Ramsach, Filialkirche St. Georg
Filialkirche, Gemeinde und Pfarrei Murnau, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung (bis 1743) Pfarrei Staffelsee, im Besitz der unter der Verwaltung des Marktes Murnau stehenden Katharinenstiftung
Patrozinium: St. Georg
Zum Bauwerk: Die Inschriftkartusche westlich vom Hauptbild (1) ecclesia / S. Georgii / antiquissima / fundatur / c. anno 750 weist auf die in das 8. Jh. zurückgehende Kirchengründung hin. Der Kirchenbau wurde 1739/44 vollständig erneuert und dekoriert.
Rechteckiger ungegliederter Saal (9,80 × 5,50 m) zu drei Fensterachsen, im O gerade geschlossen, im W Empore
Auftraggeber: Der Rat der Stadt Murnau – vgl. Initialen in der Murnauer Wappenkartusche mit dem Georgsdrachen östlich des Hauptbildes (1) M. renov. M. / 1740 (M. M. = Magistratus Murnavensis) und Überlieferung bei Gailler »Ecclesia a Magistratu nunc nuper restaurata Anno 1740«.
Autor und Entstehungszeit: Die Initialen A. B. / I. M seitlich der Bekrönung der W-Kartusche sind als »Augustin Bernhardt in Murnau« zu lesen. Der Rechnungsbeleg der Murnauer Katharinenstiftung ist bei Hofmann (S. 21) unter den Ausgaben des Jahres 1740 wiedergegeben: »Augustin Bernhardt, Maler, erhält umb daß er in das Kürchl Yber sich aus in Fresco gemalen das Leiden S. Georgi 45 fl.« Ein Jahr zuvor, 1739, hatte Bernhardt »das Gottshaus zu Ramsach auswendig heruntergemalen«, 1754 »am gehörten Orth ain Sonnen Uhr verfertiget.« Augustin Bernhardt entstammt einer Murnauer Malerfamilie, von der besonders Julius Cäsar und Simon Bernhardt im späten 17. und frühen 18. Jh. als Faßmaler tätig waren (vgl. Hofmann, Register, und Sigfrid Hofmann, Die Kirchen der ehem. Grafschaft Werdenfels, = Wissenschaftliche Veröffentlichungen des Heimatpflegers von Oberbayern, Reihe A, Heft 7, Schongau 1955, Register).
Augustin Bernhardt schuf 1733 auch die Ausmalung der Pestkapelle in Bad Kohlgrub (S. 269–72).

Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke mit Hohlkehle Rahmen: Stuckgesims entlang der Hohlkehle, teilweise mit vollplastischen Fahnen und Draperien dekoriert; gemalte Felderteilung
Technik: Fresko mit augenscheinlich großem Seccoanteil bei den polychromen Bildszenen; 1–7 und 12 polychrom, 8–11 monochrom ocker
Maße: Höhe 5,20 m; 9,80 × 5,50
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Risse, Verschmutzungen, Abblätterungen, Feuchtigkeitsschäden, rechteckige Fehlstelle (Dachluke) in der NW-Ecke. Auffällig schlecht erhalten sind die polychrom gemalten Szenen (1, 5, 6 und 7)
Beschreibung und Ikonographie
GEORGSLEGENDE Die Malerei, die über dem Wandgesims mit einem Ornamentfries an der Hohlkehle ansetzt, gestaltet die ganze Decke. Hinzugeordnet sind drei in Scheinstuck gerahmte Bildszenen an der Emporenbrüstung (2–4). Neun Bildfelder an der Decke sind in ein zentralperspektivisch angelegtes, scheinarchitektonisches Dekorationssystem eingegliedert (mit einem gemeinsamen Betrachterstandort unter dem Bildfeld 1 in der Mitte): Über einem Scheingesims ist eine durch plastischen Stuck und eingelassene Bilder (8–11) dekorierte Decke illusioniert, die drei große, gerahmte Öffnungen in der Längsachse (1, 7, 12) hat. Zwei Scheinattiken aus rotem Stuckmarmor in der Mitte der Längsseiten betonen mit ihren ovalen Öffnungen (5, 6) die Querachse.
Betont untersichtig gezeichnete und perspektivisch verkürzte Motive – die Laibungen und Voluten der »Deckenöffnungen«, die Voluten der Attiken oder die Metallziervasen auf den Eck-Konsolen des Scheingesimses – kennzeichnen die illusionistische Absicht dieser Quadratura-Malerei. Im gleichen Sinne eingesetzt sind auch die in natürlicher Größe gegebenen Figuren der zwei römischen Soldaten und die Fahnen, Feldzeichen, die Trommel und die Draperien, die über eine (in der Abbildung nicht sichtbare) Scheinbalustrade und über das reale Wandgesims hinausragend bzw. -hängend gemalt und auch plastisch stuckiert sind. Innerhalb der Quadratura-Malerei sind die verschiedener Realitätsgrade kontrastreich zur Geltung gebracht: neben den genannten »natürlichen«, lokalfarbig gegebenen Figuren, Gegenständen und scheinarchitektonischen Aufbauten der »artifizielle« Dekor, imitierte grau-weiße Stuckplastik (vier Figuren unter den Eck-Konsolen a-d und die in Achsenkreuz angeordneten Putti an den Inschriftkartuschen und den Rahmen der Bildszenen 5 und 6) als auch Camaieu-Malerei (die ockerfarbenen Eckbilder 8–11).
Zur Bildmitte hin stehen die Dekorationselemente voneinander gesondert mit graphisch wirkenden Umrissen gegen den weißen Deckengrund, dessen bandartig-ornamentale Form eigenwertig ist. In der Gesamtansicht vermitteln die einzeln zusammengefügten Quadratura-Elemente nicht den Eindruck eines einheitlichen Illusionsraumes.

