Aldingen, Neues Schloss
Inventarnummer: cbdd10028
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Der reichsunmittelbare Freiherr von Kaltental ließ 1727 zwei Räume seines Renaissancebaus mit barocken Deckengemälden versehen. Den Maler Paul Ambrosius Reith rekrutierte er über den Ritterkanton Kocher, womit er sich von der herzoglichen Künstlerschaft im nahegelegenen Ludwigsburg absetzte.

Ort und Bauwerk
Geschichte und rechtliche Stellung der Herrschaft
1278 erhielten die Herren von Kaltental das am Neckar gelegene Aldingen als Teil der Grafschaft Asperg der Pfalzgrafen von Tübingen zum Lehen.[1] Nachdem 1308 Asperg an die Grafen von Württemberg ging, verkauften sie 1318 ihre Stammburg Kaltental bei Stuttgart an die Württemberger und wählten Aldingen zum Zentrum ihrer Herrschaft. In sicherer Entfernung des Flusses errichteten sie unterhalb der auf einer Anhöhe gelegenen Pfarrkirche St. Margareten eine Burg.
Im Zuge der Reformation kam es zu einer Spaltung der Familie. Der altkirchlich gebliebene Zweig verblieb in der Stammburg, die Ende des 17. Jahrhunderts einem Brand zum Opfer fiel.[2] Der reformierte Zweig, vertreten durch den in einer Bauinschrift genannten Heinrich von Kaltental, errichtete 1580 etwas näher am Neckar ein eigenes festes Haus. In diesem dreigeschossigen, ganz aus Stein gefügten Renaissancebau mit Satteldach hat sich im Erdgeschoss die barocke Deckenmalerei erhalten.
Die Herren von Kaltental waren Lehensträger der Grafen, seit 1495 Herzöge von Württemberg. Mit nach und nach zugekauftem Eigengut unter anderem auch in Aldingen waren sie jedoch seit dem 2. Drittel des 16. Jahrhunderts in der Reichsritterschaft Schwaben beim Kanton Kocher immatrikuliert.[3] Sie genossen damit die reichsritterschaftliche Reichsunmittelbarkeit. Die Nähe zum württembergischen Territorium sollte sich als problematisch erweisen, nachdem Herzog Eberhard Ludwig 1704 Schloss Ludwigsburg ins Leben gerufen hatte und die umgebenden Ländereien als herzogliches Jagdgebiet arrondieren wollte. Die Herren von Kaltental zu Aldingen wurden 1708 aufgefordert, ihr Territorium an das Haus Württemberg zu verkaufen, kamen diesem Ansinnen jedoch nicht nach.[4] Ihre reichsritterschaftliche Reichsunmittelbarkeit brachten sie in der barocken Deckenzier demonstrativ zum Ausdruck.
Aldingen liegt am linken Neckarufer auf einer leichten Anhöhe nördlich von Stuttgart kurz bevor die Rems in den Neckar mündet. Wichtig war der Fährbetrieb über den Fluss, da sich die nächsten Brücken erst im Süden in Cannstatt oder im Norden in Hoheneck/Neckarweihingen befanden.[5] Die Herren von Kaltental hatten den Fährbetrieb zum Lehen. Ihnen oblag die Wartung des Schiffs, wofür als Gegenleistung der Verdienst zwischen ihnen und den Fährleuten geteilt wurde. Der Fährbetrieb sollte eine Rolle im Programm der barocken Deckengemälde spielen.
Geschichte und Beschreibung des Neuen Schlosses
Das sogenannte Neue Schloss in Aldingen wurde laut Bauinschrift im Jahr 1580 von Heinrich von Kaltental zu Aldingen errichtet. Anlass des Neubaus war die Einführung der Reformation in Aldingen im Jahr 1568, der nur ein Teil der Herrschaft folgte. Der altgläubig gebliebene Philipp nutzte weiterhin den angestammten Adelssitz nordöstlich der Kirche. Seine beiden der Reformation und damit auch dem Landesherrn folgenden Cousins Heinrich (gest. 1608) und Reinhard (gest. 1580) bauten weiter im Süden und näher am Neckar das „Neue Schloss“.
