Wildenwart, Schloss, Festsaal
Im zweiten Geschoß des NO-Flügels gelegen
Zum Bauwerk: Der Saal entstand beim Umbau 1689/90. Der Baumeister, der wohl auch den bescheidenen Stuck ausführte, ist nicht bekannt.
Einfacher, fast quadratischer Raum, je drei Fenster nach NC und NW und zwei nach SW zum Hof. Zutritt durch zwei Türen vom Treppenhaus im SO her. Sehr einfacher Stuck, der sich auf Profilleisten und vier Kartuschen in den Diagonalen des Hauptbildes A beschränkt.
Auftraggeber: Christoph Dismas Schurff, genannt von Thann, Herr der Herrschaft Wildenwart (1688–1717). Die Themen der Ausmalung lassen vermuten, daß sie in Zusammenhang steht mit der Eheschließung von Christoph Dismas und Maria Clara Mechthildis Franziska Gräfin von Preysing-Moos (23. 11. 1689 in Rosenheim).
Autor und Entstehungszeit: Zuweisung an Jacob Carnutsch (* um 1650 † 1716 Prien) 1690
Die Fresken sind unsigniert, Archivalien zur Ausmalung liegen nicht vor. Die Zuweisung der Deckenbilder an Jacob Carnutsch geht auf Bomhard (S. 165) zurück. Jacob Carnutsch war seit 1679 in Prien ansässig, das Hauptort des Herrschaftsgerichts Wildenwart war. Carnutsch war damals außer dem Faßmaler Hanns Schmidt der einzige im Gericht ansässige Maler und ist schon allein aus diesem Grund als Autor wahrscheinlich.
Für die stilistische Einordnung in das Werk von Carnutsch bieten sich als Vergleichsbeispiele die Reste der ersten Ausmalung von Grassau (1707) an, die für Carnutsch gesichert ist (LKr. Traunstein, CBD Bd 11, S. 56), außerdem die Fresken in der Totenkapelle Grassau (ebd. S. 80). Es sind auch die Emporenbrüstungsbilder von Sachrang (Abb. S.465) zu nennen 1691 gemalt von Carnutsch und Joseph Eder, bei denen der Anteil Carnutschs aufgrund der für ihn gesicherten Werke gut vom Anteil Eders zu unterscheiden ist. Bei ihnen fällt eine weitgehende Übereinstimmung der Landschaft auf dem Verkündigungsbild mit den Landschaften in 1-4 im Saal von Wildenwart auf, mit Bäumen, die im Vordergrund ein dunkles Repoussoir abgeben, während sich die Landschaft hinten in hellen Licht bis zu den Bergen weitet; die Landschaften in der Seekapelle in Herrenchiemsee, die Eder signiert hat (s. S. 244), kennen diesen lichten gebirgigen Horizont nicht. Das Fresko in der Totenkapelle von Grassau zeigt die gleichen ausfahrenden, bandartigen Draperien, die ohne Zusammenhang mit der Bewegung an die Körper gehängt sind und die Haupt-Farbakzente im Bild bringen (Putten in A, Engel in Grassau, Engel in der Verkündigung in Sachrang). Carnutsch zeichnet seine Gesichter kleinteilig, mit fast ängstlichen Strichen seinen jeweiligen Vorlagen folgend.
Von Joseph Eder, mit dem er oft zusammenarbeitete, unterscheidet er sich vor allem in der Behandlung von Licht und Schatten. Während Eder dramatische Effekte bringt, sowohl in Himmelspartien als auch in den Figuren, ist bei Carnutsch das Licht eigentlich kein Thema; die Bilder sind gleichmäßig ausgeleuchtet, der Vordergrund nur in kräftigeren Farben gegeben. Innerhalb der Gewandpartien modelliert Carnutsch durch Weißhöhungen; die Stoffe sind kleinteilig gefältelt und drapiert (zur Händescheidung Eder/Carnutsch s. S. 39 f.).
