Schwäbisch Hall, Obere Herrngasse 7
Inventarnummer: cbdd20222
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Das Deckengemälde im zweiten Obergeschoss vermutlich von Georg Michael Roscher mit einer Allegorie der Ewigkeit und der Vergänglichkeit gab um 1755 die jüngst verwitwete Ehefrau des Stadtpfarrers Friedrich Peter Wibel in dem von ihrem ersten Mann ererbten Haus in Auftrag.

Haus Obere Herrngasse 7

Bau- und Besitzgeschichte
Das über drei Geschosse fünfachsige, zur schmalen Oberen Herrngasse verputzte giebelständige Fachwerkgebäude besitzt noch seinen dendrochronologisch auf 1447/1448 datierten Dachstuhl.[1] Die Konstruktion wurde zwischen zwei massive Brandmauern eingefügt.[2] Vom 16. bis Anfang des 19. Jahrhunderts gehörten die Bewohner der städtischen Oberschicht an.[2] 1684–1735 war das Haus im Besitz des Spitalschreibers Johann David Drechsler (1657-1735).[3] Seine Witwe, Anna Maria Drechsler, geborene Textor, heiratete am 24. Oktober 1741 in zweiter Ehe den Stadtpfarrer Friedrich Peter Wibel (1691–1754).[4]
Der Umbau der Räume entlang der Westfassade zur Oberen Herrngasse wurde ebenfalls dendrochronologisch in das Jahr 1755 datiert. [5] Wenngleich sich der Stuckdekor stilistisch gut und gerne 15 Jahre früher ansetzen ließe, hat man derzeit davon auszugehen, dass Anna Maria Wibel das Georg Michael Roscher zuzuschreibende Deckengemälde als Witwe beauftragt hat.[5]
Richtigstellung einer Passage bei Ewald Jeutter
Ewald Jeutter hat in seinem Aufsatz über die Raumdekorationen in Schwäbisch Hall das Deckengemälde im Haus Obere Herrngasse 7 ebenfalls besprochen, das Gebäude versehentlich jedoch Obere Herrngasse 9 benannt.[6]
Als Auftraggeber hat Jeutter Johann Valentin Wibel (1719–1792) benannt, der allerdings erst 1762 in Besitz des Hauses kam.[7] Er hatte am 22. November 1746 die Stieftochter von Anna Maria Wibel, verwitwete Drechsler, geborene Textor, geheiratet,[8] die den Namen Katharina Susanne Drechsler trug, jedoch schon 1754 verstarb.[9]
Stube im zweiten Obergeschoss

Der durch Deckenmalerei ausgezeichnete nahezu quadratische Raum befindet sich im zweiten Obergeschoss. Sein Licht erhält er über drei Fenster zur Oberen Herrngasse, die an dieser Stelle ausgesprochen eng ist. Historisch dürfte es sich um die Stube gehandelt haben, der ein zweiachsiger Raum ebenfalls zur Oberen Herrengasse zugeordnet war. Der erhaltene Bandelwerksstuck könnte durchaus um 1740 entstanden sein, wird jedoch durch die Erneuerung der Westfassade in das Jahr 1755 datiert.[5]
Deckenmalerei mit einer Allegorie der Ewigkeit und der Vergänglichkeit

