Appertshofen, Pfarrkirche Mariä Heimsuchung
Wundertätiges hölzernes Gnadenbild und Heilquelle für Augenleiden; Wallfahrt »Maria im See« (Drei lokale Marienwallfahrten hingen zusammen: »Appertshofen am See, Hitzhofen im Klee, Pettenhofen am Sand, sind drei Marienkircher hier wohlbekannt«). 1758 Gründung einer Arme-Seelen-Bruderschaft.
Patrozinium: Mariä Heimsuchung
Zum Bauwerk: Ursprünglich romanische Chorturmanlage, von der das Turmuntergeschoß und Mauerteile seitlich des Chorbogens erhalten sind. Nach Brand Wiederaufbau 1581. Seit 1696 beantragte Pfarrer Wezl Reparaturen bzw. einen Neubau des Langhauses mit einem Legat von 1500 fl. 1710 wurden Kostenvoranschläge eingereicht; demnach waren vorgesehen Verlängerung des Kirchenschiffs, neuer Dachstuhl, Sanierung des Turms. 1721 Bewilligung zum Bau der Kirche durch den Köschinger Pfleger, 1723–27 bittet Pfarrer Wezl um Anerkennung einer Schuld von 1207 fl., d. h. es müssen schon Baumaßnahmen getroffen worden sein (Ettel, S. 172). 1725 Bitte um Freigabe der Mittel, da die Kirche einzustürzen drohe (BZAR). Diesem Datum entspricht die Stilstufe der Stuckdekoration. Für den einfachen altertümlichen Akanthusstuck in der Form einer »Quadratur« schlägt Siegfried Hofmann den
Stuckator Wolfgang Zächenberger aus Ingolstadt vor. Ob die von Hofmann beschriebenen Baumaßnahmen von 1737 durch den Ingolstädter Stadtmaurermeister Michael Anton Prunnthaller auf das Datum der Barockisierung verweisen, ist nicht geklärt. Nach den Kirchenrechnungen aus dem Jahr 1760 wurden Ansprüche Prunnthalers aus den Jahren 1737, 1738 und 1739 über insgesamt 148 fl. 43×. ab 1758 in Raten von 25 fl. an die Witwe Maria Eva Prunnthaler abgegolten (Hofmann 1983, S. 291). Seitenaltäre von 1670/80. Ursprünglich zeitgleicher Hochaltar 1966 durch den ehemaligen Hochaltar der Filialkirche in Hepberg ersetzt.
Geräumiger Saal (14,70 × 6,90 m) zu drei Achsen. Wandgliederung durch Pilaster mit Akanthuskapitellen. In den Ecken stoßen jeweils zwei Pilaster aneinander. Am Chorbogen endet die Attika am Bogenansatz. Umlaufendes breites profiliertes Gesims mit hoher Hohlkehle, auf dem die Flachdecke ruht. Belichtung durch 3 Fensterpaare. Quadratischer Chor (3,60 × 3,60 m), von beiden Seiten durch hohe Rundbogenfenster belichtet Empore im Westen
Auftraggeber: Die im Hauptfresko A dargestellten vornehmen Personen können als Stifter der Ausmalung gelten. Die Freiherrn von Sickhenhausen waren jahrzehntelang Pfleger in Kösching, Georg Joseph Dominicus von Sickhenhausen (* 1666 † 1755) war Bürgermeister und Rat von Kösching (1690–1732). Er trat die Pflege Kösching an seinen Schwiegersohn Damian Hartard Freiherr von Reigersberg (1732–56, † 1757) ab.
Amtierende Pfarrer waren Michael Wezl (1695–† 1729) und Joseph Reithmayer (1729–† 1763). Michael Wezl als erster Pfarrer von Appertshofen setzte sich schon als Provisor seit 1695 für die Renovierung der Kirche ein.


Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, um 1725. In Frage kommt aus historischen Gründen ein Maler aus Ingolstadt. Die stilistische Nähe zu dem 1724 nach München übersiedelten Johann Anton Zächenberger ist deutlich; die Ingolstädter Maler dieser Zeit sind als Freskanten jedoch noch unbekannt.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke mit seitlichen Vouten. Rahmen: Alle Fresken sind mit Stuckprofil gerahmt und in größere stuckierte Felder eingepasst. Technik: Fresko; alle Fresken polychrom. Maße: A Höhe 7,65 m; 6,30 x 2,20. EB1-1 0,70×1,80
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1865/67 wurden die Deckenfresken durch Kunstmaler Johann Stegmüller, Gaimersheim, restauriert und aufgefrischt und im Chor ein licht blaues Gewölbe mit Goldsternen gemalt. 1913/15 Innen- und Außenrestaurierung durch Karl Glaubacker, Regensburg, und »Auffrischung« der Deckenfresken durch Joseph Wittmann München (Kostenanschlag vom 6.7.1913 »für die Wieder herstellung der zum Teil recht interessanten Fresken« über 780 Mark, StAM). Das Chorfresko mit der Darstellung der Heimsuchung malte Wittmann neu. Die Stuckaturen der Decke wurden grau getönt, im übrigen alles weiß gehalten. Renovierung 1965/68 durch Georg Löhnert, Ingolstadt. T7 1 1 D :
Vor der letzten Renovierung 1993 durch Fa. Rudolf Eis, Regensburg-Lappersdorf, und Restaurator Karl Jobst machten die Fresken einen sehr dunklen, der Wirkung von Ölgemälden nahe kommenden Eindruck. Die mit Kasein gebundenen Übermalungen von 1913 und die dispersionsgebundenen Lasuren und Retuschen von 1965/68 ließen sich mit Alkohol entfernen. Die freskal gebundene Oberfläche mit ihrer Sinterhaut war praktisch unverletzt. Einige alte Retuschen wurden belassen. Die alte Leuchtkraft und Farbigkeit konnte wiederhergestellt werden. Nach dem ursprünglichen Befund wurden der Rahmenstuck und die Ornamentik mit einem dunkelgrauen Schattenstrich hervorgehoben. Bei den Bildern an der Empore kamen Beschädigungen durch Sgraffiti hinzu. Vor der Restaurierung 1965 zeigte das Chorgewölbe eine gemalte Dekoration und das heute kreisrund gerahmte Deckenbild eine seitlich ausschwingende, mittig eingezogene Rahmenform (Farbphotographie BLfD). In der westlichen Hohlkehle ist ein von der Orgelverkleidung verdecktes Fresko in Stuckrahmen (BLfD).
Die Decken- und Emporenbilder zeigen sich technisch in gutem Zustand, aber stilistisch uneinheitlich. Im Vergleich zu den relativ statischen und steifen Figuren in A und den meisten der Nebenbilder sind die Heiligen Johannes, Petrus und Magdalena in 4, 7 und 8 weich und fließend in Körperhaltung und Gebärden wiedergegeben, vermutlich ein Ergebnis der Eingriffe von Wittmann 1913.
Beschreibung und Ikonographie
Fresken an der Flachdecke: Das Hauptfresko A und die 6 Nebenfresken (1–4, a–c) sind mit Stuckprofil gerahmt und in ein stuckiertes rechteckiges Feld eingepasst. Das Chorbogenfresko d und die seitlichen Fresken 5–10 und d–h befinden sich in den Vouten. Der Modelstuck aus einfachen Ranken und
20
APPERTSHOFEN
Blüten, vereinzelt auch mit Muscheln und Puttenköpfchen versetzt, füllt auf schwerfällige Art die Zwischenfelder.
