Sinning, Pfarrkirche St. Nikolaus
SINNING
Pfarrkirche (Pfarrverband Burgheim), Gemeinde Oberhausen, Diözese Augsburg. Sinning war eine Hofmark. Das Präsentationsrecht auf die Pfarrei hatte der Hofmarksherr, z.Z. der Ausmalung Wilhelm Adam von Weveld. Ab 1838 besetzte der König von Bayern die Pfarrei. An der Kirche bestand eine Corpus-Christi Bruderschaft (sicher bezeugt seit 1723). Gericht Neuburg
Patrozinium: St. Nikolaus
Zum Bauwerk: 1741/42 wurde die bestehende mittelalterliche Kirche, die vier Jahre vorher durch einen Sturm schwer beschädigt worden war, von dem Neuburger Hofbaumeister Johann Puchtler vergrößert und barockisiert. Vom Vorgängerbau erhalten blieben der Glockenturm im W, der AR und die Sakristei auf der N-Seite. Die spitzbogigen Schallöffnungen des Glockenturms wurden zugemauert und Lamellenöffnungen eingebrochen. Im AR hat sich an der O-Wand ein zugemauertes Fenster mit Spitzbogenabschluß erhalten. Inwieweit das LHs noch alte Bausubstanz aufweist, wurde noch nicht untersucht.
Am 5.2. 1741 schrieb Pfarrer Johann Schnitzer an das Ordinariat in Augsburg: »Weilen die Sacristei auf der Nordseite (ist) leiden die Paramente Schaden und verfaulen, darum ist mein gnädiger Herr von Weveldt intentioniert, eine neue Sacriste auf die Sonnenseite setzen zu lassen, auch die Kirche auf dieser Seite zu erweitern, wozu große Spesen erforderlich sind« (Schilcher 1936, S. 21).
Am 1.7.1741 verpflichtete sich Puchtler in einem Vertrag mit Weveld, den Bau von Kirche und Turm ohne Mängel herzustellen und stellte dafür eine Kaution von 1000 fl., wofür er sein in Neuburg in der unteren Vorstadt gelegenes Haus verpfändete. Der Vertrag für die Stuckierung der Kirche wurde am 1.9.1741 zwischen Weveld und dem Neuburger Stuckator Matthias Abel geschlossen. Abel verpflichtete sich, für 150 fl und 2 fl. Leihkauf den Chor, das Langhaus und den Turm zu stuckieren, sowie die Apostelkreuze und alle anderen Stuckzierraten zu fertigen. Davon mußte er einen Gehilfen bezahlen, Anspruch auf Unterkunft und Verpflegung hatte er nicht. Sollte er mit der Arbeit noch im laufenden Jahr beginnen und der Stuck im nächsten Jahr infolge von Kälte oder Feuchtigkeit herabfallen, war er auf eigene Kosten zum Ersatz verpflichtet, ebenso bei anderer unsachgemäßer Arbeit. Die Kirche verpflichtete sich, Gips, Gold und alle anderen Materialien beizuschaffen (beide Verträge im Hausarchiv von Weveld, Sinning. Abschriften davon durch Pfarrer Schilcher im Pfarrarchiv Sinning, mir in Kopien freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Ludwig Ried, Sinning). Ein Vertrag mit dem Freskanten ist nicht überliefert, auch die Baurechnungen haben sich nicht erhalten. Die Kirche verfügte bei Baubeginn über ein Kapital von 4000 fl., bei höheren Kosten wollte der Hofmarksherr etwas zuschießen. Die Ausgaben beliefen sich insgesamt auf 4657 fl., davon im Jahr 1741 für Baumaterial und Handwerker 2417 fl. 2 kr., 1742 noch 2004 fl. 26 kr. und 1743 schließlich 235 fl. 22 kr. (Aufstellung von Pfarrer Karamann von 1771; Pfarrarchiv Sinning, Abschrift).



Zentralisierender, annähernd quadratischer Hauptraum zu zwei Achsen, breiter eingezogener, niedrigerer AR zu zwei Achsen, dreiseitig geschlossen, zum Langhaus korbbogenartig geöffnet; in den Chorzwickeln doppelgeschossige Räume, die sich im Obergeschoß als Oratorien zum Chor öffnen; der nördliche ist die ehemalige Sakristei. Von hier führt außen an der Kirche ein gedeckter Gang mit Treppe zur Kanzel. Der größere, etwa quadratische Raum im S ist die neue Sakristei; im W der aus der Achse verschobene Glockenturm und ein Vorzeichen, im südlichen Turmwinkel Anbau für die Turmtreppe. Wandgliederung durch Pilaster mit kräftig profiliertem Gebälk, im Chor und Schiff flache Decken, mit einer vorgeblendeten, kompliziert gewölbten Stuckzone, die hohlkehlenartig zur Wand überleitet. Im W Doppelempore mit geschwungenen Brüstungen. Belichtung im LHs durch drei, im AR durch zwei Segmentbogenfenster.
Originelle Stuckausstattung von Matthias Abel, mit dem Puchtler auch in der Hl.-Geist-Kirche in Neuburg 1723/24 (s. S. 161) zusammengearbeitet hatte. Siehe auch Abels Stuck in der Provinzialbibliothek in Neuburg (S. 208) und in der Marienkapelle in Bergheim (S. 66).
Matthias Abel stammte aus Neuburg und kann seit ca. 1721 hier nachgewiesen werden. Er starb 1754 (BHStA, PNA, NA 1989, Nr. 4068: Gesuch der Witwe Matthias Abels vom 27.7.1754 an den Kurfürsten, ihr nach dem kürzlich erfolgten Tod ihres Mannes das Wohnrecht in Neuburg und die Stuckaturprofession zu erhalten, falls ihre Tochter einen fähigen Stuckator heiratet. Dem wird im September 1754 stattgegeben; siehe auch Neuhofer 1969, S. 64 f.).
0.0... Der Stuck besteht aus Band- und Laubwerk mit einzelnen asymmetrischen Kartuschen, z.T. freihängenden Blütengirlanden und anderen à-jour gearbeiteten Elementen. Dazu kommen giebelartige, von Vasen bekrönte Aufsätze, paarweise angeordnete Puttenköpfe und einzelne Putten, die zum Teil Stuckvorhänge hochraffen. Charakteristisch sind im Chor die agraffenartig die Kehle des Deckenspiegels übergreifenden Stuckbänder. Ungewöhnlich ist es, daß die beiden großen Bildfelder (B, C) in einer tieferen Schicht liegen. Die wohl ebenfalls von Abel ausgeführte Stuckkanzel an der N-Seite des LHs ist auf dem Schalldeckel von einer Figur des Evangelisten Johannes bekrönt, zu seinen Füßen der Adler, am Kanzelkorb in Reliefs Büsten der übrigen drei Evangelisten, unterhalb ihre Attribute. Gegenüber der Kanzel in analoger Gestaltung (als Pendant) ein Stuckbaldachin, bekrönt von einer Figur Johannes d. Täufers, darunter ein nicht zugehöriges Kruzifix vom Ende des 18. Jahrhunderts. Darunter befand sich hier wohl ehemals das Taufbecken. Über den Fenstern paarweise angeordnete Brustbilder der Apostel in Stuckreliefs, ebenfalls von Abel. Die Altäre sind nicht für Sinning geschaffen worden. Der Hochaltar wurde 1804 aus der Franziskanerkirche in Neuburg erworben, die beiden Seitenaltäre aus der Kirche in Unterhausen
Auftraggeber: Die Planungen zum Kirchenbau begannen unter Pfarrer Johann Schnitzer (1706-41). Sein Nachfolger, der aus Sinning gebürtige Pfarrer Josef Karamann (1741-73), wird auf seinem Grabstein vor der Kirche als deren »restaurator et benefactor« gerühmt. Ein wesentliches Mitspracherecht beim Bau hatte der Hofmarksherr Wilhelm Adam von Wevelc († 1750), kurfürstlicher Geheimer Rat und Hofkammerdirektor in Neuburg, auf dessen Schloß in Sinning Karamann vorher als Erzieher und Kaplan tätig gewesen war. Weveld schloß die Verträge mit dem Architekten und dem Stuckator (s.o.) und wohl auch mit dem Freskanten.
Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, 1742
Die Fresken sind zusammen mit der Barockisierung der Kirche entstanden. Die Inschrift in B enthält das Chronogramm 1742. Sie lautet: SANCTO / NICOLAO / A BARI HVIVS / ECCLESIAE / TAVMATVRGO / SINGVLARI / CVLTVI (Dem hl. Nikolaus von Bari, dem einzigartigen Wundertäter dieser Kirche, in Verehrung). Der unbekannte Maler steht in der Augsburger Tradition Johann Georg Bergmüllers. Das in Untersicht gesehene Fresko mit der Glorie des hl. Nikolaus (B), das sich in der Hauptrichtung über einem gemalten architektonischen Sockel als Basis aufbaut, während auf der anderen Seite ein Vorhang zum Rahmen überleitet, entspricht in der Auffassung z.B. den Fresken des Bergmüller-Schülers Johann Georg Wolcker in St. Georg in Westendorf, nördlich von Augsburg, die wenig vorher, 1739/40, entstanden sind. Auch thematisch bestehen Beziehungen, indem der Verherrlichung des Heiligen die Bekämpfung des Bösen durch St. Michael antithetisch gegenübergestellt ist. Die Deckenbilder in Sinning wirken jedoch weniger akademisch, dabei naiver und auch grober als die Wolckers. Es handelt sich um eine skizzenhafte, expressive >Theatermalerei<, teils in nuancierterer, teils in gröberer Form, mit entschiedenen Licht- und Schattenkontrasten, die auf Fernwirkung berechnet ist. Heute besteht die Binnenzeichnung der Gesichter mit übergroßen, tiefliegenden Augen oft nur noch aus braunen dicken Strichen und Kringeln; ursprünglich war sie wohl durch Seccomalerei ergänzt (siehe den Restaurierungsbericht von 1998). Die originale Wirkung dieser Malerei läßt sich am besten in Fresko C2, Einsetzung des Abendmahls, im Chor beobachten, das seit 1804 weitgehend durch den damals neuerworbenen Hochaltar verdeckt und später wohl keiner Restaurierung mehr ausgesetzt war. Die Malweise erinnert in ihrer ausdrucksstarken, jedoch nicht sehr nuancierten Charakterisierung an Arbeiten des in Dillingen tätigen Matthias Wolcker († im Oktober 1742), des Bruders von Johann Georg Wolcker, vor allem an dessen Fresken in der Stadtpfarrkirche in Dillingen. Die Fresken der Vorhalle (A, A1-4), der unteren Emporenbrüstung mit Ausnahme des Mittelbildes (EB5, 6, c, d) und das Emblem unterhalb der Orgel (Bb) sind von deutlich geringerer Qualität und stammen wohl von anderer Hand, vielleicht auch von verschiedenen Malern, oder sind die Folge von späteren Ausbesserungen.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Vorhalle (A, A1-4) Kreuzgratgewölbe, LHs (B, B1-8, a-f) und AR (C, C1-3, a-d) Flachdecke mit zur Wand überleitender hohlkehlenartiger Stuckzone
Wandbilder: Im LHs (W1-2) hinter dem Schalldeckel der Kanzel bzw. dem Baldachin gegenüber; im AR (W3-4) in der Oratorienbekrönung; Emporenbrüstungen oben (EB1-3, a-b) und unten (EB4-6, c-d)
Rahmen: Vorspringender Stuckprofilrahmen, in B mit übergreifenden Ornamentkartuschen, die in die gemalte Darstellung einbezogen sind, in C mit übergreifenden Stuckagraffen, asymmetrische stuckierte C-Bogenprofile
Technik: Fresko; A, A1-4, B, B1-8, a, b, C, C1-3, EB1-6 polychrom; Bc-f, W1-2 monochrom grün, Ca-d monochrom blau, W3-4 monochrom braun, EBa-b monochrom braun, EBc-d monochrom chrom gelb
Maße: A Höhe 4,40 m; Ø 1,80 B Höhe 9,20 m; Ø 8,60 C Höhe 9,10 m; Ø 4,50
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1998 fand eine Innenrenovierung durch die Fa. Erwin Wiegerling, Augsburg, statt. Die Raumschale wurde gereinigt, die Stuckaturen wurden gefestigt und ergänzt, der Hochaltar und die Nebenaltäre trocken gereinigt. Im Restaurierungsbericht von 1998 (ein Exemplar im Pfarramt) heißt es über die Technik der Deckengemälde: »Wohl als Fresko begonnene und in Seccotechni fertiggestellte Malereien. Die Schäden an den Malschichte lassen eine Fertigstellung in Seccotechnik vermuten. In viele Partien der Deckengemälde konnte eine freskale Bindung de oft relativ dicken Malschicht mit dem Malputz nicht stattfin den, was wohl auch auf partiell sehr dünne (partiell weniger al 5 mm) Malputzschichten auf dem Holzträger zurückzuführe ist«. Unterputz und Malputz hatten sich teilweise von der Holzträgerkonstruktion gelöst. Durch schollenartiges Ablösen der Malschichten vom Malputz waren größere Fehlstellen entstanden. Die Malschichten wiesen stellenweise mikrobiellen Befall und Salzausblühungen auf. Die Retuschen der Risse und Fehlstellen einer früheren Restaurierung waren durch Alterung nachgedunkelt und deutlich gegenüber der originalen Malschicht zu erkennen. Die Fresken wurden gereinigt, soweit wie möglich von Übermalungen befreit, die Schäden durch mikrobiellen Befund und Salzausblühungen reduziert, die Putz- und Malschichtschollen fixiert, Risse gekittet und Retuschen angebracht, die etwas heller als die originale Malschicht gehalten wurden. Im AR hatte sich der Putzträger des Deckenbildes über dem Hochaltar (C2) gravierend abgesenkt. Eine ca. 50×20 cm große Putzscholle mit intakter Malschicht mußte hier fixiert werden. Im Mittelfeld C ist in den hellen Partien die in den Putz geritzte Quadrierung gut sichtbar. Bei einer vorausgegangenen Innenrenovierung der Kirche 1941 waren die Deckenbilder durch Johann Baumann, München, restauriert worden. Ein Team, bestehend aus Josef Fin kenzeller (Fassung der Ausstattung) sowie Ludwig Rohrer und Venanz Tittus, München, (Fassung der Raumschale), ferner Jakob Schnitzer, Augsburg (Stuck), besorgte damals die übrige Instandsetzung. Außenrenovierungen fanden 1937 und 1980 statt.


Beschreibung und Ikonographie
A VERTREIBUNG DER WECHSLER AUS DEM TEM- PEL Die primitive Malerei der Vorhalle zeigt in A Christus frontal in der Bildmitte, wie er in jeder Hand einen zusammengerollten Strick wie eine Geißel schwingt, um die Händler aus dem Haus Gottes zu vertreiben. Im Vordergrund stürzt ein Mann rücklings zu Boden und reißt Körbe mit Geflügel und Gemüse mit. Die andern Händler fliehen links zur Seite.
A. VIER KIRCHENVÄTER
Die Kirchenväter sind in Medaillons in den Gewölbezwickeln als Halbfiguren sitzend hinter einem Tischchen mit Buch dargestellt.
