Schedling, ehem. Schlosskapelle St. Joseph
Ehem. Schloßkapelle des Schlosses Schedling, Nebenkirche der Pfarrkirche St. Andreas in Trostberg, Stadt Trostberg, Erzdiözese München und Freising; bis 1805 gehörte die Schloßkapelle zum Vikariat Trostberg der Pfarrei Peterskirchen, Erzdiözese Salzburg, Archidiakonat Baumburg. 1856 erwarben die Englischen Fräulein das Schloß und benützten die Schloßkapelle als Hauskapelle. Schloß Schedling ist heute im Besitz der Stadt Trostberg. Ehemals war Schedling Edelsitz, z. Z. der Ausmalung im Besitz der Grafen von Berchem; das Schloß lag innerhalb des Burgfriedens des Marktes Trostberg. Gericht Trostberg
Patrozinium: St. Joseph.
Zum Bauwerk: Schloß Schedling ist ein unregelmäßiger Bau auf dem steilen Hochufer der Alz im Norden von Trostberg. Der dreistöckige schmale Trakt mit dem kleinen Türmchen, in dem sich die Kapelle befindet, wurde dem Schloß im 18. Jh. hinzugefügt. Die Erlaubnis zur Einrichtung der Kapelle wurde 1778 erteilt, sie wird im Briefwechsel um die Benedizierung 1792 stets als »ganz neu erbaut« bezeichnet. Weihe am 4.11.1793 durch den Propst von Baumburg, Franz Krumb (1790–1801). Erweiterung unterhalb der Empore nach O Ende des 19. Jh. Neubarocker Altar von 1904.
Die Kapelle nimmt die ganze Breite des Anbaus ein und erstreckt sich in der Höhe über das erste und zweite Obergeschoß. Einfacher, längsrechteckiger Saal mit Altar im W. Empore im O, Zugang von O über einen Vorraum von gleicher Breite sowie in der Empore. Belichtung durch je ein hochrechteckiges Fenster im N und S und darüberliegende Rundbogenfenster.
Auftraggeber: Karl Graf von Berchem (* 1732 † 1801), geheimer kurfürstlicher Rat und Vicedom zu Burghausen, der das Deckenbild seinem Namenspatron Karl Borromäus widmete. Die Familie von Berchem hielt sich nur gelegentlich zur Jagdzeit im Schloß auf.
Autor und Entstehungszeit: Franz Joseph Soll (* 1734 Friedingen an der Donau † 1798 Trostberg, s. S. 399, 382) 1779 Signatur 1779. F. Joseph Soll.
Franz Joseph Soll hatte sich 1761 bei seiner Heirat mit der Trostberger Schmiedtochter Maria Juliana Schwarz in der Hofmark Schedling niedergelassen; der Ansiedlungsvertrag mit dem Grafen Max Joseph von Berchem als Hofmarksherrn datiert vom 27.3.1761. Danach wurde Soll um 80 fl. »Leibsgerechtigkeit« als Untertan aufgenommen, in eine »neuerbaute Wohnung«, in der er wohnte, bis er 1781 als Bürger und Maler in Trostberg aufgenommen wurde, wo er sich um 512 fl. ein Haus kaufte (Weichslgartner 1998, S. 42). Die Ausmalung der
Schloßkapelle fällt noch in seine Schedlinger Zeit, als er Untertan des Grafen von Berchem war.
Im Gasthof zum Pfau in Trostberg malte er in einem Zimmer des Obergeschosses ein Deckenbild mit der Darstellung der Verkündigung (Abele S. 392, Dehio 1952, S. 392). Es fiel einem Neubau in den 50er Jahren zum Opfer (frdl. Mitteilung Bösmiller).
