Wolfenbüttel, ehem Alte Bibliothek
Inventarnummer: cbdd10200
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In der 1705-11 erbauten herzoglichen Bibliothek befand sich ein Deckengemälde (vmtl. Tobias Querfurt), das die Planetengötter zeigte. Mit der Ausführung unzufrieden, erging ein Auftrag an Giovanni Antonio Pellegrini, dessen unausgeführter Modello mit Apoll und den Musen von 1714 sich erhalten hat.

Die Alte Bibliothek in Wolfenbüttel
Das Gebäude
Das ehemalige Bibliotheksgebäude[1] in Wolfenbüttel wurde im Auftrag von Herzog Anton Ulrich unter Berücksichtigung der Vorstellungen von Gottfried Wilhelm Leibniz nach Plänen von Hermann Korb von 1705 bis 1713 erbaut. Der Außenbau war bereits 1711 vollendet. Er integrierte Teile eines 1588-91 erbauten Marstalls. Es handelte sich um das erste ausschließlich zum Zwecke einer Bibliothek errichte Gebäude nördlich der Alpen. Es wurde 1887 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.
Der querrechteckige Bau war dreigeschossig und verfügte über einen zentralen risalitartigen Vorbau an der Eingangsseite, in dem sich das Treppenhaus befand. Das Zeltdach wurde von einer hoch aufragenden ovalen Mittelrotunde durchstoßen. Ihr Fenstergeschoss überragte tambourartig das Dach. Sie schloss mit einer Kuppel mit zwölfseitigem Schirmdach ab und wurde von einem vergoldeten Himmelsglobus bekrönt. Diese wurde bereits 1729 aus statischen Gründen entfernt.
Der quer zur Eingangsseite gestellte Zylinder nahm den Lesesaal auf, maß vier Geschosse und wurde von zwölf Pfeilern gegliedert, die die Decke trugen. Sie waren in jedem Geschoss von Säulen und Pilastern in Superposition umstellt. Der Fußboden lag auf Höhe des ersten Obergeschosses, das drittes Geschoss wurde vom ansteigenden Dach verdeckt, das vierte Geschoss war komplett durchfenstert und beldeuchtet ein Deckengemälde, das vermutlich von Tobias Querfurt d. Ä. geschaffen wurde. Es befand sich in einem Stuckrahmen von Giacomo Perenetti.
Die Malerei - Das ausgeführte Deckengemälde
Das verlorene Deckengemälde ist über Gemälde, Zeichnungen und Fotografien bekannt. Es zeigte die auf Wolken thronenden Planetengötter, die von spielenden Putten umgeben waren.[2] An der Schmalseite erblickte man Apoll mit der Leier als Sonnengott, rechts neben ihm war Diana im Kreis ihrer Gefährtinnen mit gebauschtem Mantel und Bogen als Verkörperung des Monds. Auf Diana folgte der bewaffnete Mars, auf diesen Merkur mit Flügelhelm und Flügelschuhen sowie seinem Stab in der Rechten. Apoll gegenüber thronte Jupiter, in der Hand ein Blitzbündel und neben sich der Adler. Es folgten die nackte Venus sowie Saturn, der seine Kinder verschlingt, während ein Putto versucht, ihm seine Sense zu entwinden. In der Mitte der Decke — sozusagen über den Göttern — war ein Ring mit Planetenzeichen, umschwebt von sieben Putten. Vermutlich gab es hier eine Öffnung in der Decke. Die Gemäldeaussage sollte wohl den Einfluss der Planeten auf die Welt und den Menschen sein — dargestellt im angesammelten Wissen der Bibliothek, das sozusagen als Pantheon und Tugendtempel gestaltet war. Der Versuch des Putto, Saturn die Sense zu entreißen, könnte darauf hindeuten, dass in einer Bibliothek die Bücher die Zeit überdauern sollen.
Der Modello von Giovanni Antonio Pellegrini
Herzog Anton Ulrich war mit dem ausgeführten Deckenfresko unzufrieden und gab einen neuen Entwurf in Auftrag.[3] Der Entwurf von Giovanni Antonio Pellegrini aus dem Jahre 1714 hat sich bis heute in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel erhalten.[4] Hier steht der Sonnengott Apoll vor teilbwölktem Himmel als Führer der Musen. Unter Apoll ruht links Minverva, die Beschützerin der Wissenschaften und Künste. Am unteren linken Bildrand unter Minverva sieht man Putten mit wissenschaftlichen Instrumenten, an unteren rechten Bildrand befinden sich die neun Musen. Apoll weist auf drei von ihnen am rechten Bildrand, die im Begriff sind, Saturn an den Helikon zu binden. Die Fesselung erfolgt unter Anleitung Amors. Dafür werden den drei Musen von Putten Ketten gereicht Andere Putten tragen die Sense Saturns fort. Über dem Helikon steigt der flügellose Pegasus in gewagter Untersicht auf, während unter seinem Huftritt gerade die Quelle der Hippukrene entspringt. Im Bildhintergrund ist eine weibliche Gestalt mit einer Lanze in der Linken zu erkennen. Sie wird von einem Putte unten links durch ein Fernrohr betrachtet. In ihrer rechten hält sie eine sich in den Schwanz beißende Schlange – es ist Eternitas, die Ewigkeit.
