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Memmingen, Hermansbau, Zangmeisterstraße 8

Aus Deckenmalerei-Lab
Dreyer, Angelika:Memmingen, Hermansbau, Zangmeisterstraße 8, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2026, URL: www.deckenmalerei.eu/661c3e18-9fb1-4865-9580-446a6ae67b9b

Inventarnummer: cbdd20378

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Der sog. Hermansbau, ehemals das Stadtpalais eines in Memmingen geborenen, aber großteils in Venedig lebenden Kaufmanns, zeigt in seiner architektonischen Gestalt wie Innenausstattung eine so hochwertige und überregionale Qualität, die von großzügiger Gesinnung und weitläufigem Kunstsinn zeugt.

Memmingen, Hermansbau, Zangmeisterstrasse 8, zentrales Deckengemälde im Treppenhaus im Westflügel, 3. OG
Memmingen, Hermansbau, Zangmeisterstrasse 8, zentrales Deckengemälde im Treppenhaus im Westflügel, 3. OG

Lage, Bau- und Ausstattungsgeschichte

Lage

Der sog. Hermansbau, heute Städtisches Museum, liegt an der Zangmeisterstraße. Sie ist die „[ä]lteste ausgebaute Handels- und Verkehrsstraße der welfischen Gründungsstadt, gleichzeitig der Westteil der durch die Stadt führenden ehem. Salzstraße. Wo sich der Hermansbau und die Nordfront der Martinskirche gegenüberstehen, verengt sich der Straßenzug, wobei diese Zäsur auch eine Änderung der Bebauung bezeichnet.“[1]

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Die Grundsteinlegung erfolgte am Benedikttag, am 21. März, 1766 und der Erstbezug durch Johann Theobald von Hermann aus Ulm im Jahre 1769.[2]

Das Bauwerk

Der sog. Hermansbau zeigt sich als ein „[p]rächtiges Stadtpalais mit anspruchsvollem Repräsentationscharakter.“[1] Erzeugt wird dieser Gesamteindruck vor allem an der Südfassade von der architektursymbolisch hohen Gliederungsmotives eines Portikus und den dezent noblen Dekormotiven des Baukörpers mit seinem skulpturalen Mansarddach darüber.

Die proportional hochgestreckte Südseite ist, bezogen auf die Gesamtanlage des Hermansbau als Vierflügelbau, als Schauseite gestaltet, die sich zur Memminger Hauptverkehrsstraße ausrichtet und ihr anspruchsvolles Gesicht zeigt. Ausgedrückt wird dies durch die streng symmetrische Einteilung der gesamten Wandfläche und der harmonischen Verteilung der Tür- und Fensteröffnungen, die der Fassade einen beeindruckenden Gesamtcharakter verleihen.

Das aussagekräftigste Gliederungsmotiv an der dreigeschossigen und neunachsigen Südseite ist das aus vier Pilastern korinthischer Ordnung und einem Dreiecksgiebel bestehende Mittelmotiv, das in der Literatur unzureichend als „Mittelrisalit“[1]bezeichnet wird. Materiell gesehen ist tatsächlich ein geringer Vorsprung ersichtlich, womit die begriffliche Definition zwar erfüllt wäre, der Sinn- und Symbolgehalt dieses Gliederungsmotives jedoch gänzlich entwertet und entwürdigt ist. Die Gestalt und der Gehalt des mittleren Gliederungsmotives bezieht sich ursächlich auf die Grundform eines antiken Tempeleingangs, eines Portikus, weshalb der Memminger Hermansbau eine bewusste Erinnerung an diesem Zusammenhang herstellt und als später Nachfahre gesehen werden möchte.

Neben dieser architekturmotivischen Hervorhebung wirkt die Südseite zusätzlich durch die proportional gelungene Verteilung der Tür- und Fensteröffnungen und ihrer Dekorformen, die ein geglücktes Äquilibrium aus Horizontal- und Vertikallinien zeigt. Diese straff-gestreckte Proportionierung der Süd-Fassade musste am Westflügel zwangsläufig wegen der höheren Achsenzahl einen anderen Charakter bekommen. Aber auch hier gelang es dem bislang unbekannten Architekten mit sicherer Hand die insgesamt 15 Achsen mit dem schon bekannten Gliederungsprinzip der Symmetrie und den Gliederungsmitteln des hier fünfachsigen Pilaster-Portikus und den Dekorformen ein repräsentatives Erscheinungsbild zu schaffen.