A1 GREGOR der Große mit päpstlicher Tiara und dreifachem Kreuzstab, von oben kommt die Taube herab
A2 AMBROSIUS, Buch und Bischofsstab haltend, neben ihm der Bienenkorb
A3 AUGUSTINUS legt den Zeigefinger an die Stirn, über die Dreifaltigkeit nachsinnend; neben ihm das Kind mit dem Löffel erinnert an die Szene mit dem Kind am Meer
A4 HIERONYMUS mit dem Kardinalshut auf dem Haupt
B DER HL. NIKOLAUS IN DER GLORIE Das Deckensystem von LHs und AR läßt sich am besten am Hauptfresko B ablesen, das sich als einansichtige Darstellung über die gesamte Fläche des runden Deckenspiegels erstreckt. Charakteristisch ist, daß das Fresko nicht unmittelbar durch den Rahmen eingegrenzt wird, sondern in einer tieferen Schicht liegt, sodaß die Darstellung illusionistisch als hinter der zur Wand vermittelnden, hohlkehlenartigen Wölbung befindlich erscheint. In der Hauptansicht nach O wird der Blick emporgeleitet über einen gemalten architektonischen Sockel, der in der Mitte in einer konkaven Nische zurück-schwingt, und vor dem an den Seiten ein großer, von Engeln geraffter Vorhang herabfällt, der gewissermaßen aufgezogen wurde, um den Blick auf die Himmelserscheinung freizugeben. Die ganze Komposition verläuft nicht konzentrisch, deswegen entsteht eine betonte Hauptansicht nach O. Die aufragende Scheinarchitektur verstärkt die Illusion des sich öffnenden Himmels. Von allen Seiten greifen Kartuschen und andere Stuckornamente in das Bildfeld ein und verklammern optisch die gemalte Fläche mit der Stuckdekoration und damit mit dem gebauten Kirchenraum. Es ergeben sich auch farbliche Verbindungen durch die stellenweise goldgefaßten Stuckornamente, die mit den Ockertönen des Freskos korrespondieren. Außerdem ist in der zurückschwingenden Scheinbalustrade ein Stuckmarmorfeld fingiert als farbiger Fond für den realen Stuckaufsatz davor mit der großen Inschrift im Ovalfeld. Es bestehen nicht nur illusionistische Tendenzen im Verhältnis von Rahmen und Bild – dazu gehört auch, daß die Erdkugel mit dem Sündenfall von Adam und Eva in ihrer Rundform der konkaven Architekturnische antwortet –, sondern auch innerhalb des Bildes, indem die Figuren teils vor, teils hinter der gemalten Architektur agieren.
Das Geschehen der in Untersicht gegebenen Himmelsdarstellung spielt sich auf Wolken ab, die sich von oben herabsenken und die gemalte Scheinarchitektur stellenweise überspielen. In der Bildmitte erscheint Nikolaus von Myra in der Glorie, emporgetragen von kleinen Engeln, die seinen Bischofsstab und die Mitra halten, während rechts weiter unten Engel mit der Siegespalme und mit einem Buch zu sehen sind. Fast noch stärker hervorgehoben als der Titelheilige ist die Gestalt des Erzengels Michael, der links etwas unterhalb des hl. Nikolaus auf Wolken steht. Das Braun und Hellblau seines stoffreichen Gewandes und Umhangs, die sich heftig im Wind bewegen, sind die größten farbigen Flächen im Fresko. Dieselben Farbtöne kehren zarter und aufgehellt beim hl. Nikolaus wieder. Der Erzengel hält in der erhobenen Rechten ein Blitzbündel, die Linke richtet er mit abwehrender Geste nach unten, wo über der einschwingenden Scheinarchitektur aus Wolken die Erdkugel auftaucht mit Adam und Eva beim Sündenfall, ausgeführt in grün camaieu. Links davon, zu St. Michael hin vermittelnd, ist ein großer Engel aus dessen Gefolge zu sehen, der zwei Äpfel oder Goldklumpen hält, halb verdeckt hinter ihm ein kleiner Engel, mit einem weiteren Apfel oder Goldklumpen als Attribute des hl. Nikolaus. Rechts stürzen über die Erdkugel die Mächte der Finsternis in die Tiefe: Amor carnalis mit Pfeil und Bogen, neben ihm der Teufel, eine große, fast nackte Männergestalt mit Hörnern und Fledermausflügeln, zu seinen Füßen zwei Drachenköpfe, und rechts, mit dem Arm das Profil der Scheinarchitektur überschneidend, die prächtig geschmückte Frau Welt mit Spitzen an Kragen und Ärmeln und einem Kopfputz aus Pfauenfedern. Mit der Rechten hält sie Schlangen, mit der Linken die vom Gesicht genommene Maske.
Das Thema des großen Deckenbildes bezeichnet Böhaimb (1856) zutreffend als Sieg des hl. Nikolaus über Welt, Fleisch und Teufel. Das sind die drei Feinde, die die menschliche Seele bekämpfen muß (Bernhard von Clairvaux, Meditatio de humana conditione, insb. Kap. 12: De tribus inimicis hominis carne, mundo et diabolo; PL 184, 503). Der göttliche Lohn für die Enthaltsamkeit und Askese ist die himmlische Glorie. Der Kampf wird vom hl. Nikolaus nicht selbst geführt, sondern ist veranschaulicht durch den hl. Michael, der den Teufel sowie Amor und Frau Welt in die Tiefe stürzt. Es entsprach dem antithetischen Denken der Zeit, den Sturz der Mächte der Finsternis durch den hl. Michael der himmlischen Herrlichkeit zu kontrastieren (K.-A. Wirth, RDK, V, Engelsturz, Sp. 671 f., mit Hinweis auf den nicht ausgeführten Programmentwurf für die Ausmalung von Gößweinstein, 1734). Diese Gegenüberstellung war vor allem in der Augsburger Malerei des 18. Jh. bei Bergmüller und seiner Nachfolge verbreitet, z.B. Glorie des hl. Georg von Johann Georg Wolcker, 1740, in Westendorf; Glorie des hl. Augustin von Johann Anwander, 1754, in Münnerstadt.
B1-8 DER HL. NIKOLAUS ALS WUNDERTÄTER Der Heilige, der bisweilen auch den Vierzehn Nothelfern zugezählt wird, ist als der große Thaumaturg dargestellt, der aus allen Gefahren zu retten vermag und in schwierigen Angelegenheiten hilft. In den größeren Feldern in den Diagonalen (B1-4) sind seine Rettungsmaßnahmen zu Wasser, zu Land, bei Feuer und Sturm gezeigt und er somit als Beherrscher der Vier Elemente verstanden. Als solcher ist er im 18. Jahrhundert häufig in Nikolauszyklen wiedergegeben, am ungewöhnlichsten in einem Fresko von Johann Anwander in Deisenhofen (Lkr. Dillingen) von 1760, auf dem seiner himmlischen Glorie auf der Erde antike Götter als Personifikationen der Vier Elemente zugeordnet sind. In den kleineren Feldern dazwischen sind im N und S (B5-8) einzelne Nikolauslegenden in prägnanten Abbreviaturen dargestellt, wobei der Heilige jeweils drei Personen erscheint.





B1 RETTUNG SCHIFFBRÜCHIGER Ein von hohen Wellen umgebenes Schiff befindet sich in Seenot; seine Segel sind bereits vom Sturm zerrissen, ein Mann ist über Bord gegangen. Der Heilige steht links am Ufer und zieht mit der Krümme seines Bischofsstabs das Schiff zu sich heran. - Die Legenda Aurea berichtet von einem entsprechenden Ereignis, das sich bereits zu Lebzeiten des hl. Nikolaus abgespielt haben soll: In Seenot geratene Schiffleute, die von seiner Wunderkraft gehört hatten, riefen ihn beim Namen, und er erschien »und half ihnen an den Segeln und Stricken und anderem Schiffsgerät; alsbald war das Meer gestillt«. Wieder an Land, besuchten sie seine Kirche und dankten Gott und ihm, den sie dort antrafen, für die Rettung, worauf er sprach: »Nicht ich, sondern euer Glaube und Gottes Gnade haben euch geholfen« (LA-Benz S. 28).


B2 HEILUNG EINES BESESSENEN Vor einer großen Säule mit goldenem Kapitell steht der hl. Bischof und legt die Hand auf die Stirn eines besessenen Knaben, aus dessen Mund die bösen Geister als kleine schwarze Teufel entweichen. Weitere Kranke und Bittflehende drängen von den Seiten heran. Mit dieser Darstellung ist auf die wunderbare Säule in der Krypta der Nikolauskirche in Bari verwiesen, wo der Heilige begraben ist und verehrt wird. Der Legende nach fand der Bischof bei einem Besuch in Rom am Tiber eine schöne Marmorsäule. Er stieß sie in den Fluß und befahl ihr, in seine Heimatstadt Myra in Kleinasien zu schwimmen, wo er sie nach seiner Rückkehr in seinen Bischofsthron integrierte. Nach dem Raub seiner Gebeine und ihrer Überführung nach Bari 1087 soll der Heilige in der Krypta der neuerbauten Basilika am Vorabend ihrer Weihe (30.9.1089) erschienen sein. Er brachte die Säule aus Myra mit, um sie eigenhändig im neuen Heiligtum gegen einen Pfeiler auszutauschen. Die Säule ist dort heute noch vorhanden und gilt als wundertätig. Zu ihrem Schutz ist sie mit einem Gitter versehen, das bereits seit dem 17. Jh. nachweisbar ist (Beatillo, Buch 4, Kap. 4, S. 197ff.)




