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Starnberg, Alte Pfarrkirche St. Joseph

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 347–351, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Alte Pfarrkirche, Diözese Augsburg; ehem. Landgericht Starnberg

Patrozinium: St. Joseph.

Zum Bauwerk: 1763 Abbruch der alten Kirche. Kurfürst Max III. Joseph stellte für den Neubau der Kirche Grund und Steine des 1764 abgebrochenen Kurfürstl. Sommerhauses zur Verfügung. Unter Pfarrer Joseph Anton Martin von Bschaidn nach Plänen von Leonhard Matthias Giessl errichtet; Stukkator Franz Xaver Feichtmayr. - Dreijochiger Saalraum mit Pilastergliederung, das östliche Joch gegen den AR abgeschrägt; quadratischer AR mit segmentbogenförmiger Apsis; im W Doppelempore

Auftraggeber: Der Auftrag an Wink erging durch den Geistlichen Rat in München über den Kurfürstlichen Pfleger Franz Weigl

Autor und Entstehungszeit: Signatur in A rechts an einer Stufe: Winckh 1765. Die Deckengemälde in Starnberg sind Christian Winks erstes großes Freskowerk.

Befund

Träger der Deckenmalerei: A und B böhmisches Gewölbe über Querrechteck, C Flachkuppel über Quadrat.

Rahmen: A, B, C Stuckprofilrahmen, von Rocailleornamenten überspielt, a Rocaillerahmen, A1-4, B1-4, C1-4 Rocaillekartuschen

Technik: Fresko; A, B, C, a polychrom; A1-4, B1-4, C1-4 monochrom braun-ocker

Maße: A Höhe 12,05 m; 4,75 × 9,70

B Höhe 12,05 m; 4,80 × 9,70

C Höhe 12,50 m; 6,60 × 6,60

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Feulner schreibt

1912: »Die Renovationen von 1855 und 1900 haben wenig von Winks Hand übriggelassen; die Farben sind nur meh schwach erkennbar.« Starke Feuchtigkeitsschäden vor der letzten Restaurierung 1948. Der Erhaltungszustand ist sehr schlecht. Die Farbsubstanz ist infolge der Feuchtigkeit und unsachgemäßer Restaurierungen weitgehend zerstört. Größere Flächen neu verputzt und einfarbig ocker oder blau übermalt. Kleiner Riß in C.

Beschreibung

A DIVINA PROVIDENTIA UBER DER WERK- STATT DES HL. JOSEPH Betrachterstandort etwa unterhalb des östlichen Bildrandes. In einem querrechteckigen Bild ist ein Ausschnitt aus einer konzentrischen Himmelskuppel gegeben. Im Bildzentrum thront auf Wolken Divina Providentia. Ein lichter Farbkreis um ihre Gestalt deutet die Himmelsglorie an. Engel, welche die Gaben der Göttlichen Vorsehung tragen, fliegen nach allen Seiten des Bildes aus. – Um drei Freskoseiten zieht sich der irdische Schauplatz (N, W, S), an der südlichen Seite nur noch als spärlich bewachsener Bodenstreifen, auf dem keine Personen oder Gegenstände dargestellt sind. Hier wird eine Diskrepanz zwischen dem älteren System der umlaufender terrestrischen Szene und dem späteren der Einansichtigkeit deutlich: das alte System ist zwar beibehalten, wird aber in seinen Möglichkeiten nicht mehr ausgenützt.

Von der westlichen zur nördlichen Seite zieht sich in einer Rundung, dem Freskorand folgend, eine Art von Architektur über einem Sockel aus Quadermauerwerk mit halbrundem Gitterfenster. Über dem Sockel erheben sich Stufen und eine Brüstung mit Blumentopf. Nach oben verlieren sich die ragenden Mauern in Wolken. In dieser Architektur ist — wie auf einem Balkon — die Werkstatt des hl. Joseph dargestellt. Balken, Werkzeug, einfache Einrichtungsgegenstände setzen die Architektur an dieser Stelle fort. Dieser ganze Bildteil ist - weit mehr als die Szene in den Wolken — in ausgeprägter Untersicht gegeben. Der obere Teil des Baus wird verunklärt, einmal durch Wolken und dann durch ein vorhangartiges Tuch, das, von einer Stange hängend, von einem Putto hochgezogen wird. In seiner Werkstatt sitzt der hl. Joseph, die Augen zum Himmel erhoben, wo ihn ein Engel auf die Göttliche Vorsehung hinweist.

A Divina Providentia über der Werkstatt des hl. Joseph

Die farbige Darstellung ist weitgehend von einer Skala nuancierter Rot-, Braun- und Ockertöne bestimmt, davor abgesetzt ist nur das Weiß im Gewand der Göttlichen Vorsehung und das Blau des Himmels.