Es handelt sich um einen dreigeschossigen, ganz aus Stein errichteten Bau mit Doppelfenstern und Satteldach. Die Kanten sind durch aufgemalte Eckquader betont. Ein Anstrich hebt die Fenstergewände aus Sandstein vom ansonsten weiß verputzten Mauerwerk ab. Obwohl der Bau nur durch die nicht ganz regelmäßig gesetzten Fenster gegliedert wird, wirkt er stattlich und wohlgeordnet. Der Hauptzugang erfolgte von der Hofseite im Norden, während auf der Rückseite im Süden wohl von Anfang an ein Garten angelegt war. Auf dem Deckengemälde von Paul Ambrosius Reith in Raum 1 ist zu erkennen, dass im Barock im Garten ein Pavillon stand. Nach Osten schließt ein im Barock nachträglich angebauter Altan mit Fachwerkaufbau an, der ebenfalls auf dem Gemälde von Reith zu erkennen ist.[6] Er bot vom zweiten Obergeschoss einen schönen Blick auf den Neckar.
1715 wurde das Innere einer Renovierung unterzogen.[7] Damals ging es um die Vergrößerung der Türen zwischen den zahlreich im Schloss vorhandenen Stuben und Kammern sowie um einen Steinbelag im Hausflur und den angrenzenden drei Zimmern. Diese noch ganz in den Strukturen des renaissancezeitlichen Stubenappartements sich abspielende Renovierung bildete die Voraussetzung für die um 1727 erfolgte Ausmalung zweier Zimmer in der Westhälfte des Erdgeschosses. Diese beiden Zimmer wurden in einem späteren Bauakkord von 1741 als die französischen Kammern bezeichnet.[8]
Offenbar erst um 1727 kam das stattliche Hauptportal hinzu. Mit seinem geschweift aufgebrochenen Schulterbogen, einem überdimensionierten Scheitelstein und einem gesprengten Segmentgiebel zur Aufnahme des Wappens erinnert es an die Formensprache Donato Giuseppe Frisonis. Sie war in dessen 1727 erschienenem Stichwerk zu Schloss Ludwigsburg in genau dieser Art zu studieren. Ein nachträglich gerahmtes Fenster auf der Gartenseite trägt im Keilstein das Wappen der Herren von Kaltental mit der Jahreszahl 1726. Schriftquellen zu dieser Bauphase haben sich keine erhalten.
Im Zuge der Bauphasen von 1715 und 1726/27 wurden der Dachstuhl mit einer liegenden Stuhlkonstruktion und verzapften Verbindungen erneuert und im inneren die eindrucksvolle Holztreppe geschaffen.[9] Tiefgreifende Umbauten wurden 1957 vorgenommen. 2012/13 erfolgte der Umbau zu einem modernen Wohn- und Bürogebäude.
Bauherr und Auftraggeber des Adelssitzes und der Deckengemälde
Der Bauherr Heinrich von Kaltental zu Aldingen, dessen Epitaph sich in der Aldinger Pfarrkirche St. Margareten erhalten hat, starb am 14. Oktober 1608 „nachdem er in seinen jungen Jahren viel Kriegsgefahr außgestanden, alß in Italien, Frankreich, Ungarn und Niederland“.[10] Dieser heute nicht mehr lesbaren gemalten Inschrift des Epitaphs zufolge besaß Heinrich eine Vorstellung der Renaissancearchitektur südlich und nördlich der Alpen, was sich in seinem durch die Fenster gleichmäßig gegliederten, ganz aus Stein errichteten Adelssitz niederschlug. Auf dem Epitaph ist er in Ritterrüstung mit abgelegtem Helm kniend dargestellt. Selbstbewusst schaut er aus dem Bild heraus auf den Betrachter.