drei goldene Kugeln an drei kleine Mädchen, die vor ihm stehen und ihm die Hände entgegen strecken. Im Hintergrund sitzt die Mutter (?) in einem großen Lehnstuhl und liest in einem Buch. - Dargestellt ist die berühmteste Nikolauslegende, die Schenkung von goldenen Kugeln an drei Schwestern, die gewöhnlich mit ihrem verarmten Vater zu sehen sind, der ihnen keine Aussteuer geben konnte und verlangte, sie sollten ihren Unterhalt auf unehrenhafte Weise verdienen (LA-Benz, S. 26 f.).
Für den im LHs stehenden Betrachter des Hauptfreskos wird der Blick emporgeleitet über die Darstellung des kleinen Nikolaus, der auf wunderbare Weise bereits als Neugeborener in der Wanne steht und Gott lobt, über die Kartusche mit der großen Widmungsinschrift bis zur Glorie des Heiligen. Lebensbeginn und Aufnahme in die himmlische Herrlichkeit sind auf diese Weise verbunden, oben findet Erfüllung, was sich unten ankündigt. Die Szene aus der Vita fügt sich, kombiniert mit emblematischen Bildelementen, zu einer allegorischen Gesamtdarstellung, die unterstreicht, wie stark die Episode aus der Kindheit als Sinnbild verstanden sein will. In der Tat referiert Beatillo verschiedene allegorische Auslegungen des Wannenwunders: Der Knabe war vom Mutterleib an erwählt (s.o.); kaum geboren, lobte er den Herrn; der Heilige Geist wohnte in ihm; das Stehen im Zuber und das Gotteslob mit erhobenen Händen galten als Zeichen dafür, daß er sein ganzes Leben lang die erste Unschuld bewahrte; im Aufrechtstehen zeigte sich die »intentio recta«; es galt ferner als Zeugnis des raschen Wachsens der Vernunft. Schließlich verweist Beatillo noch auf den Vers eines Zeitgenossen, des römischen Dichters Giacomo Lauro, der das menschliche Leben als einen einzigen Kampf ansah und das schnelle Stehen des hl. Nikolaus nach seiner Geburt als Zeichen dafür wertete, daß dieser die Hölle habe zum Kampf auffordern wollen:
»Extravit vix ventre pedem, pede constitit undis. Di., 4:11: 1: 1: 1: T . 1 11
(Gerade geboren, steht er im Wasser. Er zeigt dir, Hölle, bittere Kämpfe an, hüte dich. Zu der Herleitung des Namens Nikolaus von Nikos = Sieg s. Lexikon des Mittelalters 6, 1993, Sp. 1174 [A. Brückner]). Es sind diese der Hölle angedrohten Kämpfe, die im Hauptdeckenbild der hl. Michael in allegorischer Form ausficht.
Bb A SOLIS ORTU / USQUE AD OCCASUM PS (Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang). Kleine Engel auf Wolken mit Geige, Flöte und Notenblatt musizieren zusammen. Über ihnen scheint am Himmel die Sonne.- Das Fresko ist stark erneuert. Beziehungen zur Darstellung gegenüber mit dem Wannenwunder lassen sich durch die Sonne herstellen. Die mit ihrem Anfang wiedergegebene Bibelstelle, Ps 113, 3, lautet vollständig: »Vom Aufgang der Sonne, bis zu ihrem Niedergang, sei gelobt der Name des Herrn«. Der verbindende Gedanke ist das Gotteslob, welches der hl. Nikolaus vom Beginn seines Lebens an dargebracht hat (Ba) bis zu seinem Tod (EB1).
Von den Emblemen und emblemähnlichen Darstellungen sind B3 dem Elemente-Thema der Fresken in den Diagonalen zugeordnet. Darüber hinaus verfolgen sie einen theologisch-didaktischen Zweck, indem sie dem Betrachter den Weg zum ewigen Heil weisen, denn die Wunder sind Abbild der Menschenfreundlichkeit Gottes. So sind sie auch mit dem Hauptthema der Decke verbunden, das dem Heiligen in der Glorie gilt und seiner Fürbitte bei Gott. Das läßt sich exemplarisch an dem Emblem der Pyramide, um die sich Efeu windet, mit dem Lemma HAC STANTE VIREBO aufzeigen (B3). Es bezieht sich auf die Darstellung B2, die den Heiligen als Wohltäter der Kranken und Leidenden zeigt, denen er eine Stütze ist. Nach
der Legende erschien er in dieser Eigenschaft bei der Säule in der Krypta in Bari, und nachdem er selbst verschwunden war, ging die Gnade seiner Heilkraft auf die Säule über. Über den Thaumaturgen hinausweisend, ist die Botschaft des Emblems, daß der ein frommes Leben führt, der sich ganz auf Gott stützt, wie der Efeu auf die Pyramide. Beatillo verweist in seiner bilderreichen Sprache ebenfalls auf den Efeu (Buch 5, Kap. 2, S. 254 ff) und vergleicht die Barmherzigkeit und aufopfernde Hingabe des Bischofs mit einem fruchtbaren Ölbaum, der viel gibt und sich selbst mit wenig begnügt. Wächst in einem Garten der Baum zusammen mit Efeu, so wird dieser durch die Feuchtigkeit des Ölbaums am Leben erhalten. »Und Nikolaus, wenn er wußte, daß Leute bedürftig und daher ähnlich dem Efeu waren, der ohne die Hilfe anderer nicht aufrecht stehen kann, gab allen im Überfluß die Feuchtigkeit seiner Hilfe, besonders denen, die dem Untergang nahe waren. Nahe am Vertrocknen waren die Bäume der Stratelaten (vgl.B8). Aber der fruchtbare Ölbaum des Nikolaus gab ihnen die Feuchtigkeit ganz schneller Hilfe und bewirkte, daß sie schön und grün (!) am Leben blieben« (Beatillo ebd. S. 258; Über-
Beispielhaft ist auch das Emblem des Leuchtturms mit dem Lemma SPES TUTA SALUTIS (Bc). Anknüpfend an das Meerwunder des Heiligen ist verwiesen auf die Lebensfahrt des Christen über das Meer der Welt mit seinen Bedrohungen (zur christlichen Meersymbolik vgl. Rahner, a. a. O. S. 239–548, bes. S. 296). Im Sturm gibt das Licht die Orientierung, die Fahrt geht auf den Leuchtturm zu, der den sicheren Hafen anzeigt, Sinnbild der Ewigkeit des Paradieses. Beatillo (Buch 6, Kap. 20, S. 449) berichtet von mehreren Rettungen aus Seenot durch den hl. Nikolaus, bei denen Schiffleute einem Licht nachsegelten und so in den Hafen gelangten, oder ein Licht an Mast und Heck bemerkten, das sie sicher leitete.
W1–W2 EMBLEME an der Wand hinter der Kanzel und an der Stelle des Taufbeckens. Sie beziehen sich auf den Guten Hirten und auf die Taufe.
W1 EGO SUM PASTOR BONUS (Ich bin der gute Hirte; Io 10, 11). Hirte, der mit einem Stab einen Wolf von der Herde abwehrt. - Das Emblem bezieht sich auf die Kanzel, deren Schalldeckel von einer Stuckfigur des Evangelisten Johannes bekrönt ist. Wie Jesus im Johannesevangelium wird auch der hl. Nikolaus als Guter Hirte bezeichnet; in den Hymnen ist er der David, der den geistigen Goliath vertreibt, welcher die Seelen tyrannisiert, und er verscheucht von der Herde Christi die »reißenden Wölfe« mit ihren Irrlehren (Enkomion des Andreas, vgl. Heiser 1978, S. 84).
