Wies bei Steingaden, Wieskapelle
WIES bei Steingaden
Wieskapelle, ursprüngliche Wallfahrtskirche Wies S. 602
Wieskapelle, Gemeinde und Pfarrei Steingaden, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung im Besitz des Prämonstratenserstifts Steingaden
Zum Bauwerk: Die Kapelle entstand 1739 als erster Bau um das 1738 von der Wiesbäuerin Maria Lory entdeckte wundertätige Gnadenbild – eine 1730 von Abt Hyazinth Gaßner in Auftrag gegebene Prozessionsfigur – aufzunehmen (Gnadenblum, 1. Teil, S. 25). Weihe am 17. 3. 1744. Die Kapelle verlor ihre Bestimmung mit der Übertragung des Gnadenbildes in die neuerbaute Wieskirche am 31. 8. 1749. Am Altar befindet sich jetzt eine Darstellung von der Übertragung (Kopie des in der Wieskirche befindlichen Originals) – es trägt die Wappen der Äbte Hyazinth Gaßner (1729–45) und Marian II. Mayr (1745–72) unter der Inschrift: ORIGO SUB ILLO Anno 1732 15. Apr. - TRANSLATUS AB ISTO Anno 1749 31. August. – Feldkapelle nordwestlich am Fuße der die Wieskirche tragenden Anhöhe; einfacher Saal (4,70 × 3,05) mit polygonaler Altarnische.
Autor und Entstehungszeit: Wie die übrige Innenausstattung — die in reicher farbiger Rocailleornamentik stukkierte Altarnische, welche stilistisch der Stuckornamentik in der Wieskirche nahesteht — sind die Gemälde im 5. Jahrzehnt des 18. Jh. (nach 1739) entstanden. Auf diese Zeit weist auch der stilistische Befund. Der Autor der Bilder ist quellenmäßig nicht gesichert; Hugo Schnell (GKF 1960, S. 26) vermutet den im Auftrag von Kloster Steingaden mehrfach beschäftigten Bernhard Ramis (neben Freskomalereien in der Klosterkirche Steingaden und in der Wieskirche Kupferstichentwürfe für die Wallfahrtsbücher »Gnaden-Blum« — im 1. Teil bezeichnet »B. Ramis Steingady« —, s. Lamb 1937, Abb. S. 13 und S. 14), der auch für die Deckenbilder in Prem quellenmäßig gesichert ist. Während die übermalten Deckenbilder in Prem kaum stilistische Vergleichsmöglichkeiten bieten, zeigt der von Bernhard Ramis für Bernbeuren gemalte Kreuzweg überzeugende stilistische Ähnlichkeiten mit den Bildern der Wieskapelle und bestätigt die Zuschreibung Schnells.
Befund
Träger der Deckenmalerei: In die Mitte der Flachdecke ist eine kleine Kuppel mit 1,30 m hohem, aus Holzlatten konstruiertem Tambour eingesetzt.
Rahmen: Stuckprofil
Technik: Scheitelbild Fresko, Tambourmalerei Tempera auf Holz; polychrom
Maße: Höhe 5,20 m (Stich 2,00 m); ∅ 1,30
Erhaltungszustand: Die Kuppel ist in schlechtem Zustand. Das Holzlattengerüst ist schadhaft, die westliche Partie weist zwei Durchbrüche zum Dachboden auf. Entsprechend schlecht ist der Zustand der Bilder.