Der Auftraggeber: Der Fernhandelskaufmann Benedict von Herman (1689–1782)

Den sogenannten Hermansbau beauftragte der aus Memmingen stammende und ein Leben lang in Venedig tätige Fernhandelskaufmann Benedict von Herman (1689–1782). Der als erster Millionär in Memmingen geltende Kaufmann ließ das 1766 begonnene Stadtpalais für seine Verwandtschaft errichten.[3]

Das Treppenhaus im Westflügel, 3. OG: Beschreibung und Maße

Das im Westflügel vorhandene und die oberen Stockwerke und Räume erschließende Treppenhaus besitzt im 3. OG ein Raumvolumen von 8m Breite, 6m Tiefe und 2,8m Höhe.

In dieser Etage wird es von zwei Seiten, vom östlichen Innenhof und dem westlichen Stadtraum, jeweils mit drei Fenstern belichtet, was genügt, um das Deckenbild und die vier Nebenszenen gut ins Licht zu rücken.

Der Deckenmaler: Allgäuer Maler Franz Anton Dick (1724–?)

Memmingen, Hermansbau, Zangmeisterstraße 8

Aufgrund der auf dem Wimpel sichtbaren Buchstaben- und Zahlenfolge ,A.D.pin.1771‘ erschloss Günther Bayer, der ehemalige Bezirksheimatpfleger von Memmingen, den Allgäuer Maler Franz Anton Dick (1724–?) als den das Deckenbild im Treppenhaus ausführenden Künstler.[4] Seine Zuschreibung basiert indes nicht auf archivalischer Forschung, sondern auf der kunsthistorischen Methode von vergleichender Stilkritik.

Das zentrale Deckengemälde

Innerhalb eines vierpaßförmigen Stuckrahmens ist die figurenreiche Versammlung olympischer Götter zu erkennen, von denen die meisten identifizierbar sind. Sie alle sitzen jeweils auf einer eigenen Wolkenbank, was ihre jeweils eigene Singularität und Individualität innerhalb dieser göttlichen Konstellation hervorhebt.

Deren Versammlung findet im wolkenbehangenen, mythologisch gesehen, undefinierten raum- und zeitlosen Universum statt und wird gestalterisch von einem Wolkenbogen überfangen. Die anwesenden olympischen Götter haben sich auf der unteren Bogenhälfte positioniert, nur der Göttervater Zeus sitzt gestalterisch erhoben und symbolisch erhaben über dem diesem Halbrund und demonstriert zusätzlich mit Krone und Zepter seine majestätische Oberhoheit.

Ihm untertan sind die Dreiergruppe aus zum Kampf gerüsteten Mars, Merkur mit Flügelhelm und Caduceus sowie Vulkan mit dem Schmiedehammer, wobei beide Letztgenannten als Repoussoirfiguren den Betrachter in die Götterversammlung einführen. Ihnen zur Linken sitzen Neptun mit Dreizack, Apoll mit seiner Lyra, während Saturn den erscheinenden Zeus gestenreich begrüßt und hierfür seinen Zeitenbemesser, die Sense, abgelegt hat.

Die bildrechte Gruppe setzt sich aus Pluto mit Zweizack, Bacchus mit Weinlaubkrone und Thyrosstab sowie der Jagdgöttin Diana mit Monddiadem zusammen.

Innerhalb dieser Ansammlung identifizierbarer Götter befinden sich wiederum genau drei Personen, die nicht attributiv bestimmt werden können und deren körperliche Anwesenheit im Fresko auf Büstengröße beschränkt ist. Dies sind zum einen hinter Apoll ein langhaariger, bärtiger Mann, der zu Zeus hochsieht, genauso wie die mit Kopftuch gekleidete Frau über ihm. Und zum anderen werden beide von einer monochrom gemalten Frauenfigur beobachtet, die sich zwischen Mars und Diana befindet.