W2 HINC VITA INDE LIBERTAS (Von dort kommt das Leben und daher die Freiheit). Ein Baum wird von einer Hand mit der Gießkanne gegossen: Ähnliche Embleme eines gepflanzten Baums, der begossen wird, verweisen darauf, daß nichts ohne Gottes Segen gedeiht (Henkel/Schöne, Sp. 156, 160). Hier ist speziell auf die Taufe verwiesen. An dieser Stelle befand sich wohl ursprünglich das Taufbecken. Auf der schalldeckelartigen Bekrönung steht eine Stuckfigur Johannes des Täufers
Fresken im Altarraum
C VERHERRLICHUNG DER EUCHARISTIE DURCH DIE VIER ERDTEILE In der Bildmitte schwebt inmitten einer Strahlengloriole eine goldene Monstranz. Sie ist mit den flankierenden Figuren der hll. Nikolaus und Wolfgang, der Patrone von Sinning und der Filialkirche St. Wolfgang, so detailliert dargestellt, daß sie eine ehemals vorhandene, heute nicht mehr nachweisbare Monstranz aus der Zeit um 1700 wiedergeben dürfte. Die Eucharistie wird von großen und kleinen Weihrauch spendenden Engeln im Himmel verehrt. Unterhalb sind um die grün camaieu getönte Erdkugel Personifikationen der vier Erdteile angeordnet, die ebenfalls dem Altarsakrament huldigen. Links kniet mit ausgebreiteten Armen in weißem Kleid und blauem Umgang die Personifikation von Europa, auf dem Haupt einen goldenen Kronreif. Hinter ihr steht Asia und hebt ein goldenes Rauchgefäß empor zur Monstranz. Ihr ist ein Kamel als Attribut zugeordnet, vor dessen mächtigem Leib ein Pferd mit weißer Mähne als Hinweis auf Europa zu sehen ist. Hinter der Erdkugel sitzt America in Gestalt eines Schwarzafrikaners mit blauem Federkopfschmuck und goldbraunem Umhang, der den Körper weitgehend freiläßt. Auf seiner ausgestreckten Linken sitzt ein Papagei. Ganz rechts kniet in grünem Kleid und bräunlichem, rosa aufgehellten Umhang Africa mit Turban, die Hände betend erhoben. Ihr Attribut ist ein Krokodil. Zwischen America und Africa steht im Hintergrund eine weitere exotische Gestalt in blauem Umhang und Turban, in der Hand ein Räucherschiffchen. Ein solches hält auch der Engel über ihr, so daß hier Himmel und Erde gemeinsam inzensieren. Unterhalb der Erdkugel liegen auf einem Kissen die päpstliche Tiara, Mitra und Bischofsstab sowie das dreifache Vortragekreuz.
Bei Anordnung und Haltung der Personifikationen der Erdteile muß der Maler auf eine graphische Vorlage zurückgegriffen haben. Deckenbilder in der Reithalle in Schloß Belém bei Lissabon (Ende 18. Jh.; Bessone, Silvana, The National Coach Museum Lisbon, Lissabon 1993, Abb. S. 20) wie auch im AR der ehem. Hauskapelle des Jesuitenkollegs in Dillingen zeigen dieselbe Komposition. Das Dillinger Fresko, auf dem die Erdteile den Namen Jesu verehren, wurde dem Jesuitenmaler Joseph Ignaz Schilling zugeschrieben, der um 1738 die Treppenhäuser und einen Saal im Kolleg ausgemalt hat (Werner Meyer und Alfred Schädler, Stadt Dillingen an der Donau KDB Regierungsbezirk Schwaben, Band 6, München 1964 S. 335 f. u. Abb. 241.); im Dehio (1990, S. 255) gilt es dageger als Werk eines unbekannten Malers und wird nach 1738 datiert. Es zeigt nicht nur im Motivischen, sondern auch im Stil Verwandtschaft mit dem Deckenbild in Sinning, ohne jedoch von derselben Hand zu sein. Das Thema bezieht sich auf den AR als Stätte der Eucharistiefeier. Es begegnet in dieser Zeit häufiger bei Chorfresken (Westendorf, Aislingen Dezenacker, s. S. 91). Für die Themenwahl in Sinning hat wohl die Corpus-Christi-Bruderschaft eine Rolle gespielt.
C1-3 SPEISUNGSSZENEN Die Darstellungen umgeben das Mittelbild C in den Hauptrichtungen. Die Speisungsszenen beziehen sich auf das Altarsakrament. Das Paschamahl und die Wunderbare Brotvermehrung sind die üblichen typologischen Gegenüberstellungen zum Abendmahl.




C, Wunderbare Brotvermehrung
C1 WUNDERBARE BROTVERMEHRUNG (N) (Mt 14,14-21; Mc 6, 31-44) Das Volk, das den ganzen Tag lang der Predigt Jesu gelauscht hat, lagert links im Gras, während Jesus selbst rechts unter einem Baum sitzt und einen Stapel von fünf Broten entgegennimmt, den einer der Jünger ihm bringt. Er segnet das Brot und bewirkt damit das Wunder, dass es zusammen mit zwei Fischen ausreicht, um die riesige Volksmenge von 5000 Männern samt Frauen und Kindern zu speisen.
C1 Einsetzung des Abendmahls
C1 EINSETZUNG DES ABENDMAHLS (O) (Mt 26, 17-30; Mc 14, 12-26; Lc 22, 7-38; Jo 13,17-30) Jesus, an dessen Brust der Lieblingsjünger Johannes ruht, sitzt frontal hinter dem parallel zum Bildrand stehenden Tisch. Er erhebt den Kelch und segnet ihn. Die übrigen Jünger sind um den Tisch versammelt, links am Rand mit der nach hinten gedrehten Hand wohl Judas. Im Vordergrund steht eine große blaue Kanne in einem Kühlgefäß. Das Fresko ist fast völlig durch den Hochaltar verdeckt, der 1804 als Ersatz für den alten Altar in der Kirche aufgestellt wurde.
C1 Paschamahl
C1 PASCHAMAHL (S) (Ex 12, 1-14) Die Juden sind um den Tisch versammelt und feiern das Paschamahl als Vorbereitung des Auszugs aus Ägypten. Einer von ihnen hält ein Messer, da das Lamm auf Befehl Gottes gegessen werden soll, ohne seine Knochen zu brechen. Im Hintergrund schreibt eine Hand mit Blut an die Hauswand und verweist damit auf den weiteren Befehl, die Türbalken der Häuser mit dem Blut des Lammes zu bestreichen als Zeichen der Verschonung, wenn Gott die Erstgeborenen der Ägypter tötet. Schließlich sind die Juden mit Barette auf dem Kopf dargestellt und mit Wanderstäben in der Hand, auf die sie sich zum Zeichen des Aufbruchs stützen sollen.
C2-d Embleme
C2-d EMBLEME Die Embleme in hochovalen Medaillons umgeben das Mittelbild C in den Diagonalrichtungen. Sie beziehen sich auf das Opfer Christi.
C2 Sacramentum Justitiae
C2 SACRIFICIUM IUSTITIAE PSAL:so (Opfer der Gerechtigkeit). Lamm mit Kreuzstab auf einem Opferaltar. Das Lamm, das geschlachtet und geopfert wird, ist Symbol für den Opfertod Christi. Die Bibelstelle verweist auf den 4. Bußpsalm Davids (Ps.51), wo es am Schluß heißt, dass nach der Buße die Opfer der Gerechtigkeit Gott gefallen werden.
Cb Vitis Vera
C9 VITIS VERA Johannes 15 [1] (Der wahre Weinstock) Weinrebe rankt sich um das Kreuz. Der Weinstock, aus dessen Trauben der Wein gekeltert wird, symbolisiert Christus, der Wein sein Blut wie das Lamm in C, sein Fleisch.