C Joseph Patron von Starnberg

B DIE HEILIGE FAMILIE IN DER WERKSTATT Betrachterstandort etwa unterhalb des westlichen Bildrandes. Der dreiseitig umlaufende Schauplatz ist bühnenartig gebildet. Steil ragen links und im Hintergrund hohe Mauern als Grenzen der Szene in stürzenden Perspektiven auf. Ein ganzes Repertoire architektonischer Formen ist vertreten: Tor, Brüstung, Podium, Wand, Dach; doch ist nur wenig aus Stein, das meiste ist aus Brettern genagelt. An manchen Stellen, wie an der geschwungenen Treppe im Vordergrund, ist nicht zu erkennen, wo der Stein aufhört und das Holz beginnt. Über die Szene verteilt sind Requisiten, ein Korb mit Hobelspänen, eine Leiter, eine Wäschestange mit einem zum Trocknen aufgehängten Tuch, Werkzeug und Holz, an der Wand ein kleines Regal, worauf Flaschen stehen. Die groß aufgebaute Szenerie hat den Charakter einer Genredarstellung. Joseph steht an der Werkbank; Maria sitzt an einem Tischchen, sie hat die Lektüre der Hl. Schrift abgebrochen und sich dem Jesusknaben zugewendet. Dieser reicht ihr eine Rose. Engel auf Wolken sind in den Raum eingedrungen, Putti spielen mit Josephs Werkzeug, aber es ist keine Himmelsöffnung vorhanden, das Dach des Raumes ist mit Brettern zugenagelt. Das stärkste Licht ist um den Jesusknaben. Die Rembrandtschen Beleuchtungseffekte und der intime Charakter der Szenerie sind stilistische Merkmale, welche auf das Ende der monumentalen Deckenmalerei vorausdeuten. Sie sind in den Starnberger Fresken mit der traditionellen illusionistischen Bildanlage in künstlerisch hervorragender Weise verbunden. In dieser Hinsicht sind die Fresken Winks ein letzter Höhepunkt der süddeutschen Deckenmalerei.

Farblich ist das Bild ähnlich gestaltet wie Fresko A; Maria und Jesus sind durch Rosa, Blau und gebrochene Weißtöne hervorgehoben.

a HEILIG-GEIST-TAUBE Auf dem Deckel der runden Deckenöffnung vor dem Chorbogen ist die Taube des Hl. Geistes gemalt. Das ovale Bildfeld darum zeigt nur einige Engelsköpfchen in Wolken (keine Abbildung).

C JOSEPH PATRON VON STARNBERG Himmelskuppel mit dreiseitig umlaufender terrestrischer Szenerie. Starke Untersichten und Verkürzungen. Betrachterstandort unterhalb der Bildmitte, etwas zum westlichen Bildrand hin versetzt. In der Glorie erscheint, von Engeln umgeben, die Hl. Dreifaltigkeit. Darunter thronen auf Wolken Maria und Joseph.

An der O-Seite erheben sich konkav geschwungene Stufen über das Erdreich: Dort kniet in der Mitte Bavaria mit einem Räuchergefäß, bei ihr sind der bayerische Löwe und zwei Pagen. Rechts und links von dieser Gruppe haben sich Standespersonen und einfaches Volk versammelt, auch Kranke und Bresthafte. Zu den Seiten, dem Bildrand folgend, werden Landschaftsstreifen mit Architekturteilen und Bäumen sichtbar - wenig detaillierte Darstellungen mit unbestimmten Konturen. Am W-Rand Engel mit dem Kreuz Christi.

Farblich besteht das Bild aus der Himmelsfarbe Blau, das auch in einigen Gewändern auftritt, und einer Bezeichnung von Wolken, Erde, Gegenständen und Personen in Gelbgrau, Ocker und Braun.

Ikonographie

A DIVINA PROVIDENTIA ÜBER DER WERKSTATT DES HL. JOSEPH Der Hauptgedanke des Bildes ist das Regiment der Göttlichen Vorsehung über die Erde, in das sich auch der hl. Joseph schickt. Divina Providentia weist mit ihrem Zepter auf eine Engelsgruppe hin, die ihr Füllhorn trägt. Im Füllhorn und darunter, von Putti getragen, Symbole des vielfältigen Reichtums menschlicher Bestimmungen und Tätigkeiten: Hammer, Tiara, Krone, Diadem, Kommandostab, Bücher, Bischofsstab, Ruder, Hacke, Schaufel, Spitzhacke und Kaiserkrone

B1-4 TUGENDEN JOSEPHS B1 Putto mit Lilie = Reinheit. B2 Putto mit Waage = Gerechtigkeit. B3 Putto mit Lamm = Sanftmut. B4 Putto mit Winkelmaß = Fleiß

