Passau, Große Messergasse 6
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Der damalige Eigentümer des Wohn- und Geschäftshauses wollte den Besuchern seine beiden Wirtschaftszweige, den Fern- und Binnenhandel, dadurch vor Augen führen, indem er als Anbringungsort nicht einen Festraum, sondern das Treppenhaus, den öffentlichen Verkehrsraum des Hauses bestimmte.

Lage, Besitzer–, Bau– und Ausstattungsgeschichte
Lage
„Die Große Messergasse bildet einen kurzen Abschnitt der Altstadt-Hauptachse zwischen Steinweg und Residenzplatz. [...] Die Bebauung besteht überwiegend aus viergeschossigen Wohn- und Geschäftshäusern mit nord-süd-orientierten Walmdächern [...]. Da auch dieser Teil der Altstadt von den Stadtbränden, hauptsächlich dem von 1662, betroffen wurde, entstammen die Anwesen, großenteils mit älterer Substanz, überwiegend dem Wiederaufbau in der 2. Hälfte des 17. Jh.“[1]
Besitzer-, Bau- und Ausstattungsgeschichte
„Bereits im 17. Jahrhundert gehörte es dem Spezereihändler (Gewürzhändler) Gottfried Kopp (1652–1723), dessen Geschäft mit wechselnden Nachbesitzern weiter bestand, auch nachdem das Anwesen 1812 in den Besitz des Tabakfabrikanten Joseph Pauer übergegangen war, der, wie seine Nachfolger den Spezereihandel beibehielt. Als das Anwesen 1873 an den Advokanten August Wisnet kam, erlosch das Handelshaus.
Das in der 2. Hälfte des 17. Jh. erbaute Wohn- und Geschäftshaus besitzt einen spätmittelalterlichen Keller [...]. Der große Keller spricht für die Existenz eines mittelalterlichen Wohnturms mit unterkellerten Seitenflügel. Im Barock geschah ein grundlegender Umbau des Hauses [...].“[2] In diese Phase ist auch die Bemalung der die einzelnen Geschosse trennenden Brüstungsseiten des Treppenhauses zu datieren.
Auftraggeber: Der Spezereyenhändler Gottfried Kopp (1652–1723)
Als Auftraggeber des barocken Hausumbaus und der damit zusammenhängenden Bemalung der Treppenhausbrüstung kann aus historischen und kunsthistorisch-stilistischen Gründen der Spezereienhändler Gottfried Kopp (1652–1723) benannt werden, der ab 1679 das schon bestehende Wohnhaus den neuen Bedürfnissen eines Wohn- und Geschäftshauses anpassen ließ.
Er war der Sohn des Passauer Domorganisten Georg Kopp (1600–1666) und reüssierte selber als Kaufmann.[3] Sein wirtschaftlicher Erfolg drückte sich auch in seinem sozialen Status aus, als er 1691 Ratsherr der Stadt Passau wurde.[4]
Eine bildliche Bestätigung dieser Auftraggeberschaft bietet sogar die Brüstungsmalerei selbst, denn die darauf dargestellten Warenballen sind mit den Buchstaben GK, dem Kürzel und Handelszeichen von Gottfried Kopp bezeichnet.