A DAS GNADENBILD VON APPERTSHOFEN Das langgestreckte Bild ist zweigeteilt in irdischen und himmlischen Schauplatz und in der Art eines Votivbildes angelegt. In der Mitte thront Maria mit dem Jesuskind im Typus der Patrona Bavariae. Maria hält das Zepter, das Jesuskind in einem goldenen Brokatgewand hält den goldenen Reichsapfel und eine Rose. Beide tragen eine Krone, auf der der Reichsapfel sitzt, zum Zeichen ihrer königlichen Würde. Marias Haupt im Strahlenkranz ist umgeben von neun Sternen. Sie steht auf der Mondsichel mit einem nach unten gerichteten Männerkopf, dem Mann im Mond. Aus Füllhörnern zu ihren Füßen fallen Blumen und Früchte und Rosenkränze. Drei Engel halten Schriftbänder, die sich auf Maria als fruchtbringende Heilquelle beziehen: Folia eius ad medicinam Eccech 4 ../Non deficiet Fructus eus. Ecceh./Una Salus (»... et non deficiet fructus eius... et folia eius ad medicinam«. Ez 47,12. An dem Fluß aber, an seinem Ufer, werden auf dieser und auf jener Seite allerlei Bäume wachsen, von denen man ißt, deren Blätter nicht welken und deren Früchte nicht ausgehen werden. Monat für Monat werden sie frische Früchte tragen, denn sein Wasser fließt aus dem Heiligtum hervor; und ihre Früchte werden als Speise dienen und ihre Blätter als Heilmittel)
Die Geisttaube und das Jahwe-Zeichen strahlen über dem Haupt der Madonna. Am westlichen Bildrand die Inschrift IN ME GRATIA OMNIS VERITATIS (»in me gratia omnis viae et veritatis, in me omnis spes vitae et virtutis«. Eccli 24,25. Ir mir ist alle Gnade jeden Weges und jeder Wahrheit, in mir alle Hoffnung des Lebens und der Tugend). Am östlichen Bildrand ist auf einer Wiese die Kirche von Appertshofen zu sehen. Auf der rechten sind Stifter, auf der linken Seite Bittflehende dargestellt. Eine in ein weißes Laken gehüllte Person am Bildrand hält ein Stöckchen unter der Achsel, eine kranke Alte mit einem Stofffleck auf der Brust hat offenbar eine Brustamputation hinter sich, eine dritte deutet auf ihre Augen (Appertshofen war Wallfahrt für Augenleiden); zwei junge Frauen und ein Kind ringen Maria die Hände entgegen, die rechte hat Tränen auf den Wangen. Anführer der rechten Gruppe ist ein Herr, der Stab und Dreispitz neben sich gelegt hat, gefolgt von einem jüngeren im vornehmen Rock; beide tragen Allongeperücke. In dem älteren ist (nach Ettel) der für Appertshofen zuständige Pfleger in Kösching, Georg Joseph Dominicus von Sickhenhausen, zu sehen, im jüngeren sein Schwiegersohn Damian Hartard Freiherr von Reigersberg. Vater und Schwiegersohn erscheinen in auffallender Pose mit ihren Rosenkränzen; in den in Schwarz gekleideten beiden Frauen mit Hauben können die Ehefrauen vermutet werden. Der auffordernd aus dem Bild heraus blickende junge Mann im braunen Rock mit schul
Fresken in der Hohlkehle: Kartusche am Chorbogen (d) und rautenförmige Kartuschen in den seitlichen Vouten (e–h)
5-10 HEILIGE Dreipassförmige Felder zwischen den Symbolen, in Halbfigur sind einzelne Heilige dargestellt, Engelchen tragen die Attribute
I–4 HEILIGE Ovalmedaillons an den Schmalseiten von A mit ganzfigurigen Darstellungen. Bis auf den hl. Michael sind es Mitglieder der Sippe Jesu (der hl. Michael erscheint hier evtl. als Namenspatron des Pfarrers).
I Nährvater Joseph Auf dem Weg an einer Steilwand entlang schreiten Joseph und an seiner Hand das Jesuskind. Joseph trägt eine Lilie, das Kind ein Kreuz.
2 Das Mädchen Maria und ihre Eltern Anna und Joachim. Ein Tisch mit Blumenstrauß, an dem Anna sitzt. Sie umarmt das Mädchen Maria, das mit einem aufgeschlagenen Buch an ihrem Schoß lehnt. Über beide beugen sich Joachim, seitlich zwei Puttenköpfchen.
3 Erzengel Michael ist bewaffnet mit Flammenschwert und Kreuzschild, von dem Blitze ausgehen. Mit einem Tritt stößt er den drachengeflügelten Teufel in das Höllenfeuer.
4 Johannes der Täufer am Jordan, im fellgesäumten Kleid, das Lamm zu Füßen, am Kreuzstab ecce Agnus Dei (gleicher Typus wie in Beilngries, Fresko 3, s. S. 37; wirkt modern überarbeitet).
a–c Am Deckenspiegel befinden sich seitlich des Freskos zwei zweipassförmige Bildfelder und ein rundes Bildfeld, die Maria mit Sonne, Mond und Sternen vergleichen
a Sonne – Auserwählt wie die Sonne!
b Mond – Schön wie der Mond
c Sterne – Morgenstern!
