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Oberornau, Pfarrkirche St. Andreas

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 8: Landkreis Mühldorf am Inn. Hirmer, München 2002, ISBN 978-3-7774-9430-2, S. 209–217, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche (seit 1921, Pfarrverband Obertaufkirchen), Gemeinde Obertaufkirchen, Erzdiözese München und Freising. Oberornau war z.Z. der Ausmalung Filialkirche der Pfarre Reichertsheim, die dem Augustiner-Chorherrnstift Au am Inn inkorporiert war, Erzbistum Salzburg, Archidiakonat Gars Gericht Neumarkt

Patrozinium: St. Andrea

Zum Bauwerk: Die heutige Kirche ist im Kern spätmittelalterlich. 1701 fanden Baureparaturen statt (415 fl.). 1719 wurde die zu tief gelegene Kirche samt den Altären um 10 Zoll gehoben, das LHs repariert und neu aufgepflastert (Maurermeister Urban Steinmayr aus Ramering). Die Kirche wurde »neu ausgemahlen« durch Johann Franz Huber aus Gars, der auch die neuen Antependien malte. Erneuerung des Choraltars nach 1729, erneute Baureparaturen 1752-54 (Turm, Dach, Mauerwerk). Ab 1761 bemühte man sich um eine durchgreifende bauliche Erneuerung: »Erhebung des Pflasters, dann hecher Führung des Kirchengewölbs« (Ratifikation 30.6.1761, und weitere Ratifikationen am 7.7.1762 und 19.4.1765). Baumeister war der Neumarkter Gerichtsmaurermeister Johann Georg Hechel, »welcher das alte Kirchengewölb eingebrochen und dies nebst den Hauptmauern 5 Schuh höher geführt, auch das Gewölb und die Kirchendachung neu eingedeckt, nit minder die Fenster in gleiche Ausschildung gebracht, sohin 2 Fenster höher gebrochen, dann das alte Seelenhäusel abgebrochen und wiederumb völlig an ein andern Orth neuauferbaut, hat nebst einem Gesellen und Handlangern verdient 392 fl.« Zimmermeister war Andreas Closner. In einem Visitationsprotokoll von 1763 heißt es zu Oberornau: »Diese Kirch stehet actu in Bau und wird um etliche Schuh höher, item ein neue Gewölb gemacht, die Altäre versetzt signo consecravi ver ändert« (AEM, Klosterakten Gars 28). Innendekoration 1767 Chronogramm am Chorbogen OMNIPOTENTI VIRGIN GENITRICI ATQVE SANCTO ANDREAE APOSTOLO (= 1767). Pflaster 1768.

Neue Altarausstattung (nicht erhalten) 1775/79 von Johann Philipp Wagner, Bildhauer und Stuckator in Kraiburg, Malerarbeiten von Johann Michael Wagner (schon 1769 hatten Wagner und Anton Zelcker einen Kostenvoranschlag über 3 Altäre inclusive Altarblätter und Kanzel eingereicht, die damals nicht zur Ausführung kamen). 1791 Tabernakel von Johann Philipp Wagner. 1836 Kreuzwegtafeln von Johann Bedriem. Kanzel 1904.

1928/29 Langhauserweiterung im W und umgangähnliche Seitengänge im N und S durch Friedrich Haindl, München. Saalbau (11,60×7,30 m) zu drei Jochen mit flachen Wandpfeilern und Pilastervorlagen. Eingezogener AR (7,75 × 6,25 m) zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß. Belichtung durch je drei Fenster im LHs und je 2 im AR in den östlichen Jochen Gliederung durch Pilaster mit geschweiften marmorierten Vorlagen, wie typisch sind.