Am äußersten rechten Bildrand, hart an der Grenze des Götterraumes, fliegt ein Putten-Paar, das diese Zusammenkunft aufmerksam beobachtet. Zu ihrem Equipment gehört eine Fanfare, an der ein roter Wimpel mit Goldborte und Kordeln befestigt ist. Darauf erkennt man, ebenfalls in Gold, das mehrdeutig zu lesende Kürzel ,A.D. pin. 1771‘, das aber wohl letztendlich auf die Anfangsbuchstaben des ausführenden Freskanten Antoni Dick.[4]

Südöstliche Bildkartusche: Vulturnus, der Ostwind
Memmingen, Hermansbau, Zangmeisterstraße 8, Deckenmalerei im Treppenhaus im Westflügel, 3. OG, südöstliche Bildkartusch

Vulturnus, den Ostwind, symbolisiert ein geflügelter nackter Putto mit gebräuntem Oberkörper und Gesicht, der eine Fackel in seiner linken Hand hält und einen grünen Sonnenschirm aufgespannt hat wird von einem zweiten schlafenden Putto begleitet.

Südwestliche Bildkartusche: Auster, der Südwind
Memmingen, Hermansbau, Zangmeisterstraße 8, Deckenmalerei im Treppenhaus im Westflügel, 3. OG, südwestliche Bildkartusch

Auster, den Südwind, symbolisieren zwei geflügelte Putten auf einer Wolke sitzend. Während der unten Sitzende Luftströme aus seinen Lungen bläst und als starker Wind in den Äther entlässt, benützt der Putto über ihm als Hilfsgerät ein gebogenes Spiralhorn, um dem Luftstrom eine bestimmte Richtung zu verleihen. Beide Putten werden mit nach vorne fliegenden Haaren gezeigt, um die Macht und Stärke der Winde, in diesem Falle des Rückenwindes, zu demonstrieren.

Nordwestliche Bildkartusche: Favonio, der Westwind
Memmingen, Hermansbau, Zangmeisterstraße 8, Deckenmalerei im Treppenhaus im Westflügel, 3. OG, nordwestliche Bildkartusch

Favonio, der Westwind, liegt als geflügelter Putto auf einem Kurvenabschnitt des Regenbogens und ruht sich auf einem Sieb mit rautenförmigem Gitter aus. Vom heftigen Herbstregen völlig überrascht, haben die Wassermassen sein Haar zu wassertriefenden Schlieren geformt, die auch vom Siebgitter herunter tropfen.

Nordöstliche Bildkartusche: Boreas, der Nordwind

Den Nordwind Boreas symbolisieren zwei geflügelte Putten, welche die frostige Kälte der Wintermonate performen. Bei dem einen verwandelt sich der Regen in Schnee, das er als weißflockiges Gestöber in die Welt bläst, während der Zweite einen schneebestäubten Pflanzenstrunk in der Hand hält, um die Wachstumspause der Flora vorzuzeigen. Auf die Heftigkeit des winterlichen Windes verweisen die nach vorne gewehten Haarbüschel der Putten sowie der blaue Schal, der keinerlei körperwärmende Funktion erfüllt, sondern nur dazu dient, die Geschwindigkeit des Windes zu verdeutlichen.

Programm und Synthese: Fernhandel in alle vier Windrichtungen unter Zeus, alias Benedict von Herman

Außer einer rein faktischen Benennung des Hauptbildes als Götterversammlung und der dargestellten Putten als Winde in den Nebenbildern hat die kunsthistorische Wissenschaft dieses überregional bekannte und bedeutende Objekt schlichtweg vergessen, so dass weder ein zaghafter Deutungsversuch noch eine ikonographische Analyse vorliegt.[5] Dabei scheint es, von außen gesehen, sehr lohnend zu sein, die, zugegeben wenig bekannten biographischen Hinweise und Zeitumstände als ikonographische Mosaiksteine zu verstehen, um diese Spuren genauer zu verfolgen und zu untersuchen.[6]

In einer ersten, rein oberflächlichen Zusammenschau verschiedener, symbolisch in den Freskenbildern dargestellten Äußerungen, könnte man durchaus die familiäre Grundkonstellation des Auftraggebers auf die olympische Götterversammlung übertragen sehen, deren Auswahl ebenfalls untereinander hohe Verwandtschaftsgrade aufweist. Diese zeitgenössische Identifizierung des Auftraggebers mit dem Göttervater Zeus wäre kein unbekanntes, sondern eher ein beliebtes Phänomen der Selbstdarstellung.

