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Wiesbaden, Schloss Biebrich

Aus Deckenmalerei-Lab
Kruse, Jasmin:Wiesbaden, Schloss Biebrich, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/d32c2638-bb4f-4d3e-b91e-cd596e0b6ca2

Inventarnummer: cbdd10105

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Zwischen 1701 und 1744 erwuchs aus einem Gartenpavillon am Biebricher Rheinufer ein neues Residenzschloss für die Fürsten von Nassau. Im zentralen Rotundensaal haben sich Decken- und Kuppelausmalungen der Olympischen Götter sowie Allegorien der Tugenden und schönen Künste erhalten.

Schloss Biebrich, Decke des Hauptsaals der Rotunde: Götterversammlung und Aufnahme des Aeneas in den Olymp
Schloss Biebrich, Decke des Hauptsaals der Rotunde: Götterversammlung und Aufnahme des Aeneas in den Olymp

Schloss Biebrich

Lage, Bau- und Nutzungsgeschichte

Schloss Biebrich geht zurück auf einen Lustbau am Rheinufer südlich von Wiesbaden. 1700/1 wurde im Auftrag des Fürsten von Nassau-Idstein, Georg August Samuel, wohl nach Plänen von Johann Jakob Bager d.Ä. und nach einen Planwechsel 1702 - vermutlich zu einem Entwurf von Johann Julius Rothweil - ein Pavillon am Rheinufer errichtet. Dieser Bau ist heute als westlicher Eckpavillon auf der Rheinseite des Schlosses integriert. 1704 errichtete Friedrich Sonnemann den östlichen Eckpavillon, ursprünglich als freistehendes Gegenstück.[1] Ab 1708 plante Maximilian von Welsch eine Umgestaltung der Anlage zu einem einflügeligen Schloss, die ab 1710 umgesetzt wurde: Bis 1718 war die Verbindung zwischen den beiden einst solitär stehenden Pavillons geschaffen. Ausgehend von den bestehenden Häusern wurden zwei zweistöckige Galerien aufeinander zugeführt, die in einem Mittelpavillon auf rundem Grundriss mündeten. Bereits 1719/20 wurden diese Galerien um ein Geschoss erhöht, was die ursprünglich offenbar präferierte Betonung der Pavillonstruktur dämpfte, den Eindruck einer monumentalen Fassade auf der Rheinseite dagegen verstärkte.

Die Innenausstattung des nun entlang des Rheinufers gestreckten Gebäudetraktes erfolgte 1710-21. Das Schloss verfügt über mehrere Räume mit Stuckdecken von Carlo Maria Pozzi, darunter auch der Hauptsaal im Mittelpavillon. Die Kuppel der Rotunde und die Emporen wurden von Luca Antonio Colomba mit einer Versammlung der olympischen Götter und der Aufnahme des Helden Aeneas in ihre Reihen (Kuppel), sowie Darstellungen der sieben Freien Künste, ergänzt um die Kriegskunst (acht Emporenbilder) freskiert.

1734-44 erweiterte der Anbau von Seitenflügeln in Richtung Norden die Schlossanlage zu einer breitgezogenen U-Form. Diese Vergrößerung diente der Nutzbarmachung von Schloss Biebrich als Residenz der Fürsten von Nassau-Usingen, die 1733 bis 1840 hier residierten. Im Inneren des rheinseitigen (=südlichen) Hauptflügels gab es im frühen 19. Jahrhundert klassizistischen Anpassungen, dabei wurde auch das Kuppelfresko im großen Saal übermalt.