Auf einer dunklen Wolkenbank sitzt rechts unten im Bild Chronos als Gott der Zeit und der Vergänglichkeit. Zu erkennen ist er an seinem hohen Alter, den großen grauen Flügeln, der geschulterten Sense und einem Stundenglas auf dem Haupt. In den Händen hält er einen Grabstein, auf dem das von Cesare Ripa in seinem Handbuch der Iconologia beschriebene Symbol der Ewigkeit (Eternità) eingemeißelt oder aufgemalt ist. Darzustellen war gemäß Ripa eine Frau mit goldenen Haaren, deren Beine nach links und rechts einen Kreis bilden, der ihren Kopf umschreibt. Sie sollte ein blaues Gewand mit goldenen Sternen tragen und in den Händen je einen goldenen Apfel halten.[10]
In der linken oberen Bildhälfte sitzt ebenfalls auf einer dunklen Wolke eine junge Frau mit großen Dekolleté, einer Räucherschale in der Hand und einem Füllhorn mit herabfallenden Blumen neben sich. Mit der ausgestreckten Linken zeigt sie auf die Sanduhr, die Chronos auf dem Kopf trägt. Vermutlich hat man sie als Sinnbild der Vergänglichkeit anzusehen, wenngleich einschlägige Attribute wie Totenschädel, Seifenblasen und Spiegel oder zumindest Käfer auf den Blumen fehlen. Der Fokus lag offenbar auf der weiblichen Schönheit, die erst nach langer Blüte vergehen und sich in Rauch auflösen würde.
Jeutter hat die weibliche Figur wegen der (unter anderem) Rosen als Aurora gedeutet, den Grabstein als Tafelbild.[6] Als Vorbild für das Symbol der Ewigkeit auf einem Grabstein nennt er treffend Ripa in der Version von Johann Georg Hertel,[11] in dessen Augsburger Verlag Georg Michael Roscher als Entwerfer und Stecher arbeitete.[12] Zwar scheidet das von Jeutter angeführte Blatt aus Hertels Ripa-Ausgabe mit Zeichnungen von Jeremias Wachsmuth wegen seiner - abgesehen vom Grabstein - anderen Motivik als Vorbild aus, doch demonstriert es die bei Georg Michael Roscher anzunehmende intime Kenntnis von Ripas Iconologia in der Ausgabe von Hertel.
Bibliographie
- Bedal, Haller Häuserbuch, 2020 = Albrecht Bedal, Haller Häuserbuch, Schwäbisch Hall 2te und verbesserte Auflage 2020.
- Gebäudeverzeichnis – Stadt Schwäbisch Hall
- Haug, Pfarrerschaft, 1974 = Otto Haug, Die evangelische Pfarrerschaft der Reichsstadt Schwäbisch Hall in Stadt und Land, in: Württembergisch Franken, 58 (1974), S. 359–373.
- Jeutter, Raumdekorationen, 1995 = Ewald Jeutter, Raumdekorationen aus dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts in Bürgerhäusern der ehemals „Freyen Reichsstadt“ Hall. Ein Beitrag zu den Auftraggebern und den Dekorateuren, in: Württembergisch Franken, 79 (1995), S. 243–312.
- Seibold, Hausgeschichte, 2005 = Gerhard Seibold, Eine Hausgeschichte, in: Das Haus Obere Herrngasse 7 in Schwäbisch Hall. Mit Beiträgen von Albrecht und Inge Bedal, Gerhard Seibold, Andrea Surkus und Hansjörg Stein, Crailsheim 2005, S. 7–47.
- Stein, Umbau, 2005 = Hansjörg Stein, Umbau und Sanierung des Wohnhauses Obere Herrngasse 7 in Schwäbisch Hall, in: Das Haus Obere Herrngasse 7 in Schwäbisch Hall. Mit Beiträgen von Albrecht und Inge Bedal, Gerhard Seibold, Andrea Surkus und Hansjörg Stein, Crailsheim 2005, S. 67–79.
- Wunder, Ratsherren, 1962 = Gerd Wunder, Die Ratsherren der Reichsstadt Hall 1487–1803, in: Württembergisch Franken, N. F. 36 (1962) S. 100–160.
Einzelnachweise
- ↑ Gebäudeverzeichnis – Stadt Schwäbisch Hall. Siehe auch Stein, Umbau, 2005, S. 70.
- ↑ 2,0 2,1 Bedal, Haller Häuserbuch, 2020, S. 427. Eine ausführliche Geschichte des Hauses und seiner Bewohner bringt Seibold, Hausgeschichte, 2005.
- ↑ Gebäudeverzeichnis – Stadt Schwäbisch Hall. Zu Drechsler mit den korrekten Lebensdaten: Wunder, Ratsherren, 1962, S. 152, Nr. 360.
- ↑ Seibold, Hausgeschichte, 2005, S. 25–26. Der zugehörige Ehevertrag hat sich erhalten (ebd., S. 25, Anm. 58). Zu Wibels Werdegang: Seibold, Hausgeschichte, 2005, S. 26–27.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 Stein, Umbau, 2005, S. 70.
- ↑ 6,0 6,1 Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 276–277.
- ↑ Haller Häuserlexikon – Primärkataster-Nr. – Stadt Schwäbisch Hall
- ↑ Wunder, Ratsherren, 1962, S. 155, Nr. 403.
- ↑ Seibold, Hausgeschichte, 2005, S. 27.
- ↑ Cesare Ripa, Iconologia, 1645, S. 188–190 mit Holzschnitt auf S. 189.
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 277 mit Abb. 35.
- ↑ roscher georg michael | Graphikportal Den Zusammenhang von Georg Michael Roscher von Hertel bei Seeger, Eintrag Schwäbisch Hall, Pfarrgasse 12 (deckenmalerei.eu).