Die Bildaussage ist im Gegensatz zum Gemälde Querfurts eine gänzlich andere. Unter der Herrschaft von Herzog Anton Ulrich überdauern die Künste die Zeit, zumindest in der Bibliothek. Dass sich Anton Ulrich selbst mit Apoll gleichsetzte, verdeutlicht der Löwe zu seinen Füßen — das braunschweigische Wappentier. Der flügellose Pegagsus erinnert an das Sachsenross und wurde ähnlich in Salzdahlum verwendet. Minerva ist als Herzogin Elisabeth Juliane zu identifizieren. Wichtig war dem Herzog, dass er das zeitlose Überdauern der Künste gewährleistete.[5]
Der 1714 vollendete Modello wurde vermutlich nur aufgrund des Todes von Anton Ulrich 1714 nicht ausgeführt. Pellegrini hat ihn in seiner Düsseldorf Zeit geschaffen, nach seiner Rückkehr aus Großbritannien.[6]
Bibliographie
- Literatur:
- Alvensleben, Korb, 1937. – Alvensleben, Udo von: Die Braunschweigischen Schlösser der Barockzeit und ihr Baumeister Hermann Korb. Berlin 1937.
- Bessin, Pracht-Gebäuden, 2006. – Bessin, Peter: Alle Arten von Pracht-Gebäuden — Oeffentliche Zucht- und Liebesgebäude. In: Paulus, Simon (Red.): Hermann Korb und seine Zeit: 1656 – 1735. Barockes Bauen im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel. Braunschweig 2006, S. 227-244.
- Meier, Wolfenbüttel, 1904. – Meier, Paul J. (Bearb. mit Beiträgen von K. Steinacker): Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Wolfenbüttel. Wolfenbüttel 1904.
- Wenzel, Gemälde, 2012. – Wenzel, Michael: Die Gemälde der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Bestandskatalog (Wolfenbütteler Forschungen, 133). Wiesbaden 2012.
- Wenzel, Pellegrini, 2014. – Wenzel, Michael: Chronos in den Ketten der Musen. Der Entwurf eines Deckenbildes von Giovanni Antonio Pellegrini von 1714 und die Anfänge der Kunst- und Kulturgutkonservierung. In: Schmale, Wolfgang (Hrsg.): Time in the age of enlightenment. 13th International Congress for Eighteenth-Century Studies (Das achtzehnte Jahrhundert und Österreich, 27). Bochum 2012, S. 81-112.
- Zahlten, Bibliotheksrotunde, 1994. – Zahlten, Johannes: „… ein Schema vor einer besseren Invention“. Giovanni Antonio Pellegrinis Ölskizze für die Bibliotheksrotunde in Wolfenbüttel. In: Hamacher, Bärbel/Karnehm, Christl (Hrsg.): pinxit/sculpsit/fecit. Kunsthistorische Studien. Festschrift für Bruno Bushart. München 1994, S. 177-186.
- Historische Ansichten:
- Nach Tobias Querfurt d. Ä. (zugeschrieben): Das Deckengemälde der ehem. Bibliothek Wolfenbüttel. Herzog Anton Ulrich Museum Braunschweig. Zeichnung, 362 x 540 mm (HAUM, Kupferstichkabinett, Z 5900) https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=812790
- Giovanni Antonio Pellegrini: Apollo und die Musen auf dem Parnass. Düsseldorf/Bensberg 1714. Modello Öl auf Leinwand, 81,6 × 101,4 cm (HAB, B 95). http://diglib.hab.de/?gemaelde=b-159
- Andreas Christian Ludwig Tacke: Das Äußere der alten Bibliothek in Wolfenbüttel. Braunschweig 1887/1888. Öl auf Leinwand, 59,2 × 81,0 cm (HAB, B 162). http://diglib.hab.de/?gemaelde=b-162
- Andreas Christian Ludwig Tacke: Das Innere der alten Bibliothek in Wolfenbüttel. Braunschweig 1887/1888. Öl auf Leinwand, 72,8 × 61,4 cm (HAB, B 163). http://diglib.hab.de/?gemaelde=b-163
Einzelnachweise
- ↑ Meier, Wolfenbüttel, 1904, S. 153-157; Alvensleben, Korb, 1937, S. 82-84; Zahlten, Bibliotheksrotunde, 1994, S. 177-181; Bessin, Pracht-Gebäuden, 2006, S. 228-233; Wenzel, Pellegrini, 2014, S. 83-85.
- ↑ Zahlten, Bibliotheksrotunde, 1994, S. 181-182; Wenzel, Pellegrini, 2014, S. 85.
- ↑ Zahlten, Bibliotheksrotunde, 1994, S. 183-184; Wenzel, Pellegrinie, 2014, S. 85-87.
- ↑ HAB, B 159. Vgl. Wenzel, Gemälde, 2012, Kat. Nr. 95.
- ↑ Zahlten, Bibliotheksrotunde, 1994, S. 184; Wenzel, Pellegrine, 2014, S. 88, 93-98.
- ↑ Vgl. zur Stellung des Modello in Pellegrinis Werk: Wenzel, Pellegrini, 2014, S. 87-93.