Auch die symbolische Darstellung der vier Winde und ihre Anwesenheit in diesem göttlichen Familienreigen könnte ein Verweis auf die Tätigkeit des Auftraggebers als Fernhandelskaufmann sein, der auf die Elementarkräfte der Winde angewiesen war, damit die zum Handel notwendigen Segelschiffe auf den Meeren genügend Antriebskräfte erhielten. Dass die zeitgenössische Ikonographie die vier Winde nicht nur als Verweise auf die Himmelsrichtungen verstand,[7] was man in Memmingen an ihrer konkreten Positionierung nachvollziehen kann, sondern auch als Hinweis auf die vier Weltteile, mit denen man Handel trieb, könnte die vorgetragene Vermutung stützen.[8]

Das chinesisches Zimmer im 1. OG des Westflügels: Beschreibung und Maße

Vom Treppenhaus aus erreicht man den südlich davon gelegenen Raum, für den sich die Bezeichnung ,Chinesisches Zimmer‘ etabliert hat.[9]

Keine der vier Wände weist ein nicht durchbrochenes Wandkontinuum auf, was die gestalterische Planung und Arbeit eines Malers wesentlich erschwerte. Die Westwand ist wegen der drei hochrechteckigen Fenster am meisten vom Verlust der Mauersubstanz betroffen. Jeweils eine Tür befindet sich in der Ostwand gegenüber und in der nord- bzw. südwestlichen Ecke, die alle drei gemalte Supraporten mit einer Architekturdarstellung aufweisen.

Der längsrechteckige Raum mit 7m Länge, 4,3m Breite und einer Höhe von 3,4m bietet, imaginiert man sich die ursprüngliche Nutzung hinzu, einen relativ intimen? Aufenthaltsraum, der vom gestalterisch exotischen Flair der Leinwandgemälde lebte.

Die Gestaltung der Wandmalereien

Memmingen, Hermansbau, Zangmeisterstrasse 8, das chinesisches Zimmer im 1. OG des Westflügels, Ostwand

Die Ausstattung des Chinesischen Zimmers besteht aus zehn bemalten Leinwänden, die in ihrer unterschiedlichen Breite sich zu sechs in sich geschlossenen Bild-Einheiten zusammenfügen. Diese Entitäten sind formal alle gleich aufgebaut: Das bzw. die zentralen Bildmotive werden von einem grauen Rahmen umfasst, der in seiner Stäbchenstruktur vielleicht Bambus imitieren soll und von vergoldeten, materiell erhabenen Blattformen berankt wird. Dieses Rahmenmuster ist mit Dekormotiven kombiniert, die unten, jeweils unter Berücksichtigung des Symmetrieprinzips, unterschiedlich große Vasen aufgestellt sind, in denen sich verschiedene Kakteensorten befinden und mit einer Blumengirlande verbunden sind.

An der Oberseite gibt es jeweils nur ein mittiges Dekormotiv, an dem ebenfalls Blumengirlanden aufgehängt sind.

Innerhalb dieser Rahmenstruktur sind bildmittig die einzelnen Bildmotive angebracht, die in der Bildfläche zu schweben scheinen. Diese ist extrem aufwändig bemalen. So imitiert der dadurch entstandene Bildhintergrund ein Brokatmuster aus weißen Akanthusranken auf grauem Grund und zeigt zusätzlich Granatäpfel. Diese Leinwandgemälde werden von einer vergoldeten Holzleiste eingefasst und sind an der Wand zwischen dem 80 Zentimeter hohen, alle Wände umlaufenden Holzsockel und der Unterkante vom Gesims der Voute eingepasst.

Die Nordwand: Teeverkäuferin, Hund und Handelszene

Auf den zwei Gemäldebahnen der Nord-Entität sind wohl Genre-Szenen dargestellt: links (westlich) ist eine Tee-Verkäuferin zu sehen und rechts (östlich) ein auf einem Warenballen sitzender junger Mann, dessen Hund sich anschickt ein auf einen Baum flüchtendes Tier zu verfolgen.

Die nördliche Ostwand: Musiker und Gesellschaftszene mit Autorität

Die nordöstliche Wandhälfte der Ostwand, mit einer Länge von 3,5m, zeigt eine Entität aus zwei Bildmotiven, die sich in einen höfischen Kontext einordnen lassen.

Das linke, nördliche, Motiv stellt eine Szene mit einer gesellschaftlich hochstehenden Autorität vor, der sich ein Untergebener unterwürfigst nähert und von einem Wächter mit Hund beobachtet wird. Gegenüber sind Musiker mit ihren Blasinstrumenten und Schlagwerk zu erkennen.

