Memmingen, Gartenpavillon des Hermanbaues, Zangmeisterstrasse 8
Inventarnummer: cbdd20376
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Das als Rückzugsort dienende und dem benachbarten Hermansbau zugehörige Gartenhaus zeigt, genauso wie der Hauptbau, eine erstaunliche, überregional bedeutsame Qualität in seiner Architektur und innenräumlichen Ausstattung mit Stuck und Malereien.

Lage, Bau- und Ausstattungsgeschichte
Lage
Westlich der Vierflügelanlage des Hermansbaus, getrennt durch die Hermansgasse, befindet sich eine schmale, längs gerichtete Gartenanlage, an deren südlicher Kopfseite ein kleines Gartenhaus steht.
Die westliche Begrenzung des Gartens bildet der ehemals zum Hermansbau gehörige, 1752 errichtete Junkerhof und die östliche Umfassungsmauer mit einem Zugang, wodurch insgesamt ein blickgeschützter und profaner ,hortus conclusus‘ entstand.
Bau- und Ausstattungsgeschichte
Die Bau- und Ausstattungsgeschichte des Gartenhauses ist nicht erforscht, weshalb hier nur die pauschal publizierte Aussage von „einem wohl um 1766 errichteten [...] Mansarddachbau“[1] übernommen sei.
Das Bauwerk
Bauwerk
Das kleindimensionierte Gartenhaus wird auf drei Seiten von hohen, zu unterschiedlichen Zeiten errichteten Bauten umstanden. Der durchaus möglichen Gefahr, in diesem Gebäudedschungel verloren zu gehen, unterläuft das Gebäude durch seine äußerst gelungene Gesamtproportionierung und überlegt verwendete Gliederung, die dem Bau in dieser Umgebung den Charakter eines die Gartenanlage schmückenden Solitärs verleiht.
Die dem Architekten gestellte Aufgabe, inmitten der Altstadt von Memmingen ein Gartenhaus erbauen zu müssen, löste er mit dem typologisch bewährten Muster einer ,maison de plaisance‘, einem Bautypus, der eigentlich einer ihn ganz umschließenden Grünanlage bedarf, um den Charakter eines Landhauses anzunehmen.
Trotz dem Fehlen dieser Grund-Eigenschaft kann sich das Gebäude inmitten des Gebäude-Rundums behaupten und seine ihm zugedachte Funktion als eher privat genutzter Rückzugsort erfüllen. Er sollte dem Besitzer eine Erholungspause von den repräsentativen und zeremoniellen Pflichten bieten, in der er unterschiedlichen Neigungen und Vorlieben nachgehen und nachgeben konnte.
Diese Nutzung des Gebäudes versuchte der Architekt in eine Formensprache zu übertragen, die weniger Wert auf glanzvolle Repräsentation legte und dennoch ihre den Bau gestaltende Struktur beibehalten sollte.
Anstelle der regelgerechten Verwendung einer Pilaster- oder Säulen-Ordnung ersetzte er diese Gliederungselemente durch genutete Lisenen, die das Wandkontinuum harmonisch einteilen und gleichzeitig die mittlere Tür und die seitlichen Fenster einrahmen. Ebenfalls nicht ganz regelkonform ist der Verzicht auf die Ausbildung eines vollständigen, dreiteiligen Gebälks als horizontale Auflage für das Mansarddach darüber.
Dennoch erweist sich der namentlich nicht bekannte Architekt als ein theoriesicherer und versierter Kenner der Gliederungsregeln, was sich besonders an den Kantenbildungen des Bauwerks zeigt. Dort fasste er die Lisenen zu einem L-förmigen Gebilde zusammen, das, zugleich nach Längs- und Schmalseite unterschieden, dem Bauwerk optisch seine standsichere Stabilität verleiht.
Der Auftraggeber: Benedict von Herman (1689–1782)
Ob man bei diesem Bauwerk auch von einer Auftraggeberschaft des aus Memmingen stammenden und in Venedig lebenden und arbeitenden Fernhandelskaufmann Benedict von Herman (1689–1782) ausgehen darf, entbehrt jeglicher schriftlichen Grundlage.
Mögliche Künstler: Malerwerkstatt Rupprecht, Johann Jakob Bäschlin oder Antoni Dick?
Weder für die qualitätvolle architektonische Gestaltung des Gartenhauses noch für deren malerische Innenausstattung lassen sich aus Mangel an archivalischer Recherche Künstlernamen zuordnen.
In dem kunsthistorischen Rätsel-Karussell rotieren drei Namen um die Vermutungs-Achse: „Malerfirmen aus Memmingen, wie die Malerwerkstatt Rupprecht, und der sich 1768 in Memmingen befindliche Wandmaler Johann Jakob Bäschlin aus Schaffhausen“[2] sowie der Maler Antoni Dick.[3]
Der Gartensaal im Inneren: (Beschreibung und Ausmaße)
(4607, 4621)
Den queroblongen Raum betritt man von der Nordseite durch die mittig gesetzte Tür und befindet sich in einem hellen Saal, der von insgesamt fünf hochrechteckigen Stichbogenfenstern belichtet wird. Drei davon sitzen in der Südwand, zwei in der Nordwand und je eines in der Ost- bzw. Westwand. Ihre untere Begrenzung geht einher mit der Oberkante des 0,7m hohen Sockelbereichs, womit sich eine gleich hohe, den gesamten Raum umlaufende und auf diese Weise verbindende und vereinheitlichende Linienführung ergibt.
