Stedtfeld, Rittergut Unteres Schloss
Inventarnummer: cbdd10150
Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen
Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.
Im Unteren Schloss in Stedtfeld hat sich in einem Saal eine umlaufende Wandmalerei von 1757 erhalten, die eine realistische Rundumsicht über das Gut, den Ort und die Landschaft jener Zeit bietet. Sie ist in ihrer Art einmalig.

Das sog. Untere Schloss in Stedtfeld
Kurzbeschreibung
Das sogenannte Untere Schloss[1] in Stedtfeld bestand aus einem Ensemble von Gutshaus, Torhaus sowie Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Es ist eines von ehemals drei Gütern in Stedtfeld und weitgehend erhalten.
Bau- und Ausstattungsgeschichte
Über eine Heirat 1420 und Kauf 1454 erhielt die Familie von Boyneburgk Besitz in Stedtfeld. Nach Zerstörungen der mittelalterlichen Wasserburg im Dreißigjährigen Krieg ließ Hans Jost II. von Boyneburgk bis 1667 das sogenannte Untere Schloss neu errichten. Dafür mussten einige Bauernhäuser niedergelegt werden. Unter Johann Adolf von Boyneburgk wurde die Anlage 1760 erweitert und verschönert. 1755 wurde ein repräsentativer Hauptsaal eingerichtet, der mit flächendeckenden Wandmalereien ausgeschmückt wurde. Das Untere Schloss diente der Familie als Wohnsitz bis zur Enteignung 1954.
Beschreibung
Das Gutsgebäude steht im Süden des ehemaligen Wirtschaftshofes westlich des Ortskerns. Es handelt sich um einen dreistöckigen, verputzten Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach. Er ist an der Südwestdecke mit einem achteckigen Turm ausgezeichnet. Ein steinerner Treppenturm an der Hofseite erschließt die Stockwerke.
Der Saal im ersten Obergeschoss

Bau- und Ausstattungsgeschichte
Der Saal[2] im ersten Obergeschoss wurde 1755 für Johann Adolf von Boyneburgk geschaffen.
Beschreibung
Der symmetrisch gestaltete Eckraum an der Nordwestecke öffnet sich mit vier Fenstern nach Norden und zwei Fenstern nach Westen. Drei Türen erschließen ihn: eine im Osten und zwei im Süden. In der Südostecke nimmt eine Nische einen Ofen auf – sie stört die Symmetrie. Die Wände sind komplett umlaufend mit Landschaftsmalereien bedeckt. Lediglich die Supraporten gehören nicht zu diesem Gemälde, sondern sind eigenständige Darstellungen. Die Decke wird von einem Unterzug in zwei gleich große Felder geteilt. Ihre Malereien imitieren Kassetten, in die vorwiegend am Rand ornamentale Malereien eingefügt sind.
Die Wandmalerei und die Supraporten im Saal
Befund- Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Wandmalerei[2] wurde 1755 geschaffen. Es handelt sich um Ölmalerei auf aufgespannter Leinwand. Die Malerei wird seit 1992 restauriert und ist inzwischen (2019) bis auf ein Feld an der Südseite wieder an den Wänden angebracht. Eines der Bilder ist signiert mit „J. E. Schuchmann ad vivum pinxit 1755“.[3]
Beschreibung und Ikonographie
Die Wandmalerei gewährt einen fiktiven Rundumblick vom Gutsgebäude, in dem sich der Betrachter gerade befindet, über Stedtfeld und sein Umfeld hinweg bis hin nach Eisenach und zur Wartburg. Es handelt sich um ein relativ wirklichkeitsgetreues Abbild. Während im Vordergrund die Bauten der Ortschaft zu sehen sind, erblickt man im Mittelgrund Äcker und Wiesen mit arbeitender Landbevölkerung. Die Horizontlinie ist etwas oberhalb der Mitte gelegen. Alle Malereien sind von einem geschwungenen Rahmen mit Rocaillen eingefasst.
Die Malerei an der Ostwand

An der Ostwand ist links der Tür vor allem Stedtfeld mit seiner Kirche zu sehen. Im Mittelgrund kann man Jäger mit einem Netz auf der Jagd ausmachen. Rechts der Tür erblickt man im Bildvordergrund das Obere Schloss (sog. Steinstock) in Stedtfeld. Weiter schweift der Blick in die Ferne bis hin nach Eisenach vor dem hoch aufragenden Thüringer Wald. Es folgt die Ofennische, die die Malerei unterbricht.
Die Malerei an der Südwand

An der Südwand, gleich neben der Nische, setzt sich die Malerei fort, und am Horizont sind Metilstein und Wartburg dargestellt. Im Vordergrund treibt eine Bäuerin zwei Kühe vor sich her. Das Mittelbild an der Südwand zwischen den beiden Türen (2019 nicht am Ort) zeigt im Bildmittelgrund vor dem hochaufragenden Thüringer Wald Bauern bei der Heuernte. Im Vordergrund sind einige Häuser Stedtdfelds zu sehen. Rechts der Tür in der Raumecke erblickt man Kühe auf einer Weide und rechts daneben auf einem Weg einen Jäger mit seinen vier Hunden.
Die Malerei an der Westwand

