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Pfedelbach, Witwenpalais, später Gasthaus Sonne

Aus Deckenmalerei-Lab
Seeger, Ulrike:Pfedelbach, Witwenpalais, später Gasthaus Sonne, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/38b71b49-efba-4e89-b082-8b07496ba79e

Inventarnummer: cbdd10134

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Das Palais am ehemaligen Hofgarten wurde 1745 als Witwensitz errichtet. Seine Wandmalereien im Goût grec stammen vermutlich von dem Dekorationsmaler und seit 1781 Besitzer des Gebäudes Johann Michael Probst. Früchtestillleben unter Landschaftsmedaillons lassen einen Salon oder Speisesaal vermuten.

Geschichte und Beschreibung des Palais

Geschichte des Palais

Das zweigeschossige Palais mit Mansardwalmdach, in dem sich seit 1808/09 das Gasthaus Sonne befindet, wurde 1745 von Gräfin Maria Felicitas von Hohenlohe-Bartenstein, geborene Prinzessin von Waldburg-Zeil-Wurzach (1722–1751) als Witwensitz errichtet. Der Überlieferung nach mochte die Gräfin das Pfedelbacher Schloss nicht obwohl ihr Gemahl, Graf Ferdinand von Hohenlohe-Bartenstein, im dortigen Südflügel zeitgemäße Appartements mit den erhalten gebliebenen spätbarocken Deckengemälden hatte einrichten lassen. Nach der Hochzeit im Jahr 1737 blieben sie und ihr Gemahl in Schloss Bartenstein wohnen. 1745 wurde ihr Pfedelbach als Witwensitz zugewiesen. Um auch weiterhin das Schloss als Wohnung zu umgehen, ließ sich die damals erst 23-jährige Gräfin westlich gegenüber dem Schloss am Hofgarten besagtes Palais errichten.[1] Der Baumeister ist nicht bekannt.

Nach dem Tod von Maria Felicitas im Jahr 1751 ließen die damals regierenden Grafen Joseph und Karl Philipp von Hohenlohe-Bartenstein das Palais 1753 versteigern.[2] Schon 1755 kaufte es Fürst Joseph von Hohenlohe-Bartenstein (1707–1764) jedoch zurück,[3] da es auf dem Terrain der Ausbaupläne des Schlosses durch Johann Georg Wölffling stand.[4] Die Pläne kamen nicht zur Ausführung, sodass das Palais als Wohngebäude für Hofbeamte diente. 1763 suchte Wölffling (1719–1775) für sich und seine Frau an, „der fürstin hauß beziehen zu dörfen“, was ihm genehmigt wurde.[5] 1769 und 1780/81 wechselte das Palais zwei Mal seinen Besitzer bis es 1781 der Dekorationsmaler Johann Michael Probst erwarb.[6]

Probst behielt das Palais bis zu seinem Tod 1819, obwohl er 1796 in Ingelfingen als Sekretär und Hofmaler angenommen wurde.[7] Er wurde damals als „Johann Michael Probst aus Pfedelbach“ bezeichnet.[8] Sein Haus wollte er daraufhin verkaufen, doch fand er keinen geeigneten Käufer.[9] Die Nutzung des verkehrsgünstig an der Hauptstraße gelegenen Palais als Gasthaus geht auf Probst zurück. 1808/09 erscheint er mit dem Gasthaus zur „Sonne“ unter den umgeldpflichtigen Wirten von Pfedelbach.[10] Nach weiteren Besitzerwechseln ging das fast schon baufällige Gebäude 1990 an die Stadt Pfedelbach, woraufhin es einer sorgfältigen Renovierung unterzogen wurde.[11]

Beschreibung des Palais und des südöstlichen Eckzimmers

Das Gebäude erhebt sich zweigeschossig mit vier auf fünf Achsen über einem 1662 datierten Keller.[12] Während der Keller seinen bis heute erhaltenen Zugang zum Schloss nach Osten besitzt, wurde der Eingang des Witwenpalais auf die Nordseite verlegt und damit stärker dem Hofgarten zugewandt. Die Eingangsseite umfasst fünf, die Seite des Kellereingangs vier Achsen. Die Gliederung beschränkt sich auf hochrechteckige Fenster mit Einfassungen aus rotem Sandstein. Die Eingangsachse, die geringfügig vor die Mauerflucht tritt, setzt sich im Mansardwalmdach als Zwerchhaus fort. Der Dachstock ist ausgebaut.