An die Fassade seines Schedlinger Hauses, seine »neuerbaute Wohnung«, malte Soll ein Fresko. Dieses wurde, weil es »so verblaßt und verkalkt« war, 1951 von Georg Gschwendtner, Karlstein, restauriert; damals wurde das Haus als Bürgerheim genutzt. 1969 wurde beim Abbruch des Hauses das Außenfresko Solls durch den Maler und Restaurator Arno Fischer, Diessen, abgenommen und auf das neuerbaute Heimatmuseum (heute Stadtmuseum) übertragen. Es stellt Maria mit dem Zepter dar, von Engeln nach oben getragen, wo Gottvater und Christus die Krone der Patrona Bavariae über sie halten. Darüber schwebt die Geisttaube. Engel und Putten begleiten die Szene, links hält ein großer Engel das Kreuz Christi. Schräg unter Maria kniet auf Wolken als römischer Soldat Florian mit der Fahne, neben ihm der Evangelist Lukas als Maler mit Palette, Staffelei und Malstock und dem geflügelten Stier als Attribut (Abb. bei Toepfer S. 55). Soll stellte mit diesem Bild sich und sein Fortkommen unter den Schutz des Patrons der Maler, sowie sein Haus unter den Schutz des Patrons gegen Feuersgefahr.



Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke mit Hohlkehle Rahmen: Gemalte Rahmung
Technik: Fresko, polychrom
Maße: Höhe 6,20 m; 5,70×3,55 m
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung 1898 mit Erweiterung der Kapelle. Reparierte Risse, unerhebliche Ausbesserungen. Eine 1921 geplante Restaurierung unterblieb wegen der Inflation. 1931 wurde das Fresko von Josef Damberger gereinigt, der auch 1969 restaurierte (Signatur 1969 J. Damberger). 1982 wurden die dekorativen Malereien der Fenstereinfassungen und die Brokate unter den Fenstern freigelegt. Letzte Restaurierung der Kapelle 2001/05, Malerarbeiten von Alois und Michael Stein, Inzell. Das Fresko war sehr verschmutzt und zeigte starke Übermalungen, Risse und Verwerfungen. Zunächst wurden die hohlliegenden Stellen hinterspritzt. Dann versuchte man die Übermalungen durch ein Mikrodampfstrahlgerät zu reduzieren. Risse wurden geschlossen, Fehlstellen restaurierend ausgebessert.
Beschreibung und Ikonographie
Die kleinen Deckenflächen, die das Fresko ausspart, die Fensterachsen und die oberen Raumecken im NW und SW sind mit ornamentaler Bemalung von 1779 versehen.
KARL BORROMÄUS BEI DEN PESTKRANKEN - VISION VOM ENDE DER PEST Das Fresko gehört zu Solls besten Arbeiten. Es ist zartfarbig, fein ausgearbeitet bis ins Detail, von großem atmosphärischem Reiz und - trotz des Themas – fast idyllisch gestimmt.
Die Szene spielt vor einer säulenbesetzten Kirchenfassade, hinter der ein barocker Prachtbau mit Balustrade und Torbogen angedeutet ist. Mit dem Bau ist wohl der Dom von Mailand gemeint. Das hohe Portal ist geöffnet, und der Erzbischof Karl Borromäus ist herausgetreten. Er ist barhäuptig dargestellt und trägt reiche Chorkleidung; mehrere Ministranten und Pagen begleiten ihn, einer hält einen purpurnen Sakramentsschirm über ihn, drei tragen große Kerzen. Ein Kreuzträger folgt dem Bischof, hinter ihm sieht man einen Pagen mit einer großen Schale. Ganz hinten in der dunklen Portalöffnung sind noch zwei Soldaten dargestellt.