Das Bauwerk
„Die Fassadengestaltung ist eine Rekonstruktion von 1970, als der Stuck des 19. Jh. abgeschlagen und die Fassade nach einer alten Ansicht wiederhergestellt wurde. Die eigenwillige Fassadengestaltung hebt das Haus aus dem Straßenbild heraus. Das hängt weniger mit der Farbigkeit zusammen als mit der hohen Erdgeschosszone, ihrer Putzquaderung sowie der keilförmigen Umrahmung der Öffnungen, der Einfassung der Obergeschosse durch gebänderte Lisenen, den gegenüber den Nachbarbauten versetzten Geschossebenen und den breiten, querrechteckigen Mezzaninfenstern, wodurch eine annähernd gleiche Traufhöhe mit den Nachbarbauten erreicht wird. [...] Die Funktion als gehobenes Handelshaus wird durch das vierachsige Erdgeschoss verdeutlicht. Die Erschließung des Hauses geschieht durch ein korbbogiges Portal auf der linken Seite mit schmiedeeisernen Türflügeln; ihm entspricht rechts der Eingang in den Verkaufsladen, dessen Eisenklappläden erhalten sind, was zu den Charakteristika der Großen Messergasse gehört.“[2]
Das Treppenhaus: Beschreibung und Maße
„Besonders repräsentativ ist die barocke Innenerschließung des Hauses: Ein gewölbtes Vorhaus führt zu einem in der Hausmitte angelegten Treppenhaus, das durch doppelgeschossige toskanische Arkaden und die Treppenbögen geöffnet ist. Die korbbogigen gewölbten Laubengänge ruhen auf fein profilierten Pfeilern, im 1. Obergeschoss durch Balustraden und spiralförmige Brüstungsgitter hervorgehoben. Das 2. Obergeschoss ist von Feldern mit querovalen Bildfeldern eingefasst, die mit Seestücken und Ideallandschaften mit Gewässern bemalt sind. [...] Die Belichtung geschieht durch ein großes Lünettenfenster über dem 2. Obergeschoss.“[2]
Das Treppenauge hat annähernd quadratische Ausmaße (2,1 x 2,5m). Die dahinter liegenden Gänge auf der Süd- und Ostseite sind 2,7m breit und 5,5m hoch. Diese sind kreuzgratgewölbt und mittels halbkreisförmiger Arkaden zur Treppenhausmitte geöffnet.
Südöstliche Wandmalerei an der südlichen Brüstung im 2. OG: Warenlagerung
Auf einem erhöhten Landvorsprung mit Baumgruppe sind mehrere Warenballen der Handelsfirma von Gottfried Kopp gelagert. In dem Gewässer, ein nicht näher benennbares Meer als symbolischer Hinweis für den von Kopp betriebenen Fernhandel, sind zwei Beiboote, aber kein Handelsschiff zu sehen. Die gezeigte Szene schließt ein Gebirgszug nach hinten ab.
Südwestliche Wandmalerei an der südlichen Brüstung im 2. OG: Waagmeisterei

Das in der Brüstung dargestellte Geschehen, das Wägen der angelandeten Waren, war eine im damaligen Handelswesen eine wichtige Tätigkeit, die dem Betrügen und Täuschen vorbeugen sollte.[5]
Auf dem Fresko werden mehrere Phasen eines Auslademanövers gezeigt: die Warenballen werden vom Handelsschiff mit Beibooten an Land gebracht, dort mit Zugtieren zum Waagmeister transportiert, der daraufhin die beförderte Fracht gewissenhaft abwiegt. Die großformatige Waage ist in einem eigens dafür erbauten Gebäude aufgehängt,[6] dessen Rustikaarkade sowohl den Waagmeister wie auch sein Berufsgerät inmitten einer Wandnische auffällig umrahmt.
Diese motivische Inszenierung ist mit Sicherheit kein Zufall, denn sie gibt dem Berufsstand wie auch dessen Funktion im System des Handels generell einen eigenen Bildraum und hebt deren Tätigkeit auf diese Weise hervor.
Nordöstliche Wandmalerei an der östlichen Brüstung im 2. OG: Beladen eines Handelsschiffes
An einer Kaimauer liegt ein Handelsschiff, dessen Segel eingeholt sind. Man kann das Beladen des Bootes beobachten, weil Träger und Auflader die bereitgestellten Güter im Schiffsrumpf platzsparend verstauen.[7]
Auf die diesem Handelsschiff bevorstehende Fernreise verweist im Fresko ein gerade vom Hafen auslaufendes Schiff mit vom Wind geblähten Segeln.
Südöstliche Wandmalerei an der östlichen Brüstung im 2. OG: Handelsschiffe auf hoher See
Im Bildzentrum ist ein Handelsschiff zu sehen, das mit gewölbtem Segel sein schnelles Vorwärtskommmen in ferne Länder anzeigt. Es ist mit Gütern beladen, deren Warenballen überdeutlich das Handelszeichen GK für Gottfried Kopp, den Passauer Kaufmann aufweisen, der sich auf den Warenaustausch mit Spezereien spezialisiert hatte, d.h. „von Gewürtz / Zucker / Mandeln / Rosinen / Feigen / Oel / [...].“[8] Diesem Segelschiff fährt ein zweites voraus, das wahrscheinlich auch der Handelsunternehmung Kopp zugehört.