Die südliche Ostwand: Reisende im Muschelwagen mit Segel und Kundschafter auf Dromedar

Auf der Südhälfte der Ostwand ist eine zweiteilige Reise-Situation dargestellt. Während das nördliche Motiv einen gut gekleideten Mann sitzend in einem dreirädrigen Muschelwagen zeigt, der sich von einem großen Segel angetrieben, vorwärts bewegt, reitet der Segel-Kutsche auf einem Art Dromedar mit einem Höcker ein Kundschafter als dessen Vorhut voraus.

Diese Reisegesellschaft biegt, rahmentechnisch gesehen ganz wörtlich genommen, um die Südostecke der Südwand ab und schließt gestalterisch damit die Bild-Entität.

Die östliche Südwand (szenische Fortsetzung der südlichen Ostwand): Reise-Gesellschaft

Der schmale Gemäldestreifen bildet die kurze Fortsetzung der Erzählung von der Reise-Gesellschaft auf der Südost-Ecke der Ostwand. Dieser Zusammenhang wird formal mit der Darstellung eines exotisch anmutenden Baumes hergestellt, der in seinem aufgespaltenen, die Ecke übergreifenden Zustand beide Bildfelder zusammenbindet

Die westliche Südwand: Vogeljagd mit Jagdhund

Das zentrale Bildmotiv stellt eine Vogeljagd vor, ein Geschehen, das der anwesende Jagdhund ganz aufgeregt verfolgt.

Die südliche Westwand: Pfeifenraucher und Dame mit Schirmhut, Schnabelschuh und Sonnenschirm

Auf dem Fragment der südwestlichen Fensterwand sind eine Frau und ein Mann dargestellt, die von einem zierlichen Baum getrennt werden. Die gut gekleidete Frau mit Rock, Jacke und spitzen Schnabelschuhen trägt einen Schirmhut und hält einen Sonnenschirm in ihrer rechten Hand. Ihre Linke umgreift die Bänder eines baumelnden Geldbeutels.

Ihr gegenüber steht als Rückenfigur ein Mann mit roter Hose, grüner Jacke und Federhut, der eine phantasievoll gebogene Pfeife raucht.

Die nördliche Westwand: Vogelhändler und Frau, die einen Hund erzieht

Auf dem nordwestlichen Wandrest ist ebenfalls wie auf der Nachbarwand eine kombinierte Darstellung einer Frau und eines Mann vorgeführt, die von einem früchtetragenden Bäumchen separiert werden.

Bildrechts steht eine mit gestreiftem Rock und rotem Kurzmantel gekleidete Frau, die sich einen Spaß daraus macht, einen um einen Futterbissen bettelnden Hund auf die Hinterbeine zu zwingen. Bildlinks sitzt ein an einem Fass angelehnter bärtiger Mann, hinter dem ein leerer Vogelkäfig zu erkennen ist. Mit seiner linken Hand präsentiert er stolz einen prächtigen Vogel mit Federkrone, der körperproportional nicht in den Käfig passt und deshalb nur als Hinweis auf einen Vogelhändler zu verstehen ist.

Die nördliche Supraporte: Architektur-Prospekt

Auf der querrechteckigen Supraporte ist ein Ensemble mit drei unterschiedlichen Architekturen sichtbar, die in perspektivischer Anordnung den Blick auf das offene Meer lenken. Diese nah ans Meer gebaute Stadt ist bildlich allerdings nicht als eine Hafenstadt charakterisiert, denn für eine diesbezügliche Nutzung fehlen jegliche Hinweise. So muss man die Aufreihung der drei Bauwerke als abwechslungsreiches Phantasieprodukt des Malers betrachten, dem jeglicher Verweis auf eine konkret benennbare Stadt abgeht.

Die von der See umspülten Uferbefestigungen sind mit Treppen versehen, die den direkten Zugang zum Wasser ermöglichen, was mehrere Personen auch nutzen. Die Uferanlage bietet die Plattform, drei hintereinander gestaffelte Bauwerke vorzuführen, deren gestalterischer Reiz einerseits in ihrer typologischen, zur Belebung beitragenden Verschiedenheit liegt und andererseits in der hohen Präzision und getreuen Wiedergabe der Gliederungen und anderer architektonischen Details.