Die aus dem 18. Jahrhundert erhaltene Ausstattung datiert aus zwei Phasen. Erhalten hat sich im Obergeschoss in der Südostecke des Gebäudes ein Raum mit feinem Rokokostuck an der Decke und zeittypischem Tafelparkett. Er ist in die Erbauungszeit um 1745 zu datieren und damit der Gräfin Maria Felicitas zuzuordnen. Als Besonderheit besitzt er noch seine originalen bleiverglasten barocken Fenster mit einer Lüftungsklappe.[13] Seine Wände wurden mit der noch zu besprechenden Goût grec-Dekoration versehen. Walter-Gerd Fleck, dem ein Verlassenschaftsinventar der Gräfin vorlag, bezeichnete ihn als deren privates Lese-, Schreib und Wohnzimmer.[14] Das nördlich vorgeschaltete Zimmer war vom Treppenhaus aus zugänglich und könnte deshalb, im Einklang mit der Vermutung von Norbert Bongartz, das Vorzimmer gewesen sein.[15] In diesem ersten (Vor-)Zimmer hat sich aus der Bauzeit die stuckierte Ofennische erhalten. Der zugehörige Deckenstuck war noch bis in die Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts erhalten.[3] Das Schlafzimmer der Fürstin schloss vermutlich westlich an den im Goût grec ausgemalten Eckraum an.[16]

Obwohl es sich bei dem Speisesaal des Goût grec um einen Eckraum handelt, besitzt er nur zwei nach Süden dem Schloss zugewandte Fenster. Möglicherweise hängt die fehlende Durchfensterung mit der auf dieser Seite einst anschließenden Nachbarbebauung zusammen. Dass Probst zwei bauzeitliche Fenster nach Westen hätte zumauern lassen, wurde während der Restaurierung nicht festgestellt.[17]

Salon mit Wandmalereien des Goût grec

Beschreibung

Die Scheinarchitektur mit einem Landschaftsausblick und vier emblematischen Medaillons wurde mit dünnem Farbauftrag auf grober Leinwand gemalt.[18] Sie beginnt über einem hohen ringsumlaufenden Lambris aus Holz. Gemalte Hermenpilaster mit verzierten Schäften unterteilen die von keiner Fenster- oder Türöffnung durchbrochene Westwand in drei Abschnitte. Die Pilaster liegen einer rosafarbenen Wand mit eingetieften großen Rechteckfeldern auf, deren Ecken nach innen gezogen und mit Rosetten verziert sind. Die rosa-ocker marmorierten Schäfte der Pilaster sind ebenfalls verziert mit Rosetten und Blütenschnüren. Ihre ambossartigen Kapitelle tragen einen ringsumlaufenden gemalten Fries mit verzierten Feldern.

Das mittlere der großen Rechteckfelder gibt den Blick in eine ideale Flusslandschaft frei. Im Vordergrund wäscht eine Magd ihre Füße in einem Fluss, wobei man den Eindruck hat, dass das Wasser in einer Verschränkung der Realitätsebenen aus dem Rahmen heraus ins Zimmer fließen könnte. Vor den seitlichen Rechteckfeldern hängen an leuchtend blauen Bändern scheinbar weiß stuckierte hochovale Medaillons mit idyllischen Landschafts- und Ruinenstücken. Auf dem linken sitzt ein Schäfer mit Schlapphut und Hund vor einer bewachsenen Pyramide, auf dem rechten lehnt ein Schäfer mit Schlapphut an einer Säulentrommel während er das als Ruine stehengebliebene Postament betrachtet. Unterhalb der Medaillons stehen auf dem Rahmen der Blendfelder Schalen mit Früchten. Links sind Melonen, rechts Pflaumen und Birnen zu erkennen. Blumengirlanden schmücken sowohl die Medaillons als auch die Pilaster.

Die anderen Wände nehmen zwischen Tür und Ofennische nur ein Medaillon zwischen Pilastern auf. Hier sind einmal ein Bauer mit Schlapphut auf einer Bogenbrücke und einmal Ruinenstücke vor aufgehender Sonne ohne Wanderer zu sehen. Am Fenstertrumeau wurde das dortige Medaillon entweder übermalt oder das Feld blieb von Anfang an frei, um einen Spiegel aufzunehmen. An Früchtestillleben finden sich Pfirsiche, Trauben und Äpfel.

