1960/61 im Erdgeschoss von Schloss Molsdorf.[3] Sie wurden bereits 1956 in Christianenzell abgenommen, in Halle restauriert und anschließend in Molsdorf im sog. linken Gartenzimmer (westlichen Gartensalon) eingebaut. Dieser Raum ist an der Südwestecke des Schlosses gelegen. Nach Westen und Süden öffnet er sich mit jeweils zwei Fenstern zum Garten; an der Nord- und Ostwand befindet sich jeweils rechts eine Tür.

Heute werden die Wandbespannungen in gemalten Rahmen auf grünem Grund mit Schattenwurf über Paneelen an der Wand präsentiert, ergänzt um weitere schmale Wandfelder unbekannter Herkunft. Der Schattenwurf ist auf die Lichtsituation in Molsdorf bezogen. Die großfromatigen Hauptbilder sind an der Nord- und Ostwand angebracht, jeweils ergänzt um zwei schmale Bildstreifen zu beiden Seiten. Da die Malerei sowie die Gestaltung der Rahmen leicht von denen aus Christianenzell abweichen, könnte es sich um nachahmende Neuschöpfungen handeln. An der Westseite befindet sich zwischen den Fenstern ein Hauptbild, rechts und links sind schmale (neuere?) Gemälde angebracht, die, sofern sie hierher versetzt wurden, nicht zwingend ihre ursprüngliche Größe haben müssen, sondern auch an den Seiten beschnitten sein könnten. An der Südwand ist zwischen den Fenstern ein weiteres großes Gemälde angebracht.

Stellung der Malerei

Es handelt sich bei der Malerei aus Christianenzell um eine zeittypische Wandgestaltung vom Ende des 18. Jahrhunderts. Oft werden Ausblicke in eine Landschaft gewährt, die zum einen das tatsächliche Umfeld des Schlosses zeigen können, zum anderen Besitzungen des Schlossherrn oder, gänzlich unabhängig von Ort und Auftraggeber, Ansichten mehr oder minder berühmter Orte aus aller Welt. Es sind zwar scheinbar naturalistische, faktisch aber idealisierte Landschaftsräume, die geschaffen werden. Ein Beispiel aus Thüringen ist etwa die Wandmalereien in Schloss Ebersdorf von 1788/92, aus Franken jene aus Schloss Thurnau von ca. 1800. Hier findet der Übergang von der Wandmalerei zur Tapete statt.

Ansicht eines Parks mit See und Schloss

Die Malerei befindet sich heute an der Nordwand des westlichen Gartensalons. Man blickt zwischen rechts und links befindlichen hohen Bäumen über einen See im Bildmittelgrund über eine Brücke hinweg auf ein unbekanntes Schloss im Hintergrund. Staffagefiguren am vorderen Bildrand sowie ein Boot mit einem Paar auf dem See verleihen der Ansicht zusätzlich Tiefe. Das individuell gestaltete Schloss dürfte eine reale Architektur zeigen, die aber noch nicht identifiziert ist. Mehr als die Hälfte der Darstellung zeigt einen Wolkenhimmel.

Neben der Malerei rechts ist im Gartensalon eine Tür gelegen. Die Supraporte zeigt fliegende Vögel vor einem Himmel. Ihre Herkunft ist unbekannt. Vermutich handelt es sich um eine nachahmende Neuschöpfung.

Ansicht einer Stadt an einem Fluss

 

Die Malerei befindet sich an der Ostwand des westlichen Gartensalons. Im Bildvordergrund befindet sich ein schmaler Uferstreifen mit Staffagefiguren wie Wäscherinnen, Männern, die ein Boot an Land ziehen, einem Schäfer sowie einem reitenden Paar. Über einen Fluss hinweg erblickt man hinter einer Ufermauer mit Bäumen die Häuser einer Stadt, die sich einen Hügel hinaufziehen. Die obere Hälfte des Bildes nimmt ein Wolkenhimmel ein. Ob es sich um eine reale Stadt handelt, ist noch unbekannt.