Nordöstliche Wandmalerei an der östlichen Brüstung im 3. OG: Hafenszene

Im Unterschied zur Brüstungsmalerei darunter sind nicht nur in diesem Fresko, sondern in allen drei Einzelbildern dieser Zone nicht Fernhandelsschiffe (Segelschiffe), sondern „die wichtigsten Verkehrsmittel der Zeit, die Holzzillen“[9], dargestellt, welche auf deren Nutzung in der Binnenschifffahrt hinweisen.
Die Donau als Hauptverkehrsader scheint auch die reale Vorgabe für die Darstellung einer Entladeszene am Passauer Kai geliefert zu haben. Dort ankert ein Lastkahn, der bereits entladen wurde und deren Güter von Pferdefuhrwerken in die umliegenden Städte und Dörfer transportiert und verteilt werden.[10]
Mittige Wandmalerei an der östlichen Brüstung im 3. OG: Lastenkahn mit Panoramabild von Passau
In der Bildmitte ist ein Lastkahn mit Wohnung für den Schiffer zu sehen. Am Heck des Bootes steht der für das Ruder und die Lenkung des Schiffes Verantwortliche.
Die Darstellung des Transportmittels ist topographisch sehr genau im Bereich des Zusammenflusses von Donau, Inn und Ilz zu verorten, weshalb aus dieser Sicht im Panoramablick die Dominsel bildlinks und die auf dem Felsmassiv stehende Feste Oberhaus gegenüber zu identifizieren sind.
Südöstliche Wandmalerei an der östlichen Brüstung im 3. OG: Hafenszene mit Brücke
Das Fresko vermittelt den Eindruck von entspannter abendlicher Ruhe an einem Hafen, nachdem die mühevollen Alltagsarbeiten erledigt sind. Die Fracht des Lastkahnes ist entleert, ein Bootsbesitzer sieht erschöpft in den Fluss und der Hausbesitzer genießt seine Abendruhe.
Von bildrechts nähern sich, kaum erkennbar, ein Pferdefuhrwerk und ein Reiter, welche diese Idylle jedoch kaum zu stören vermögen. Diese bildimmanente Stille unterstreicht auch der breit gelagerte horizontale Bildaufbau, woran die Brücke im Hintergrund mit ihren weit gespannten Bögen erheblichen Anteil hat.
Programm und Synthese: Binnen- und Fernhandel des Spezereyenhändlers und Ratsherrn Gottfried Kopp
Die insgesamt sieben Bildfelder in den Brüstungen der beiden Geschosse werden in der wissenschaftlichen Literatur ganz allgemein als „Seestücke[...] und Ideallandschaften“[2] interpretiert.
Ein genauerer Blick auf die dargestellten Szenen erlaubt hingegen eine sehr viel differenzierte Deutung, die zudem Rückschlüsse auf den Auftraggeber und Kaufmann Gottfried Kopp und die Stadt Passau als „überregionale[n] Handelsort“[11] zulässt. Diese Hinweise finden sich unter anderem in Gestalt der Handelszeichen GK, die sich auf den Warenballen identifizieren und zuordnen lassen.
Die archivalisch wenig erforschten Unternehmertätigkeiten von Gottfried Kopp kann man anhand der Wandbilder in zwei Wirtschaftszweige einteilen: erstens dem finanziell hochspekulativen, aber gewinnträchtigen Fernhandel und zweitens dem Binnenhandel, wobei die Donau die große Wirtschaftsachse bildete. Diese beiden Geschäftszweige von Kopp werden in den Brüstungsbildern thematisiert. Um sie besser zur Geltung bringen zu können sind sie sowohl räumlich als auch formal voneinander unterschieden.
Im zweiten Geschoss erzählen die vier querovalen Fresken von verschiedenen Geschehnissen, die in einer prozessartigen Abfolge hintereinander vom Beladen eines Handelsschiffes, dem damals nicht ungefährlichen Befahren der Meere, der (Zwischen)Lagerung von Gütern und dem kontrollierenden Abwägen der Waren am Ankunftsort Auskunft geben.