Vorlagen und Vergleiche

Im Aufbau, im Sujet und in der bunten Farbgebung knüpft die Wandmalerei an Tapisserien und bemalte Tapeten der Zeit an. Ornamentgeschichtlich ist die Scheinarchitektur dem Goût grec zuzuweisen. Das Formenrepertoire ist das des Jean-Charles Delafosse in seiner 1768 in Paris erschienenen „Nouvelle Iconologie Historique“.[19] Der lichte Farbklang vermittelt einen antikischen Charakter, den die Landschaftsidyllen mit dem in Betrachtung der Natur versunkenen Schäfer beziehungsweise mit einem zur Arbeit gehenden Bauern unterstreichen.

Zum Maler Johann Michael Probst

Der Dekorationsmaler und Vergolder Johann Michael Probst (gest. 1819) stammte aus Aichstetten im Allgäu. Nach Hohenlohe, wo er archivalisch 1767 und 1770 in Weikersheim und Schäftersheim fassbar ist, kam er über Heilbronn.[20]Der Literatur zufolge pflegte er einen ähnlichen Stil wie sein Zeitgenosse und ebenfalls Hohenloher Hofmaler Johann Jakob Schillinger (1750–1821).[21] An Schillinger erinnert in seinem Pfedelbacher Wohnhaus ganz besonders die Figur mit Schlapphut, die in ihrer Kleinheit die Größe und Erhabenheit der Natur zum Ausdruck bringt. Fast der gleiche Wanderer findet sich auf einer von Schillinger signierten Gouache in der Graphischen Sammlung des Frankfurter Städel.[22] Claudia Neesen, die sich mit Schillinger intensiv auseinandergesetzt hat, vermutet hinter den 1780–1782 entstandenen Landschaftsdarstellungen in Schloss Ingelfingen den Maler Probst.[23] Sie betont dort die Lockerheit seines Pinselstrichs und spricht von deren monochromen Charakter, wovon auf Pfedelbach insbesondere letzteres nicht zutrifft.

Programm und Synthese

Sollte die in Anbetracht der Besitzverhältnisse plausible Vermutung, dass die Wanddekoration von dem Hohenloher Hofmaler Johann Michael Probst stammt, zutreffen, so hätte Probst damit eine ehrgeizige Leistungsschau seines beachtlichen Könnens geliefert. Die Malereien zeichneten ihn sowohl als Architektur- als auch als Landschafts-, Stillleben- und Figurenmaler aus. Mit seiner hellen, ausgesprochen dekorativen, aber auch antikisch und damit gelehrt anmutenden Palette sowie dem phantasievoll eingesetzten Formenrepertoire des Goût grec erwies er sich als auf der Höhe seiner Zeit stehend. Potentiellen Auftraggebern gab er damit den bestmöglichen Eindruck seiner Kunst.

Bibliographie

  • Pfedelbach 1037–1987. Aus Geschichte und Gegenwart, bearbeitet von Fritz Kempf, Erich Fritz, Hans Bräuer u. a. (Forschungen aus Württembergisch Franken, 30), Sigmaringen 1987.
  • Walther-Gerd Fleck, Das Schloß Pfedelbach 1572–1988, in: Württembergisch Franken, 77 (1993), S. 7–122.
  • Wilfried Beutter, Biographische Notizen zu Hohenloher Hofkünstlern der Schillinger Zeit, in: Ausst. Kat. Schillinger. Künstler. Könner. Ein schönes Buch über Leben und Werke der Hohenloher Hofhandwerker- und Künstlerfamilie Schillinger, Ausst. Kat. hg. Öhringer Heimatverein, Margarethe Rathe-Seber und Richard Seber, Öhringen 1993, S. 100–104.
  • Claudia Neesen, Johann Jakob Schillinger (1750–1821). Studien zu Leben und Werk eines hohenlohischen Hofkünstlers, in: Württembergisch Franken. Jahrbuch des Historischen Vereins für Württembergisch Franken, 78 (1994), S. 91–204.
  • Die „Sonne“ in Pfedelbach, ein edles Haus mit wechselvoller Geschichte, hg. von der Gemeinde Pfedelbach, o. O. [Pfedelbach] o. J. [1995].
  • Norbert Bongartz, Die „Sonne, ein edles Haus mit wechselvollem Schicksal, in: Die „Sonne“ in Pfedelbach, ein edles Haus mit wechselvoller Geschichte, hg. von der Gemeinde Pfedelbach, o. O. [Pfedelbach] o. J. [1995], S. 4–7.
  • Norbert Bongartz, Beschreibung der bemalten Tapete, in: Die „Sonne“ in Pfedelbach, ein edles Haus mit wechselvoller Geschichte, hg. von der Gemeinde Pfedelbach, o. O. [Pfedelbach] o. J. [1995], S. 17.