Wie meist, hat Carnutsch auch hier in Wildenwart ganz offenbar nach Vorlagen gearbeitet. Das wird im Hauptbild besonders deutlich, wo der Wagen Jupiters sichtlich einem Vorbild folgt, Carnutsch aber mit der Wolkenszenerie und den darin verstreut angebrachten Putten nur mühsam das übrige Bildfeld füllt; oder auch in den Nebenbildern, wo die Figurengruppen – offenbar nach Vorlagen – sehr reizvoll sind, außer in 3, wo die Figur der Herse völlig verzeichnet und zur Figur Merkurs in keinen kompositionellen Zusammenhang gebracht ist.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Deckenspiegel (A) über hoher, sanft gemuldeter Hohlkehle (1–4)
Rahmen: A Stuckprofilleiste, Quadrat mit gerundeten Ecken, an die einfache Stuckkartuschen anschließen; 1–4 Stuckprofile, Querovale in den Seitenmitten der Hohlkehle. An allen vier Deckenseiten werden die Bilder jeweils von zwei mit Stuckleisten gerahmte Bildfelder mit ornamentaler Malerei flankiert. Technik: Fresko; A, 1-4 polychrom, die Dekorationsmalereien in den seitlichen Bildfeldern der Hohlkehlen und in den vier Kartuschen des Deckenspiegels sind Grisaillen.
1 0 Maße: A Höhe 5,65 m; 3,80 × 3,80 1 und 3 ca. 1,50 x 2,90 2 und 4 ca. 1,50 x 2,55



Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei der letzten Restaurierung des Saals 1984 wurden die Deckenbilder durch Klaus Klarner, München, gereinigt und konserviert. Sie sind in gutem Zustand.
Beschreibung und Ikonographie
2000 A JUPITER UND JUNO Ansicht nach NW. Vor einem weiten, hell bewölkten Himmelsgrund erscheint quergelagert eine Bank aus kleinteilig geballten Wolken. Auf ihr fahren Jupiter und Juno in dem von Jupiters Adlern gezogenen Wagen dahin. Der Göttervater trägt die Krone auf dem Haupt; sein nackter, brauner, kräftiger Körper ist nur von einer rot-braunen Draperie verhüllt, die hinter ihm in einem großen Gewandbausch auffliegt. Er wendet sich zu seiner Begleiterin und weist mit der ausgestreckten Rechten auf die Adler, die sich zu dem Paar umwenden. Junos heller Körper ist in ein feines weißes Gewand gehüllt, das die rechte Brust freiläßt; er ist außerdem von einer gelben Gewanddraperie umweht. Die Göttin wendet sich ihrem Gemahl zu. In den Wolken sieht man Putten mit bandförmigen Draperien in hellen Buntfarben. Einer der Putten hält eine brennende Fackel, das alte Hochzeitssymbol, und trägt sie dem Wagen voran.
In den vier Stuckkartuschen, die das Hauptbild umgeben, ist in grau-rosa monochromer Malerei jeweils ein Putto gemalt, der ein Füllhorn in Händen hält.
1-4 GOTTERLIEBSCHAFTEN In breiten Landschaftsszenerien, die in Anlage und malerischem Detail sehr reizvoll sind, ist jeweils ein mythologisches Liebespaar dargestellt. Als Buntfarben erscheinen lebhafte Blau-, Rot- und Gelbtöne von den zartfarbigen Landschaften mit ihren grünen und braunen Vordergrundsfarben und dem Violett, Grau und Blau der Ferne. Ansicht jeweils zur Deckenseite.
I VENUS UND ADONIS (NW-Seite) Schauplatz ist eine waldige Landschaft, aus der der Blick in eine lichte, bergige Landschaft geht. Rechts sitzt unter Bäumen Venus, den hellen Körper nur durch eine weiße Draperie verhüllt. Sie streckt ihre Arme nach Adonis aus, der sich zur Jagd aufmacht, wie um ihn zurückzuhalten. Der Gefährte trägt in der rechten Hand den Speer und schreitet kräftig aus, wendet aber den Kopf zu der Göttin zurück. Ein Putto spielt mit seinen Jagdhunden.
