Sandizell, Pfarrkirche St. Petrus, Sakristei
Sakristei der Pfarrkirche
Zum Bauwerk: Querrechteckiger Anbau im nordöstlichen Winkel zwischen Zentralraum und Chor, Haupteingang vom Chor aus. Belichtung durch drei Fenster mit eingezogenem Bogenschluß, zwei an der Ost-, eines an der Nordseite. Die Sakristei hat ein eigenes Walmdach, sodaß das Nordfenster des Chors in verkürzter Form über dem Zugang bestehen blieb. Der Anbau entstand gleichzeitig mit der Kirche und wurde wohl 1738 fertiggestellt. Aus dem Vertrag zwischen Max Emanuel von Sandizell und dem Inchenhofener Schreinermeister Friedrich Schwerdtfiehrer von 15.12.1736 geht hervor, daß dieser unter anderen Arbeiten für die Hofmarkskirche auch die Sakristeitür verfertigen sollte (StAM Schloßarchiv Sandizell 459, Nr. 54, BLfD, Dischinger, Ms. S. 4).
Auftraggeber: Hofmarksherr Maximilian Emanuel Reichs freiherr von und zu Sandizell (1702–78). Pfarrer z. Z. der Ausmalung waren Bartholomäus Kigle, Kandidat der Moraltheologie (1743–62) und Benedikt Weber (1762–72).
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Ignaz Baldauf (* 1715 Inchenhofen † 1795 Inchenhofen) um 1760–66. An der Gewand- und Faltenbildung, der naiv-eindringlichen Erzählweise sowie der im Gesamtwerk häufig wiederkehrenden Figur des behelmten Kriegers ist die Hand Baldaufs eindeutig zu erkennen.
Der Frühdatierung um 1757 (Dehio 1990; Altmann 1992) schließen wir uns nicht an. Vergleicht man das Sakristeifresko mit Baldaufs Ausmalung der Sandizeller Schloßkapelle, die für 1756 gesichert ist, so zeigt sich, daß hier die Farben kräftiger und bunter sind, die Figuren schärfer konturiert, ihre Bewegungen jäher, die Faltenrillen stärker betont. Mit der stärkeren Auflichtung der Farben, der sanfter gewordenen Gebärdensprache und der aufgelockerten Komposition rückt das Sakristeifresko vielmehr in die Nähe der von Baldauf 1765 ausgemalten Filialkirche St. Alban in Lauterbach, Lkr. Dachau (CBD, Bd 5, S. 162-167, mit Abb.), wo David in der Szene mit Abigail sehr ähnlich gebildet ist wie in Sandizell. Vor der Ausmalung der Wallfahrtskirche Maria Beinberg 1767 (s. S. 130) war der Künstler 1765–66 in Sandizell als Faßmaler tätig, um die großen Seitenaltäre der Hofmarkskirche zu fassen (BLfD, Dischinger, Ms. S. 10). Im Zusammenhang damit könnte er auch das Sakristeifresko gemalt haben.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke über Hohlkehle. Rahmen: Kräftig profilierter weißer Stuckrahmen, nach Einzügen auf allen vier Seiten ausgebuchtet. Technik: Fresko, polychrom. Maße: Höhe 3,50 m; 2,00×2,60.
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Vor der Bausanierung von 1973/74 nach dem Konzept von Enno Burmeister, München (BLfD, Registratur Akten Sandizell, Hofmarkskirche) war die Decke durch einen verfaulten Balken gefährdet und das Fresko verschmutzt. Im Anschluß daran fand eine Reinigung statt, bei der Risse gekittet und eingestimmt wurden, wohl durch die Fa. Hans Mayrhofer, München. Zu erkennen sind heute ein zentraler Längsriß, ein verkitteter Riß in der Portalarchitektur sowie kleinere Risse und Feuchtigkeitsschäden bei der gemalten Schriftkartusche an der Ostwand.
Beschreibung und Ikonographie
DAVID ERHÄLT VON ACHIMELECH DIE SCHAU- BROTE (1 Sam 21, 2-10) Die queroblonge, nach O gerichtete Darstellung befindet sich in der Mitte der Decke. Sie ist im Zusammenhang mit dem Text auf der großen Schriftkartusche an der O-Wand zu interpretieren. Dieser lautet:
Audite hoc Sacerdotes: / oseae. V. / Ecce Sacerdos factus es, et ad cele= brandum consecratus, vide nunc, Fide= liter ac devote DEO Sacrificium offeras, et te ipsum irreprehensibilem exhi beas. / Thom: Kemp: Lib: IV. C: V. / Qui enim /: Panem hun et calicem : manducat, et bibit indignè, iudicium sibi manducat, et bibit. / 1. Corinth: XI.
(Höret dies, ihr Priester [Hosea 5,1]. Siehe, du bist Priester geworden und dazu geweiht, die hl. Messe zu zelebrieren; siehe nun zu, daß du getreu und fromm Gott das hl. Meßopfer darbringest und dich selbst als untadelig erweisest [Thomas von Kempen, 4. Buch, Kap. 5]. Wer also unwürdig dieses Brot ißt oder den Kelch unwürdig trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht [1. Korintherbrief 11, Vers 27 und 29]).
