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Wolfenbüttel, Haus Reichsstraße 3

Aus Deckenmalerei-Lab
Laß, Heiko:Wolfenbüttel, Haus Reichsstraße 3, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/eba57b6d-f51b-45a8-9580-595611a647cb

Inventarnummer: cbdd20272

Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen

Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Im Haus Reichsstraße 3 hat sich Wandmalerei von Heinrich Christoph Pickhardt aus der Zeit um 1750 erhalten, die eine vornehme Gesellschaft im Freien zeigt. Pflanzen, Personen und Bäume sind dabei kulissenhaft hintereinander gestaffelt.

Das Haus Reichsstraße 3 in Wolfenbüttel

Kurzbeschreibung und Lage

Das Haus Reichsstraße 3 [1] steht in der Alten Heinrichsstadt von Wolfenbüttel, nahe der Hauptkirche Beatae Mariae Virginis zwischen Kornmarkt und Holzmarkt. Im Zuge des Residenzausbaus gingen die neuen Häuser an der ehemals Reichenstraße genannten repräsentativem Hauptachse an hochrangige Beamte. Das Grundstück der Häuser Nr. 2 und Nr. 3 fiel an Hartwig Reiche, nach dem die Straße später benannt wurde.[2]

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Das Gebäude wurde 1590 für Hartwig Reiche als Wohnhaus erbaut. In das Nebengebäude integrierte man ein Brauhaus. Um 1700 wurde vom Erdgeschoss ein Zwischengeschoss abgetrennt. Um 1750 kam eine repräsentative Treppe hinzu und das Hauptgeschoss wurde neu gestaltet bzw. ausgestattet. Ende des 19. Jahrhundert erfolgte ein Ladeneinbau im Erdgeschoss.[3]

Beschreibung

Der traufständige Fachwerkbau mit Satteldach verfügt über zwei Geschosse auf steinernem Sockel und hat zwei auskragende Erker mit Zwerchhäusern. In der Mitte ist eine Durchfahrtsdiele mit Treppe und Galerie gelegen. Ehemals war die Anlage symmetrisch gestaltet. Heute ist nur noch die linke Treppe erhalten; rechts befindet sich der Ladeneinbau. Die Treppe aus der Mitte des 18. Jahrhunderts erschließt rückwärtig die Stockwerke. Im Hauptgeschoss gelangt man auf einen Vorplatz. Zu Straße hin sind hier vier Räume in Enfilade gelegen.

Das linke Eckzimmer im Obergeschoss

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der Raum ist zusammen mit dem Haus um 1590 entstanden. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde er wie die anderen Räume des Hauptgeschosses neu ausgestattet.[4]

Beschreibung

Der Raum an der Südwestecke des Hauses hinter dem linken Erker ist der letzte der straßenseitigen Enfilade und wird von Osten aus betreten. Eine Tapetentür führt nach Norden in ein anschließendes Zimmer. In der Nordostecke hat sich eine stuckierte Ofennische erhalten. Alle Wände zieren oberhalb eines Paneels Wandmalereien.[5]

Die Wandmalerei

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Wandmalerei ist um 1750 vom Hofmaler Heinrich Christoph Pickhardt in Öl auf Leinwand geschaffen worden. Die Zuschreibung basiert auf der Inschrift „Piccard fecit“ an der Ostwand links neben der Tür am Bildrand. Nach 1945 wurde die Malerei offensichtlich restauriert und auf Spanplatten aufgebracht wieder eingebaut. Die ehemaligen geschnitzten Rahmenleisten sind angeblich verloren. Da es aber gemalte Rocaillerahmen gibt, ist zu vermuten, dass es ehemals keine geschnitzten Rahmenleisten gab.[6]

Beschreibung und Ikonographie

Die Malerei gewährt den Ausblick in eine Parklandschaft. Links neben der Eingangstür hat der Künstler mit „Piccard fecit“ signiert. Der Bildvordergrund wird von detailliert dargestellten Pflanzen bestimmt. Dahinter befinden sich Rasenflächen, auf denen verschiedene in Personen in der Mode der Mitte des 18. Jahrhunderts agieren. Sie sind – wie auf einer zeitgenössischen Bühne – meist auf einer Ebene angeordnet. Hinter diesen stehen schlanke Bäume, zwischen deren Stämmen sich die Tiefe der Landschaft mit Gewässern, Architekturen, Gehölzen und teils abschließenden Bergen öffnet. Offensichtlich soll mit diesen Staffelungen räumliche Tiefe vorgetäuscht werden. Auffällig sind die zahlreichen Rosen, die im Mittelgrund gedeihen und mit denen die Menschen hantieren.