C9 Panis Vitae
C9 PANIS VITAE Johannes 6 (Brot des Lebens). Manna regnet vom Himmel und wird in zwei Körben aufgefangen. Die Bibelstelle ist Jo 6, 31–35: Das Volk hatte von Jesus Wunderzeichen verlangt, um glauben zu können, und sagte: »Unsere Väter haben das Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben steht: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen«. »Darauf antwortete Jesus ihnen: Ich bin das Brot des Lebens«.
C1 Ut Vitam Habeant
C1 UT VITAM HABEANT Johannes 10 (Damit sie das Leben haben). Der Pelikan nährt mit seinem eigenen Blut seine Jungen und rettet sie vor dem Hungertod. Er ist ein Symbol für das Todesopfer Christi. Der Bibeltext, auf den verwiesen ist, enthält die Hirtenrede Jesu, in der er dreimal sagt, dass er sein Leben für die Schafe lässt (Jo 10,12; 15; 17).
W Embleme
W EMBLEME. Die Embleme befinden sich in runden Medaillons an der Wand über den Oratorien. Sie beziehen sich auf die Corpus-Christi-Bruderschaft.
W1 Quam Denotat Hora
W1 QUAM DENOTAT HORA (Wie die Stunde zeigt). Sonnenuhr, von der Sonne beschienen, zeigt die zweite Stunde an. Rechts blickt man in eine Flußlandschaft mit einer Burg im Hintergrund: Die Sonnenuhr gemahnt an die Kürze und Unbeständigkeit des Lebens (Henkel/Schöne, Sp. 1343). Die zweite Stunde, die sie anzeigt, die hora secunda, ist die glückliche Stunde (secundus heißt sowohl zwei als glücklich) Gemeint ist eine gute Sterbestunde, für die in der Bruderschaft Gebete gesprochen wurden (vgl. auch das Programm im ehem. Bruderschaftshaus zur Schmerzhaften Muttergottes in Neuburg, S. 208).
W1 Tendamus in Unum
W1 TENDAMUS IN UNUM (Laßt uns alle nach einem Ziel streben). Links steht erhöht eine große Zielscheibe mit einem Herz in der Mitte. Von rechts ragt eine Hand mit einem weiteren Herzen ins Bild, darunter sieht man ein geflügeltes, von einem Pfeil durchbohrtes Herz, das auf die Zielscheibe zufliegt, dahinter den Bogen: Der Mensch soll als einziges Ziel seine Erlösung im Auge behalten und nach dem Ewigen Leben streben (Henkel/Schöne, Sp. 1027; 1510f.).
EB1-3, EB37 Obere Emporenbrüstung
Bei den Darstellungen an der oberen Emporenbrüstung berühren sich mehrere Themenkreise des Ausstattungsprogramms. Übergeordnet ist das Nikolausthema, an zentraler Stelle in der Mitte der Brüstung ist der Tod des Heiligen geschildert (EB1) und dem Wannenwunder (B1) als dem Beginn seines Lebens gegenübergestellt. Die Emporenbrüstung ist traditionell der Musik vorbehalten, und da der Heilige den Tod singend erwartet, kann das Musikthema dem Nikolausthema hier zugeordnet werden. Der Sterbende singt einen Psalm Davids, und auch die übrigen Musikdarstellungen beziehen sich auf Psalmen Davids. David psallens ist hier durch die Bußinstrumente Geißel, Totenkopf und Schwert präzisiert auf den reuigen David und erhält damit einen weiteren Bezug auf den sterbenden Nikolaus, weil die Reue Teil des guten Todes ist. Nikolaus und David werden häufig parallelisiert in ihrer Eigenschaft als Priester.
EB1 Gesang beim Tod des Heiligen Nikolaus
EB1 GESANG BEIM TOD DES HEILIGEN NIKOLAUS Der Heilige, in ein weißes, mit Fransen besetztes Tuch gehüllt, liegt sterbend auf dem Lager. Er hält ein aufgeschlagenes Buch vor sich, der Blick ist verzückt nach oben gerichtet. Kleine Engel umgeben ihn, von denen links zwei mit Geige und Flöte musizieren und außen rechts einer ein Notenbuch hält. Ein Priester mit einer Sterbekerze umfasst von hinten die Schultern des bereits Entrückten, daneben halten Engel ein aufgeschlagenes Buch, den Bischofsstab, von dem nur der Nodus sichtbar ist, ein Stundenglas und die Mitra. Im Vordergrund steht ein Weihwassergefäß. Die gesamte Darstellung wird eingerahmt durch einen zur Seite gebreiteten Vorhang. Angesichts seines Todes hatte der hl. Nikolaus Gott gebeten, ihm seine Engel zu schicken (LA-Benz, S. 31). In ihrer Anwesenheit begann er, das übliche Sterbegebet, »In te domine speravi« zu beten bis zu den Worten »in manus tuas« (Ps 31, 1–6) womit er aus dem Leben schied. Danach hörte man einen süßen himmlischen Gesang. Beatillo spricht von einem Wechselgesang des Bischofs mit den Engeln (Buch 4, Kap. 4, S. 232). Die Identifizierung des Sterbenden mit dem hl. Nikolaus ist insofern problematisch, als dieser bartlos und offensichtlich auch jünger wiedergegeben ist als bei allen übrigen Szenen. Jedoch ist er durch die von einem Engel gehaltene Mitra eindeutig als Bischof gekennzeichnet. Der thematische Gesamtzusammenhang und die berichteten Umstände seines Todes sprechen ebenfalls für diese Identifizierung.
EB1 König David mit der Harfe
EB1 KÖNIG DAVID MIT DER HARFE David ist beim Spielen der Harfe direkt von vorne gesehen, sein Blick ist nach oben gerichtet. Über lichtblauem Gewand trägt er einen mit Hermelin gefütterten Brokatumhang, auf dem Haupt eine Krone. Hinter ihm sieht man eine Hand mit einer Geißel.

sowie einen Totenkopf und ein Schwert als Aufforderung zur Buße. Verwiesen ist damit auf den vierten Bußpsalm (Ps 51) und Davids Reue nach dem Ehebruch mit Bathseba sowie dem von David veranlaßten Tod ihres Mannes Urias sowie die Strafpredigt des Propheten Nathan (2 Sm 11 f.).
EB. HEIMFÜHRUNG DER BUNDESLADE MIT MUSIK König David läßt die Bundeslade, den Thronsitz des unsichtbar gegenwärtigen Gottes, mit festlicher Musik nach Jerusalem in den Tempel bringen, »mit Zithern und Harfen, Pauken, Schellen und Zimbeln« (2 Sm 6,5).
EBa IMPLET FATA ULTIMA LAETU[S] (Freudig erfüllt er das letzte Geschick). Schwan auf einem Sarkophag. Der Schwan, der nach antiker Vorstellung singend stirbt (z. B. Ovid, Met.XIV, 430), ist hier Bild des hl. Nikolaus, der sterbend im Wechselgesang mit Engeln Gott pries. Bei Beatillo (Buch 4, Kap. 14, S. 232 ff.) ist diese Szene ausführlich geschildert: Die Engel stimmten demnach den ersten Vers des Psalms an, und nachdem sie geendet hatten, fuhr der Heilige mit dem zweiten Vers fort, »cantando ancor 'esso a guisa d'un bianco Cigno« (indem auch er sang wie ein weißer Schwan). Die Darstellung ist formal angeregt von einem Emblem bei Camerarius III, Nr. 23, wo das Tier, nach links gewendet, auf einem Grabmonument steht, mit dem Lemma DIVINA SIBI CANIT ET ORBI (Heiliges singt er für sich und die Welt), als Sinnbild für den Lobpreis des eigenen Todes. (Vgl. auch Picinelli, Lib. IV Nr. 331, s.v. cygnus, Sinnbild für Mors praenuntiata.)
EBb INVITAT AD AETHERA CANT[US] (Der Gesang lädt zum Himmel ein). Vögel begrüßen singend die Sonne: Die Vögel, die bei aufgehender Sonne ihren Gesang anstimmen, sind Bild des hl. Nikolaus, der singend den Tod und mit ihm die Vereinigung mit Christus erwartet. Picinelli (Lib. IV, Nr. 21, s. v. avis) bringt die Icon mit dem Lemma TE VENIENTE CANET, um die Auferstehung der Gerechten zu veranschaulichen, die im Osten Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, sehen.

