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Regensburg, Gesandtenstraße 2

Aus Deckenmalerei-Lab
Dreyer, Angelika:Regensburg, Gesandtenstraße 2, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/c218bea3-47a8-4574-bf0d-4165feea9a54

Inventarnummer: cbdd20142

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Das aus dem Spätmittelalter stammende und in der Barockzeit umgebaute Wohnhaus in der Gesandtenstraße 2 erhielt im Zuge dieser Baumaßnahme auch eine freskale Ausstattung mit alttestamentarischer Thematik, wovon nur noch ein aussagekräftiges Fragment existiert.

Regensburg, Gesandtenstraße 2, heute in Lauf an der Pegnitz
Regensburg, Gesandtenstraße 2, heute in Lauf an der Pegnitz

Das Bauwerk

Lage

Die Gesandtenstraße ist die „Fortsetzung der römischen Ost-West-Lagerstraße, vom Westtor, der Porta principalis sinistra nach Westen durch die Zivilsiedlung führend mit Anschluß an die Via Augustana (Kumpfmühler Straße) am Bismarckplatz. [...]

Den Namen ,Gesandtenstraße‘ gebraucht erstmals der Reichstagskalender (Comitialkalender) von 1777. [...] Die Benennung ,Gesandtenstraße‘ hält die Erinnerung wach an die zahlreichen Gesandtschaften beim Immerwährenden Reichstag in Regensburg, von denen mehrere in dieser Straße oder ihrer nächsten Nähe logierten.“[1]

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Die Geschichte des Umbaues des spätmittelalterlichen Wohnhauses und seiner Ausstattung in der Barockzeit ist archivalisch nicht erforscht.

Bauwerk

„Die schmale, weit in die Tiefe reichende Anlage besteht aus dem frühgotischen Patrizierturm, um 1220, und dem westlich anschließenden Wohnbau, der dem 15. Jahrhundert angehört. Der Turm erhebt sich mit sieben Geschossen. Anstelle des ursprünglichen Zinnenkranzes [besteht] heute [ein] Walmdach. [...]

[Der] Wohnbau [...] mit Überschuß (Vorkragung) [fußt] auf acht profilierten Konsolen. Im Südteil des Erdgeschosses [...][befand sich] ursprünglich [die] Einfahrtshalle.“[2]

In der Barockzeit waren der mittelalterliche Turm und das Wohnhaus gestalterisch miteinander verbunden, so dass ihre Zusammengehörigkeit anschaulich wurde, wie dies eine aquarellierte Federzeichnung von Johann Graf aus dem Jahre 1894 verdeutlicht.[3]

Im Erdgeschossbereich waren beide unterschiedlich hohen Bauten mittels einer Rustikabänderung als einheitliches, die Gebäude tragende Sockelzone geformt.

Diese formale Grundfestigkeit musste sich in den Obergeschossen zwangsläufig auseinander entwickeln, wobei der Architekt bemüht war, beide Gebäude bis in das dritte Stockwerk als einheitlichen und dennoch in sich differenzierten Block erscheinen zu lassen. Die Gemeinsamkeit bestand in der gleichen Geschosshöhe, der Unterschied darin, dass Turm und Wohnhaus über den kantenbetonenden Ortsteinverband und die Vorkragung als zwei eigene Baukörper aufgefasst waren.

Dieses differenzierte Spiel mit den architektonischen Gestaltungsmitteln ist heute nicht mehr erfahrbar, da man die Rustika und die Kantenbefestigung entfernte und damit einer gliederungs- und zusammenhanglosen Fassadenbildung gegenübersteht, die allein aus dem Kontrast einer Putzmauer und dem unregelmäßigem mittelalterlichen Mauerverband ihre optische Spannung bezieht.

Renovierung

In den Jahren 1963/64 erfolgte eine grundlegende Sanierung des Gebäudes, die der Notar Josef Scheckenhofer durchführen ließ.[2]

Im Zuge dieser Maßnahme hatte man sich wohl entschlossen, die barocke Raumfassung zugunsten der darunter liegenden gotischen Malereibefunde aufzugeben (Trapp o. Strobel??).[4]

Das rückwärtige Nordzimmer


Balkendecke

Im rückwärtigen Nordzimmer des Wohnhauses befindet sich eine „Balkendecke auf Unterzug. Die Balken [sind] „mit geometrischen Figuren in Schwarz, Rot und Ocker bemalt; auf dem Unterzug [ist] Rankenwerk, um 1550, [zu sehen].“[5]

Zwei Nischen an der Ostwand

„In der Ostwand [des Nordzimmers befinden? befanden? sich] zwei große Nischen, [die] bemalt [sind/waren]“[5] und „architektonische Rahmung mit gemalten Inschriften“[6] zeigen.

Wandmalerei: Simson erschlägt 1000 Philister mit einem Eselskinnbacken

Während der 1963/64 durchgeführten Sanierung des Wohnhauses legte man ein Wandfragment in der Größe von ca. 2m auf 1,5m frei, nahm es anschließend ab und translozierte es in das Wohnhaus des Eigentümers außerhalb von Regensburg.[7]

Aus diesem bemalten Reststück ist als Thema zu erkennen, wie der alttestamentarische Held Simson, ausgestattet mit übermenschlichen Körperproportionen und Kräften, 1000 feindliche Philister mit einem Eselskinnbacken erschlägt.[8]

Vor dem Hintergrund einer Hügellandschaft, zwischen der ein Gewässer hindurchfließt, erhebt der erzürnte Simson mit seinem langen wallenden Haarbusch, Zeichen seiner übernatürlichen Kräfte, den Unterkiefer eines Esels gegen die verfeindeten Philister, die sich mit Schild und Schwert gegen seine tödlichen Schläge zu wehren versuchen.