Der Stuck ist vermutlich auch von Hechel; es ist zum größten Teil (B, D, 1-10) einfaches Rahmenwerk, wie es in der Regel von Baumeistern ausgeführt wurde (vgl. die Barockisierungen Franz Alois Mayrs in Oberneukirchen, Polling und Grünbach). Im Kontrast dazu stehen die reinen Rocaille-Ornamentrahmen von A und C, die brokatierten Stichkappenkartuschen und die Chorbogenkartusche, die wie eine Gemme auf ein blaue Vorhangdraperie gedrückt ist. Diese erinnern an die Stuckornamentik Johann Philipp Wagners.

Auftraggeber: Propst Franz II. Berchtold von Au am Inn (1761-85); Pfarrvikar von Reichertsheim war P. Albert Penner (1763–68). P. Albert Penner hatte schon 1757 die Barocki sierung von Pürten durchgeführt; in seiner Amtszeit als Pfarrvikar von Reichertsheim folgten die Kirchen dieser Pfarre (s. S. 222). In seiner Totennachricht heißt es, daß er unter vielen anderen Kirchen auch Reichertsheim, Ornau und Hofgiebing restauriert habe.

Der Kirchenraum

Die Deckenbilder wurden gestiftet, bezahlt werden mußte 1768 nur das Gerüst »bei Ausmallung der Kirche, welche durch Gutthäter bezahlt worden«.

Autor und Entstehungszeit: Balthasar Mang (* 1720 Arget † 1803 Buchbach, s. S. 347 f.). Signatur in A Balthasar Mang / Pinxit 1767.

Balthasar Mang, der im nahen Buchbach ansässige Maler, hatte (neben kleineren Freskoarbeiten) 1764 bereits die Pfarrkirche Reichertsheim und 1765 die von Rattenkirchen freskiert. Im gleichen Jahr wie Oberornau malte er 1767 die Pfarrkirche Buchbach aus.

Entwurfszeichnungen, alle AEM, Zeichnungskonvolut aus dem Nachlaß Balthasar Mangs.

Zu B Kreuzigung des Apostels Andreas, Pinsel farbig aquarelliert, quadriert, 30×21,5 cm, signiert auf dem verso Balth: Mang gemahlen 1768 in oberOrnau fresko gemahlen 16 Schuh in der Länge / 9 Schuh der Breite

Zu C Kreuzigung des Apostels Petrus, Bleistift braun laviert, quadriert, 15,5 × 22,5 cm, signiert auf dem verso Balth: Mang pin: 1767

Balthasar Mang, Entwurf zu Fresko D Kreuzigung Christi, AEM

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C Kreuzigung des hl. Petru

Zu D Kreuzigung Christi, Pinsel graubraun laviert, rötlich quadriert, 32 × 19,5 cm, signiert auf dem verso Balth: Mang pinxit. / Anno 1767 (mit Maßangaben).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs und AR Stichkappentonne Rahmen: A und C Rocailleornamentrahmen, B und D Stuckprofil, 1–10 Kartuschen mit teils ornamentierten Profilrahmen Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 7,65 m; 1,85 × 2,90

B Höhe 7.65 m: 5.00 x 3.50

C Höhe 7,65 m; 1,85 × 2,90

D Höhe 7,10 m; 3,90 × 3,10

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei einer Restaurierung 1865 wurde die barocke Ausstattung entfernt, bei einer weiteren Ende der 80er Jahre die Kirche rot getüncht, 1895/1900 durch Maler Riesenhuber, München, die Ausmalung wieder entfernt und ein neubarocker Altar errichtet (4000 Mark). Die Seitenaltäre kamen 1904 aus Lengmoos (BLfD), gleichzeitig neubarocke Kanzel; 1908 neues Orgelgehäuse. 1928 im Zuge der Langhauserweiterung Restaurierung der Deckenfresken durch Peter Keilhacker, Taufkirchen. Neumarmorierung von Hochaltar und Kanzel. Bei der letzten Restaurierung 1988/89 durch Karl Holzner, Ampfing, wurde grundsätzlich das Erscheinungsbild von 1928 erhalten. Die Fresken wurden von starker Verschmutzung befreit ein durchgehender Scheitelriß sowie zahlreiche kleinere Risse wurden verpreßt. In Fresko A wurde eine große hohle Stelle von ca. einem halben Quadratmeter in der NW-Ecke mit Kalksinterwasser fixiert. In D wurden großzügige Retuschen (Haupt Jesu, Reiterfigur, Wolkenzone, Bodenzone) belassen, desgleichen an den Apostelbildern 1-10.