Vor Karl Borromäus ist eine offenbar kranke Frau auf die Knie gesunken, von einem Mann gestützt. Der Heilige reicht ihr die Kommunion. Hinter der Balustrade rechts verfolgen zwei Männer das Geschehen. Im Vordergrund des Bildes sind links, repoussoirhaft verschattet, Soldaten dargestellt, rechts hell beleuchtet Kranke und Sterbende, darunter eine Mutter mit Kind. Im Mittelgrund, dem Kirchenportal gegenüber, ist ein Brunnen zu sehen, dahinter naht eine Mutter mit Kindern aus der baumbewachsenen Bildtiefe. Einer von zwei Männern an der Balustrade im Hintergrund blickt flehend zum Himmel. Im Himmel zieht sich eine dunklere Wolkenbank von der Mitte aus über den Rundgiebel der Kirchenfassade. Auf ihr thront Maria, das Haupt von einem Sternenkranz umgeben, fürbittend für die Menschen. Sie wird von Engeln und Putten begleitet. Der große Engel links, der ein großes Schwert in die Scheide steckt, erinnert an eine Vision des hl. Karl Borromäus, in der ihm ein Engel erschien, der auf sein Gebet hin das Schwert in die Scheide steckte zum Zeichen des Erlöschens der Pest. Gleichzeitig erschien ihm Maria und reichte ihm einen Ölzweig. Das Motiv des Engels mit dem Schwert ist getreu übernommen, die lange Blumengirlande, die zwei Putten rechts halten, ist als Bild für die von Maria vermittelten Gnaden an die Stelle des Ölzweigs getreten. Zwei Engel, in Blick und Flugrichtung eng auf die irdische Szene bezogen, machen das himmlische Eingreifen anschaulich.
Karl Borromäus stammt aus adeliger Familie und wurde am 2. 10. 1538 in Rocca di Arona am Lago Maggiore geboren. Seit 1552 studierte er Jurisprudenz in Pavia. Pius V., sein Onkel mütterlicherseits, rief ihn nach seiner Wahl zum Papst 1560 nach Rom und ernannte ihn zum Kardinal und Erzbischof von Mailand. In der Folge spielte Karl Borromäus eine große Rolle in der kirchlichen Reformpolitik. Durch seine Mildtätigkeit und seine Selbstaufopferung bei der Pest, die in Oberitalien in den Jahren 1570 und 1576 wütete, gewann er die Liebe des Volks. Er starb am 3.11.1584 in Mailand im Alter von 46 Jahren und wurde 1610 kanonisiert. Hauptthema seiner Ikonographie ist sein Wirken bei der Pest, während der er Kranke besuchte und ihnen die Kommunion reichte; diesem Wirken verdankt er sein Pestpatronat. Es fällt auf, wie sehr sich Soll, der gern porträtierte, um eine authentische Darstellung seines Gesichts bemühte, das im Bild überliefert war: ein Gesicht mit scharfen Zügen, großer Nase, lebendigen Augen und hoher Stirn.
Quellen und Literatur
AEM, Pfarrakten Trostberg, Pfarrbeschreibung; Kapellen: Schloßkapelle Schedling. DICTO A1 C1 11: T · 1 · 1 · · · ·
Wening Bd 2 München 1721 S 27
Geiß, Ernest, Geschichte der Pfarrei Trostberg, in: OAVG 1, 1839, S. 206–52, Schedling S. 240
KDB I OB (2), S. 1878 f.
Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 706.
Abele, Eugen, Franz Josef Soll 1734-1798. Ein Rokokomaler des Chiemgaus, in: Jahrbuch des Vereins für christliche Kunst 6, 1926, S. 1–10. Schedling S. 3 und 9.
Historischer Atlas I, Bd 26, Traunstein (Richard van Dülmen), München 1970, S. 113, 118.
Kreilinger, Kilian, Trostberg St. Andreas mit Nebenkirchen. Mariä Himmelfahrt Schwarzau (= KKF Nr. 1649), München und Zürich 1988, S. 18.
Toepfer, Paul, Volkskunst im Landkreis Traunstein, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd II, Trostberg 1970, S. 47–89. Schedling S. 55–57 mit Abb.
Dehio 1990, S. 1071.
Goerge, Dieter, Johann Nepomuk della Croce 1736–1819. Leben und Werk, Burghausen 1998. Franz Joseph Soll S. 312 f.
Weichslgartner, Alois J., Trostberger Rokoko. Ein regionales Kunstzentrum im Chiemgau, Trostberg 1998. Franz Joseph Soll S. 35-66, Schedling S. 65 f.