EB4-6, EB c-d Untere Emporenbrüstung Die Darstellungen beziehen sich auf die Wunder am Grab des hl. Nikolaus.
EB GRAB DES HEILIGEN NIKOLAUS Auf einem Marmorsarkophag ruht der Leichnam des hl. Nikolaus in blauem Gewand. Vom Himmel fallen Strahlen auf ihn herab. Zu seinen Häupten kniet ein kleiner Engel, der seine Mitra hält und mit einem Gefäß das Öl auffängt, das aus seinem Kopf austritt. Gleichzeitig entnimmt ein Priester seinem Fuß die heilbringende Flüssigkeit. Dazu berichtet die Legenda Aurea »Er ward begraben in einem Grab von Marmelstein: da entsprang zu seinen Häupten ein Brunnen mit Öl und zu seinen Füßen ein Wasserquell; und noch heutigen Tags rinnt heiliges Ol von seinen Gebeinen, das ist gesund wieder alles Siechtum« (S. 31).
EB, AUSTEILUNG DES NIKOLAUSWASSERS Ein Priester, der in einer offenen Halle steht, teilt das heilkräftige Wasser des hl. Nikolaus an Kranke und Bresthafte aus. Von rechts kommen weitere Pilger herzu, z. T. mit Gefäßen.
EB6 HEILUNG DURCH DAS NIKOLAUSÖL Ein Kranker liegt auf einem Bett in einer offenen Halle mit Blick in die Landschaft. Er wird gepflegt und mit dem Öl des hl. Nikolaus versorgt. Dieser selbst erscheint in den Wolken.
EBc LANGUIDA VIVIFICANT ([Die Wasser] machen Ermüdete lebendig). Brunnen mit zwei Schalen übereinander. Menschen holen mit verschiedenen Gefäßen Wasser. Das Emblem bezieht sich direkt auf die links anschließende Austeilung des Nikolauswassers und auf die rechts anschließende Darstellung der zu Füßen des toten Nikolaus entspringenden Heilquelle.
EBd OLEUM MEDICINA: SALUTIS (Öl, ein Mittel de Heils). Ölbaum in einer Landschaft. Ein Mann erntet die Oli ven. Das Emblem bezieht sich auf das Nikolausöl, mit dem in rechts anschließenden Bild ein Kranker geheilt wird und da im links anschließenden Bild aus dem Kopf des Leichnams de hl. Nikolaus fließt.
Ikonologie
Auffallend an den Deckenbildern in Sinning ist ihre allegorische Ausrichtung. Darauf wird 1856 mit Mißfallen hingewiesen anläßlich der ersten ausführlichen Behandlung der Kirche durch Pfarrer Carl August Böhaimb, der dem Zeitgeschmack entsprechend auch den Kunstwert der Fresken äußerst gering eingeschätzt hat. Seine Betrachtung schließt mit der ironischen Bemerkung: »Die Unterschriften der Allegorien sind in lateinischer Sprache verfaßt, woraus man schließen könnte, daß die Sinninger Bauern sehr gute Lateiner sein müssen« (S. 67).
Das Nikolauspatrozinium ist in der Diözese Augsburg weit verbreitet (Scharrer 1991; 1993). Von den Kirchen, die im 18. Jh. dem Heiligen umfangreiche Freskenzyklen gewidmet haben, steht diejenige in Sinning ziemlich am Anfang (1742). Voraus gehen nur die Joseph Bernhardt zugeschriebenen Deckenbilder in Schwäbishofen, 1726, und jene in Stadtbergen bei Augsburg von Johann Georg Bergmüller, 1730. Aber auch in den benachbarten Diözesen begegnen Nikolauszyklen, z.B. in Lenting (Lkr. Eichstätt).
Literarisches Material für ein Ausstattungsprogramm dieses Themas bot vor allem das ausführliche, die umfangreiche Vitenliteratur ausschöpfende Werk des Jesuiten Antonio Beatillo: >Historia della Vita, Miracoli, Traslatione e Gloria del Confessore di Christo San Nicolo il Magno, Arcivescovo di Mira, das zwischen 1620 und 1705 zehnmal aufgelegt wurde (hier benutzt die 7. Ausgabe, Rom 1703. Auch eine Kurzfassung in deutscher Übersetzung liegt vor: Francesco da Buti SJ, Das Leben und Wunderwerck des Heiligen Nicolai Ertz- Bischoffen zu Myren«. Freiburg bei J. J. Quentz 1699).
Die Vita des in der Ost- und Westkirche gleichermaßen verehrten Heiligen weist viele legendenhafte Züge auf. Nikolaus war Bischof von Myra in Kleinasien zur Zeit Kaiser Konstantins, 1087 wurden seine Gebeine geraubt und nach Bari in Unteritalien überführt, wo sie heute noch verehrt werden. Er ist nach der Gottesmutter der am häufigsten angerufene Helfer in allen schwierigen Lebenslagen und wird verehrt als Bischof und Bekenner, als Priester, als Kämpfer gegen die Häresie und vor allem als der große, überall wirkende Wundertäter, der sogar einige seiner Wunder bereits zu Lebzeiten vollbrach haben soll.
Seine universelle Bedeutung verdankt der hl. Nikolaus der Verschiedenartigkeit der Wunder, die er bewirkte, und der großen Ausbreitung seines Kults und seiner Verehrung. Im Mittelalter ist bereits von seiner wohltätigen Präsenz auf dem Meer und auf dem Land die Rede. In dem Sermo des Nikolaus von Clairvaux (PL Bd 144, Sp. 835) heißt es: »Glorificatur in mari, laudatur in terra, in omnibus periculis invocatur« (Er wird auf dem Meer verehrt, auf der Erde gepriesen und in aller Gefahren angerufen). Honorius Augustodunensis (Speculum Ecclesiae; PL Bd 172, Sp. 1034) berichtet über die Stillung des Seesturms durch den Heiligen in deutlicher Parallele zur Stillung des Sturms im Evangelium, wo Jesus die Winde und das Meer gehorsam sind (Mt 8,23-27; Mc 4, 35-41). Beatillo verweist auf einen Sermo des hl. Bonaventura zu dem Thema von Gen 33,14, wonach der Herr das Vorbild ist, dem der treue Diener nachfolgt. »Das Wirken des Herrn vollzog sich in Demut, Frömmigkeit und Barmherzigkeit und mit der größten Machtvollkommenheit. In all dem ist Nikolaus, der Bischof und Hirte das Abbild Christi, auch in der Machtbefugnis, unzählige Wunder wirken zu können. Seine Rolle wird ins Kosmische gewendet, er gebietet den Naturgewalten und wird zum Symbol für den Retter Christus« (Buch 5, Kap. 1, S. 251; Übersetzung).
Das Licht, das den Schiffern in Seenot als Stern oder Leuchtturm erscheint, der schützende oder Schatten spendende Baum wie in Emblem Be mit dem Lemma IN TURBINE TUTUS, bei dem ein Mann bei Unwetter unter einem Baum Zuflucht gesucht hat - und andere Symbole leiten sich her von der bilderreichen Sprache der Viten des hl. Nikolaus und der Lobreden auf ihn. In einer Fülle von Schriftzitaten sind dort mit biblischer Legitimation die Eigenschaften des Heiligen beispielhaft beschrieben. Die im 9. Jh. entstandene Vita per Michaelem nennt ihn einen »weitstrahlenden Leuchtturm der Kirche« (Heiser 1978, S. 79), einen » göttlichen Steuermann«, einen »Baum des Lebens, gepflanzt an die strömenden Wasser der Kirche (vgl. Ps 1,3) oder besser: ihrer Lehren, aufgestellt und wahrhaftig als fruchtbaren Ölbaum im ruhmreichen Hause des Allherrschers (vgl. Ps 52,10) angepflanzt. Er sollte jene erfreuen, die ein kummervolles Leben niederdrückte, und mit seinem Schatten jenen Mut machen, welche der Durst und der brennende Mangel übel zugerichtet hatten« (Heiser, S. 66). Das Enkomion, das dem Erzbischof Andreas von Kreta zugeschrieben wird und ebenfalls aus dem 9. Jh. stammt, spricht den Heiligen folgendermaßen an: »Wir nennen dich >Säule und Grundfeste (1 Tim 3,15) der Kirche und Stern im Weltall, der das Wort des Lebens in sich birgt (Phil 2,15 f.) « (Heiser, S. 81). Und anläßlich des Lobes der Stadt Myra, die diesen wunderbaren Heiligen ihr eigen nennt, heißt es über ihn: »>In seinem Lichte werden wir wandeln (Is 2,3), und in seinem Schatten werden wir leben und ausruhen« (Klag 4,20, Septuag.)« (Heiser, S. 88).
