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Quedlinburg, sog Fleischhof

Aus Deckenmalerei-Lab
Laß, Heiko:Quedlinburg, sog. Fleischhof, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/1dcff575-81c9-4fd0-a194-1175ee2d003a

Inventarnummer: cbdd20270

Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen

Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Im so genannten Fleischhof befand sich bis 1966 eine Wandmalerei aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts, die sich heute auf der Burg Falkenstein befindet. Sie präsentiert Jagdszenen in einer mitteleuropäischen Gebirgslandschaft.

Der Fleischhof in Quedlinburg
Der Fleischhof in Quedlinburg

Der sog. Fleischhof

Westflügel von Westen 2008

Kurzbeschreibung und Lage

Der so genannte Fleischhof [1] steht am Südrand der Quedlinburger Altstadt direkt an der ehemaligen Stadtmauer, die in die Anlage integriert ist. Er gehört – wie die gesamte Altstadt – zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Der so genannte Fleischhof geht auf einen mittelalterlichen Lehnshof zurück, der im Besitz der Landesherrschaft war. 1326 wird er erstmals genannt. Diesen Freihof kaufte Mitte des 16. Jahrhunderts Hans von Wulffen. Er ließ die Architektur neu aufführen. Wahrscheinlich um 1566, nach seiner Heirat mit (Maria) Elisabeth Plotho, wurde der inschriftlich 1566 datierte Westflügel errichtet. Sein Portal kam 1567 hinzu, 1580 folgte schließlich der Südflügel. 1581 starb Hans von Wulffen. Das Portal am Südflügel stammt von 1595 und zeigt das Wappen des Gerhard von Kneitlingen, des Gemahls der Elisabeth, der Tochter des Hans von Wulffen. Zwischen 1610 und 1620 gelangte der Hof an Sigfridt von Hoym. Der Nordflügel ist auf 1616 datiert und dürfte mit dem Besitzerwechsel in Zusammenhang stehen. Im 18. Jahrhundert wurden Fassaden und Innenräume modernisiert. Bis 1815 blieb der Hof in adligem Eigentum. Der gegenwärtige Nordflügel stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Im 20. Jahrhundert wurde der Komplex mehrfach umgestaltet, was im Gebäudeinneren zu einer neuen Raumaufteilung führte. Pläne zur Umnutzung als Hotel scheiterten. Bereits 1985 setzten erste Sanierungsarbeiten ein, die seit 2009 intensiviert wurden. Die Dächer sind inzwischen gesichert und zahlreiche moderne Wände und Einbauten wurden wieder entfernt.[2]

Beschreibung

Die unregelmäßige Vierflügelanlage wird durch ein Tor in der Nordostecke des trapezförmigen Hofes betreten. Alle Bauten sind zweigeschossig und mit Satteldächern versehen. Die Zwerchhäuser stammen aus der Erbauungszeit um 1600. An der äußeren Südostecke ist ein älterer Stadtmauerturm in den Komplex integriert. Die Erdgeschosse des West-, Süd- und Ostflügels wurden in Naturstein (teilweise auch Ziegeln), die Obergeschosse in Fachwerk aufgeführt. Die Südseite des Südflügels bezieht die Stadtmauer ein. Die Portale sind von Werkstein. Am aufwendigsten ist der Westflügel gestaltet. Oberhalb seines Portals befinden sich eine Inschrift mit der Jahreszahl 1567 sowie die Kürzel „H. V. W.“ und „E. v. P.“ für Hans von Wulfen und Elisabeth von Plotho. Im Erdgeschoss dieses Flügels befanden sich Küche und Wirtschaftsräume. Eine Treppenhalle erschließt noch heute das Obergeschoss, das einst einen großen Saal sowie Wohn- und Lagerräume beinhaltete. Die Räume sind nicht original erhalten. Lediglich das gewölbte Erdgeschoss des Südflügels blieb bis in das 20. Jahrhundert unverändert.[3]

Das ehem. Jagdzimmer im Obergeschoss des Westflügels

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Das ehemalige Jagdzimmer ist vermutlich 1566 zusammen mit dem Westflügel errichtet worden. Erhalten hat sich lediglich seine Kubatur.

Beschreibung

Der Raum befindet sich im Westflügel des ersten Obergeschosses an der Südwestecke. Er misst 7,30 auf 5,90 Meter und wird durch eine Tür in der Nordostecke betreten. In der Südwand befinden sich zwei Fenster in tiefen Nischen, in der Westwand drei Fenster. An der Nordwand stand ursprünglich ein Ofen. Die Holzbalkendecke mit Balken von Ost nach West liegt auf Balken vor den Wänden auf und hat einen Unterzug in Nord-Süd-Richtung. Die Wände waren ehemals über einem etwa 45 Zentimeter hohen Sockelpaneel vollständig mit einer 2,5 Meter hohen Wandmalerei bedeckt.[4]

Die ehem. heute translozierte Wandmalerei

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Malerei ist im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts in Öl auf Leinwand geschaffen worden. Auftraggeber und Maler sind unbekannt. Nach 1945 wurde sie zunehmenden beschädigt, etwa durch angenagelte Transparente. Schließlich erfolgte 1966 die Abnahme der Malerei, die anschließend unsachgemäß gefaltet gelagert wurde. Da auf Burg Falkenstein ein Raum von annähernd gleicher Größe zur Verfügung stand, gelangte die Malerei 1973 dorthin. Nach erfolgter Restaurierung wurde sie 1975, ohne die ursprünglichen ornamentalen Borten, in das so genannte Fräuleinzimmer eingebaut.[5]