Auftraggeber des Portals und der barocken Deckengemälde war Georg Wolfgang Freiherr von Kaltental zu Aldingen (1681–1746).[11]
Die französischen Kammern
Bei den im Bauakkord von 1741 als französische Kammern bezeichneten Räumen[8] handelte es sich allem Anschein nach um die beiden Räume mit Deckenmalerei. Sie liegen rechter Hand des Hauptportals an der Gartenseite. Sie umfassen beide 5 x 5 Meter. Da ihre ursprüngliche Funktion nicht überliefert ist und auch der Betrachterstandpunkt der Deckengemälde keine Rekonstruktion der Wegeführung erlaubt, werden sie im folgenden als Raum 1 (Eckraum) und Raum 2 (Raum mit Fensterrahmen von 1726) bezeichnet.
In der Deckenzier kommt die Hierarchie der Räume klar zum Ausdruck. Raum 1 besitzt lediglich ein ovales Gemälde in einem ansonsten ornamental ausstuckierten Plafond. In Raum 2, wo sich an der Decke die Hoheitszeichen der Reichsunmittelbarkeit in Stuck befinden, wird ein großes quadratisches Gemälde an allen vier Seiten von Trabanten mit Jagdstillleben umgeben. Die Trabanten erwecken zusammen mit dem Hauptgemälde den Eindruck einer Laube. Auch gattungstheoretisch steht Raum 2 über Raum 1, indem für Raum 1 lediglich eine Allegorie, für Raum 2 eine mythologische Historie erdacht wurde.
Raum 1 - Neckar und Pax
Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Das Entstehungsjahr 1727 der Deckengemälde wird aus dem Umstand geschlossen, dass der Maler Paul Ambrosius Reith im Jahr zuvor in Esslingen im Rathaus ein großes, vom Ritterkanton Kocher finanziertes Deckengemälde ausgeführt hat. Da Georg Wolfgang Freiherr von Kaltental zu Aldingen seit 1719 als Ritterrat zur Verwaltungsspitze des Kantons gehörte,[12] nimmt man an, dass er Reith im Folgejahr für seinen Adelssitz in Aldingen gewann.[13]
Die Deckengemälde wurden in Mischtechnik direkt auf den Untergrund gemalt. Umgeben sind sie von weiß gefasstem Stuck. In Raum 1 symbolisieren in den vier Ecken der Hohlkehle stuckierte Putti mit Blumen, Ähren, Früchten und einer Fackel die vier Jahreszeiten. Vor ihrer ersten Restaurierung 1958 waren die Gemälde in einem sehr schlechten Zustand. Im Verlauf der zweiten Restaurierung 1989 gelang dem Restaurator Horst Wengerter die Zuschreibung an Reith, da er kurz zuvor dessen Deckengemälde in Esslingen restauriert hatte. 2012/13 erfolgte eine weitere Restaurierung im Zuge des Umbaus zu modernen Büroräumen.
Beschreibung und Ikonographie
Im Zentrum der mit feinem Bandelwerk ausstuckierten, in der flachen Hohlkehle mit Blumengirlanden versehenen Decke befindet sich ein ovales Gemälde mit dem Flussgott Neckar und der Personifikation des Friedens. Der Neckar ist als langgliedriger, nahezu unbekleideter alter Mann gegeben, der in der rechten unteren Bildhälfte auf dunklen Fels- und Waldformationen ruht. Im linken aufgestützten Arm hält er ein Ruder und legt die Hand auf eine Urne, aus der sich in einer zweistufigen Kaskade Wasser in den Neckar ergießt. Seinen rechten Arm hat er theatralisch erhoben, was seinen bekümmert flehenden Gesichtsausdruck unterstreicht.
