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Raitenhaslach, ehem. Zisterzienserabtei, Konventbau Treppenhaus

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 9: Landkreis Altötting. Hirmer, München 2003, ISBN 978-3-7774-9690-0, S. 206–207, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Konventbau

Vierflügelanlage im Süden der Kirche mit dem Kreuzgang im Erdgeschoß. Der Neubau entstand 1777/79 an der Stelle der abgebrochenen alten Trakte. Geplant war er schon seit der Jahrhundertmitte, auch waren die W- und S-Seite des Baus 1763 mit dem Festsaaltrakt angefangen worden (BSB, Clm 12536, fol. 60 v). 1777 begann man mit dem Westflügel, an den im Süden der neue Refektoriumsstock anschloß (nicht erhalten, s. S. 212). 1778/79 Abbruch und Wiederaufbau von Nord-, Süd- und Ostflügel.

Treppenhaus in der SW-Ecke des Konventbaus, ehemaliger Zugang zum Refektoriumsstock, heute Zugang zum Pfarrhof im ersten Obergeschoß und zur Volksschule im zweiten Obergeschoß des Konventbaus. Das Treppenhaus ist von der Südwestecke des Kreuzgangs aus zugänglich. Es wurde beim Abbruch des Refektoriumsbaus abgetrennt. Die Treppe selbst ist 1985 neu eingebaut worden und hat einen anderen Verlauf bekommen.

Zum Bauwerk: Der Raum ist ein hoher dreigeschossiger Treppenschacht (4,00×5,00 m). Ursprünglich verlief die Treppe in drei Absätzen an der N-, O- und S-Wand entlang, während die W-Seite offen war. Jeweils zwei (heute vermauerte) rundbogige Durchgänge nach W verbanden sie in jedem Geschoß mit einem geräumigen Vorplatz (s. Planausschnitt S. 212), der im Erdgeschoß zu den Krankenzimmern und der Sebastianskapelle, im ersten Obergeschoß zum Refektorium und im zweiten Obergeschoß zur Bibliothek bzw. dem späteren Museum führte. Es ist gut vorstellbar, daß auch die Vorplätze im ersten und zweiten Geschoß freskiert waren.

Der Trakt wurde nach der Säkularisation abgebrochen; erhalten blieb nur das Treppenhaus.

Auftraggeber: Emanuel II. Mayr, Abt von Raitenhaslach (1759-80)

Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Franz Joseph Soll (* 1734 Friedingen an der Donau † 1798 Trostberg) 1778/80

Das Deckenbild im Treppenhaus ist in den Quellen nicht erwähnt. Die stilistische Beziehung zu Solls Fresken im Kloster ist offensichtlich. Da seine Autorschaft für Refektorium und Bibliothek archivalisch belegt ist, liegt es nahe, daß er im Zusammenhang damit auch das Treppenhaus mit einem Gemälde schmückte.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Spiegelgewölbe

Rahmen: Deckenbild und Hohlkehle sind von Stuckprofilleisten in Gelb und Weiß eingefaßt.

Technik: Fresko; polychrom

Maße: Höhe 12,80 (vom 1. OG aus 8,50) m; Decke 4,00×5,50; Bildspiegel 2,00×4,00

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Das Deckengemälde hat sich trotz Zweckentfremdung über das 19. und 20. Jh. hinweg gerettet. Die Farben sind relativ frisch erhalten; ältere Übermalungen sind zu vermuten. Eine große Fehlstelle in der Mitte des Freskos wurde durch die Benutzung des Treppenhauses als Schlauchturm für die Feuerwehr im frühen 20. Jh. verursacht. Damals wurden durch die Decke Feuerwehrschläuche gezogen. Bei einer Restaurierung 1995 durch Friedrich Riedel, Marktl, wurde die Fehlstelle inhaltlich frei ergänzt und das Deckenbild gereinigt und gefestigt.

Beschreibung und Ikonographie

WISSENSCHAFTEN UND KÜNSTE IN RAITENHASLACH Das Deckenbild ist als dekorative Szene angelegt. Die Hohlkehle ist mit monochromer Malerei auf grauem Grund angelegt und zeigt Rocaillen, von pflanzlichen Motiven durchflochten. In den Zwickeln der Hohlkehle sind leere Rocaillekartuschen gemalt, die von realen überlappt werden, die konzolähnlich den Übergang von der Wand zum Spiegelgewölbe schaffen. Der Deckenspiegel zeigt eine Darstellung mit Putten auf einer grünen Wiese vor der blauweißen Alpenlandschaft. Sie sind mit wissenschaftlichen Instrumenten tätig: Links beschäftigen sich Arm in Arm zwei Putten mit einem Buch (Grammatik) und einem Globus (Geographie). Flüsse und Koordinaten sind eingezeichnet und die Putten zeigen auf zwei Punkte (Raitenhaslach und Marienberg?). Am Boden liegen Stechzirkel, Winkel und Winkelmesser (Mathematik). Der nächste Putto, nackt, kniet mit einem Fernrohr, das er auf die an einem Steilhang liegende Wallfahrtskirche Marienberg richtet (Astronomie). Auf dem Giebel steht der Name MARIA. Die Kirche hat die barocken Turmhauben wie auf dem Modell Franz Alois Mayrs (sie wurde auch sonst auf zeitgenössischen Darstellungen und auf Andachtsbildchen bis 1799 mit den geplanten hohen durchbrochenen Hauben abgebildet. Nur auf einer Supraporte im Pfarrhof entsprechen die kurzen spitzen Hauben der Wirklichkeit, frdl. Auskunft Wolfgang Hopfgartner). Die beiden mittleren Putten schicken sich an, mit Palette und einer frisch aufgezogenen Leinwand sich in der Malerei zu üben (frei ergänzt). Auf der rechten Seite halten drei Putten den Klosterplan, den ein vierter mit Stechzirkel und Meßlatte überprüft (Architektur). Es ist in etwa der Klostergrundriß mit Kreuzgang und Prälatenstock vom Erdgeschoß aus gesehen; das Treppenhaus befände sich dann im Plan direkt am Zeigefinger des knienden Engels. Ein schwebender Putto bringt den Siegeslorbeer (ergänzt).

Die Farben sind fast monochrom; das helle Grün der Wiese und der Alpenrand geben einen sehr hellen Hintergrund ab. Die Putten sind mit einem blauen, gelben, grünen oder rosa Tuch bekleidet. Dies sind die einzigen Bunteffekte im Fresko. Die Darstellung im Treppenhaus nimmt bezug auf die im zweiten Obergeschoß gelegene Bibliothek und das angrenzende Naturalienkabinett. Beide Räume ermöglichten die Beschäftigung mit Wissenschaften und Künsten. In der Trauerrede auf Abt Emanuel heißt es, daß dort fast alle wissenschaftlichen Instrumente vorhanden waren (s. unten). Der Hinweis auf Marienberg bedeutet in diesem Zusammenhang einen Hinweis auf die Leistungen des Klosters in der Baukunst. Mit den Instrumenten, die die Putten handhaben, wird auf Astronomie, Architektur, Geographie, Grammatik und Mathematik angespielt. In diesen Zusammenhang gehören vielleicht die heute im Festsaal in den Nischen stehenden Figuren, Personifikationen vier weiterer Künste (siehe S. 205). Sie könnten auf dem Vorplatz zur Bibliothek gestanden haben.

Wissenschaften und Künste in Raitenhaslach (Franz Joseph Soll 1778/80)

Quellen und Literatur

Keine Erwähnung in den Quellen. Hopfgartner, 1987, Abb. 33, 1996, S. 93, Kat. Nr. 7. 8.