Die Fresken geben allerdings keinerlei Auskunft darüber, welche Route die koggenähnlichen Segelschiffe des Kaufmanns Kopp damals nahmen.[12] Entweder handelte er mit Venediggut[13] oder seine Schiffe liefen die niederländischen Seestädte an, die wegen des „Umschwung[s] in der europäischen Wirtschaft, ausgelöst durch die Entdeckung Amerikas und die Umschiffung des Kaps der Guten Hoffnung“[13] eine wirtschaftliche Gewichtsverlagerung „in Europa von Osten nach Westen [...][erbrachte]. Für den bayerisch-österreichischen Raum hatte das insofern Auswirkungen, als der Handel mit asiatischen Gewürzen und anderen seltenen Handelswaren nicht mehr über Italien abgewickelt werden musste, sondern zunehmend von den niederländischen Seestädten übernommen wurde.“[13]
Diese auf zwei Brüstungsseiten verteilten Abläufe einer Fernreise werden dem im Treppenhaus hochsteigenden Betrachter relativ nahegebracht, wodurch sich eine inhaltliche Gewichtung gegenüber den Fresken in der darüber befindlichen Bildzone ergab.
Dort ist in den Gemälden mit längsrechteckiger Rahmung und halbrunden Enden das pekuniär weniger einträgliche Geschäft des Binnenhandels gezeigt, deren drei Bilder untereinander die Holzzille, dass damals wichtigste Transportmittel, als motivische Verbindung aufweisen.
Dieser Binnenhandel, der die Grundversorgung von Städten und Dörfern entlang der großen Flüsse gewährleistete, wird in drei panoramartigen Darstellungen vorgestellt, wobei der Ortsbezug zur Dreiflüssestadt Passau und damit auch der Handelsstützpunkt des Koppschen Unternehmens mit ins Bild gesetzt ist.
Bibliographie
- Loibl, Wirtschaftsstandort, 2014 — Loibl, Richard: Passau als Wirtschaftsstandort, in: Morsbach, Peter/Heckmann, Irmhild/Later, Christian/Niemeier, Jörg-Peter: Kreisfreie Stadt Passau. Ensembles, Baudenkmäler, Bodendenkmäler (=Denkmäler in Bayern, Halbband 1), Regensburg 2014, S. CLXI–CLXVIII
- Mader, Passauer, 1995 — Mader, Franz: Tausend Passauer. Biographisches Lexikon zu Passaus Stadtgeschichte, Passau 1995
- Morsbach, Passau, 2014 — Morsbach, Peter/Heckmann, Irmhild/Later, Christian/Niemeier, Jörg-Peter: Kreisfreie Stadt Passau. Ensembles, Baudenkmäler, Bodendenkmäler (=Denkmäler in Bayern, Halbband 1), Regensburg 2014
- Weigel, Hauptstände, 1698 — Weigel, Christoph: Abbildung der Gemein-Nützlichen Haupt=Stände von denen Regenten und ihren So in Friedens=als Kriegs=Zeiten zugeordneten Bedienten an/biß auf alle Künstler und Handwerker.[...], Regensburg 1698
Einzelnachweise
- ↑ Morsbach, Passau, 2014, S. 102.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Morsbach, Passau, 2014, S. 105.
- ↑ Zum Stand des Kaufmanns aus zeithistorischer Sicht: Weigel, Hauptstände, 1698, S. 152–157.
- ↑ Mader, Passauer, 1995, S. 125.
- ↑ Weigel, Hauptstände, 1698, S. 157–159.
- ↑ Weigel, Hauptstände, 1698, S. 158.
- ↑ Zum Beruf der Auf- und Ablader: Weigel, Hauptstände, 1698, S. 171.
- ↑ Weigel, Hauptstände, 1698, S. 157.
- ↑ Loibl, Wirtschaftsstandort, 2014, S. CLXIII.
- ↑ Zum Beruf des Fuhrmann: Weigel, Hauptstände, 1698, S. 165–168.
- ↑ Loibl, Wirtschaftsstandort, 2014, S. CLXI.
- ↑ Die einmastigen Koggen waren, technikgeschichtlich gesehen, zur Ausmalungszeit veraltet, könnten jedoch vom Künstler als charakteristisches und vertrautes Zeichen des Fernhandels schlechthin verwendet worden sein.
- ↑ 13,0 13,1 13,2 Loibl, Wirtschaftsstandort, 2014, S. CLXII.