Beschreibung und Ikonographie
In dem nur fragmentarisch erhaltenen Scheitelbild ist Gottvater auf Wolken dargestellt, der Tambour zeigt vier durch imiterte Mauernischen voneinander getrennte Szenen:

ERLÖSUNG VON DER ERBSCHULD (östliche Szene) In einer weiten Flußlandschaft mit einem Gebirgsmassiv im Hintergrund erhebt sich ganz im Vordergrund ein zweischaliger barocker Brunnen. Dieser ist bekrönt von der Statuette des Jesusknaben, der als Salvator die Siegesfahne der Auferstehung und den kreuzbekrönten Globus in Händen trägt. Von dem oberhalb wiedergegebenen Lamm Gottes strömt ein Blutstrahl in das Brunnenbecken. Rechts vom Brunnen steht Christus. Er hält Palm- und Ölzweige (?) in der Linken und winkt Adam und Eva zu. Die Stammeltern nähern sich vom Paradiesesbaum her dem Brunnen. Eva ist vor dem Brunnen demütig auf die Knie gefallen, Adam präsentiert stehend den angebissenen Apfel, das Zeichen der Erbschuld, die auf der ganzen Menschheit lastet. Am Stamm des Baumes windet sich die Paradiesschlange empor. In der Baumkrone wird ein geflügeltes Totengerippe sichtbar, es zeigt die Gesetzestafeln vor. Das lehrhaft-allegorische Bild veranschaulicht das Erlösungswerk Christi. Der Brunnen ist der Lebens- und Gnadenbrunnen, den Christus, der neue Adam, der sündigen Menschheit durch sein Kreuzesopfer – durch sein Heiliges Blut (Eucharistie) – geschenkt hat. Durch die Verführung Satans und den Sündenfall des ersten Menschenpaares ist der Tod zum Gesetz geworden (Schlange – Gerippe – Tafeln). Doch ist dem Tod durch die Erlösung Christi seine Endgültigkeit genommen – Christus winkt den Stammeltern erbarmungsvoll zu. Palm- und Ölzweig deuten symbolisch auf den Sieg Christi und das Erbarmen Gottes hin.


NACHFOLGE CHRISTI IM LEIDEN (südliche Zone) Auf den Gipfel eines hohen Berges führt ein steiler, dorniger Serpentinenweg. Das Lamm Gottes und Christus, das Kreuz auf den Schultern tragend, steigen den Weg empor zum Tempel Gottes. Christus wird gefolgt von einer Gestalt im Pilgergewand, ein Kreuz wie Christus tragend. Der Tempel Gottes ist als barocke Ädikula, der Nische des Gnadenbildes vom Gegeißelten Heiland ähnelnd, wiedergegeben. In der Mitte erstrahlt ein Dreifaltigkeitssymbol – Dreieck mit Auge Gottes. – Im Hintergrund ist kaum erkennbar ein Gebäudekomplex sichtbar – dieses bezeichnet vielleicht das Kloster Steingaden. Dieses allegorische Bild wendet sich an den Betrachter mit der direkten Aufforderung, in der Nachfolge Christi den beschwerlichen Weg der Tugend zu gehen und Leiden als Kreuz Christi zu ertragen. Beide Bilder sind spezifisch für die nachtridentinischen moralisch-pädagogischen Darstellungen, die in allegorischer Form in der Druckgraphik zuerst von den Niederlanden aus (16. Jh.) verbreitet wurden (LCI, Bd 1, s. v. Christus, Sp. 433 f.).
DER GUTE HIRTE (nördliche Szene) Dem Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lc 15,3–7) folgend, ist Christus, der Gute Hirt (Jo 10,11), ein Schaf auf den Schultern tragend, wiedergegeben. Um ihn – in einer weiten Landschaft – die Schafherde. Zwei Palmen deuten auf den biblischen Schauplatz hin. Im Hintergrund wieder kaum erkennbar eine Gebäudegruppe. In der glorienartigen Sonne werden die Umrisse einer Stadt mit einer runden Mauer sichtbar – diese deutet wohl auf das Paradies hin, das himmlische Jerusalem (Apoc 21), in das die bekehrten Sünder eingehen. Im Kontext der übrigen Darstellungen ist hier die Lehre von Buße und Umkehr als tragende Bildidee anzunehmen.
HÖLLENRACHEN (westliche Szene) Von diesem hölzernen Bildfeld existiert nur noch die untere Hälfte, diese zeigt in mittelalterlich anmutender Form den fratzenhaften Höllenrachen mit Teufeln im Feuer darin. – Das Thema vom Jüngsten Gericht hat hier, an der W-Seite, seine traditionelle Darstellungsort (keine Abbildung).
Literatur siehe S. 623