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Scherneck, Schlosskirche

Aus Deckenmalerei-Lab
Dreyer, Angelika:Scherneck, Schlosskirche, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2023, URL: www.deckenmalerei.eu/3cc89903-2e5c-4a7d-a9b5-5dc7b4dcb28f

Inventarnummer: cbdd10314

Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen

Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Das landschaftlich attraktiv gelegene Schloss Scherneck bildete einst das Verwaltungszentrum einer Hofmark, die zu den ältesten des Oberlandes zählte. Aus dieser Blütezeit haben sich nur wenige Relikte erhalten, wozu die erst 1979 wieder entdeckten Wandbilder der Schlosskirche gehören.

Kreuzaufrichtung
Kreuzaufrichtung

Die Lage des Schlosses Scherneck

Schloss Scherneck liegt erhöht auf einem bewaldeten Hügel oberhalb der Abbruchkante des Lechrains. Von dort aus bietet das südwestlich gelegene Hauptgebäude aus der Zeit um 1700 mit seinem markanten Giebel aus Wellenformen einen einladenden Anblick.

Der Innenhof des dreiflügeligen Schlosses ist durch ein Tor mit aufgesetztem Turm an der Nordseite zu begehen. Überraschend ist die Weite des U-förmig angelegten baumbestandenen Hofes, der trotz seiner unterschiedlichen Flügelbauten ein reizvolles Ensemble ausbildet.[1]

Besitzer-, Bau- und Ausstattungsgeschichte

„Scherneck war seit dem 11. Jahrhundert der Stammsitz der Rehlinger.“[2] Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit wechselten häufig die Besitzer. Erst als 1696 Markus Christoph Freiherr von Mayer Schloss Scherneck übernahm, stellte sich in dieser Hinsicht bis 1822 eine gewisse Kontinuität ein. 1823 erwarb der Bankier Johann Lorenz von Schaezler das Schlossgut, der 1821 in den Freiherrenstand durch den bayerischen König eingesetzt wurde und seinen neu gewonnenen Status damit nach außen demonstrieren wollte.[3] Die Vermittlerrolle beim Erwerb des Schlosses hatte Friedrich von Tautphoeus inne.[3] Die Nachkommen von Schaezler nützen Scherneck bis heute als ihren Hauptwohnsitz.[4]

Die Baugeschichte von Burg und später Schloss Scherneck ist von zahlreichen Zerstörungen und ebenso vielen Wiederaufbauten geprägt.

An der heute bestehenden dreiflügeligen Gesamtanlage sind vor allem die Um- und Neubauten aus dem 19. Jahrhundert charakteristisch. Bemerkenswert daran ist, dass man einerseits das Hauptgebäude an der Südwestseite aus der Zeit um 1700 und andererseits die gleichzeitig errichtete Schlosskirche in ihrem Zustand beließ und in das Bautengefüge jüngeren Datums auf belebende Weise integrierte.

Die Ausstattung der Schlosskirche zeigt zwei Ausstattungsphasen. Die erste künstlerische Auszierung erfuhr die Kirche in der Zeit um 1710 in Gestalt von Akanthusstuck, der sich auf den Gewölbeflächen von Langhaus und Chor ausbreitet.

Die zweite Ausstattungskampagne fällt in die Zeit um 1760/70, als man sich entschlossen hatte, die Chorwände mit großfigurigen Freskenbildern zu bemalen. Diese übertünchte man wohl im 19. Jahrhundert, so dass ihre Existenz erst bei der 1979 durchgeführten Restaurierung festgestellt und dann freigelegt werden konnte.

Der Auftraggeber

Der Auftraggeber der Wandgemälde im Chor der Schlosskirche ist namentlich nicht genau fassbar, stammt aber auf alle Fälle aus der Familie von Mayer, die 1696 Schloss Scherneck kauften und bis 1822 in ihrem Besitz hatten.

Der Künstler: Ignaz Baldauf (zugeschrieben)

Für die Ausmalung der Chorwände schlug man aufgrund stilistischer Merkmale/Übereinstimmungen Ignaz Baldauf vor.[5] Dieser wird der Augsburger Schule zugerechnet und erfuhr seine Ausbildung bei dem späteren Leiter der Augsburger Kunstakademie Matthäus Günther. Baldauf wurde 1755 „zum Hofmaler des Fürstbischofs von Augsburg ernannt.“[6]

Die Schlosskirche Sankt Matthias und Georg

Ansicht der Schlosskirche von Westen

Auf der Ostseite des baumbestandenen Hofes befindet sich die Schlosskirche. Sie wird von zwei sehr unterschiedlich hohen und gestalteten Gebäuden eingefasst, deren Gemeinsamkeit allein in ihrer gleichen Firsthöhe besteht.