B DIE HEILIGE FAMILIE IN DER WERKSTATT Bezeichnend für diese Darstellung ist die eingehende Schilderung der Zimmermannswerkstatt; Joseph und die Hl. Familie werden auf diese Weise den ländlich-bäuerlichen Kirchenbesuchern nahegebracht. Die realistische Alltagsschilderung dient der lebensnahen Vergegenwärtigung, die Arbeit Josephs ist erbauliches Vorbild. - Engels und Putti und die strahlende Lichtgloriole Jesu weisen auf das nicht Alltägliche, auf das göttliche Wunder der Inkarnation hin. In diesem Zusammenhang ist auch die kleine Szene der Rosenübergabe zu sehen: die Rose ist als Symbol der Passion Jesu wie auch der unvergleichlichen Schönheit Mariens zu verstehen

C JOSEPH PATRON VON STARNBERG Auf dem irdischen Schauplatz sind das Volk und die Herren von Starnberg dargestellt. Bavaria mit dem Löwen, der Kurfürstenhut in Händen des einen Pagen und die Ansicht des alten Starnberger Schlosses in Händen des zweiten Pagen sind Symbole der kurfürstlichen Herrschaft. Rechts von dieser Gruppe der Starnberger Pfarrer Bschaidn, der sich um den Bau verdient gemacht hat, dahinter der ständische Pfleger Pentenrieder. Links der kurfürstliche Pfleger Franz Weigl (die hinter ihm kniende Frau ist wohl seine Gattin). Unterhalb des Treppenpodestes links eine Schar von Bauern, Männern, Frauen und Kindern mit Pflug, Sichel und anderen bäuerlichen Attributen, die die Landwirtschaft Starnbergs repräsentieren. Weiter im N ein Pilger. Rechts die Fischerei Starnbergs, verkörpert durch zwei Fischer und eine Fischersfrau in ihren Trachten, mit Kahn und Ruder, dahinter Kranke und Krüppel.

Das ganze Starnberg, die Obrigkeit und Geistlichkeit, die Bauern und Fischer, die Kranken und Armen vertrauen sich der Fürsprache des hl. Joseph an, der ihr Patron ist.

A1-4 TUGENDEN JOSEPHS In den Zwickeln demonstrieren Putti in allegorischen Bildern Tugenden Josephs A1 Putto mit Töpferscheibe und Gefäßen = Fleiß. A2 Putto mit Fernrohr = Gotteserkenntnis. A3 Putto mit Geldsäcken = Sparsamkeit. A4 Putto mit Lorbeerkranz = Krönung der Tugenden.

C1-4 AUSERWÄHLUNG JOSEPHS Die vier Zwickelkartuschen müssen zusammen betrachtet werden: Sonne (C1), Mond und elf Sterne (C2), sowie die elf Garben (C3: fünf; C4: sechs) weisen auf den Traum des Joseph von Ägypten hin (Gen 37,7–9), die Gestirne und die Garben hatten sich im Traum des jungen Joseph ehrerbietig vor diesem verneigt und Joseph auf diese Weise als den unter seinen elf Brüdern (= elf Sterne – elf Garben) auserwählten Sohn Jakobs bezeichnet. Die sinnbildlich gezeigte Auserwählung des alttestamentarischen Joseph ist hier auf die Auserwählung des neutestamentlichen Joseph, des Nährvaters Jesu, zu beziehen. Der typologische Vergleich geht hier offensichtlich von der Namensgleichheit aus

Quellen und Literatur

Augsburger Kunstzeitung 1772, S. 104 f. Westenrieder, Lorenz, Beschreibung des Wurm- oder Starnberger-Sees München 1784 S. 20

Zum Andenken des churfürstlichen Hofmahlers Christian Wink, (o. V.), in: Münchner Intelligenzblatt, 8. 4. 1797 S. 227.

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 368

Ortschronik von Starnberg, in: Allgemeine Bayerische Chronik oder Geschichts-Jahrbuch 2, 1843, S. 56 f.

Geschichte von Starnberg, Söcking, Andechs und Seefeld in: Allgemeine Bayerische Chronik oder Geschichts-Jahrbuch 5, 1846, S. 58 ff.

KDB I OB (1), S. 904

Feulner, Adolf, Christian Wink, München 1912, S. 17 ff. Garin, Paul, Wanderungen im Lande des oberbayerischen Barock und Rococo, II. Starnberg, in: Deutsche Bauzeitung 49, 1915, S. 526, 550 f.

Albrecht Dieter, Das Landgericht Starnberg (= Historischer Atlas von Bayern, Teil 1, Heft 3), München 1951. Schnell, Hugo, Starnberg am See (= KKF 168), München

Borcherdt, Christoph, Der Landkreis Starnberg, Kallmünz 1955

Clementschitsch, Heide, Christian Wink, ungedruckte Diss. Wien 1968, S. 19 ff.