Beschreibung und Ikonographie

A-D KREUZIGUNGS-SZENEN Die vier Hauptfresken zeigen einen Zyklus von Kreuzigungs-Szenen, beginnend mit der Kreuzigung Christi im AR, gefolgt von den Kreuzigungen der Apostelbrüder Petrus und Andreas und endend mit der Kreuzigung des Bischofs Simeon von Jerusalem. Die vier Szenen stehen in keinem eigentlichen Zusammenhang, sie verbindet nur die gleiche Art der tödlichen Marter, in der die drei Heiligen Christus nachgefolgt sind. Ausgangspunkt war dabei das Martyrium des Kirchenpatrons St. Andreas.

An den vier Darstellungen sind die typischen Kompositionsund Stilmerkmale Balthasar Mangs abzulesen: Bevorzugt sind Figurenkompositionen, Raumwirkung und Schauplatzgestaltung nehmen einen untergeordneten Stellenwert ein. Für die Raumwirkung wichtige Stilmittel sind Repoussoirzone und Repoussoirfigur. Hintereinander gestaffelte Raumschichten sind durch >abgeschnittene« Figuren gekennzeichnet, kaum durch Tiefenperspektive. Die Kompositionen sind von flächenhafter Wirkung. Der Figuralstil ist statuarisch kompakt:

die Gedrungenheit der Körper mutet oft kindlich an. Grundsätzlich sind die Figuren in Untersicht angelegt.

Die Ausführung der Fresken stimmt mit den Entwürfen überein, allerdings wirken Komposition und Figuren in der Ausführung gestreckter. Die Farbgebung der Fresken ist relativ bunt, bedingt durch die Lokalfarbigkeit der vielen Gewandfiguren. Dagegen hält sich die Grundfarbigkeit im terrestrischen Bereich in gebrochenem Braun und Grün, im himmlischen Bereich in hellem zarten Blau.

A KREUZIGUNG DES HL. SIMEON Blickrichtung nach W. Die Komposition ignoriert die Rahmenform, die aus vielen kleinen Rocaillen zusammengesetzt ist. Seitlich greifen zwei C-Schnörkel trennend in das rahmende Baum- und Buschwerk ein. Eine eben durchlaufende Erdrampe, auf der eine Repoussoirfigur sitzt, erzeugt eine starke Untersichtperspektive, deren Wirkung noch erhöht wird durch die Verwendung eines weiteren illusionistischen Stilmittels: Die Personen der Hauptszene ragen erst ab Oberschenkelhöhe hinter der Repoussoirzone hervor. Bischof Simeon ist an das Kreuz genagelt dargestellt, in vollem Bischofsornat und aus den Handund Fußwunden blutend. Zwei Männer, eine Frau und ein Knabe stehen staunend unter dem Kreuz. Weder Richter noch Schergen sind der Szene beigesellt. Der Schauplatz ist außerhalb der Stadt Jerusalem, deren Kulisse den Hintergrund bildet (links vorn die Signatur).

Der hl. Simeon war der Sohn des Kleophas (Lc 24,18; Jo 19,25) und wurde als Nachfolger Jakobus d.J. Bischof in Jerusalem. Er erlitt das Martyrium durch den Kreuzestod (Bibliotheca Sanctorum XI, S. 1103 f., LCI Bd 8, Sp. 361).