Entsprechend der an der epideiktischen Rhetorik orientierten frühen Literatur zum hl. Nikolaus sind die ihm zugeschriebenen Wunder nicht als historische Fakten verstanden, sondern als exempla der in ihm wirksamen Kraft Gottes. Das kann erklären, warum in Sinning bei der Wiedergabe der wunderbaren Ereignisse auf Ausschmückung im Detail weitgehend verzichtet wurde. Die Abstraktion ist so groß, daß die sichere Identifizierung mit bestimmten Legenden manchmal erschwert ist, vielleicht war sie gar nicht erwünscht. Dabei spielte möglicherweise auch eine Rolle, daß die Historizität des Heiligen schwer nachzuweisen war. Der Wahrheitsgehalt der Nikolausvitae war in den offiziellen Kreisen der Kirche seit der Gegenreformation so stark umstritten, daß die Legende des Heiligen beinahe aus dem Breviarium Romanum verdrängt worden wäre (Anrich II, S. 190).


Das Freskenprogramm der Sinninger Kirche unterliegt im LHs und Chor jeweils einem übergeordneten ikonologischen Gedanken, nämlich einmal dem Nikolausthema und dann der Verherrlichung der Eucharistie, wobei in jedem der Bereiche eine durchdachte inhaltliche Abstimmung zu beobachten ist. An den beiden Emporenbrüstungen ist jeweils an zentraler Stelle ebenfalls ein Sujet aus der Vita des Titelheiligen dargestellt, dem an der oberen Brüstung Themen aus dem Bereich der Musik sowie des Priestertums – Gegenüberstellung von Nikolaus und König David – zugeordnet sind.
Innerhalb der Liturgie gehört der hl. Nikolaus zu der Heiligenklasse der Bischöfe und Bekenner. So sind es vor allem sein Priestertum und sein hohes geistliches Amt, die als übergreifender Gedanke hinter der Ausstattung in Sinning stehen. Das zeigt der Meßtext seines Festes am 6. Dezember, in dem der Heilige im Introitus als Fürst der Kirche verherrlicht wird.

Hier wird auch auf David hingewiesen: »Gedenke Herr des David und aller seiner Frömmigkeit«, ebenso im Graduale: »Ich habe David mir zum Knecht erkoren, mit meinem heiligen Öle ihn gesalbt« (s. die Gegenüberstellung von David und Nikolaus an der Emporenbrüstung). Die Epistel stellt das christliche Opfer dem alttestamentlichen Opfer gegenüber (s. Fresken im Chor). Das segensreiche Wirken als Priester und Bischof ist aber letztlich Wirken der göttlichen Gnade: »Hilfreich wird meine Hand stets mit ihm sein, mein Arm verleiht ihm Kraft« (Graduale); »Meine Treue und mein Erbarmen begleiten ihn« (Offertorium). Die Treue des Heiligen in der Erfüllung seiner Pflichten wird durch die Treue Gottes belohnt: »... wie die Sonne sei vor mir sein Thron, wie der vor ewigen Zeiten geschaffene Mond. Der dies bezeugt im Himmel: Er ist treu« (Communio).
Das genannte Fresko von Anwander in Deisenhofen (Lkr. Dillingen) mit dem hl. Nikolaus in der Glorie über antiken Göttern steht durch seine Inschrift ebenfalls in Beziehung zur Liturgie. Sie lautet: »Weil du über wenig getreu gewesen bist, will ich dich setzen über viel«. Der Vers entstammt dem Text des Evangeliums, der an den Gedächtnistagen aller hl. Bekenner und Bischöfe gelesen wird, nämlich Mt 25, 14–23, mit dem Gleichnis vom Schatz im Acker. Daraus lautet Vers 21: »Euge, serve bone et fidelis, quia super pauca fuisti fidelis, super multa te constituam: intra in gaudium domini tui« (Recht so, du guter und getreuer Knecht, du bist über weniges treu gewesen, ich will dich setzen über viel. Geh ein in die Freude deines Herrn). Auch in der Nikolauskirche in Lenting (Lkr. Eichstätt) ist auf diese Bibelstelle Bezug genommen, denn die Inschrift des Hauptfreskos mit dem Tod des Heiligen (1730) gibt in verkürzter Form ebenfalls diesen Vers wieder: »Evge serve bone intra in gaudium domini tui«.


Quellen und Literatur
ABA, BO, Protokolle des Generalvikariats 1740–42 (Kirchenbau 1741), fol. 108, Nr. 98: 8. Februar 1741; fol. 124, Nr. 263: 19. April 1741; fol. 133: 12. Mai 1741; fol. 138, Nr. 394: 29. Mai 1741.
BLfD, Registratur, Akten Sinning, Pfarrkirche St. Nikolaus; ebd. Archiv Abtlg. R Wand: Fotodokumentation 1999 und Befunduntersuchung, Schadenskartierung, Fotos des Vortzustandes 1996 durch Erwin Wiegerling, Augsburg.
StA Augsburg, BA Neuburg Nr. 5991: Restaurierung; ebd. Regierung Nr. 13306: Restaurierung.
Sinning, Hausarchiv von Weveld; Archivalien mitgeteilt von Schilcher, 1936.
Braun-Augsburg Bd 1, S. 486.
Böhaimb, Carl August, Sinning, in: NK 22, 1856, S. 36–91. Hopp, Bd 2, S. 81.
Schilcher, Alex, Geschichte des Dorfes Sinning, Illertissen 1936, bes. S. 18–28.
Horn/Meyer 1958, S. 34f., 60f., S. 694–702.
Neuhofer, Theodor, Beiträge zur Kunstgeschichte Bayerns, in Sammelblatt des Historischen Vereins Eichstätt 62, 1967/68, Eichstätt 1969, S. 64f.
Pötzl, III, S. 57.
Dehio 1990, S. 1113.
Scharrer, Werner, mit Beiträgen von Hans Frei und Günther Kapfhammer, St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum (Schriftenreihe der Museen des

Bezirks Schwaben, hg. v. Hans Frei, Bd. 6), Gesseltshausen 1991 (Katalogbuch), S. 46.
250 Jahre Pfarrkirche St. Nikolaus Sinning (1742–1992). Eine Chronik von Ludwig Ried. Mit Texten von Ludwig Ried Albert Lidel und Horst Borchert, hg. vom Kath. Pfarramt Sinning 1992.
Scharrer, Werner, Nikolauskirchen und -kapellen in der Diözese Augsburg, in: Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte, Sonderreihe Heft 1, Augsburg 1993, S. 90f.
Literatur zur Ikonographie
Camerarius, Joachim, Symbolorum ex volatilibus et insectis desumptorum centuria tertia collecta, Nürnberg 1596.
Beatillo, Antonio SJ, Historia della Vita, Miracoli, Traslatione e Gloria del Confessore di Christo San Niccolo il Magno, Arcivescovo di Mira, (1. Ausgabe Neapel 1620), Rom 1703. Anrich, Gustav B., Hagios Nikolaos, der hl. Nikolaus in der griechischen Kirche, 2 Bde, Berlin-Leipzig 1913–17. Alban Butlers lives of the Saints, edited, revised and supplemented by Herbert Thurston SJ and Donald Attwater, London 1956, Bd. 4, 6. Dezember.
Heiser, Lothar, Nikolaus von Myra. Heiliger der ungeteilten Christenheit (= Sophia 18), Trier 1978.
B. V.-K