Adelshausen (Weil), Kapelle St. Martin


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 19–21, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Kapelle in Privatbesitz, Gemeinde Weil, Pfarrei Beuerbach, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung hatte Kloster Benediktbeuern das Präsentationsrecht auf die Pfarrei, Gericht Landsberg

Patrozinium: St Martin

Zum Bauwerk: Die Jahreszahl 1677 (mit den Namen Benediktus Fichtell, Jakob Fichtell) im Giebel der Westfront ist wohl auf Baumaßnahmen an dem im Kern spätgotischen Kapellenbau zu beziehen. – Die Kapelle hat einen einfachen rechteckigen Gemeinderaum und einen leicht eingezogenen querrechteckigen Altarraum.

Autor und Entstehungszeit: Die Deckenbilder zeigen trotz ihres schlechten Zustandes so große Ähnlichkeit mit den Fresken Johann Baptist Anwanders, daß man sie dem Augsburger Meister zuschreiben muß. Die beiden Wandbilder (W1-2) mit dem hl. Joseph und besonders die Erziehung Mariens durch Anna kehren wenig variiert im AR von Hausen bei Geltendorf und in Eresried (OB, LKr. Fürstenfeldbruck) wieder. Der Typus des heiligen Bischofs in B ist auch von anderen Anwanderfresken her bekannt: Hausen bei Geltendorf (Fresko B), Hechenwang (Fresko C), St. Ulrich bei Egling (Fresko A). Auch die Figuren von A und A1-4 entsprechen dem Malstil Anwanders. Auf Grund des stilistischen Befundes sind die Adelshausener Kapellenfresken in zeitliche Nähe zu den signierten und datierten Fresken von 1695 in der Pfarrkirche von Hausen bei Geltendorf zu setzen (Angaben zur Biographie des Malers siehe dort).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Flachdecke, AR Kreuzrippengewölbe

Rahmen: A Stuckprofil, B gemaltes Profil, von Rocailleformen überspielt

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 3,30 m; 1,75 × 1,40 B Höhe 3,45 m; 1,00 × 1,30

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Der Erhaltungszustand ist sehr schlecht, die Bilder sind teilweise zerstört, die Farben zersetzt. In A Fehlstelle am rechten Bildrand, am linken schadhaft; A2 große Fehlstelle, A3 völlig, A4 weitgehend ruiniert. Durch Übermalung entstellt ist das Mittelbild A; die Wandbilder W1-2 im AR sind gleichfalls übermalt. Wenig beeinträchtigt durch Übermalung und Schäden ist das AR-Fresko B.

Beschreibung und Ikonographie

A MANTELSPENDE DES HL. MARTIN Die beliebte Legende aus dem Leben des Heiligen wird in einer tafelbildmäßigen Anlage mit geringer Untersicht veranschaulicht, die durch eine terrestrische Vordergrundsrampe auf Tiefenwirkung berechnet ist. St. Martin auf dem Roß und der Bettler erscheinen in einer Landschaft, in deren Hintergrund eine Burg aufragt; Putti über dem Heiligen tragen seine Bischofsinsignien.

 
A Mantelspende des hl. Martin

B ST. MARTIN IN DER GLORIE Der Heilige thront auf Wolken, die Rechte zum Segensgestus vor die Brust erhoben, den Blick aufwärts gerichtet. Im Arm hält er den Bischofsstab, neben ihm liegen auf einer Wolke Mitra, Buch und sein spezielles Attribut, die Gans.

 
B St. Martin in der Glorie

A1-4 ALLEGORISCHE DARSTELLUNGEN Die fragmentarisch erhaltenen Zwickelbilder im Langhaus lassen Bildfiguren erkennen, die vermutlich als die Vier Letzten Dinge zu deuten sind:

A4 (keine Abbildung) Von einer verhüllten Figur in der Mitte des Bildes sind ein Skelettarm mit einem länglichen Gegenstand in der Skeletthand rechts im Bild sowie die zweite Skeletthand vor den Tuchfalten erkennbar. Links im Bild windet sich über einem ein wenig geöffneten Sarkophag (vgl. die Bildformen in A2) eine Schlange mit einem Apfel im Maul um die Weltkugel (oder Konvexspiegel?). Die verhüllte Skelettgestalt ist wohl als Tod anzusprechen, die Schlange mit dem Apfel soll auf den ursächlichen Zusammenhang von Sünde und Tod, die durch den Teufel in die Welt kamen, hinweisen.

A2 Ein Engel bläst die Posaune, daran hängt eine Fahne mit dem Gerichtssymbol der Waage. Am unteren Bildrand stemmt eine verhüllte Menschengestalt offenbar einen Sargdeckel hoch (= Gericht).

 

A1 Auf Wolken liegender halbnackter Jüngling mit ausgebreiteten Armen und erhobenem Blick; zu seiner Seite ruht ein Putto mit einem Palmkranz in der Hand. In einer lichten Gloriole erscheint das durch drei Flammen bezeichnete Dreieck der Dreifaltigkeit. Von diesem fallen Strahlen auf den Jüngling herab (= Himmel).

A3 (keine Abbildung) Reste einer menschlichen Gestalt in Flammen (?), von Teufelskrallen erfaßt (= Hölle).

Dem Patron der Kirche entsprechend stehen Leben und Glorifikation des hl. Martin im Mittelpunkt des Programmes. Hinzugeordnet sind allegorische Darstellungen, woh die Vier Letzten Dinge: Tod, Gericht, Himmel und Hölle Diese sind vielleicht sinngemäß auf St. Martin zu beziehen St. Martin sah seinen Tod voraus, an seinem Totenbett erschien ihm der Teufel, doch er war sich des Paradieses gewiß (vgl. dazu die ikonographischen Angaben für das Fresko des Matthäus Günther in Garmisch, OB, LKr Garmisch-Partenkirchen, s. Bd 2); doch wäre bei einem solchen Sinnbezug im Hauptbild eher die Darstellung des Todes des Heiligen als dessen Mantelspende zu erwarten. Das aus dem Katechismus stammende Bildthema der Vier Letzten Dinge findet sich vereinzelt in der barocken Deckenmalerei in Deutschland (vgl. Andor Pigler, Barockthemen, Bd 1, Budapest 1956, S. 534; RDK, Bd 4, Sp. 12-22, s. v. Dinge, Vier Letzte).

 
A2 Gericht
 
Joseph W
 

Die Wandfresken befinden sich an der N- und S- Wand des Altarraumes.

W1 S./JOSEPH Der Heilige in der Zimmermannswerkstatt; das Jesuskind kehrt Hobelspäne.

W2 S./ANNA Vor seiner Mutter Anna kniet lesend das Mädchen Maria.

Quellen und Literatur

Müller-Hahl, Bernhard (Hg.), Heimatbuch Stadt- und Landkreis Landsberg am Lech, Aßling-München 1966, S. 402 f.