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Reichling, Pfarrkirche St. Nikolaus

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 199–201, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Diözese Augsburg; bis 1806 Stift Bernried inkorporiert, Landgericht Rauhenlechsberg, das 1803 mit dem Landgericht Schongau vereinigt wurde

Patrozinium: St. Nikolaus

Zum Bauwerk: Neubau 1779/80 durch Franz Anton Kirchgrabner (Neu). – Fünfjochiger pilastergeschmückter Gemeinderaum, dessen 3. und 4. Joch durch Erweiterung mit tels Kapellen einen querschiffartigen Charakter erhalten. Zweijochiger, eingezogener AR mit segmentbogenförmigem Abschluß; im W Empore

Auftraggeber: Wilhelm Fischhaber, Chorherr von Bernried und Pfarrvikar in Reichling (1791–1806)

Autor und Entstehungszeit: Signatur in B über dem nordwestlichen Rahmen: Seb. Jaud / inv. 1803.

Befund

Träger der Deckenmalerei: A Tonnengewölbe, B querelliptische Flachkuppel, C flache Pendentifkuppel Rahmen: A, B, C ornamentierte Stuckprofilrahmen, B1-4, C1–4 Rocaillekartuschen Technik: Fresko: polychrom

Maße: A Höhe 11,20 m; ∅ 1,60

B Höhe 11,20 m; 5,90 × 9,50

C Höhe 9,90 m; ∅ 5,20

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1882 Übermalung der Fresken in Öl. Freilegung 1924/25 durch J Huwyler, der die vier Kirchenlehrer in den Kartuschen B1-4 und die Emporenbilder neu malte. Erhaltungszustand sehr schlecht, Abblätterungen, Risse, starke Schimmelbildung. In C sind die Figuren erneuert und teilweise falsch wiedergegeben C1-4 übermalt

Beschreibung und Ikonographie

A DAVID PSALLENS König David sitzt Harfe spielend am Erdboden. Die großflächig, ohne Untersichten gemalte Figur füllt nahezu das ganze Bildfeld aus. Basis am W-Rand.

B ST. LEONHARD PATRON VON REICHLING Das querovale Hauptfresko nimmt die volle Breite des Gemeinderaumes ein und entspricht der zentralisierenden Tendenz der architektonischen Grundform. Das Bild steht zwar noch in der Tradition der barocken Deckenmalerei, zeigt jedoch gleichzeitig die Auflösung der illusionistischen Großmalerei. Das System eines durchgehenden Landschaftspanoramas mit einer darüber sich öffnenden Himmelsglorie ist hier zu vier völlig voneinander isolierten, tafelbildmäßig aufgefaßten Szenen verändert worden

Die drei irdischen Szenen stehen im rechten Winkel zu einander, ohne aufeinander oder auf die umlaufende Rahmung Bezug zu nehmen. Die Himmelsglorie schwebt isoliert, ohne Beziehung zu den irdischen Figuren, in der Mitte des Freskos in einem ovalen Wolkenrahmen. Es fehlen jeglicher gemeinsamer Fluchtpunkt, Verkürzungen, Untersichten, sowie Verkleinerung der Figuren und Aufhellung der Farbe nach oben zu.

Dargestellt ist die in der Glorie thronende Dreifaltigkeit, vor der der hl. Leonhard kniet. Er bittet für die darunter dargestellte Pfarrei von Reichling: über dem östlichen Rahmen die auf einem Hügel errichtete Ortschaft Reichling mit der Pfarrkirche. (Eine zweite Kirche, dem hl. Leonhard geweiht, war 1779 zusammen mit der alten Pfarrkirche abgerissen und durch den Neubau ersetzt worden.) Südlich steht ein Bauer inmitten seines Viehs, Lämmer, Rinder, Pferd und Hund (Anspielung auf eine Viehseuche in Reichling vor 1800).

Im nördlichen Teil des Freskos erscheinen hinter einer Erdwall Männer und Frauen in zeitgenössischer ländlicher Tracht, der Pfarrer in ihrer Mitte. In ihrer systematischen Aufreihung und der steifen Gebetshaltung wirken sie wie Stifterbildnisse in Halbfigur; nur der auf der Erdwall kniende Pfarrer ist in voller Statur porträtiert und dadurch als Anführer hervorgehoben. Es handelt sich um den Bernrieder Chorherrn Wilhelm Fischhaber, der auch nach der Säkularisation in Reichling blieb, wo er 1814 starb. Mit ihm und den daneben dargestellten Porträtfiguren sind die Stifter und Wohltäter der Innenausstattung von 1803 abgebildet. Ihrer Initiative war es auch zu verdanken, daß Fischhaber der Pfarrei, die 1800 säkularisiert werden sollte, bis zum Jahre 1806 vorstand, was die gemeinsame Porträtierung mitveranlaßt haben dürfte.

B1-4 KIRCHENLEHRER B1 Gregor, B2 Augustinus B3 Ambrosius, B4 Hieronymus; modern

C ST. NIKOLAUS BESCHENKT DIE DREI ARMEN TÖCHTER Das Altarraum-Fresko zeigt einen illusionistisch etwas überzeugenderen Innenraum, der in starker Untersicht wiedergegeben ist. Über Balustrade und Stufen blickt man von unten in einen Raum, in dem ein Greis vor drei Frauen sitzt. Rechts öffnet sich ein Torbogen zur stürmischen See, links blickt eine Figur durch ein Fenster. Nach oben zu schließt eine Draperie das Bild ab. Die Szene soll die Legende illustrieren, nach welcher der hl. Nikolaus dem armen Edelmann und seinen Töchtern Geld durch das Fenster warf, um sie vor der Schande zu bewahren. Durch Übertünchung und Übermalung des Restaurators ist die Szene verunklärt worden: der Edelmann hat einen Glorienschein erhalten und die Gestalt des Nikolaus im Fenster ist in eine weibliche umgewandelt worden. Das Schiff auf dem Wasser, das durch den Bogen sichtbar wird, weist darauf hin, daß Nikolaus Patron der Schiffer war, was auch sein Patrozinium in der über dem Lech gelegenen Pfarrkirche erklärt

Farblich ist nicht viel vom Original erhalten geblieben. Die Gesamtwirkung ist matt und stumpf: Olivgrün, Graublau, Ocker, mattes Rot.

Quellen und Literatur

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 377, Bd 2, S. 269. KDB I OB (1), S. 589.

Stork, Anton, Geschichte von Reichling, Donauwörth 1930.

Hofmann, Sigfrid, Der Landkreis Schongau, München 1959, S. 80.

Neu, Wilhelm, Beiträge zum Werk Münchener Hofmalermeister der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts im südwestlichen Oberbayern, in: Festschrift Norbert Lieb, Zeit schrift für bayerische Landesgeschichte 35, H. 1, 1972 S. 294 ff.

C St. Nikolaus beschenkt die drei Töchter des armen Edelmanns mit C1-4 Evangelist
A David psallens