Die Vorgeschichte hierzu wird im Buch Richter ausführlich geschildert. Darin erfährt man vom Verlust seiner Frau, „die ihr Vater anderweitig verheiratet hatte – ersatzweise hätte er deren jüngere Schwester bekommen.“[9] Aus Rache „vernichtet [er] daraufhin die Ernte der Philister; an Füchse gebundene Fackeln stecken sie in Brand. Und die Philister, die im Gegenzug Simons Frau verbrennen, werden von den Judäern als ihre Herren betrachtet. Daher erklärt sich die Absicht, Simson auszuliefern.“[9] Aber, als der Akt der Übergabe bevorstand, „kam der Geist des Herrn über ihn. Die Stricke an seinen Armen wurden zu Fäden, die vom Feuer versengt werden, und die Fesseln fielen von seinen Händen. Er fand den noch blutigen Kinnbacken eines Esels, ergriff ihn mit der Hand und erschlug damit tausend Männer.“[10]

Deutung Wandmalerei: Simson erschlägt 1000 Philister mit einem Eselskinnbacken

Die alttestamentarische Figur des Simson (Samson) ist der bekannteste der israelitischen Richter.[11] Er „war zwanzig Jahre lang Richter in Israel.“[12] Seine Heldentaten spielen zu der biblischen Zeit als die Philister die Israeliten bedrängten. „Als Befreier seines Volkes ist Simson einer der wichtigsten Typen Christi des Alten Testaments. [...][Allein schon seine] Geburt zeichnete ihn als einen von Gott Ausgesonderten aus wie Isaak und Joseph.“[13]

Nach dem erfolgreichen Kampf gegen die Philister rief Simson, weil er großen Durst hatte „zum Herrn und sagte: Du hast deinem Knecht diesen großen Sieg verliehen; jetzt aber soll ich vor Durst sterben und den Unbeschnittenen in die Hände fallen. Da spaltete Gott die Höhle von Lehi, und es kam Wasser daraus hervor, so daß Simson trinken konnte. Seine Lebensgeister kehrten zurück, und er lebte wieder auf.“[14]

Dieser Kampf und der Sieg über die Philister „präfiguriert den Sieg [Auferstehung] Christi und ist Thema der sakralen Kunst (Pozzo).“[15]

An dieser Stelle sei eine Vermutung über die Raumfunktion und den darin angebrachten Fresken geäußert. Die Darstellung dieses alttestamentarischen Themas könnte man sich mit ergänzenden Szenen, wie z.B. Simsons Kampf mit dem Löwen, gut in einer Hauskapelle vorstellen.

Ein diesbezügliches Vergleichsbeispiel findet sich in Landshut, Ländgasse 42, dem ehemaligen Sitz des Landschaftspräsidenten.[16]

Bibliographie

  • Bauer, Regensburg, 2014 - Bauer, Karl: Regensburg. Kunst-, Kultur- und Alltagsgeschichte, Regenstauf 2014 (6. Auflage).
  • Brix, Niederbayern, 2008 - Brix, Michael: Bayern II. Niederbayern (=Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bayern II. Niederbayern), München/Berlin 2008 (2. Auflage).
  • Deissler/Vögtle, Bibel, 2007 - Deissler, Alfons/Vögtle, Anton: Neue Jerusalmer Bibel, Freiburg/Basel/Wien 2007 (3. Auflage).
  • Drexler/Hubel, Regensburg, 2008 - Drexler, Jolanda/Hubel, Achim: Bayern V. Regensburg und die Oberpfalz, München/Berlin 2008 (2. Auflage).
  • Poeschel, Ikonographie, 2014 - Poeschel, Sabine: Handbuch der Ikonographie. Sakrale und profane Themen der bildenden Kunst, Darmstadt 2014 (5. Auflage).
  • Strobel, Bürgerhaus, 1976 - Strobel, Richard: Das Bürgerhaus in Regensburg, Tübingen 1976.
  • Wetzel, Bibel, 2009 - Wetzel, Christoph: Die Bibel in der bildenden Kunst, Stuttgart 2009.

Einzelnachweise

  1. Bauer, Regensburg, 2014, S. 347.
  2. 2,0 2,1 Bauer, Regensburg, 2014, S. 348.
  3. Abb. in: Bauer, Regensburg, 2014, S. 348.
  4. Strobel, Bürgerhaus, 1976, S. 145. Für diesen Hinweis danke ich sehr herzlich Dr. Eugen Rapp.
  5. 5,0 5,1 Bauer, Regensburg, 2014, S. 349.
  6. Drexler/Hubel, Regensburg, 2008, S. 644.
  7. E-mail (7. August 2024) von Dr. Eugen Trapp an die Autorin.
  8. Buch Richter 15, 9–20: Deissler/Vögtle, Bibel, 2007, S. 324.
  9. 9,0 9,1 Wetzel, Bibel, 2009, S. 104.
  10. Buch Richter 15, 14–15: Deissler/Vögtle, Bibel, 2007, S. 324.
  11. Buch Richter 13,1–16,31: Deissler/Vögtle, Bibel, 2007, S. 321–326.
  12. Buch Richter 16, 31: Deissler/Vögtle, Bibel, 2007, S. 326.
  13. Poeschel, Ikonographie, 2014, S. 73.
  14. Buch Richter 15, 18–19: Deissler/Vögtle, Bibel, 2007, S. 324.
  15. Poeschel, Ikonographie, 2014, S. 74.
  16. Brix, Niederbayern, 2008, S. 338.