Im zweiten Weltkrieg wurde das Schloss beschädigt,  der Ostflügel brannte ab. Nach einer ersten Instandsetzung in den 1960ern erfolgte eine umfassende Sanierung 1980-82, bei der der Ostflügel rekonstruiert und das Deckengemälde von Colomba wieder freigelegt wurde.[2]

Die Rotunde


Der Hauptsaal


Das Deckenbild: Die Aufnahme des Aeneas in den Olymp

Das Deckenbild wurde 1719-21 von Luca Antonia Colomba im Auftrag von Georg August Samuel von Nassau-Usingen geschaffen. Das Fresko gestaltet die Kuppel der Rotunde mit einer Kassettierung mit Blütenornamenten sowie acht aufgemalten Rippen, die eine komplexere Oberfläche schaffen und die Kuppel gleichzeitig höher und steiler erscheinen lassen. Über dem Deckenbild öffnet sich ein runder Okulus.

Vor diesem architektonischen Rahmen ziehen sich Wolkenbänder, auf denen die Figuren lagern. Vom nördlichen Rand der Kuppel wird Aeneas zusammen mit seinen Waffen von einer Amorettenschar nach oben getragen. Er trägt antikisierende Kleider, einen Umhang und Sandalen, und wendet sich nach oben, den Reihen der Götter und dem Licht entgegen. In der Nähe lagern Minerva, die einen goldenen Helm mit Federbusch und einen Speer trägt, und Herkules mit der Keule und dem Löwenfell. Oberhalb des Aeneas verkündet Fama mit einer Lorbeerumwickelten Fanfare die Ankunft des ruhmreichen Helden. Venus, seine Mutter, wirkt als Vermittlerin zwischen dem Auffahrenden und der himmlischen Sphäre: sie weist mit einer Hand auf ihren Sohn, während sie nach oben blickt und den anderen Arm emporstreckt.

Den oberen Abschluss dieser Gruppe bildet Diana, die einen Bogen hält und deren Stirn die Mondkrone ziert. Sie blickt nach rechts auf die Gruppe Moiren, die den Schicksalsfaden des Aeneas präsentieren.

Die Gruppe der drei Schicksalsgöttinnen verbindet die Figuren um Aeneas mit der nächsten Gruppe auf der Westseite der Kuppel, denn während zwei Moiren oberhalb der Fama lagern, sitzt die dritte schon auf dem nächsten Wolkenberg und spannt den Schicksalsfaden auf. Unter ihr sitzt Chronos, der Gott der Zeit, in Gestalt eines geflügelten alten Mannes, der sich auf seine todbringende Sense lehnt. Mit angeklappten Flügeln blickt er unbeteiligt aus der Kuppel herab, fort von dem Faden, den er mit Leichtigkeit durchtrennen könnte. Dies verdeutlicht, dass Aeneas dem Schicksal der Sterblichen enthoben wurde und von nun an das Privileg der Götter teilt, denen die Zeit nichts anhaben kann. Hinter Chronos präsentieren Bacchus, zwei weinbekränzten Mänaden, Demeter mit einem reich gefüllten Erntekorb und einer Ährenkrone sowie einer Amorette mit einer Sichel Ausgelassenheit und Überfluss. Von unten trägt eine weitere Amorette eine Rosengirlande heran. Am rechten Rand der Gruppe sitzt Vulkan, der sich auf seinen Hammer stützt. Er legt eine Hand auf die Schulter Neptuns, der als Rückenfigur mit Krone und Dreizack dargestellt ist und den Blick mit einer impulsiven Geste seiner ausgestreckten Hand weiter in Richtung der Figuren auf der Südseite der Kuppel leitet.

Dort steht Apoll, hinterfangen von einer goldgelben Wolke, der gerade die Sehne seines Bogens losgelassen hat. Sein Pfeil, dessen Flugrichtung von einer dünnen Linie ein Stück vorgezeichnet wird, zielt auf eine der Gestalten ab, die unterhalb des Sonnengottes aus den Höhen des Olymp herabfallen. Es sind ausgemergelte Figuren mit Schlangenhaar, die als Allegorien des Neids, der Falschheit (eine trägt eine Maske in der Hand) und weiterer Sünden zu verstehen sind, und die Apoll mit seinen Pfeilen in die Flucht schlägt.