Den bildlichen Auftakt macht eine säulenbestückte Vorhalle, in die man über Treppen gelangt.

Daran schließt, getrennt von einer schmalen Gartenanlage, ein zweigeschossiger Baukörper mit Flachdach und Eingangs-Ädikula an, den man von der Straße aus über eine zweiläufige Treppenanlage erreichen kann. Nach einer begrünten, hoch aufgesockelten Terrasse bildet ein zweigeschossiges Gebäude mit Zeltdach, das den Blick aufs weite Meer erlaubt, den Endpunkt dieser Architektur-Reihung.

Die östliche Supraporte: Architektur-Prospekt

Obwohl über eine Wand hinweg getrennt, bildet der Architektur-Prospekt auf der östlichen Supraporte das perspektivische Gegenstück zur nördlichen Supraporte.

Hier sind die dargestellten Gebäude auf einer Perspektivlinie aufgereiht, die sich von rechts in die Bildtiefe entwickelt und auch eine ähnliche Uferbefestigung aufweist. Anders ist hingegen die geringere Anzahl der Bauten und die längsgerichtete Anordnung der Baukörper, die in dieser Verdoppelung den Tiefenzug zum offenen Meer beschleunigen. Dieser optische Trick wird durch die gleichförmige Gestalt der Gebäude als mehrgeschossiger Bau mit Flachdach noch intensiviert, obwohl ansonsten deren Aufbau in sich differenziert ist.

Die südliche Supraporte: Architektur-Prospekt

Im Gegensatz zu den beiden in diesem Raum (an der Nord- und Ostwand) befindlichen Supraporten, die man als reine Architekturphantasien klassifizieren kann, sind auf der südlichen (Supraporte) zwei wesentliche Unterschiede festzustellen: zum einen die Umorientierung der Gebäude in eine quergerichtete Anordnung und zum anderen dingliche Hinweise, welche die dargestellte Stadt als Hafenstadt konkretisieren.

So sieht man am Ufer mehrere Warenballen, die zum Abtransport auf ein am Kai mit gerafften Segeln geankertes Schiff bereit liegen. Um diesen Umstand noch zu bekräftigen, sieht man in der Ferne ein bereits ausgelaufenes Schiff, das wahrscheinlich ferne Gegenden ansteuern wird. An den dargestellten Bauten ist, im Vergleich mit den anderen Supraporten nicht nur die Querausrichtung verschieden, sondern auffällig ist ebenso nur die ausschnitthafte, knappe, aber bezeichnende Andeutung eines Gebäudetyps wie dem mehrstöckigen Bauwerk im Bildvordergrund mit seiner aufwendigen Pilastergliederung oder dem pfeilermassiven Vorbau mit Aussichts-Terrasse. Geradezu typisch für diese künstlerische Haltung, Architektur nur Ausschnitthaft zu skizzieren, ist das zwischen der Arkade des Vorbaus sichtbare Gebilde, das, wiederum erstaunlich genug, die Gestalt und den Aufbau einer antiken Basilika wiedergibt.

Das mittlere Zimmer im 3-teiligen Appartement des Westflügels im 1. OG: Beschreibung und Maße

Nördlich des Treppenhauses befindet sich eine dreiteilige Raumfolge, die sich mit Parkettfußböden und stuckierten Rocaillen an der Decke aus dem Verband der anderen Zimmer heraushebt und gleichzeitig formal untereinander verbunden ist.

Von allen drei unterschiedlich großen Räumen haben sich in dem kleinen Mittelzimmer mit einer Länge von 4,3m, einer Breite von 3,1m und einer Höhe von 3,5m zwei Supraporten erhalten.

Die nördliche Supraporte: Orpheus vor dem Flötenspiel

Auf der querrechteckigen Supraporte ist der mythologische Sänger und Dichter Orpheus dargestellt. Er sitzt auf einem Felsvorsprung und seinen nackten Körper umfängt lediglich ein weiter roter Mantel.

Gezeigt wird er in einem Moment innerer Konzentration, bevor er mit seinem Flötenspiel beginnt die Flöte. Sein leises beseeltes Lächeln ist hierbei Ausdruck allergrößter Zufriedenheit. Schon zuvor war es ihm gelungen, einige Tiere durch sein Lyraspiel zu besänftigen, worauf sie sich friedlich niedergelassen und um ihn geschart haben. Die ihm von Apoll geschenkte Lyra hat er deswegen bereits zur Seite gelegt, um dieser friedvolle Natur-Idylle bukolische Flötentönen hinzuzufügen.