Zwischen diesen beiden Bauwerken keilt sich die Schlosskirche in west-östliche Richtung und hebt sich als eigenständiger Baukörper durch seine höhere Dachung, Fassaden- und Chorbildung ganz entschieden von den Nachbarbauten ab.

Die Westfassade kennzeichnet eine enorme Streckung, die im Wandbereich mittels Pilaster in drei Abschnitte gegliedert wird. Die Pilaster sind der Wandebene als eigene Schicht aufgelegt und weisen einen vertieften Spiegel auf, der durch die umlaufende Bänderung zusätzlich betont wird.

Die Gestaltungsidee von differenzierter Schichtung erfährt seine Steigerung in der Fassadenmitte, indem der Architekt eine zweite Pilasterschicht hinzunimmt, die auf der ersten liegt. Diese Betonung der Mittelachse wird durch das in dem Wandabschnitt befindliche Eingangsportal, dem darüber liegenden Quer- und Rundfenster zusätzlich hervorgehoben.

Diese im Wandbereich gliedernde Schichtung wird im Fassadenaufsatz ungewöhnlicherweise nicht übernommen. Der Aufsatz besteht lediglich aus einer Wandfläche, deren Umriß konkav geformt ist. Das in der Wand sitzende Rundbild nimmt hingegen die von unten vorbereitete Betonung der Mittelachse auf und verbindet Wand- und Dachbereich in einer vertikalen Bahn.

An der Ostseite dieses Schlossflügels zeigt sich ebenfalls die an der Westseite erkannte Absicht des Architekten, dem Baukörper der Schlosskirche hohe Eigenständigkeit zuzugestehen. Dies wird besonders darin deutlich, wie ein Teil des Langhauses und das mit Lisenen gegliederte Halbrund des Chores zwischen den benachbarten Bauten hervordrängen.

Der Chor

Ansicht zur Chorapsis

An das mit Pilastern kompositer Ordnung und einer Rücklage gegliederte einschiffige Langhaus mit Stichkappentonne schließt der fünfseitige polygonale Chor an. Langhaus und Chor werden von einem Pilasterpfeiler und halbrundem Bogen darüber voneinander getrennt. Diese Arkade dient an dieser Stelle zwar einerseits der geforderten Separierung beider Räumlichkeiten, eröffnet aber andererseits, aufgrund ihres geringen körperlichen Volumens, die Möglichkeit, beide Raumeinheiten fast als einen Raum wahrzunehmen.

Die fünf Polygonseiten des Chores sind symmetrisch gestaltet. In den beiden Anlaufseiten (nach der Chorarkade) sitzen die hochrechteckigen Fenster, die dem Raum seine Helligkeit verleihen. Die beiden nächsten Wandfelder sind mit Fresken bemalt, die bis in den Gebälkbereich der Pilastergliederung reichen. Die Wandfläche der Chormitte weist keinen Bildbestand auf, aber gerade dieser leer gelassene Hintergrund bildet eine ideale neutrale Folie, um die Wirkung der Skulpturengruppe der Kreuzigung Christi besonders effektstark zu präsentieren.

Das nördliche Wandfresko: Die Entkleidung Christi
Entkleidung Christi

Christus steht nach den bereits durchlebten körperlichen Leiden mit der Dornenkrone auf seinem Kopf wehrlos in der Bildmitte. Zwei Schergen sind gerade dabei, ihm die Kleider vom Leib zu reissen, was von weiteren Soldaten mit hämischen Blicken beobachtet wird.

In dieser entwürdigenden Lage wendet Christus flehend seinen Kopf nach oben, um Hilfe und Beistand von Gott, seinem Vater, zu erbitten.

Diese Szenerie wird von einer leicht hügeligen Landschaft mit Palmen hinterfangen, die Assoziationen an die Umgebung von Jerusalem hervorrufen sollen.

Das südliche Wandfresko: Die Kreuzaufrichtung
Kreuzaufrichtung

Auf dem Wandfresko wird die Aufrichtung des Kreuzes gezeigt, an das Christus bereits angenagelt ist. Um den Vorgang der Kreuz-Aufrichtung in seiner ganzen physischen Anstrengung zu zeigen, das heißt, das Kreuz aus der Horizontalen in die Vertikale zu bringen, hat der Maler sich entschieden, drei verschiedene Handlungsmomente darzustellen.

Im rechten Bildhintergrund sind mehrere Personen damit beschäftigt, die schwere Last mit Stricken hochzuziehen. Um ein Zurückweichen von Kreuz und Körper bei diesem Vorgang zu vermeiden, bemüht sich ein Bärtiger die erreichte Position mit einer Leiter zu halten. Am Fuß des Kreuzes unterstützt ein Mann dessen Aufrichtung, indem er mit den Schultern unter Einsatz seines ganzen Körpergewichts gegen das Holz drückt.