Sein Flehen gilt der Friedensgöttin Pax, die über ihm auf einer Wolke thront. Auch sie ist langgliedrig und schaut mit mildem, aber ernstem Blick auf die Erde herab. Sie trägt ein ockerfarbenes Gewand, das über einem weißen Untergewand ihre rechte Brust freilässt. Im Haar, das fast gleichfarbig mit dem Gewand ist, trägt sie ein Diadem mit einem dreieckig gefassten Schmuckstein. In der Rechten hält sie eine brennende Fackel, allerdings nicht wie ikonographisch üblich nach unten, sondern zur Seite. Sie verbrennt damit die dort liegenden Waffen wie Kanonen, Pistolen und Pfeile. Ripa erläutert diese die Waffen vernichtende Bedeutung der Fackel unter Berufung auf eine Medaille des Kaisers Augustus.[14] Außer mit dem Frieden verheißenden Ölzweig, den Pax mit links frei vor den ockerblauen Himmel hält, folgt Reith Ripa auch im inkarnatfarbenen Gewand der Pax.[14] Weggelassen hat er hingegen die Flügel.
Zu Füßen des Flussgottes ist das Neue Schloss in Aldingen zu erkennen. Es wurde so dargestellt, dass seine dem Neckar zugewandte Giebelseite auf dem Gemälde dem Flussgott zugewandt ist. Außerdem ist die Gartenseite gut zu sehen, hinter der sich die ausgemalten Räume befinden.
Komposition und Ansichtigkeit
Das Gemälde zeugt von einer ausgeklügelten und dennoch klaren Komposition mit starkem Formatbezug. Jeder der beiden Personifikationen ist eine Bildhälfte zugeteilt, wobei dem Flussgott die untere, der Friedensgöttin die obere Hälfte zukommt. In der Mitte verschränken sich die beiden Bildhälften, ohne dass sich Pax und Neckar respektive Himmel und Erde berühren würden. Das Motiv des Erflehens, Distanz wahren Müssens und dennoch einander zugetan Seins ist hier malerisch delikat umgesetzt. Zugleich beherrscht das Bild eine dynamische Diagonale, die sich aus der Verschränkung der beiden Zonen in den Gliedmaßen der Figuren ergibt. Ihr stehen im rechten Winkel zwei kürzere Diagonalen entgegen, die einmal durch den Flussgott und einmal durch den erhobenen Arm der Friedensgöttin mit dem Olivenzweig gebildet werden. Der Olivenzweig stellt formal und inhaltlich die Krönung des Gemäldes dar, dem als Gegenpol diagonal darunter das Neue Schloss in Aldingen als zu beschützender Kosmos gegenübergestellt ist.
Das Gemälde ist auf einen Betrachterstandpunkt von der Tür aus Raum 2 kommend ausgerichtet. Ungewöhnlich ist der in den Stuck hineinreichende Kontur des Gemäldes. Er bildet an acht Seiten gemalte Fortsätze aus, die den ohnehin ausgeprägten Formatbezug der Komposition weiter betonen.
Raum 2 - Diana und Prokris
Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Das Entstehungsjahr 1727 der Deckengemälde wird aus dem Umstand geschlossen, dass der Maler Paul Ambrosius Reith im Jahr zuvor in Esslingen im Rathaus ein großes, vom Ritterkanton Kocher finanziertes Deckengemälde ausgeführt hat. Da Georg Wolfgang Freiherr von Kaltental zu Aldingen seit 1719 als Ritterrat zur Verwaltungsspitze des Kantons gehörte,[12] nimmt man an, dass er Reith im Folgejahr für seinen Adelssitz in Aldingen verpflichtet hat.[13]
Die Deckengemälde wurden in Mischtechnik direkt auf den Untergrund gemalt. Umgeben sind sie von weiß und golden gefasstem Stuck. Vor ihrer ersten Restaurierung 1958 waren die Gemälde in einem sehr schlechten Zustand. Im Verlauf der zweiten Restaurierung 1989 gelang dem Restaurator Horst Wengerter die Zuschreibung an Reith, da er kurz zuvor dessen Deckengemälde in Esslingen restauriert hatte. 2012/13 erfolgte eine weitere Restaurierung im Zuge des Umbaus zu modernen Büroräumen.