Die Malerei setzt sich auf der Westwand fort mit einem Blick auf den Weg, der über eine Anhöhe zum Nachbarort Neuenhof führt. Im Bildvordergrund treibt ein Bauer seine Kühe durch die Hörsel nach Stedtfeld hinein. Unter dem linken Fenster gehen sie weiter zu einem Gehöft. Zwischen den beiden Fenstern der Westseite geht der Blick weit in die Ferne das Hörseltal hinunter bis zur Werra. Auf einer Weide im Mittelgrund sind zwei Pferde dargestellt, im Bildvordergrund ein fröhliches Bauernpaar. Unter dem rechten Fenster ist der damalige rückwärtige Ausgang des Unteren Schlosses zu sehen sowie ein ehemaliges Nebengebäude des Gutes. Rechts des Fensters wird im Mittelgrund eine Frau beim Gänsehüten gezeigt.
Die Malerei an der Nordwand

Die Nordwand auf den ehemaligen Wirtschaftshof hinaus zeigt unter den Fenstern durchlaufend die Gebäude eben dieses Hofes mit dem Brunnen in der Mitte. Verschiedene Personen gehen den alltäglichen Beschäftigungen im Gutshof nach. Man erblickt Schweine, Federvieh, Kühe und Pferde. Im linken Wandfeld der Nordwand werden in der Raumecke im Mittelgrund ein paar Berittene bei einer Hetzjagd gezeigt. Zwischen den beiden linken Fenstern sind Schnitter bei der Kornernte zu sehen, in der Mitte werden die Äcker gepflügt. Zwischen den rechen Fenstern ist wieder eine Darstellung der Kornernte zu sehen, dieses Mal jedoch werden die Garben geordnet. Rechts in der Raumecke gibt es keine Staffagefiguren im Mittelgrund.
Die Supraporten
Die Supraporten zeigen drei Szenen aus dem Alltagsleben des Dorfs. Es sind verklärende Genrebilder. Über der Tür an der Ostwand ist ein Zug Schnitter zu sehen, die von Musik begleitet über eine Wiese gehen. Die linke Supraporte an der Südwand soll vor einem Hof den Aufbruch einer Jagdgesellschaft zeigen, die rechte einen Tanz unter der Dorflinde. Die Jagdgesellschaft wirkt jedoch recht militärisch und Verweise auf die Jagd fehlen. Das herrschaftliche Gebäude im Hintergrund wurde bislang nicht bestimmt.
Stellung der Malerei
Vorlagen und Vergleiche
Landschaftsdarstellungen, die ganze Wände füllen, sind in dieser Zeit nicht ungewöhnlich und fanden sich etwa auch im nahegelegenen Bischofroda. Eine nahezu wirklichkeitsgetreue Abbildung des Umfeldes, als ob man auf einer Dachterrasse sitzen würde, ist jedoch ohne Vergleich.
Programm
Thema der Wandmalerei ist die gute Herrschaft der Boyneburgks in Stedtfeld und ihr Reichtum. Die vielen Jagdszenen deuten die Rechte an, über die die Boyenburgks verfügten, die landwirtschaftlichen Szene stehen für ihren Reichtum, die fröhlichen Bauern für ihre gute Herrschaft.
Bibliographie
- Literatur:
- Boyneburgk, Stedtfeld, 1995. – Boyneburgk, Otto von: Die Boyneburgks in Stedtfeld – Es waren fast 500 Jahre. In: Sobotka, Bruno (Hrsg.): Burgen, Schlösser, Gutshäuser in Thüringen (Veröffentlichung der Deutschen Burgenvereinigung e.V., Reihe C). Stuttgart 1995, S. 172–176.
- Dehio, Thüringen, 1998. – Dehio, Georg: Thüringen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Stephanie Eißing und Franz Jäger. Berlin/München 1998.
- Lehfeldt/Voss, KDM Eisenach I, 1915. – Lehfeldt, Paul/Voss, Georg: Die Bau- und Kunst-Denkmäler Thüringens. Grossherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach. Band III. Verwaltungsbezirk Eisenach I. Amtsgerichtsbezirke Gerstungen und Eisenach (ohne Wartburg). Jena 1915.
- Ulferts, Säle, 2000. – Ulferts, Edith: Große Säle des Barock. Die Residenzen in Thüringen. Petersberg 2000.
- Archivalien:
- Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [56.001-004]. Stedtfeld, Unteres Schloss.
Einzelnachweise
- ↑ Dehio, Thüringen, 2003, S. 1184–1185; Boyneburgk, Stedtfeld, 1995, S. 172; Lehfeldt/Voss, KDM Eisenach I, 1915, S. 571–580. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [56.001-004]. Stedtfeld, Unteres Schloss .
- ↑ 2,0 2,1 Ulferts, Säle, 2000, S. 125; Lehfeldt/Voss, KDM Eisenach I, 1915, S. 578–579. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [56.001-004]. Stedtfeld, Unteres Schloss.
- ↑ Lehfeldt/Voss, KDM Eisenach I, 1915, S. 579.