Die in die »Deckenöffnungen« gemalten Georgs-Szenen widersprechen ganz dem illusionistischen Prinzip der Quadratura, denn es sind einansichtig angelegte, tafelbildmäßig auf Fläche und Rahmen bezogene, im Größenmaßstab uneinheitliche Bildkompositionen. Auch die kräftige, kleinteilige Buntfarbigkeit der Bildszenen, die unvermittelt neben dem großflächigen Decken- und Stuckweiß und den gedämpften Ocker- und Karminrosawerten in der Quadratura steht, wirkt der Illusion entgegen. Das große Mittelbild mit dem dunklen goldbraunen Rahmen stört im Gesamteindruck besonders das illusionistische Grundkonzept.
Die Zählung folgt der in den Bildfeldern unten eingetragenen (nicht mehr ganz vollständigen) Numerierung, die sich mit der ikonographischen Reihenfolge deckt. Die Szene der Enthauptung des hl. Georg, auf der keine Numerierung erkennbar ist, wird als Hauptbild des Zyklus mit der fehlenden Nummer 1 ergänzt, obgleich sie chronologisch ans Ende gehört. Der Zyklus beginnt an der Emporenbrüstung mit den 2, 3, 4 numerierten Szenen. Der Zyklus entspricht im wesentlichen der auf griechischen, legendären Berichten beruhenden Passio Georgs bei Laurentius Surius (Surius-Via, Bd 2, S. 510-14), die in Szene 3 und 4 dargestellten Martern sind in der Legenda aurea (LA-Benz S. 328 f.) nachzulesen.
1 ENTHAUPTUNG DES HL. GEORG Vielfigurige Szene, deren terrestrische Zone mehr als die Hälfte des hochformatigen Bildfeldes füllt. Auf einem Erdhügel kniet

Georg, dem ein Scherge die Kleider vom Leib reißt, während ein anderer zum Schwertstreich ausholt. Im Hintergrund rechts der Kaiser mit Begleitern zu Pferd, links eine Gruppe von Frauen, die die sterbende Kaiserin Alexandra stützen. Zwischen Wolken fallen Lichtstrahlen auf den hl. Georg, zwei Putti mit Lorbeerkränzen schweben über Georg und Alexandra.
In der bunten, einheitlichen Mischfarbigkeit des Bildes setzt Blau den einzigen Akzent. Trotz der illusionistischen Konzeption der Rahmenfigur fehlen dem Bild Raumdimensionen.
Alexandra, die Gemahlin Kaiser Diokletians, sollte wegen ihres Glaubens an Christus gleichfalls hingerichtet werden, verschied aber auf dem Weg zum Richtplatz (s. 11; Surius-Via, S. 514).
2 ERSTE MARTER Georg liegt gefesselt in einem Kerker, von einem Steinblock beschwert. Sein Gesicht ist den in den Kerker hereinbrechenden Lichtstrahlen entgegengerichtet. Georg hatte es als Soldat im Heer Kaiser Diokletians zu Rang und Ansehen gebracht, als der Kaiser entdeckte, daß Georg ein Christ war und gegen ihn für die Christen eintrat. Er ließ ihn gefangennehmen und seine Brust mit einem Stein beschweren (Surius-Via, S. 510). Jakobus de Voragine (LA-Benz, S. 328) berichtet von der Erscheinung des Herrn in einem großen Licht, die ihn stärkte.
3 ZWEITE MARTER Georg wird auf einem mit Messern besteckten Rad gemartert (LA-Benz, S. 329). Wieder mildert eine himmlische Erscheinung seine Qualen.







Athanasius sollte auf Befehl des Kaisers mit Hilfe seiner Zauberkünste Georg vom Christentum abbringen. Um ihn auf die Probe zu stellen, schlägt Athanasius ihm vor, daß er einen gerade begrabenen Toten zum Leben auferwecken solle (Surius-Via, S. 512 f.).
Georg ist mit dem Kaiser und dessen Gefolge in der Tempel gegangen, nicht um den Göttern zu opfern, wie diese erwarteten, sondern um den wahren Gott zu bezeugen (Surius-Via, S. 514).
Quellen und Literatur
Gailler, Franciscus, Vindeliciae Sacrae... Capitulum Weilheimense, Augsburg 1756, Cap. 30, 8. KDB I OB (1), S. 720
Gebhart, Hansjakob, Staffelseechronik, Murnau [1931], S. 125.
Hofmann, Sigfrid, Kirchen der Pfarreien Murnau und Uffing (= Wissenschaftliche Veröffentlichungen des Heimatpflegers von Oberbayern, Reihe H, Heft 5), Schongau 1958, S. 21 f.
Mauthe, Willi, Der Pfaffenwinkel, Weilheim 2 1962, S. 45