Beschreibung und Ikonographie
Im Zentrum des Plafonds steht ein großes rechteckiges Gemälde mit der Begegnung von Diana und Prokris. Sein Rahmen mit konkav eingezogenen Ecken und seitlichen Auszügen wird von einem Stuckfeld gerahmt, in dessen wiederum eingezogenen Ecken vier vergoldete Adler mit den Insignien des Reichs, nämlich Schwert, Zepter, Lorbeer und Reichsapfel platziert sind. Entlang der Hohlkehle wurden jeweils in der Mitte Brüstungen aus Rosengittern stuckiert, über denen Lambrequins mit vergoldeten Säumen hängen. Auf den Brüstungen liegt – nunmehr illusionistisch gemalt – totes und lebendiges Flug- und Niederwild wie Vögel und Kaninchen. Diese Jagdstillleben heben sich vor einem illusionistisch gemalten Himmel ab.
Diana und Prokris
Thema des zentralen Gemäldes ist die selten dargestellte Begegnung von Diana und Prokris, bei der die Jagdgöttin Diana Prokris den unfehlbaren Speer und den unsterblichen Hund Lailaps schenkte.[15] Die Szene entstammt den Metamorphosen des Ovid. Prokris wurde von ihrem Mann Kephalos zu unrecht auf die Probe gestellt, woraufhin sie sich trauernd in die Wildnis begab. Dort traf sie auf Diana, die ihr die beiden göttlichen, nicht für den Menschen gedachten Waffen übergab. Prokris schenkte sie dem später mit ihr wieder versöhnten Kephalos, der sie tragischerweise mit dem Speer versehentlich tötete. Derjenige Betrachter, der mit den Metamorphosen des Ovid vertraut war, erkannte demnach, dass Prokris im Deckengemälde unwissend ihre Todeswaffe entgegennahm.
Der hierarchische Abstand zwischen Göttin und Sterblicher kommt gut zum Ausdruck. Diana sitzt aufrecht und leicht erhöht auf einer Wolke, während Prokris sich ihr von rechts unten auf Knien nähert. Zu erkennen ist Diana am Halbmond über ihrer Stirn, am grünen Gewand sowie Bogen, Köcher und Jagdhund, die eine Gefährtin im Hintergrund bereithält. Mild und fürsorglich blickt sie auf Prokris. Ihre rechte Hand hebt sich in großzügigem Redegestus vom Himmel ab, während sie mit der linken auf Lailaps zu ihren Füßen zeigt. Prokris ist mit einem blaugrauen Mantel über ihrem roten Gewand züchtiger bekleidet und auch zurückhaltender frisiert als die Göttin. Ihr in strengem Profil gemaltes Gesicht wirkt offen und aufmerksam. Den Speer in ihrem linken Arm hat sie bereits empfangen, mit der rechten geöffneten Hand demonstriert sie Diana ihre Aufrichtigkeit.
Komposition und Ansichtigkeit
Die Komposition weist einen klaren Formatbezug auf, indem Diana und Prokris je eine Bildhälfte zugedacht ist. Stabilisiert wird der Bildaufbau zusätzlich durch das von Diana und Prokris geformte Dreieck. Dynamisierende Diagonalen verlaufen einmal durch den Speer, der Lailaps‘ Rücken und einen herbeifliegenden Putto mit Jagdhorn verbindet. Die zweite, im rechten Winkel schneidende Diagonale bilden der erhobene Arm von Diana und wiederum Lailaps mit seinem Kopf, der sich somit im Schnittpunkt aller Kompositionslinien befindet.
Gestalterische Mittel
Zur Differenzierung der beiden unterschiedlich situierten Frauen bediente sich Reith außer den traditionellen Mitteln von Oben und Unten vor allem der Gestik und der Mimik.