Der an den Priester gerichtete Text ist der Schrift >Von der Nachfolge Christi« des Thomas von Kempen entnommen, und zwar dem fünften Kapitel im vierten Buch, das von der Würde des Altarsakraments und des Priesterstands handelt. Der an die Gläubigen gerichtete Text steht im 11. Kapitel des 1. Korintherbriefs, Verse 27 und 29, worin Paulus die Gemeinde in Korinth ermahnt, die Unterscheidung zwischen leiblicher Speise und der Speise der hl. Eucharistie zu wahren. Es wäre denkbar, daß Pfarrer Bartholomäus Kigle, der Kandidat der Moraltheologie war, das Programm der Sakristei gestaltet hat. Die einansichtige Szene ist in steiler Untersicht angelegt, die Handlung entfaltet sich bildparallel und nahe an der vorderen Bildebene. Links führen Stufen zu einem die Komposition begrenzenden Torbau mit Tonnengewölbe, rechts gibt ein flacher Bodenstreifen den Blick in eine ferne Landschaft frei. In der Bildmitte ist der Priester Achimelech eben im Begriff, die Stufen hinunter David entgegen zu gehen. Auf der rechten Hand trägt er einen großen Teller mit Schaubroten, mit der Linken hält er einen verzierten Krug. Hinter ihm folgen Assistenzfiguren, die zum Tempelpersonal gehören, darunter ein Mann, der mit beiden Armen einen großen Tonkrug hält. David nähert sich dem Priester in ehrerbietiger und zugleich bittender Haltung. Er ist als Krieger gekleidet, trägt aber keine Waffen. Hinter ihm sieht man sein Gefolge, darunter zwei behelmte Soldaten mit Lanzen und Fahnen sowie einen Schimmel und ein gezäumtes Kamel. Zwischen Achimelech und David liegt quer am Boden eine Lanze, die in ein rotes Tuch gehüllt ist.

Für die Schilderung der Begegnung von David und Achimelech hat sich offenbar kein eigener Bildtypus entwickelt. Man griff stattdessen auf die Darstellungsmuster für das ähnliche Thema des Treffens von Abraham und Melchisedech zurück. Beide Darstellungen werden in der Literatur öfter verwechselt. Hier deutet der Inhalt der Schriftkartusche auf das Treffen von David und Achimelech, aber auch der Umstand, daß David unbewaffnet ist und daß am Boden eine verhüllte Lanze liegt. Es ist die Waffe, um die David den Priester bittet, als er ihn auf der Flucht vor König Saul aufsucht und nach Brot verlangt. Auf die Frage, warum er allein komme, antwortet David mit einer Notlüge und erwähnt Begleiter, die er gar nicht hat. Achimelech fragt weiter, ob er und seine Leute rituell rein seien und in den letzten Tagen keinen Umgang mit Frauen gehabt hätten, da er kein gewöhnliches Brot habe, sondern nur geweihte Schaubrote, welche nach dem Abräumen nur von den Priestern gegessen werden dürfen. David bejaht diese Frage und erhält die Schaubrote. Er erbittet weiterhin eine Waffe, »hastam aut gladium«, Lanze oder Schwert, da er in der Eile ohne Waffen aufgebrochen sei, und erhält von Achimelech das noch vorhandene Schwert Goliaths, »das in ein Tuch eingewickelt war« (1 Sam 21, 9).
In seiner Gestaltung geht das Sandizeller Deckenbild auf Rubens zurück, vor allem auf das Gemälde Abraham und Melchisedech im Museum in Caen, bzw. den Nachstich von Jan Witdoeck, der seitengleich mit Baldaufs Fresko ist (Max Rooses, L'Oeuvre de P.P. Rubens, 5 Bde, Antwerpen 1886-1892, Bd 1, 1886, Nr. 100, S. 119f., Abb. des Stichs Taf. 27). Von dieser Vorlage wurden in weitgehender Vereinfachung die leicht vorgeneigte, willkommen heißende Haltung des Priesters übernommen, die Gestik und die Erscheinung Davids in voller Rüstung, jedoch ohne Schwertgehänge, seine bewaffneten Begleiter sowie das im Profil erscheinende weiße Reitpferd und der Durchblick in eine ferne Landschaft.
Das Bildthema wurde gerne für die Ausmalung von Sakristeien verwendet, denn die geweihten Schaubrote sind ein typologisches Vorbild für die konsekrierten Hostien. In der Schrift des Jesuiten Louis Richéome zur Eucharistie (Paris 1601; deutsch Augsburg 1621) wird außer auf die Schaubrote auch auf die Begegnung Achimelechs mit David unter dem Aspekt der rituellen Reinheit Davids und seiner imaginären Begleiter verwiesen. Der Kommentar betont, daß derjenige, der sich den Schaubroten nähert, nicht nur eine reine Seele, sondern auch einen reinen Leib haben muß. Verstärkt gilt dies für den Christen vor Empfang der hl. Kommunion.
Literatur siehe S. 27