Auf diese Weise wird Orpheus nicht nur als Erfinder der Musik vorgestellt, sondern vor allem deren betörende und besänftigende Wirkmacht. Diese verbildlichte Kunst musikalischer Verzauberung der Welt könnte man sich gut, übertragen auf die Nutzung des kleinen Raumes als intimen Rückzugsort in dem musiziert wurde, vorstellen.

Die südliche Supraporte: Diana wird von Aktäon überrascht

Auf der querrechteckigen Supraporte ist eine eigentlich höchst dramatische Erzählung wiedergegeben, die allerdings aufgrund der idyllischen Darstellung natürlichen Schutzraumes in den Hintergrund gerät.

Der lauschige Ort ist der heilige Hain der Jagdgöttin Diana, wohin sie sich nach einer den Körper erhitzenden Jagd gerne zurückzieht, um sich im Quellwasser abzukühlen und zu erfrischen. Dabei wird sie unterstützt von ihren jungfräulichen Begleiterinnen, die ihr die Jagdwaffen abnehmen und Diana für das Bad vorbereiten. In diesen eigentlich blicksicheren göttlichen Schutzraum bricht aus Zufall der sich ebenfalls auf der Jagd befindliche Aktäon ein und sowohl der Nymphen wie auch die Göttin im wenig bekleideten Zustand ansichtig wird.

Dieser frevlerischen Tat folgte die sofortige Bestrafung des Aktäon, indem ihn Diana, da sie ihre Waffen nicht mehr griffbereit hatte, mit Wasser bespritzte und damit seine schnell einsetzende Verwandlung in einen Hirsch einleitete. Dies wird, was der damals kundige Ovid-Leser wusste, zu seinem Tod führen, weil ihn seine eigenen Hunde als Jagdbeute anfallen und zerfleischen werden.

Auch diese Thematik könnte man spekulativ, genauso wie die Orpheus-Erzählung, auf den kleinen Realraum als angenehmes Rückzugs- und Schutzzimmer übertragen. Der inhaltliche Unterschied bestünde allerdings darin, in diesem Raum-Idyll die sittlichen Grenzen im Umgang miteinander zu achten und einzuhalten.

Die dreiteiligen Raumfolge im Südflügel des 1. OG: Beschreibung und Maße

Die gesamte Breite des Südflügels nehmen drei symmetrisch angeordnete Räume ein. Das mittlere Zentrum bildet das 8,5m x 5,4m große Zimmer, das zugleich den Zugang zum Balkon erlaubt. Die beiden Nebenräume unterscheiden sich nur in der geringeren Raumgröße.

In dem südwestlich gelegenen Zimmer bedeutet dies eine Breite von ca. 5,5m, eine Tiefe von 5,3m und eine Deckenhöhe von 3,5m. Der Raum, der von den drei Nord- und zwei Westfenstern belichtet wird, besitzt zwei Türen, wobei die südöstliche in das mittlere Balkonzimmer und die nordöstliche in das sog. Chinesische Zimmer führt.

Über beiden befindet sich jeweils eine Supraporte mit mythologischem Inhalt, deren (mögliche) Thematik über die komplexen Aussagen der Liebespaarungen von Zeus/Europa sowie Venus/Mars transportiert werden soll.

Das südwestliche Zimmer

In dem südwestlich gelegenen Zimmer bedeutet dies eine Breite von ca. 5,5m, eine Tiefe von 5,3m und eine Deckenhöhe von 3,5m. Der Raum, der von den drei Nord- und zwei Westfenstern belichtet wird, besitzt zwei Türen, wobei die südöstliche in das mittlere Balkonzimmer und die nordöstliche in das sog. Chinesische Zimmer führt.

Über beiden befindet sich jeweils eine Supraporte mit mythologischem Inhalt, deren (mögliche) Thematik über die komplexen Aussagen der Liebespaarungen von Zeus/Europa sowie Venus/Mars transportiert werden soll.

Die östliche Supraporte des südwestlichen Zimmers: Venus und Mars

Auf der querrechteckigen Supraporte haben sich die Liebesgöttin Venus und Kriegsgott Mars in eine Wolkenhöhle zurückgezogen, um ungestört, nur von Putten begleitet, ihre gegenseitige Zuneigung auszukosten.

