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Stuttgart, Bärenschlösschen

Aus Deckenmalerei-Lab
Seeger, Ulrike:Stuttgart, Bärenschlösschen, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/f35c5740-c5ad-11e9-893a-a37e5cdc9651

Inventarnummer: cbdd10015

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Am Bärensee im Wald westlich von Stuttgart ließ sich Herzog Carl Eugen 1768 ein venezianisches Refugium mit Jagdpavillon und Prunkgondeln errichten. Das als Bozzetto erhaltene einstige Deckengemälde Nicolas Guibals mit Neptun und seinem Gefolge verband thematisch das Gebäude mit dem Wasser.

Bärenschlösschen
Bärenschlösschen

Geschichte und Beschreibung des Ortes

Große Jagd am Bärensee zu Ehren des Großfürsten Paul von Russland am 24. Sept. 1782

Die Anlage

Das Bärenschlösschen wurde 1768 von dem Architekten und Absolventen der Stuttgarter Akademie, Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer, als zweigeschossiger Jagdpavillon auf einer Anhöhe am Ufer des Bärensees errichtet.[1] Anlass war die Rückkehr Herzog Carl Eugens aus Venedig, von wo er im Frühjahr 1767 zwei Gondoliere mitbrachte.[2] Für sie ließ der Herzog nach venezianischem Vorbild eine Prunkgondel bauen, die er am 22. September 1768 auf dem festlich illuminierten Bärensee einweihte.[3] Die Gondel war rot gestrichen, teilweise mit rotem Stoff bekleidet und mit vergoldeten Schnitzereien versehen. Vorne prangte das herzogliche Wappen, hinten bäumten sich zwei Walfische und ein Drache. Das Dach zierte der Fürstenhut auf einem vergoldeten Kissen. Neben dem rot-goldenen Staatsschiff gab es noch ein grünes Schiff für den Hofstaat mit acht weißen Rudern.[4]

Die einzige aus der Bauzeit erhaltene Ansicht zeigt das Schlösschen im Rahmen einer Prunkjagd, die 1782 zu Ehren des Großfürsten Paul von Russland am Bärensee abgehalten wurde.[5] Dem Stich und einem 1815 erstellten Situationsplan zufolge[6] handelte es sich um einen aufgesockelten Pavillon auf rechteckigem Grundriss mit großzügig abgerundeten Ecken, bei dem das auf größerem Grundriss errichtete Erdgeschoss dem Obergeschoss ringsum als Aussichtsaltan diente. Den Sockel charakterisierten farblich alternierende Steinlagen. Das ringsum durchfensterte Obergeschoss besaß auf der Seeseite eine Tür zum Altan. Die Außentreppe auf der dem See abgewandten Seite begann für den Ankommenden mit einem breiten Antrittslauf mit seitlich abgerundeten Stufen, der sich symmetrisch teilte, um zweiläufig entlang des Gebäudes auf den Altan zu führen.[7]

Das Gefälle zum Ufer war in sechs gleichförmige Terrassen unterteilt, die nicht mit Mauern, sondern in scheinbar natürlicher Weise als Rasenböschungen befestigt waren. Am gegenüberliegenden Ufer lag als point de vue wiederum auf einer Anhöhe ein weiterer Pavillon, dessen Terrassen zum See architektonisch gebildet waren .[8] Das Bärenschlösschen war an seiner Eingangsseite mittels einer schnurgeraden Allee mit Schloss Solitude verbunden, das sich durch eine weitere axial geführte Allee als Trabant von Schloss Ludwigsburg zu erkennen gab.

Das Innere

Dem Inventar von 1797 zufolge[9] besaß das Erdgeschoss einen kleinen, ganz in weiß gehaltenen Salon, an den sich zwei Kabinette und zwei gewölbte Räume zum Kühlen der Getränke anschlossen. Der Saal im Obergeschoss war ebenfalls weiß, jedoch mit Stuck ausgemacht. Den Plafond zierte ein golden gerahmtes Gemälde von Nicolas Guibal mit Neptun.[10] Die weitere Einrichtung führte das Thema des Meeres weiter, indem sich über den insgesamt acht (vier kleine und vier große) Trumeauspiegeln „8 kleine Mahlerey Stück in glatt vergoldten Rahmen. Muschelwerck“[11] befanden. Außerdem waren die Gestelle der beiden Konsoltische mit „2 Meerfräulen mit Girlanden von bildhauer Arbeith“ versehen.

