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Riegsee, Filialkirche St. Stephan

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 2: Die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach. Hirmer, München 1981, ISBN 978-3-7991-5834-3, S. 401–404, geschrieben von Bachter, Falk, Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Filialkirche, Gemeindeverwaltung Seehausen, Pfarrei Aid ling, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung eigene, den Kurfürstlichen Kollegiatstift Habach inkorporierte Pfarrei Gericht Weilheim

Patrozinium: St. Stephan

Zum Bauwerk: Der mittelalterliche Bau wurde um 1740 umgestaltet (vgl. Gebhard, 1926). Ungegliederter Saalbau zu drei Jochen, im W Empore, je drei Fenster an der N und S-Seite; zweijochiger AR mit dreiseitigem Schluß, je ein Fenster an der N- und S-Seite sowie zwei im Chorschluß

Auftraggeber: Propst Ignaz Frank von Habach (1789–92)

Autor und Entstehungszeit: Signatur in A südöstlich auf einem Stein Franz Kir=/zinger pinxit. / 1792. (Franz Seraph Kirzinger * um 1728 † 1811 München).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A, A1-4) Spitztonne mit Stichkappen (= verschliffenes gotisches Rippengewölbe), AR (B) Tonne mit Stichkappen, im O abgemuldet

Rahmen: A und A1-4 gemalte goldfarbene Profilrahmung, B Stuckprofil in Vierpaßform

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 8,60 m; 8,00 × 3,50

B Höhe 6,70 m; 3,10 × 2,10

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1965/66 Innenrenovierung, von der die Deckenbilder nicht betroffen waren. In A kleinere Risse und Ausbesserungen, Farbe und Zeichnung augenscheinlich noch original, in B seitlich Farbabreibungen durch Einwirkung von Feuchtigkeit, die Farben weniger kräftig und bunt als in A

Beschreibung und Ikonographie

3 1 A DIE GEMEINDE VON RIEGSEE EMPFIEHLT SICH DER FÜRBITTE DER HLL. LEONHARD UND STEPHANUS Das langgestreckte, sehr schmale Bildfeld nimmt die ganze, sonst schmucklose Decke des LHs ein. Bedingt durch die gotische Gewölbeform ist das Fresko ein ungleichmäßiges Rechteck mit einer größeren Breitenausdehnung an der O-Seite. Die einansichtige Darstellung einer Himmelsszenerie über schmaler terrestrischer Zone hat unterschiedliche Verkürzungsgrade und nur geringe Untersicht in vereinzelten Partien; der Betrachterstandort liegt etwas westlich unterhalb der Bildmitte.

Die Anordnung der Bodenzone an der östlichen Schmalseite und die Komposition der himmlischen Figuren entlang den Diagonalen des Bildes mit der Gloriole der Geist-Taube an der äußersten westlichen Schmalseite des Freskos ist tafelbildmäßig gegeben und zeigt keinen Versuch mehr, mit illusionistischen Mitteln, hier etwa der Andeutung einer umlaufenden Bodenzone, die Himmelsdarstellung zu entrücken, ein Schema, das Kirzinger in den 50er und 60er Jahren noch geläufig war (vgl. Romenthal, CBD, Bd 1, S. 205 und Thaining, CBD, Bd 1, S. 234).

In dem von großen Figuren auf Wolken gleichmäßig ausgefüllten Himmelsausschnitt dominieren die Gestalten Christi unter dem Passionskreuz, des hl. Stephanus in Diakonstracht und des hl. Leonhard im Ordenshabit mit Abtsstab und Ketten, in einer Diagonalen. Christus, der sich den Heiligen entgegenneigt, wendet sich mit diesem Gestus auch Gottvater in der obersten rechten Bildecke zu, zu der die Engelsgruppe auf der untersten linken Wolkenbank emporleitet. In der kleinen terrestrischen Szene empfiehlt sich die Gemeinde von Riegsee den himmlischen Personen: Der Pfarrer von Riegsee mit einer Gruppe von Männern und zwei Frauen mit einem Mädchen knien betend vor der detailgetreu wiedergegebenen Kirche von

Riegsee vor der Alpenkette. Die Bittgebete der Gemeinde und ihre religiöse Weihe an Gott sind symbolisch dargestellt durch die Schale mit Herzen, die ein Engel Christus darbringt; von der Opferschale steigt weißer Rauch (Weihrauch) auf. Als Fürbitter verwenden sich der Kirchenpatron Stephanus und Leonhard, der Patron der zur Pfarre Riegsee gehörigen Wallfahrt St. Leonhard in Froschhausen (S. 331–34).

Dem Spätstil Kirzingers in der Bildkomposition entspricht ein fast manierierter, äußerst gelängter Figurentypus mit erstarrten Bewegungen. Die Gewänder, in reicher Fülle um die Körper geschlungen, sind unruhig gefältelt und gebauscht und füllen zusammen mit den kleinteilig zerklüfteten Wolkenmassen rein dekorativ die Bildfläche, jede fließende Bewegung verhindernd.