Jagdstillleben
Das zentrale Deckengemälde des hierarchisch höherstehenden Raum 2 wird an allen vier Seiten von stilllebenartig arrangierten Jagdstücken begleitet. Sie nutzen eine stuckierte Brüstung als Auflage, sind jedoch gemalt und geben wie in einer Laube den Blick auf einen illusionistisch gemalten Himmel frei. Jeweils in der Mitte platzierte Paul Ambrosius Reith ein Blumenbouquet, in dem er verschiedene einheimische Pflanzen vereinte, wie beispielsweise Narzissen, eine Art Jasmin und Vergissmeinnicht. Die stets lebendig wiedergegebenen Vögel hat er in Federkleid und Haltung treffend charakterisiert, was ihn nicht nur als Historien-, sondern auch als versierten Stilllebenmaler ausweist.
An der Ostseite, die hier im Detail fotografiert wurde, stellte Reith den spektakulären Luftkampf zwischen abgerichtetem Falke und Reiher dar, der als Höhepunkt der Reiherbeize galt. Links des Blumenbouquets liegen ein totes und ein lebendiges Kaninchen. Auf dem Jagdstück der Nordseite zeigte Reith rechts einen auffliegenden Reiher, links einen ruhenden Reiher mit vorgestrecktem Hals und aufgelegtem Kopf. Auf der Südseite sind zwei abgerichtete Falken mit Kopfhauben sowie eine Eule mit herbeifliegendem Sperber(?) zu sehen. Auf der Westseite fliegt rechts wiederum ein Sperber(?), während links zwei tote Kaninchen deponiert wurden. Daneben liegt das Horn eines Tieres, das in ein Schmuckgefäß mit Knauf verwandelt wurde.
Programm und Synthese
Beide Deckengemälde, die Georg Wolfgang Freiherr von Kaltental zu Aldingen in seinem Adelssitz in Aldingen von dem Maler Paul Ambrosius Reith um 1727 malen ließ, beziehen sich in ihrem Programm auf den Status des Bauherrn und seine Herrschaft. In der Allegorie in Raum 1 wird indirekt der Fährbetrieb über den Neckar thematisiert, den die Herren von Aldingen von den Herzögen von Württemberg zum Lehen hatten. Die Lage des Schlosses am Fluss, der Flussgott Neckar und der Wunsch, die Herrschaft durch die Friedensgöttin Pax beschützt zu sehen, vereinigen sich dort im Kosmos der vier Jahreszeiten, die in der Hohlkehle in Stuck symbolisiert sind.
Die Historie von Diana und Prokris in Raum 2 wird durch die Jagdstillleben in den Trabantenbildern auf das herrschaftliche Thema der Jagd bezogen. Zugleich thematisieren die vier stuckierten Adler mit Zepter, Schwert, Reichsapfel und Lorbeer die reichsritterschaftliche Reichsunmittelbarkeit des Bauherrn. Beides zusammen spielt auf das schwierige Verhältnis zu den Herzögen von Württemberg an, denen der Aldinger mit einem Teil seiner Güter lehenspflichtig war. Als Freiherr stand ihm nur die Jagd auf das in den Trabanten dargestellte Niederwild zu während der Herzog im nahegelegenen Ludwigsburg die hohe Jagd zelebrierte und hierfür sein Territorium auf Kosten des Aldingers zu arrondierten versuchte. Mit dem dargestellten Niederwild erkannte der Aldinger seine untergeordnete Stellung an, trumpfte zugleich aber auch mit seiner Zugehörigkeit zur Reichsritterschaft Schwaben auf. Dort war er mit einem anderen Teil seiner Güter direkt dem Reich steuerbar, was die reichsritterschaftliche Reichsunmittelbarkeit mit sich brachte, die in den vier Adlern thematisiert wurde.[16]
Der Auftraggeber Georg Wolfgang Freiherr von Kaltental zu Aldingen starb unverheiratet.[17] Umsomehr verwundert die weibliche Konnotation im Deckengemälde von Diana und Prokris. Das Thema ist selten dargestellt. Es betont die Aufrichtigkeit von Prokris, der in der Aldinger Version mit dem Hund Lailaps im Schnittpunkt der Kompositionsachsen mit dem Element der Treue Nachdruck verliehen wurde.