a–h Marianische Symbole, alle mit Schriftbändern versehen, die Anrufungen aus der Lauretanischen Litanei bezeichnen
d MARIA Mariä Namen auf der Sichel eines Halbmonds mit dem Profil eines Mannes, dem alten Adam, darunter eine sich windende Schlange mit dem Apfel im Maul. Damit wird sie als Überwinderin der Erbsünde dargestellt. Seitlich Schriftbänder: Vergebens ist der Hölle List / Und Ohnmacht ihr Erbittern / Mariens Sohn auf Gottes Thron / Macht die Vermessne zittern.
e Turm Davids – Torturm, mit Fahnen und Kanonen bestückt
f Elfenbeinerner Thurn! Vierstöckiger kegelförmiger Turm mit Treppenaufgang
g Arche des Bundes – Bundeslade
h Goldenes Haus! Dreistöckiger Turm mit Balkon und welcher Haube.
10 Erasmus als Bischof mit Winde (er erlitt sein Martyrium, indem seine Gedärme aufgewickelt wurden) und Palmzweig, der aus dem Himmel gereicht wird.
Fresken an Emporenunterseite und Emporenbrüstung EU Rosenkranzverleihung an Dominikus (hl. Dominikus als Namenspatron des Pflegers von Sickhenhausen?) FB Anbetung der Hirten (ihamal in) GLORIA IN ALTISSIMI DEO AC IN: TERA PAX / HOMINIBVS BONAE VOLUNTATIS (Lc 2,14. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.)
EB Anbetung der Hirten (überarbeitet) GLORIA IN ALTISSIMI DEO AC IN: TERA PAX / HOMINIBVS BONAE VOLUNTATIS (Lc 2,14. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.)
EB3 Hl. Johannes von Nepomuk kniet auf Wolken vor einer Armillarsphäre, ein Putto hält ihm ein Buch vor mit dem Schweigegestus. Rechts als fatto der Brückensturz in Prag ähnlich wie in Dörndorf (Abb. S. 28).
Chorfresko
HEIMSUCHUNG (Joseph Wittmann 1913) Die Darstellung des Kirchenpatroziniums zeigt heute nur noch Maria und Elisabeth und im Hintergrund Joseph. Die Figur des hl. Joachim ging bei der Reduzierung auf die Ovalform verloren. Dass das Kirchenpatrozinium Mariä Heimsuchung auch im barocken Fresko dargestellt war, liegt nahe. An der Decke des
Langhauses wird das Gnadenbild der Kirche präsentiert, auf das sich die marianischen Symbole a-h beziehen. In der Auswahl der Heiligen an Decke und Emporenbrüstung ist kein ikonologischer Zusammenhang ersichtlich; neben Mitgliedern der Heiligen Familie handelt es sich um Heilige, die vielleicht, wie im Landkreis Eichstätt mehrfach, Namenspatrone von Stiftern und Gemeindemitgliedern zeigen.
Quellen und Literatur
BZAR, Pfarrarchiv Appertshofen, Bausachen (Auswertung Xaver Luderböck).
StAM, Kirchenrechnung der sechs Gottshäuser des Pfleggerichts Kösching 1760, F. 316 v.–317 v; LRA 107466, Akten des Königl. Bezirksamts Ingolstadt, Betr. Kirchenrenovation in Appertshofen 1865–1919.
BLfD, Akt Appertshofen, Pfarrkirche Mariä Heimsuchung. Kunstinventar Bistum Regensburg, bearbeitet von Friedrich Fuchs, 2002.
Ferchl, Bayerische Behörden und Beamte, in: OAVG 53, 1908–10, S. 401 f.
Henle, Anton von, Matrikel der Diözese Regensburg, Regensburg 1916, S. 388.
Historischer Atlas Ingolstadt, S. 138
Ettel, Ernst, Maria See, die alte Wallfahrtskirche von Appertshofen, in: SVHI 90, 1981, S. 161–91.
Hofmann, Siegfried, Appertshofen Mariä Heimsuchung (= KKF Nr. 1282), München-Zürich 11981 (Zächenberger-Brüder für Stuck und Fresken vorgeschlagen, ca. 1738).
-, Die Kirchen in Appertshofen, Kasing und die kleiner Kirchen in Kösching: Werke Michael Anton Prunthallers und Johann Schellhorns aus Ingolstadt, in: SHVI 92, 1983 S. 291–316.
Die Beschreibung des Bistums Regensburg von 1723/24, hg von Manfred Heim, (= BGBR, Beiband 9), Regensburg 1996 S. 101-09, 280.
Dehio OB 2006, S. 56
C.B.