Einzelnachweise

  1. Zur Lage des Hofgartens: Fleck, Pfedelbach, 1993, S. 30–31. Zur Bau- und Besitzgeschichte des Palais: Fleck, Pfedelbach, 1993, S. 36–39. Außerdem Bongartz, edles Haus, 1995.
  2. Pfedelbach, Geschichte, 1987, S. 91.
  3. 3,0 3,1 Fleck, Pfedelbach, 1993, S. 38.
  4. Die Ausbaupläne bei Wüst, Bartenstein, 2000, S. 102–110 mit Abb. 54. In Pfedelbach, Geschichte, 1987, S. 91 wird vermutet, der Fürst habe das Anwesen zurückgekauft, da sich der damalige Besitzer finanziell übernommen habe, was in Anbetracht der Ausbaupläne des Jahres 1755 nicht plausibel ist.
  5. Wüst, Bartenstein, 2000, S. 109 und S. 300 (Dok. 124). Die Taufurkunde Wölfflings ebd., S. 298 (Dok. 121).
  6. Fleck, Pfedelbach, 1993, S. 38, wobei ihm eine Recherche von Wilfried Beutter vom Hohenloher Zentralarchiv vorlag.
  7. Beutter, Hohenloher Hofkünstler, 1993, S. 102, ebenso: Neesen, Schillinger, 1994, S. 194. Die zugehörige Quelle: HZAN Oe 1 Bü 15554 (Findbuch).
  8. HZAN Oe 1 Bü 15554 (Findbuch).
  9. Beutter, Hohenloher Hofkünstler, 1993, S. 102.
  10. Fleck, Pfedelbach, 1993, S. 39, wobei ihm eine Recherche von Wilfried Beutter vom Hohenloher Zentralarchiv vorlag. Siehe auch Beutter, Hohenloher Hofkünstler, 1993, S. 103.
  11. Aus Anlass der Fertigstellung erschien die Festschrift: Gemeinde Pfedelbach, Sonne, 1995 mit Beiträgen zur Restaurierung. Ebd., S. 22 die Besitzer nach Probst aufgeführt.
  12. Fleck, Pfedelbach, 1993, S. 37.
  13. Gemeinde Pfedelbach, Sonne, 1995, S. 11.
  14. Fleck, Pfedelbach, 1993, S. 37–38, leider ohne Quellenangabe zum Inventar, das vermutlich Wilfried Beutter recherchiert hat. Das Inventar ebenso ohne Quellenangabe erwähnt in Pfedelbach, Geschichte, 1987, S. 91.
  15. Bongartz, edles Haus, 1995, S. 5. Fleck rekonstruierte nach dem Inventar dort das Schlafzimmer (Fleck, Pfedelbach, 1993, S. 37).
  16. So auch die Vermutung von Bongartz, edles Haus, 1995, S. 5. Fleck rekonstruierte dort den Wohn- und Empfangsraum (Fleck, Pfedelbach, 1993, S. 37).
  17. Die an dieser Ecke ursprünglich vorhandene, nach 1990 abgebrochene Nachbarbebauung in: Festschrift, Gemeinde Pfedelbach, Sonne, 1995, S. 18.
  18. Eine Beschreibung auch bei Bongartz, bemalte Tapete, 1995, S. 17.
  19. Bongartz, edles Haus, 1995, S. 6 tendierte dazu, die Wanddekoration in die Bauzeit zu datieren. Allerdings kannte er nicht die Veröffentlichung von Fleck, Pfedelbach, 1993, sodass er nichts von dem Besitzer Johann Michael Probst wusste.
  20. Beutter, Hohenloher Hofkünstler, 1993, S. 102–103.
  21. Neesen, Schillinger, 1994, S. 193–194.
  22. https://sammlung.staedelmuseum.de/en/work/steg-ueber-einen-wasserfall. Außerdem: https://sammlung.staedelmuseum.de/en/work/wasserfall-im-vordergrund-ein-maler
  23. Neesen, Schillinger, 1994, S. 193–194. Vgl. auch Beutter, Hohenloher Hofkünstler, 1993, S. 102–103.