Die Farbigkeit der Wolkenlandschaft ist reich nuanciert in verschiedenen Helligkeitsgraden von Gelb und Rosa. Buntfarben erscheinen in den Gewändern nahezu ausschließlich in kühlen Zweierkombinationen (Goldgelb-Hellgrün, Karmin-Hellgrün, Karmin-Gelb, Blau-Gelb).

A1-4 EVANGELISTEN in Dreiviertelfigur, Ovalmedaillons um Fresko A

A1 Markus mit dem Löwen

A2 Johannes mit dem Adler

A3 Lukas mit dem Stier

A4 Matthäus mit dem Engel

B DISPUT DES STEPHANUS (Act 6 und 7) Einar sichtige Szene mit geringen Verkürzungen in den Figuren. Bildschauplatz ist ein seichter, nach hinten konkav geschwungener Innenhof, zu dem einige Stufen hinaufführen. Stephanus wird von jüdischen Schriftgelehrten bedrängt, die durch ihren Kopfputz charakterisiert sind. Als Erwiderung zeigt der Diakon zum Himmel auf die Erscheinung der Hl. Dreifaltigkeit in Wolken.

Das Bild zeigt Kirzingers Neigung zum Individualisieren zu drastischer Betonung der agierenden Typen: Die Gesichter der Schriftgelehrten sind karikaturhaft gezeichnet. Starre Blicke und überbetonte Hand- und Fingergesten bezeichnen das Geschehen.

Die Erscheinung der Dreifaltigkeit ist Illustration der Schriftstelle »Seht, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen« (Act 7, 56); die Darstellung in der Lichtglorie ist ein Relikt der barocken Bildtradition, hier stark reduziert und, abgetrennt von der irdischen Szene, in starker Verkleinerung gegeben.

Im Unterschied zum Gemeinderaum zeigt der AR Stuckdecoration am Gewölbe, Blatt- und Akanthusranken mit Blüten und Fruchtfestons. Sechs hochovale Medaillons am Gewölbeansatz tragen Inschriften, die den hl. Stephanus als hilfreichen Patron verherrlichen, und zwar in paarweiser Zuordnung, östlich: Sanct Stephan/ Leib khaum ge=/funden alsbalt hat man khraft/ empfunden/ mit Zaichen und mit werkhen dort hat ihm gott gwalt gegeben/ wegen seiner Treue in Leben/ alhie uns auch zu/ stehn. gleich gehen/ geradt die/ Krumen/ es reden eben/ die Stummen. Frey wirdt man von Gebrochen/ die Blinde sehen alles klar/ suchen werden heil immerdar/ jeder erlangt was/ er wil.

A Die Gemeinde von Riegsee empfiehlt sich der Fürbitte der hll. Leonhard und Stephanus
B Disput des Stephanus

Die Verse benennen die am Grabe Stephans geschehenen durch Augustinus überlieferten Wunderheilungen (Aurelius Augustinus, De civitate Dei, Liber 22, Cap. 8 in: PL Bd 41, Sp. 766–70; vgl. dazu CBD, Bd 1, S. 396).

In der Mitte zwei lateinische Inschriften mit Chronogrammen gleichen Inhalts:

QVANDO/GLORIOSI PRO=/TO MARTYRIS/STEPHANI SACRA/ OSSA INVENTA ET / TO(=R)ANSLATA SVNT (= 1720 bzw. bei Mitzählung des Y = 1725)

EN / SVBITO MVLTA / PRODIGIA HIC / FACTA VARIIS / AEGROTIS A DEO (Zahlbuchstaben verfälscht?) dazu die Initialen N M L P H C die nicht geklärt sind.

Westlich findet sich eine Fortsetzung der deutschen Verse die unmittelbar die Kirchenbesucher ansprechen: thuet Finger/ auf die Zung, Schwingen/ last euer Stim nit/ mehr

erklingen/ ihr verlogne Körzer all/ heillige seint nit zuehren/ noch dero macht zu erklären/ hie in disem Jammertall=/thall= wür all/ auch in ellent/ schüttffen/ von trübsaallen oft/ ergrüffen/ wandlen gänzlich unbedacht/ er ist aber uns ein compaß/ uns zu laithen zur himmelsstrass/ Füerht sücher in/ dunkler nacht

wirdt man von Gebrochen/ die Blinde sehen alles klar/ suchen werden heil immerdar/ jeder erlangt was/ er wil.

Quellen und Literatur

Gailler, Franciscus, Vindeliciae sacrae... Capitulum Weilheimense, Augsburg 1756, Cap. 35. VDD I OD (1), S. 790

Gebhard, J., Ort Riegsee, Beiträge zur Ortschronik des Bezirkes Weilheim, in: Weilheimer Sonntagsblatt 2, 1925, Nr. 44.

-, Aus dem Pfaffenwinkel, Weilheim 1926, S. 141–45. Gebhart, Hansjakob, Staffelseechronik, Murnau [1931], S. 125 f.

Mauthe, Willi, Der Pfaffenwinkel, Weilheim 21962, S. 45 Dehio-Gall, OB, S. 199.

ST ANTON ÜBER PARTENKIRCHEN