Zu dem einstigen Deckengemälde hat sich der Bozzetto mit der historischen Benennung „Neptun mit den Meergöttern“ erhalten. Er kam 1922 in den Besitz der Staatsgalerie Stuttgart[12] und wurde 1981 von Wolfgang Uhlig überzeugend aufgrund der zitierten Inventareinträge mit dem Deckenbild des Bärenschlösschens in Verbindung gebracht.[13] Unter König Wilhelm I. von Württemberg wurde das von den Franzosen 1796 im Inneren stark beschädigte Bärenschlösschen[14] 1817 komplett erneuert, indem es durch einen Pavillon aus Freudental ersetzt wurde.[15]

Das einstige Deckengemälde - Neptun und sein Gefolge

Bärenschlösschen

Der Bozzetto

Der Bozzetto (33,3 x 52,7 cm), der das durch den Inventareintrag überlieferte, jedoch nicht erhaltene Deckengemälde des Bärenschlösschens wiedergibt,[16] zeigt Neptun in einer von zwei weißen Rössern gezogenen Muschel vor dunklen Wolken in einem wild tosenden Meer. Das Gespann fährt von links nach rechts. Neptun hat sich in der Bildmitte jedoch erhoben und umgewandt, um seine Aufmerksamkeit zwei aufgeregt herbeifliegenden Genien zu schenken. Neptun mit Krone und Dreizack ist in leichter Untersicht nahezu unbekleidet dargestellt. Lediglich ein leuchtend blaues Gewand bedeckt seine Scham und umflattert lose seinen Oberkörper. Die Pferde wurden in ihrem Galopp über das Meer offenbar abrupt gestoppt. Mit geblähten Nüstern, vorquellenden Augen und fliegenden Mähnen werfen sie ihre Köpfe dramatisch zur Seite. Ein als Rückenfigur gegebener Triton hat Mühe, sie im Zaum zu halten, während Neptun als Gebieter über das Meer die Zügel locker in der linken Hand hält. Zu Neptuns Gefolge gehören in der linken Bildhälfte zwei schwimmende Nereiden, von denen die eine ein rotes Segel über dem Kopf hält, die andere einen Delphin umarmt. Zwischen ihnen schwimmt Triton, der zur Beruhigung oder auch zum Aufpeitschen der Wogen in sein Muschelhorn bläst.

Insgesamt vermittelt die Szene eine große Dramatik, in der Neptun als kraftvoller Ruhepunkt auftritt. Das Aufgepeitschte wird einerseits durch die dunkel geballten Wolken und das Tosen des Meeres hervorgerufen, andererseits durch die endlos kreisende Figurenanordnung mit Neptun im Zentrum. Den Beginn der Kreisbewegung stellt das rote Segel dar, vom dem aus der Blick über die schwimmenden Nereiden und Tritonen zu den Pferden führt. Der zurückgeworfene Kopf des vorderen Pferdes leitet den Blick weiter zu Neptun und von dort zum größeren der beiden Genien, der sich mit erhobenen Armen und großen blaugrünen Flügeln effektvoll in einem Wolkenfenster vor hellem Himmel abhebt. Neptun als inhaltlicher und formaler Dreh- und Angelpunkt der Komposition ist durch das Blau seines Gewandes zusätzlich hervorgehoben. Es stellt die einzige Buntfarbe inmitten der ansonsten in Grau-, Blau, Ocker- und Weißtönen nuancenreich ausgemischten Palette dar. Außerdem ist Neptuns Körper als einziger auf dem Gemälde nicht fragmentiert und fast ohne Überschneidungen dargestellt.

Die Meeresthematik, die ausgehend vom Deckengemälde die gesamte Raumdekoration mit den surglaces und den Gestellen der Konsoltische erfasste, bezog sich nicht auf die Jagdfunktion des Bärenschlösschens, die der Stich der Prunkjagd von 1782 überliefert, sondern auf den vorgelagerten Bärensee mit seinem vom Herzog gewünschten venezianischen Gepräge.

Vorlagen

Als Vorbild für den breitbeinig stehenden, den Kopf zur Seite wendenden Neptun lag Guibal vermutlich der französische Nachstich eines Gemäldes von Nicolas Poussin mit dem Triumph der Galatea und des Neptun vor. [17] Der von Jean Pesne (1623–1700) geschaffene Stich gab das berühmte, im 18. Jahrhundert in Paris befindliche Gemälde seitenverkehrt wieder, [18] was die Gemeinsamkeit mit dem Bozzetto noch weiter erhöht. Außerdem scheint Guibal bereits im Deckengemälde des Seeschlosses Monrepos auf den Stich zurückgegriffen zu haben. Die elegant als gedrehter Rückenakt sitzende Nymphe, die in Monrepos die Gruppe des Flussgottes charakterisierte, bildete auf dem Gemälde von Poussin kompositionell das Pendant zu Neptun.