Beschreibung und Ikonographie

Die 2,50 Meter hohe Wandbespannung lief bis in die Fensterlaibungen hinein um den gesamten Raum herum und war mit einem durchgehenden Motiv bemalt. Den oberen Rand nahm eine ornamentale Borte ein, so dass der Eindruck eines Wandteppichs entstand. Diese Randteile wurden auf Burg Falkenstein nicht wieder angebracht. Auch fehlen einige Fensterstreifen.[6]

Die Malerei öffnet zwischen hohen Bäumen im Bildvordergrund den Blick in eine gebirgige Landschaft mit Bäumen. Die dominierenden Farben sind Schwarz, Braun und Grau, ergänzt durch geringe Anteile an Blau und Rot. In der Landschaft erscheinen im Mittelgrund Häuser, Höfe und Burgen. Weitere Burgen stehen auf Berghöhen. Zu sehen sind Hirten mit ihren Herden. Überall finden Jagden statt. An der Nordwand war zwischen dem Ofen und der Tür ein Berittener, der im vollen Galopp auf ein Wild schoss, dargestellt. An der Ostwand waren mehrere Szenen zu sehen: Links im Vordergrund verfolgte ein Reiter einen von Hunden gehetzten Hirsch. Weitere Jäger jagten rechts im Bildmittelgrund Füchse. Eine Brücke führte über den Fluss zu einem Gehöft, vor dem ein Jäger mit Hund und geschultertem Gewehr unterwegs war. Im Vordergrund stand ein Angler. Die Südwand zeigte hohe Bäume mit tief ansetzenden Ästen. Durch diese hindurch öffnete sich in der Südwestecke des Raums der Blick über eine Wiese auf mehrere Bauten. Auf dem Turm einer Wassermühle war ein Storchennest zu sehen. Im Vordergrund lief ein Jäger mit geschulterer Büchse und Jagdbeute. Zwischen den Fenstern der Westwand standen schlanke Bäume mit hoch ansetzendem Geäst. In der Nordostecke erhoben sich hinter Bäumen Häuser. Weiter rechts ging ein weiterer Jäger mit geschultertem Gewehr.

Die Darstellungen sind weitgehend unrealistisch und auf Effekt angelegt. Besonders deutlich zeigt dies der schießende Reiter, der von einem Pferd aus im vollen Galopp kaum einen sicheren Schuss hätte abgeben können.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Korf/Korf, Falkenstein, 1985. – Korf, Ilse/Korf, Winfried: Burg Falkenstein. Geschichte, Baugeschichte, Museum. Burg Falkenstein 1985.
  • Schauer, Quedlinburg, 1990. – Schauer, Hans-Hartmut: Das städtebauliche Denkmal Quedlinburg und seine Fachwerkbauten. Berlin 1990.
  • Seck, Fleischhof, 2019. – Seck, Amelie: Denkmal in Not. Eine Stadt mit Verantwortung. Bitte helfen Sie Quedlinburg dabei, den Westflügel des Fleischhofs zu retten. in: Monumente. Magazin für Denkmalkultur in Deutschland, 29 (2019), 3, S. 58-63.
  • Wauer, Häuserbuch A, 2014. – Wauer, Karlheinz: Häuserbuch der Stadt Quedlinburg von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Jahr 1950. Bd. A: Die Altstadt. (Schriftenreihe der Stiftung Stoye, 57). Marburg 2014.
  • Wozniak, Quedlinburg, 2013. – Wozniak, Thomas: Quedlinburg im 14. und 16. Jahrhundert – Ein sozialtopographischer Vergleich (Hallische Beiträge zur Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, 11). Berlin 2013.
  • Archivalien:
  • OABKD 1608/51. – Ortsakten Bau- und Kunstdenkmalpflege. Quedlinburg. Wordgasse 5. 1608/51.
  • OABKD 1499/4. – Pansfelde mit Burg Falkenstein. Mansfelder Gebirgskreis. Burg. 1499/4.
  • Schauer, Zielstellung, 1983. – Quedlinburg, Wordgasse 4: Denkmalpflegerische Zielstellung für die Instandsetzungsarbeiten durch PKZ. ausgearbeitet Nov. 1982 - Febr. 1983 Dr.-Ing. J.-E. Schauer. in: Ortsakten Bau- und Kunstdenkmalpflege. Quedlinburg. Wordgasse 5. 1608/51.

Einzelnachweise

  1. Seck, Fleischhof, 2019; Wauer, Häuserbuch A, 2014, S. 716-717; Schauer, Quedlinburg, 1990, S. 211-213. Schauer, Zielstellung, 1983.
  2. Seck, Fleischhof, 2019, S. 60-61; Wauer, Häuserbuch A, 2014, S. 716; Wozniak, Quedlinburg, 2013, S. 212-213; Schauer, Quedlinburg, 1990, S. 211, 213. OABKD 1608/51; Schauer, Zielstellung, 1983, S. 1-3.
  3. Wozniak, Quedlinburg, 2013, S. 212. OABKD 1608/51; Schauer, Zielstellung, 1983, S. 4-6.
  4. OABKD 1499/4.
  5. Schauer, Quedlinburg, 1990, S. 212; Korf/Korf, Falkenstein, 1985, S. 57. OABKD 1499/4, OABKD 1608/51.
  6. Schauer, Quedlinburg, 1990, S. 212; Korf/Korf, Falkenstein, 1985, S. 57. OABKD 1499/4;. OABKD 1608/51.