Regensburg, Fischgässl 4
Inventarnummer: cbdd20173
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Das Kopfhaus Fischgässel 4 mit seiner epochenüberspannenden Bauhistorie besitzt erheblichen Quellencharakter für das mittelalterliche und frühneuzeitliche Bauen und Wohnen in der ehemaligen Freien Reichsstadt Regensburg.

Lage, Bau- und Ausstattungsgeschichte
Lage
Das Anwesen Fischgässel 4 befindet sich im Viertel am Alten Rathaus und in raumnaher Umgebung zum barocken Anbau des Rathauses am trapezförmigen Zieroldsplatz. Der ganze Häuserblock spaltet sich nordwärts in zwei Gassen auf, wobei der östliche schmale Durchgang, das Fischgässel, zum Neuen Fischmarkt führt.
Das Gebäudegeviert ist in seiner Gestaltung der Südfassade ganz auf eine Ansicht vom Zieroldsplatz aus konzipiert und bildet damit eine der drei platzbegrenzenden Schauseiten aus. Auf der Westseite ist dies der „barocke[...] Trakt des Alten Rathauses mit seinem Figurenportal und [gegenüber] die geschlossene Häuserzeile. [...] Die vierte Seite öffnet sich zum Kohlenmarkt, einem der wichtigsten Plätze der Regensburger Altstadt.“[1]
Bau- und Ausstattungsgeschichte
„Zur Hausgeschichte sind kaum Daten greifbar. Das Gebäude stammt nach Ausweis der hochgotischen Details hauptsächlich aus dem frühen 14. Jahrhundert. [...] Jedoch lassen romanische Kellermauern, das barocke Treppenhaus und Stuckdecken auf ältere Substanz sowie mannigfache Umbauten und Veränderungen schließen.“[1]
Bauwerk
Die Südfassade des Häuserblocks ist, bautechnisch gesehen, „eine Überschuß-Konstruktion in Fachwerk- und Ständerbohlenbauweise, [die] auf gebrochenen auskragenden Deckenbalken“[2]stand. Gleichzeitig bildet dieser Kopfbau „einen reizvollen, kulissenhaft wirkenden Abschluß des Zieroldsplatzes. Das Haus erhebt sich mit vier Geschossen über trapezförmigen Grundriß.“[3]
Die Fassadengestaltung, deren drei Fensterachsen nicht gleichmäßig symmetrisch in der Fassadenfläche verteilt sind, konzentriert sich auf die drei Obergeschosse. Das Erdgeschoss war wohl als reiner Nutzraum gedacht, mit seinem weiten Eingang im Westen und den zwei begleitenden Fenstern.
Die drei Geschosse darüber sind in sich differenzierter behandelt. Zum einen wird der gesamte Baukörper mittels der Eckquaderung als großflächige Einheit aufgefasst. Zum anderen wird das 1. Obergeschoss als ein Piano nobile, als funktional hervorgehobene Etage, gezeigt, von der sich die beiden darüber liegenden Stockwerke, das zweite Vollgeschoss und Mezzanin, allein schon deshalb unterscheiden, weil sie mittels einer gemalten Pilastergliederung strukturell zusammengebunden werden.
Trotz der geschossdifferenzierenden Einteilung der Fassade zeigt sich in deren Binnengestaltung auch ein vereinheitlichender Zug, der in der gleichen Formbildung der Fensterrahmungen mit Schürzen und Aufsätzen besteht. Der Zugang zu den rückwärtig gelegenen Wohnungen erfolgt über das Fischgässel, deren Wandung keinerlei Gliederung oder Rahmenwerk aufweist und allein die unregelmäßig verteilten Fenster die einzige Belebung darstellen.
Nordöstlicher Raum im 3. OG: Beschreibung und Maße
Die Wohnung und das darin befindliche NO-Zimmer im 3. Obergeschoss sind über das Treppenhaus zu erreichen, deren „Treppe [...] mit ihren schönen barocken Rundbalustern, der gefelderten Untersicht und dem versetzten Lauf“[4] während der Sanierung erhalten werden konnte. „Das dunkelbraune Geländer bildet heute die Leitlinie durch das in den einzelnen Etagen verschobene Treppenhaus.“[5]
Der rechteckige Raum mit seinen zwei Ostfenstern hat heute die Maße von knapp 5m (4,8m) in der Länge, knapp 3m (2,9m) in der Breite, bei einer Höhe von 2,4m. Diese Dimensionen sind jedoch das Ergebnis der 1977 durchgeführten Sanierung, als man die historische Bausubstanz in vermietbare Wohneinheiten einteilte.[6]
„Im 3. Obergeschoß stellte die Freilegung einer Rokoko-Ausmalung unter klassizistischer Neufassung einen besonders glücklichen Fund dar.“[5] Nach einem wohlüberlegten Abwägen, die freigelegte Wandmalerei entweder sichtbar zu belassen oder, nach erfolgter Dokumentation, sie zu kaschieren, entschied man sich, „wenigstens die Fensterseite zu restaurieren und einer eventuellen neuerlichen Gefährdung durch Nachmieter auszusetzen, statt sie unter Tüncheschichten einem späteren Abschlageakt auszuliefern.“[2]
Nach einer im November 2024 erfolgten Beschauung konnte man nur noch eine große Unkenntlichkeit der ehemals sichtbaren Motivik konstatieren.