Bibliographie

  • Reinhold Bernhardt, Nicolas Guibal (1725–1784). Ein Beitrag zur Kunstgeschichte des 18. Jahrhunderts, Phil. Diss. Friedrichs-Alexander-Universität Erlangen, 1922.
  • Oskar Widmann, Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer 1746–1812. Ein Beitrag zur Geschichte des Louis XVI. in Württemberg, Stuttgart 1928.
  • Katalog der Staatsgalerie Stuttgart, 1: Alte Meister, hg. vom Stuttgarter Galerieverein, Stuttgart 1962.
  • Antony Blunt, The paintings of Nicolas Poussin. A critical catalogue, London 1966.
  • Gotthilf Kleemann, Schloß Solitude bei Stuttgart. Aufbau, Glanzzeit, Niedergang (Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, 19), Stuttgart 1966.
  • Wolfgang Uhlig, Nicolas Guibal, Hofmaler des Herzogs Carl Eugen von Württemberg. Ein Beitrag zur deutschen Kunstgeschichte des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Phil. Diss. Masch.-schriftl. Universität Stuttgart, Institut für Kunstgeschichte, 1981.
  • Ausst. Kat. Baden und Württemberg im Zeitalter Napoleons. Bd. 1,2, Stuttgart 1987, Kat.-Nr. 1063 (Klaus Merten).
  • Staatsgalerie Stuttgart. Barockgalerie im Schloss Ludwigsburg, August B. Rave, Ostfildern-Ruit 2004, Kat.-Nr. 62 (Wolf Eiermann).

Einzelnachweise

  1. Widmann, Fischer, 1928, S. 80.
  2. Kleemann, Solitude, 1966, S. 77.
  3. Kleemann, Solitude, 1966, S. 78–79.
  4. HStAS A 21 Bd. 15, fol. 306–306v. Ebenso referiert in Kleemann, Solitude, 1966, S. 77.
  5. Große Jagd am Bärensee zu Ehren des Großfürsten Paul von Russland am 24. Sept. 1782, Nikolaus Heideloff nach einer Zeichnung von Viktor Heideloff (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heideloff_B%C3%A4rensee.jpg).
  6. StAL E 19 Bü 601: „Plan von Bärensee und dem dabei befindlichen Jagdschloss. Aufgenommen und gezeichnet im Oct. 1815 von Göz, Artillerie-Volontär“.
  7. Die Stufenführung geht aus dem Schadensbericht vom März 1809 hervor (StAL E 19 Bü 599).
  8. Im Inventar wird ein Schiffshaus erwähnt, von dem es allerdings heißt, es habe sich auf dem Bärensee befunden, während sich das Schlösschen bei dem Bärensee befand. Dennoch könnte es sich bei dem Pavillon um das Schiffshaus mit zwei Schiffen, bei den Treppen um die Schiffsrampe handeln.
  9. HStAS A 21 Bd. 15 (Inventar Schloss Solitude von 1797), fol. 304v–308v. Vgl. auch Kleemann, Solitude, 1966, S. 78 sowie Uhlig, Guibal, 1981, S. 108.
  10. HStAS A 21 Bd. 15, fol. 305.
  11. HStAS A 21 Bd. 15, fol. 305v.
  12. Bernhardt, Guibal, 1922, S. 101–102. Katalog der Staatsgalerie Stuttgart, 1: Alte Meister, hg. vom Stuttgarter Galerieverein, Stuttgart 1962, S. 89.
  13. Uhlig, Guibal, 1981, S. 107–109 und 164–165. Diese Zuweisung wurde von Staatsgalerie Stuttgart, Barockgalerie, 2004, S. 96, Kat.-Nr. 62 (Wolf Eiermann) nicht aufgegriffen.
  14. Ausst. Kat. Napoleon, 1987, Bd. 1,2, Kat.-Nr. 1063. Die Beschädigungen der Franzosen werden im Inventar von 1797 aufgeführt.
  15. StAL E 18 Bü 603.
  16. Staatsgalerie Stuttgart, Inv.-Nr. 1387. https://www.staatsgalerie.de/g/sammlung/sammlung-digital/einzelansicht/sgs/werk/einzelansicht/D5C8A77C4BD2153394D644B0AF79CDE8.html
  17. Zu diesem, heute im Philadelphia Museum of Art, George W. Eikins Collection aufbewahrten Gemälde: Blunt, Poussin, 1966, Kat.-Nr. 167, S. 120–121.
  18. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b53128657b.item In der Legende des Stiches wird als Aufbewahrungsort „Ex museo P. Formont Duc de Breuanne Parisijs“ genannt.