Die Darstellung ließe eher an Cephalus und Procris denken, die beiden weißen Tauben rechts unter den Bäumen aber, mit denen zwei Putten spielen, weisen auf Venus. Die Darstellung des Geliebten als Jäger legt die Identifizierung als Adonis nahe. Das Bild könnte den alljährlichen Abschied des Adonis von Venus darstellen, denn auch Proserpina liebte den schönen Jäger und hatte die Hälfte des Jahres Anspruch auf ihn. Thema des Bildes könnte aber auch die liebevolle Warnung der Göttin sein, die um Adonis sehr besorgt war und den leidenschaftlichen Jäger stets inständig bat, sich von wilden Tieren fernzuhalten.
2 MARS UND VENUS (NO-Seite) Rechts im Bild ist unter einem großen goldgestreiften Baldachin das Lager der Venus zu sehen. Die Göttin sitzt auf dem Bett, den Körper von einer ausgreifenden karminfarbenen Draperie hinterfangen, die auch noch den Amorknaben mit dem Pfeil umgibt, der hinter Venus auf dem Bett sichtbar wird. Auf das Fußende des Bettes stützt sich Mars, den Helm mit Federbusch auf den blonden Locken; er trägt ein kurzes grünes Gewand und einen roten aufflatternden Mantel. In der Rechten hält er eine Lanze.
Am linken Bildrand spielen Putten mit den Waffen des Mars: dem Schild, den eisernen Handschuhen und dem Harnisch. Ein Weg führt in die Bildtiefe, in eine felsige, baumbestandene Landschaft, an deren Horizont vor rosafarbenen Wölkchen Berge und die darüber aufgehende Sonne zu sehen sind.
3 MERKUR UND HERSE (SO-Seite) An einem Baum in der Bildmitte sitzt Merkur, mit Flügelhut und Flügelschuhen in violettem kurzen Gewand, goldfarbenem Harnisch und roter Manteldraperie. Er hält in der Linken den Caduceus auf eine Frau gerichtet, die am linken Bildrand unter einem Baum sitzend dargestellt ist. Diese trägt ein weißes Schleiergewand, das von den Schultern geglitten ist, und eine grüne Draperie um die Hüften. Zwei Putten begleiten sie, ein dritter hinter ihr schießt seinen Pfeil in Richtung auf Merkur, ein Motiv, das auf eine Liebesbeziehung hinweist. Als Geliebte Merkurs sind mehrere Frauen überliefert, dargestellt ist jedoch meistens Merkurs Liebe zu Herse, der Tochter des Athenerkönigs Kekrops.
4 DIANA UND ENDYMION (SW-Seite) Vor einem felsigen Abhang lagert rechts Diana in langem weißen Gewand mit blauem Mantel, den Speer in der Hand, im Haar die Mondsichel. Im Vordergrund liegen Bogen, Köcher und Pfeile. Von hinten beugt sich ein jugendlicher Jäger in flatterndem, kurzen gelben Mantel über sie und legt ihr die Hand auf die Schulter, mit der andern hält er seinen Speer. Zwei Hunde begleiten ihn. Die gesamte linke Bildhälfte ist einem Landschaftsausblick vorbehalten: dort ist im Mittelgrund zwischen felsigen Ufern ein Fluß zu sehen, der in Wasserfällen zu Tal stürzt. Hinter violetten Hügeln steigen vor blauem, rosiggrau bewölktem Himmel steile Berge auf.
Diana und Endymion werden gewöhnlich nicht auf diese Weise dargestellt; doch ist die Gestalt der Diana durch die Attribute eindeutig gekennzeichnet, und die Handbewegung des Jägers weist auf eine Liebesbeziehung hin. Endymion kann nicht nur als Hirt, sondern auch als Jäger dargestellt werden. Eine Deutung der Figur auf Hippolyt, der ebenfalls als Geliebter Dianas überliefert ist, ist eher unwahrscheinlich.
Quellen und Literatur
AEM, Pfarrakten Prien, Schloßkapelle Wildenwart 1630-1885, 1945. DI (D. A.1. W.1.1. .....)..
Wening, S. 55. Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 210, 215 f. KDB I OB (2), S. 1693 f. Bomhard, Bd 2, S. 152–165, 459–61, 519 f. Schricker, Elisabeth, Joseph Eder und Jacob Carnutsch. Ein Beitrag zur Barockmalerei im Chiemgau, ungedr. Mag. München 1988, S. 71–77. Dehio 1990, S. 1286.