Die übrigen Malereien an der Westwand stammen aus einem anderen Kontext oder wurden für die Anbringung in Molsdorf neu geschaffen.

Blick über einen See mit Stadt im Mittelgrund

 

An der Südwand des westlichen Gartensalons ist zwischen den Fenstern eine Malerei angebracht, die eine See zeigt. Zusammen mit einigen Staffagefiguren blickt man über eine Ufermauer hinweg auf das Gewässer. Den Bildvordergrund, der streng horizontal aufgebaut ist, bestimmen bäuerliche Personen und vor allem Kühe. Am rechten Bildrand steht rahmend ein dunkles Gebäude im Gegenlicht. Links im Bildmittelgrund blickt man auf eine Stadt, im Bildhintergrund auf flache Berge. Gut zwei Drittel des Gemäldes nimmt der Himmel ein. Die Ansicht ist bislang nicht geografisch identifiziert.

Ruine hinter einem Baum

 

Die Malerei befindet sich zwischen den Fenstern der Westwand des westlichen Gartensalons. Hinter einem zentralen Baum erblickt man eine romanische Ruine. Im Bildvordergrund spazieren oder sitzen einige Staffagefiguren, denen man unterstellen mag, zum Besuch des Altertumsdenkmals gekommen zu sein. Rechts erhebt sich ein steiler Berg, links ein sanfter Hügel. Die Identität der Ruine ist unbekannt und vermutlich handelt es sich um eine Idealdarstellung.

Festung am Meer mit Tor

An der Westwand des westlichen Gartensalons befinden sich zwei weitere Wandmalereien. Links der Fenster ist ein schmales Bild angebracht, das eine Festung am Meer zeigt, rechts der Fenster ein ebenso schmales Bild mit einem Festungstor. Ehemals handelte es sich um ein einziges Gemälde, das für die Anbringung in Molsdorf in der Mitte geteilt wurde.

Zentral in der Mitte erblickt man das geöffnete Tor zwischen zwei Rundtürmen. Die Festung wird über eine Brücke mit Postenhäuschen erreicht, die einen Wassergraben überwindet. Im Bildvordergrund rechts steht ein Brunnen mit einer Brunnenfigur – offenbar ein Militär mit Schild und Degen. Frauen holen von diesem Brunnen Wasser; eine gibt einem Hund zu trinken. Links davon befindet sich eine weitere Gruppe, die sich auf Kisten niedergelassen hat und dem Betrachter den Rücken zuwendet. Über sie blickt der Betrachter über eine weitere Figurengruppe hinweg auf das Meer hinaus. Hier ist links ein abgetakeltes Schiff zu sehen. Die ganze Szenerie wirkt friedlich und nicht militärisch. Der Horizont ist wie bei allen Malereien sehr tief, was die Festung imposant aufragen lässt. Über die Hälfte des Bildes wird von einem Wolkenhimmel eingenommen.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Enke, Lobenstein, 1998. – Enke, Hagen: Das Schloß in Lobenstein. In: Jacobsen, Roswitha/Bärnighausen, Hendrik (Hrsg.): Residenzschlösser in Thüringen. Kulturhistorische Porträts. Bucha bei Jena 1998, S. 219-225.
  • Löffler, Residenzen, 2000. – Löffler, Anja: Reußische Residenzen in Thüringen. Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktor-Ingenieurs (Dipl.-Ing.). Weimar 2000.
  • Reußische Burgen, 1990. – Till, Klaus (Red.): Reußische Burgen, Schlösser & Gärten. Ausstellungskatalog Staatliches Museum Schloß Burgk, Neue Galerie und Pirckheimer-Kabinett 1990/91. Burgk 1990.

Einzelnachweise

  1. Löffler, Residenzen, 2000, S. 308-310; Reußische Burgen, 1990, s. 9-10.
  2. Löffler, Residenzen, 2000, S. 308-310; Enke, Lobenstein, 1998, S. 221.
  3. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Erfurt. OT Molsdorf [51.026-0003].