Das Motiv der Laube, das in den Himmelsausblicken der vier Trabanten gemalt wurde, passt zur Lage des Raumes an der Gartenseite des Gebäudes. Der Darstellung des Aldinger „Neuen Schlosses“ auf der Allegorie in Raum 1 ist zu entnehmen, dass sich auf der Gartenseite damals ein Gartenpavillon befand, sodass das Gemälde in Raum 2 auch funktional auf seinen räumlichen Kontext abgestimmt war.
Bibliographie
- Norbert Stein, Die Herren von Kaltental zu Aldingen, in: Norbert Stein, Eduard Theiner, Heinz Pfizenmayer: Die Herren von Kaltental und die Reichsfreien Nothaft von Hohenberg (Heimatkundliche Schriftenreihe der Gemeinde Remseck am Neckar. Landschaft – Natur – Geschichte, 9), Remseck 1989, S. 8–23.
- Eduard Theiner, Die barocken Deckengemälde im Schloß zu Aldingen. Neue Erkenntnisse und Mutmaßungen, in: Norbert Stein, Eduard Theiner, Heinz Pfizenmayer, Die Herren von Kaltental und die Reichsfreien Nothaft von Hohenberg (Heimatkundliche Schriftenreihe der Gemeinde Remseck am Neckar. Landschaft – Natur – Geschichte, 9), Remseck 1989, S. 24–29.
- Jochen Tolk, Die Margaretenkirche in Aldingen (Heimatkundliche Schriftenreihe der Gemeinde Remseck am Neckar. Landschaft – Natur – Geschichte, 15), Remseck 1996.
Einzelnachweise
- ↑ Zur Geschichte des Ortes und der Herren von Kaltental zu Aldingen: Stein, Herren von Kaltental, 1989.
- ↑ Stein, Herren von Kaltental, 1989, S. 18–19.
- ↑ Stein, Herren von Kaltental, 1989, S. 13–14.
- ↑ Zu diesem für das Programm der barocken Deckengemälde wichtigen Vorgang: Stein, Herren von Kaltental, 1989, S. 22.
- ↑ Zum Fährbetrieb: Stein, Herren von Kaltental, 1989, S. 20.
- ↑ 1740 sind Arbeiten am Altan verbürgt (StAL B 100 b S Bü 10).
- ↑ StAL B 100 b S Bü 10 (Bauakkord vom 23. April 1715).
- ↑ 8,0 8,1 StAL B 100 b S Bü 10 (Bauakkord vom 15. Juni 1741).
- ↑ http://www.bauforschung-bw.de/objekt/id/121320029100/. Außerdem ebd. Baualterplan von 2008.
- ↑ Tolk, Margaretenkirche, 1996, S. 37–38.
- ↑ Die Lebensdaten bei Theiner, Deckengemälde Aldingen, 1989, S. 29: 4. Dezember 1681–14. Februar 1746.
- ↑ 12,0 12,1 Theiner, Deckengemälde Aldingen, 1989, S. 24.
- ↑ 13,0 13,1 Theiner, Deckengemälde Aldingen, 1989, S. 24–28 mit Bezug auf den Restaurierungsbericht von Horst Wengerter.
- ↑ 14,0 14,1 Ripa, Iconologia, 1645, S. 467.
- ↑ Die Ikonographie wurde bislang unvollständig als Diana mit Gefolge benannt (Theiner, Deckengemälde Aldingen, 1989, S. 26).
- ↑ Diese Zusammenhänge bei Theiner, Deckengemälde Aldingen, 1989.
- ↑ Theiner, Deckengemälde Aldingen, 1989, S. 29.