Gegenüber sitzt Mars auf einer Wolkenbank, seine Hand weist auf die Stürzenden, als würde er den Apoll beim Zielen anweisen. Neben ihm lagert eine Amorette, die den Aegis-Schild mit der Fratze der Medusa gegen die Lastergestalten richtet; von dem Schild scheint ein weiterer Pfeil abgeprallt zu sein, der nun nach unten weiterfliegt. Hinter dem Mars lagert schließlich eine letzte Gruppe in den Wolken. Hier sitzt Merkur mit geflügeltem Helm und Sandalen, sowie dem Heroldsstab. Hinter ihm richtet sich die verschleierte Vesta (hier durch eine Mauerkrone vermischt mit der Darstellung der Mutter Cybele) auf. Rechts neben diesen beiden sitzt Proserpina, behängt mit Blumengirlanden. Sie wird begleitet von einer Gefährtin mit Libellenflügeln, die den Arm um sie legt - vermutlich Psyche, die wie Aeneas eine Sterbliche war und als Geliebte Amors ebenfalls die Unsterblichkeit erlangt hat. Unterhalb der Proserpina fliegen zwei Amoretten mit weiteren Blumen. Proserpina, die keine der zwölf kanonischen olympischen Gottheiten ist, nimmt in dieser Versammlung den Platz ihres Gemahls Pluto ein. Dies untermalt den Aufstieg des Aeneas in die Unsterblichkeit, denn Proserpina ist zwar neben Pluto Herrscherin über das Totenreich, steigt aber jedes Jahr aufs neue aus der Unterwelt empor und bringt nach dem Winter den Frühling und das Leben wieder in die Natur. Oberhalb der Proserpina lagert schließlich Juno, ausgestattet mit einer Krone und einem Zepter, und begleitet von einem Pfau.

In der Versammlung der olympischen Götter fehlt eine konkrete Darstellung ihres Oberhauptes Jupiter. Die nach oben, in Richtung des Okulus gerichteten Blicke und Gesten einiger Figuren, vor allem der Juno sowie der Venus in der Gruppe um Aeneas, vermitteln jedoch, dass Jupiter als Herrscher der Götter und Quelle des Urteils über Aeneas' Aufnahme in die Reihen der Unsterblichen in der Gestalt des Lichtes selbst zu erkennen ist, das auf die Olympier und den Saal unter ihnen herabscheint.

Grundlegende Gestaltungselemente der Kuppelausmalung - die Kassettierung (wenn auch nur aufgemalt) und der Okulus, durch den das Tageslicht einfällt - können als Verweis auf die Kuppel des Pantheon in Rom gelesen werden. Sie verorten die überweltliche Nobilitierung des antiken Helden in einer konkreten Umgebung, die auf die Rolle des Aeneas als mythischer Begründer von Rom anspielt.

Die Malerei in der Galerie


Die Grotte unter dem Hauptsaal


Bibliographie

  • Baron Döry, Ludwig, "Friedrich Sonnemann, ein nassauisch-hessischer Baumeister 1679-1735", in: Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung [Hrsg.], Nassauische Annalen: Jahrbuch des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung, Bd. 75, Wiesbaden 1964, S. 237-243.

Einzelnachweise

  1. BIEBRICH / Schloss Biebrich. In: DEHIO D. Kunstdenkmäler in Deutschland. URL: https://de.dehio.org/link/dc00054728 (2025-01-07); außerdem Baron Döry, Ludwig, "Friedrich Sonnemann, ein nassauisch-hessischer Baumeister 1679-1735", in: Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung [Hrsg.], Nassauische Annalen: Jahrbuch des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung, Bd. 75, Wiesbaden 1964, S. 237-243. Darin Sonnemann als Bauleiter des Schlossbaus 1699-1706, Einflüsse oder direkte Entwürfe von Rothweil anzunehmen. Lt. Dehio dagegen Bager d. Ä. nach Plänen von Johannes Weydt.
  2. BIEBRICH / Schloss Biebrich. In: DEHIO D. Kunstdenkmäler in Deutschland. URL: https://de.dehio.org/link/dc00054728 (2025-01-07)