An der Westwand gegenüber dem Eingang fällt der Blick auf ein zentrales Schloss im Mittelgrund. Links steht ein Paar mit einem Pagen. Weiter links ist eine Dame ohne Cavalier dargestellt. In der Mitte tollen zwei Hunde. Rechts befindet sich ein weiteres Paar hinter einer Mauer mit Schmuckvase. Vor der Mauer steht ein Page.

Die rechts anschließende Nordwand nimmt die Tapetentür auf. Links agieren zwei Paare mit Rosen und Blumengebinden vor Sträuchern und der Terrasse eines Gartenhauses. Ganz links pflückt ein einsamer Cavalier eine Rose und sieht sich dabei nach den Paaren um. Rechts befindet sich ein Hund.

Im Feld rechts des Erkers an der Südwand stehen sich ein Cavalier und eine Dame gegenüber. Ein Diener am rechten Bildrand beschirmt die Dame. Die Wände des Erkers zieren Landschaftsausblicke ohne Menschen.

Über der Tür der Ostwand befindet sich ein Blumenstilleben mit verschiedenen Blumen wie Nelken und Tulpen sowie drei prominent platzierten Rosen. Links der Tür zeigt der schmale Wandstreifen ein weintrinkendes Paar mit einem Diener, der Konfekt anbietet. Die Gruppe steht vor einer aufgesockelten Prunkvase. Rechts der Tür tanzt ein junges Mädchen. Zwei Musiker mit Laute und Flöte sowie ein singendes Paar stehen rechts vor einer Baumgruppe; am Boden liegen zwei Notenbücher.

Deckenmalerei und Wandmalerei: Synthese

Stellung der Malerei

Die Malerei ist ein letztes erhaltenes Zeugnis gegenständlicher Wandmalerei in der ehemaligen Residenzstadt Wolfenbüttel, das an seinem ursprünglichen Platz erhalten ist. Sie datiert in jene Zeit, als die Residenz 1753 endgültig von Wolfenbüttel nach Braunschweig verlegt wurde. Die höfischen Szenen im Bürgerhaus erscheinen daher als letzter Nachhall der einstigen Bedeutung.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Dehio, Niedersachsen, 1992. – Dehio, Georg: Bremen - Niedersachsen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Gerd Weiß. München/Berlin 1992.
  • Denkmalatlas Niedersachsen. – https://denkmalatlas.niedersachsen.de/viewer/metadata/33880318/1/-/.
  • Meier, Wolfenbüttel, 1904. – Meier, Paul J. (Bearb. mit Beiträgen von K. Steinacker): Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Wolfenbüttel. Wolfenbüttel 1904.
  • Pantel, Wolfenbüttel, 1983. – Pantel, Etta (Bearb.): Stadt Wolfenbüttel (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Niedersachsen 9, 1). Braunschweig 1983.

Einzelnachweise

  1. Denkmalatlas Niedersachsen; Pantel, Wolfenbüttel, 1983, S. 60-61; Meier, Wolfenbüttel, 1904, S. 198.
  2. Denkmalatlas Niedersachsen; Dehio, Niedersachsen, 1992, S. 1401; Pantel, Wolfenbüttel, 1983, S. 60.
  3. Denkmalatlas Niedersachsen; Pantel, Wolfenbüttel, 1983, S. 60; Meier, Wolfenbüttel, 1904, S. 198.
  4. Denkmalatlas Niedersachsen.
  5. Denkmalatlas Niedersachsen; Meier, Wolfenbüttel, 1904, S. 198.
  6. Denkmalatlas Niedersachsen; Pantel, Wolfenbüttel, 1983, S. 61; Meier, Wolfenbüttel, 1904, S. 198. Meier verweist auf die verlorenen Rahmenleisten.