Programm und Synthese: Leidensweg Christi und heilspendender Opfertod

Skulpturengruppe der Kreuzigung Christi

Eine mögliche Programmierung und Auslegung der im Chorbereich von Scherneck dargestellten Wandbilder ist bisher weder ikonographisch angedacht noch wissenschaftlich untersucht.

Auffällig an den beiden Fresken ist ihre dargestellte Thematik (Entkleidung Christi vor der Kreuzigung und Kreuzes-Aufrichtung), die eigentlich keiner ausgeprägten Bild-Tradition folgt. Im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit hatten sich zwar gewisse inhaltliche und kontextabhängige Konstanten herausgebildet, die allerdings keine stringente Systematik erkennen lassen. Unterschiedliche Text- und Bildmotive haben hingegen gemeinsame Berührungspunkte in den Darstellungen von Passions-Zyklen und Kreuzwegstationen.[7]

Ihre generelle Aussagekraft beruht hierbei auf zwei wesentlichen Konstanten: zum einen soll der Leidensweg von Christi in seinem Ablauf so genau wie möglich gezeigt werden. Und zum anderen soll damit sein der Menschheit heilspendender Opfertod am Kreuz auf drastische Weise vorgestellt werden, eine Aufgabe, die in Scherneck die Skulpturengruppe in der Chormitte übernimmt und damit das zentrale Thema der Passion erst vollendet.

Die in der Wandmalerei und Skulptur versinnbildlichte Passion Christi sollte auf diese Weise die damaligen Betrachter dazu animieren, seine eigene Lebensführung zu überdenken und den Lebens- und Leidensweg von Christus als vorbildliche Lebensweise im Glauben zu verstehen.

In diesem Kontext war die Entkleidung von Christus als eine menschlich extreme Demütigung zu verstehen, die ab dem Mittelalter nicht nur die individuelle Schmach, sondern auch die erbarmungswürdige seelische und körperliche Peinigung beinhaltete.[7]

In der Zusammenschau der Wandbilder und der Kreuzigungsgruppe wäre nicht nur diese Lesart für die Gläubigen relevant, sondern zusätzlich auch für den Priester, für den der Chor seinen eigentlichen rituellen Handlungsort darstellt.

Mit der Entkleidungs-Szene könnte man auf eine äußerliche Analogie zum priesterlichen Kleiderwechsel in der Sakristei schließen, womit der Entkleidungs-Vorgang in seiner religiösen Deutung als erster Schritt zur Kreuzigung Christi zu verstehen wäre, die der Priester anschließend am Altar feiert.[7]

Im zeitgenössischen Verständnis war es in einem übergeordneten, heilsgeschichtlichen, Sinne durchaus möglich, „die Nackheit [von Christus] [als] Kleid der Auferstehung und der Unsterblichkeit [zu verstehen].“[7]

Restaurierung

Ansicht des Schlosshofs mit dem Hauptgebäudes von Südosten

Bei einer im Jahre 1979 durchgeführten Restaurierung der Schlosskirche entdeckte man die im Chor übertünchten Fresken der Entkleidung Christi und der Kreuzaufrichtung. In diesem Zusammenhang legte man die Wandfresken frei, womit der Raum wieder einen Teil seiner ursprünglichen Erscheinung und Wirkung zurückerhielt.

Bibliographie

  • Bushart/Paula, Schwaben, 1989 — Bushart, Bruno/Paula, Georg: Schwaben (=Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Bayern III: Schwaben), München/Berlin 1989
  • Metzger, Landsitze, 2005 — Metzger, Christof (mit Heiß, Ulrich und Kranz, Annette): Landsitze Augsburger Patrizier, München/Berlin 2005
  • Sponsel, Burgen, 2006 — Sponsel, Wilfried: Burgen, Schlösser und Residenzen in Bayerisch-Schwaben. Zwischen Ries und Allgäu, zwischen Iller und Lech, Augsburg 2006
  • Wirth, Entkleidung, 1961 — Wirth, Karl-August: Entkleidung Christi, in: RDK (=Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte), Band V, 761–788 (online-Eintrag)
  • online

Einzelnachweise

  1. Adresse: Scherneck 2B, 86508 Rehling.
  2. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Hofmark_Scherneck&oldid=206409830(letzter Aufruf am 19. Juni 2023).
  3. 3,0 3,1 Metzger, Landsitze, 2005, S. 164.
  4. Sponsel, Burgen, 2006, S.145.
  5. Bushart/Paula, Schwaben, 1989, S. 928.
  6. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ignaz_Baldauf&oldid=203726541(letzter Aufruf am 19. Juni 2023).
  7. 7,0 7,1 7,2 7,3 Wirth, Entkleidung, 1961.