Ostwand (insgesamt)
Die östliche Fensterwand zeigt das bei der 1977 durchgeführten Sanierung und Restaurierung des Hauses bewusst erhalten gebliebene Fragment einer Wandmalerei aus der Zeit des Rokoko, die ehemals den gesamten Raum auszierte. „Die Frische der Farben und der Duft der Laubenwände legten [damals] nahe, wenigstens die Fensterseite zu restaurieren und einer eventuellen neuerlichen Gefährdung durch Nachmieter auszusetzen, statt sie unter Tüncheschichten einem späteren Abschlagakt auszuliefern.“[2]
Diese Entscheidung muss man in Anbetracht des heutigen Erhaltungszustandes sehr bedauern. Ehemals waren „die grau grundierten, von violetten Perlstäben gerahmten Felder [...] mit weißen Netzen und bunten Blumengehängen überzogen.“[2] Von diesem ehemaligen Erscheinungsbild sind lediglich nur noch wenige Einzelmotive erkennbar, wobei deren gestalterischer Zusammenhang völlig verloren ist.
Aus den wenigen Malereiresten ist auf alle Fälle ein zweiteiliger Wandaufbau zu erschließen, der aus einem Sockelbereich mit gemalten querrechteckigen Felderungen bestand, über der sich auf der Wandfläche die oben genannten Darstellungen verteilten.
Die Fensterleibungen wiesen hingegen keinerlei pflanzlichen Formen auf, sondern folgten einer geometrischen Musterung aus hochrechteckigen Feldern, die von einer kreisrunden Scheibe in der Leibungsmitte geteilt wurde. Auf diese Weise sollte wohl der formgestalterische Gegensatz aus geometrischen und vegetabilen Motiven, die Unterscheidung von Wand und Fenster, betont werden.
Südliches Wandfeld
Auf dem südlichen Wandfeld sind in sehr rudimentärer Form, eigentlich nur strukturlose Farbkleckse, wenige der 1977 noch sichtbaren Blumen erahnbar. Deren genauere Bestimmung und ein möglicherweise ehemals bestandener kompositorischer Zusammenhang verbietet sich aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes.
Südliches Fenster
Auf der rechten, südlichen, Fensterleibung hat sich deren geometrisierender Aufbau aus der mittig angeordneten Scheibe und den nach unten und oben anschließenden Rechteckfeldern anschaulich rekonstruierbar erhalten. Diese Gestaltung der Leibung ist nicht nur auf der nördlichen Seite dieses Fensters anzunehmen, sondern ebenso auf die die Leibungsseiten des Nordfensters zu übertragen.
Sanierung und Restaurierung von 1976–1977
Das Wohnhaus Fischgässel 4 erfuhr in den Jahren 1976–1977 eine grundlegende Sanierung und Restaurierung.[7] Diese konnte allerdings, zeitlich verzögert, nur eingeleitet werden, weil der für den Häuserblock bereits bestehende Abbruchsantrag, der „1964 auf Messers Schneide stand“[8], von der Vereinigung Freunde der Altstadt Regensburg erfolgreich blockiert und verhindert werden konnte und die sich anschließend „als Interessengemeinschaft für die Erhaltung der Altstadt zusammenschloss.“[8]
Die Sanierung und Renovierung des Objektes Fischgässel 4 kann man als exemplarische, „gelungen anzusehende Privatsanierung“[5]verstehen, der „Mittel aus dem Städtebau-Förderungsgesetz und des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege zur Verfügung“[5]
standen, die letztendlich den Erhalt eines historisch aussagekräftigen Baudenkmals ermöglichten.
Bibliographie
- Bauer, Regensburg, 2014 — Bauer, Karl: Regensburg. Kunst-, Kultur- und Alltagsgeschichte, Regenstauf 2014 (6. Auflage)
- Strobel/Gregory, Bürgerhaus — Strobel, Wolfgang/Gregory, Wolfram E.: Ein mittelalterliches Bürgerhaus in Regensburg. Die Privatsanierung Fischgässel 4, in: Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V. (Hg.): Schönere Heimat. Erbe und Gegenwart, 66. Jahrgang, 4. Vierteljahr/Heft 4, München 1977, S. 447–452
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 Strobel/Gregory, Bürgerhaus, 1977, S. 447.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Strobel/Gregory, Bürgerhaus, 1977, S. 451.
- ↑ Bauer, Regensburg, 2014, S. 290.
- ↑ Strobel/Gregory, Bürgerhaus, 1977, S. 449.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 Strobel/Gregory, Bürgerhaus, 1977, S. 452.
- ↑ Die Rigipsplatten an der Nordwand und die abgehängte Decke zeugen von dieser Veränderung.
- ↑ Strobel/Gregory, Bürgerhaus, 1977, S. 447–452.
- ↑ 8,0 8,1 Strobel/Gregory, Bürgerhaus, 1977, S. 448.