Mars hat für dieses erotische Stelldichein bereits seinen Helm abgenommen sowie Schwert, Schild und Beinschienen beiseite gelegt und ist in seinem verliebten Zustand auch bereit, sich seiner Rüstung zu entledigen. Selbstvergessen und hingebungsbereit hat er sich in die ihn liebevoll umfangenden Arme der Liebesgöttin gelegt.

Allegorisch formuliert handelt es sich bei dieser Art der Darstellung um ein in der Kunst der Neuzeit beliebtes und bekanntes Thema, das generell die Zähmung der Kriegsgewalt durch die Liebe ausdrücken möchte.

Die nördliche Supraporte: Zeus und Europa

Die auf der querrechteckigen Supraporte dargestellte mythologische Szene übersetzt das beliebte Thema von Zeus und Europa in eine mehrfigurige X-förmige Komposition, die das innere Seelengeflecht der Personen, die Gefühlsnähe Europas zu ihren Begleiterinnen einerseits, aber vor allem auch die neu entflammte Liebe andererseits verdichten soll.

Veranschaulicht ist der erzählerische Moment, nachdem sich der in die phönizische Königstochter Europa verliebte Göttervater Zeus in Gestalt eines weißen Stieres den am Strand spielenden jungen Mädchen genähert hatte und die Prinzessin langsam Gefallen an dem Tier gefunden hatte. Der größte Beweis ihres Vertrauens zu dem Tier war, sich auf dessen Rücken zu setzen, was Zeus als Zeichen ihrer Verliebtheit verstand und ihn veranlasste, sein jüngste Eroberung über das Mittelmeer hinweg nach Kreta zu entführen. Bildmotivisch drückt diesen baldigen Aufbruch des noch ruhig ruhenden Stieres sein rechtes, bereits zum Abritt drängendes Vorderbein an, wobei der Maler die noch bevorstehende Überquerung des Meeres im linken Bilddrittel andeutet

Bibliographie

  • Appelganz, Diplomarbeit, 2024 — Appelganz, Kathrin: Die Wandgestaltung des spätbarocken Eckpavillons am Hermansbau in Memmingen. Untersuchung und Erarbeitung eines Konservierungs- und Restaurierungskonzepts (=Diplomarbeit: Hochschule für Bildende Künste, Dresden, 2024)
  • Bayer, Götterhimmel, 1998 — Bayer, Günther: Der Göttersaal im Hermansbau und sein Meister: Franz Antoni Dick als Maler des Treppenhausfreskos identifiziert, in: Der Spiegelschwab. Heimatbeilage der Memminger Zeitung, Jahrgang 1998, Nr. 2, S. 5–6
  • Breuer, Memmingen, 1959 — Breuer, Tilman: Stadt und Landkreis Memmingen (=Kreisel, Heinrich/Horn, Adam (Hgg.): Bayerische Kunstdenkmale IV: Stadt und Landkreis Memmingen: Kurzinventar), München 1959
  • Bushart/Paula, Schwaben, 2008 — Bushart, Bruno/Paula, Georg: Bayern III: Schwaben (=Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bayern III: Schwaben), München 2008 (2. Auflage)
  • Kretschmer, Lexikon, 2008 — Kretschmer, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Stuttgart 2008
  • Miedel, Memmingen, 1929 — Miedel, Julius: Führer durch Memmingen und Umgebung, Memmingen 1929
  • Ripa, Iconologia, 2012 — Ripa, Cesare: Iconologia, Turin 2012

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Bushart/Paula, Schwaben, 2008, S. 723.
  2. Appelganz, Diplomarbeit, Band 1, 2024, S. 9.
  3. Appelganz, Diplomarbeit, Band 1, 2024, S. 20–21.
  4. 4,0 4,1 Bayer, Götterhimmel, 1998, S. 5–6.
  5. Zuerst in: Breuer, Memmingen, 1959, S. 55.
  6. In diesem wissenschaftlichen Rahmen ist die Möglichkeit einer genaueren Untersuchung nicht vorgesehen/möglich (nicht im Aufgabengebiet).
  7. Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 452.
  8. Ripa, Iconologia, 2012, S. 585.
  9. Miedel, Memmingen, 1929, S. 87.