B KREUZIGUNG DES HL. ANDREAS Das beherrschende Motiv der Komposition ist das Schrägbalkenkreuz des hl. Andreas an zentraler Stelle, auf das die Darstellung in zwei gegenläufigen Diagonalzügen angelegt ist und auf das auch die Rahmenform mit eingeschnürter Mitte und spitzen Verkröpfungen in den Diagonalen Bezug nimmt. Das Kreuz ist auf einem kleinen vorspringenden, nach der linken Seite jäh abfallenden Hügel aufgestellt, hinterfangen von niedrigen Büschen. Rechts stehen Henker und Soldaten bei dem Gemarterten. Am Fuß des Hügels, vor der Kulisse der Stadt Patras scharen sich Leute aus dem Volk, eine Frau mit Kind und mehrere Männer, und schauen verwundert zum hl. Andreas empor, der der Legende nach noch zwei Tage am Kreuz lebte und zwanzigtausend Menschen predigte. Die Ergriffenheit erfaßt auch die Soldaten auf der rechten Seite. In einer Wolkengloriole erscheint ein Engel mit der Martyrerpalme in Händen als Zeichen himmlischen Lohns (Legenda aurea-Benz, S. 21).

Balthasar Mang, Entwurf zu Fresko C Kreuzigung des hl. Petrus, AEM
Die Kreuzigung Christi, 3 Matthäus, 4 Bartholomäus, 7 Thomas, 8 Jakobus minor
2 Simon
10 Matthias
6 Philippus

C KREUZIGUNG DES HL. PETRUS (Gegenstück zu A) Wie Fresko A so ist auch sein Pendant auf Breitenwirkung angelegt durch einen ebenen Schauplatz, auf dem die Figuren silhouettenartig vor einem blaßblauen Himmelsgrund aufgereiht sind. Mehrere Schergen sind dabei, das Kreuz mit dem kopfüber daran gehefteten Petrus aufzurichten. Drei Zuschauer befinden sich rückwärts auf einer niedriger liegenden Ebene, wodurch aber kein Tiefenraum entsteht.

D KREUZIGUNG CHRISTI Der Kruzifixus bestimmt die Vertikalachse der Komposition, während die horizontale Achse – durch die Quadrierung der Entwurfszeichnung verdeutlicht - mit Maria und Johannes unter dem Kreuz angelegt ist. Die Umstehenden liegen darunter, der Soldat zu Pferd darüber. Magdalena umfängt kniend den Kreuzesstamm. Dargestellt ist der Augenblick, als ein Soldat mit der Lanze die Seite Jesu öffnet und seinen Tod feststellt. (Das Gesicht Jesu und die Figur des Reiters sind nazarenisch verändert.)

1-10 APOSTEL Ergänzend zu den Apostel-Darstellungen in den Hauptfresken (Andreas, Petrus und Johannes, der unter dem Kreuz in D zu finden ist) sind in den Kartuschen der Gewölbezwickel die Halbfiguren der übrigen Apostel dargestellt, beginnend im Langhaus auf der Nordseite (3, 4 und 7, 8 siehe Abb. S. 215)

Quellen und Literatur

BHStA, Landshuter Abgabe 1993, Nr. 858/859. StAL, Pfleggericht Neumarkt, Kirchenrechnungen 1701 1719, 1721, 1729.

AEM. Pfarrakten Oberornau

BLfD, Akt Oberornau, Pfarrkirche St. Andreas

Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 171

KDB I OB (2), S. 2020.

Stadt- und Landkreis Wasserburg, Heimatbuch (Hg. Sigfrie Hofmann), Wasserburg 1962, S. 145.

Historischer Atlas Bd 36, Mühldorf (Helmuth Stahleder) München 1976, S. 245.

Denkmäler in Bayern, Oberbayern, München 1986, S. 445. 1200 Jahre Oberornau, 788–1990, Festschrift und Chronik der Pfarrei und ehemaligen Gemeinde Oberornau, Oberornau

Dehio 1990, S. 910.

Nebel, Elga, Pfarrverband Obertaufkirchen. Schwindegg, Oberornau. iP Kunstführer 1997, S. 34–38.