Die Tür- und Fensteröffnungen nehmen nicht die gesamte Wandhöhe ein, sondern enden unterhalb der Voute (Hohlkehle), die den Wandbereich abschließt und auf runde Weise zum großflächigen Spiegelgewölbe überleitet.
Neben der heute nur noch zu erahnenden farbigen Bemalung der Deckenfläche, die ehemals auf diese Weise auch den sofortigen Blickfang bildete, sind die restlichen vier Gemälde im Wandbereich zurückhaltend monochrom gehalten, um eben diesen Effekt nicht zu stören.
Die Malereien werden von Stuckgebilden begleitet, die mit ihren hellen Rocailleformen den Innenraum beleben, ohne aufdringlich zu wirken. Dieser Effekt wird dabei nicht nur allein durch die Umfassung der monochromen Fresken erreicht, sondern vor allem durch die Anbringung und Verteilung der Rocaillen. Diese Dekormotive überbrücken den schmalen Wandabstand zwischen den Tür-, Fenster- und Landschaftsgemälden und krallen sich alle in der Hohlkehle mit einer nach oben offenen Spangenformation fest. Der Aufbau und die Nähe dieser Spangengebilde aus mehreren, ineinander verhakten C-Bögen erzeugt gleichzeitig eine in sich geschlossene, aber darstellungsleere Kartuschenform.
Der Rundumblick offeriert so eine rhythmische Einteilung der einzelnen, unterschiedlich breiten Wandabschnitte, deren jeweils offene und geschlossene Formbildung sich abwechselt und viel zur dezenten Belebung des Inneren beiträgt. In der räumlichen Zusammenschau kann man, trotz der bestehenden Schädigungen, sehr wohl die proportionale Qualität des Architekten, das belebend-strukturierte Konzept der Stuckateure und den variablen Ideenreichtum des Freskanten hervorheben.
Erwähnt sei noch die Existenz eines Kamins an der Westwand, was indirekt darauf verweisen könnte, den Pavillon nicht allein in den warmen Sommermonaten genutzt zu haben.
Der Raum ist 7,4m lang, 4,8 m breit und 4,9 m hoch.
Nordöstliche Wandmalerei: Landschaftsprospekt mit Mühle
Einem ähnlichen Kompositionsprinzip wie auf der gegenüberliegenden Wandseite folgend, steht ein belaubter Baum, hier bildrechts, der zum zentralen Mittelmotiv einer Mühle mit Wasserrad und Bachlauf hinführt, die vor einer Gebirgslandschaft dargestellt ist.
Südöstliche Wandmalerei: Landschaftsprospekt mit Fluss und Gebäuden
Auf dem monochromen Hochrechteckbild ist eine abwechslungsreicher Landschaftsausschnitt zu sehen, der rechts und links des Ufers unterschiedliche Architekturansichten versammelt.
Am unteren Bildteil ist, kompositorisch als Einleitungsmotiv zu verstehen, ein einfacher, dreiachsiger Kirchenbau mit Satteldach und kleinem Glockenturm auf der First-Vorderseite erkennbar. Genau darüber stehen mehrere Gebäude auf dem Plateau eines Hügels. Architektonisches Zentrum ist ein stattlicher zweigeschossiger Baukörper mit Dach und Gauben, deren Vorderseite eine symmetrische Einteilung von Eingangstür und Fensterverteilung zeigt.
Das Gebäude wird von zwei unterschiedlich großen Zentralbauten mit einem turmähnlichen Aufbau umstanden, wobei der vordere mehrstöckige Bau allerdings mit dem massiven, hohen Turm im Rücken des Hauptgebäudes nicht konkurrieren kann.
Der bildmittige, die ganze Landschaft teilende Fluss bildet zwei Landzungen aus, auf denen man die Fragmente eines Monumentalbaues erkennt, während die andere einen Teich vom Flusslauf abtrennt, in dem Fischer auf ihrem Kahn ihrem Handwerk nachgehen. Am Ufer der gegenüberliegenden Flussseite liegt eine Stadt, die sich mit einem Mauerring und mehreren Türmen gegen potentielle Feinde schützt.
Südwestliche Wandmalerei: Landschaftsprospekt mit Brücke
Die Darstellung des hochrechteckigen Wandbildes baut sich aus den beiden seitlichen Felsabhängen auf, zwischen denen aus der Tiefe des Bildraumes ein Bach in Kaskaden nach vorne fließt und den eine Bogenbrücke überspannt. Von bildrechts haben sich entlang einer zinnenbewehrten Mauer ein Reiter und Fußgänger mit Hund an einem mauerstarken Gebäude mit Turmaufsatz vorbei auf die Brücke begeben, um den naturgegebenen Abstand zu überwinden und auf die andere baumbestandene Bachseite zu wechseln.
Nordwestliche Wandmalerei: Landschaftsprospekt mit Haus
Die Komposition des hochrechteckigen Monochrombildes folgt einer klassisch gewordenen Darstellungsmethode. Bildlinks steht ein schräg gewachsener Baumstamm, dessen Äste noch Blattwerk tragen. Auf diese Weise lenkt der Maler den Betrachterblick in die Bildmitte, wo vor einer baumbestandenen Hügellandschaft ein Bauwerk, möglicherweise ein Gehöft, an einem See steht. Dieses liegt außerhalb einer menschlichen Ansiedlung, die von einer Kirchturmspitze angedeutet wird.
Naturprospekte als Hinweis auf ehemalige Besitzungen der Familie Herman?
Die vier in monochromen Brauntönen dargestellten Naturprospekte sind vielleicht nur Phantasieprodukte des ausführenden Malers, könnten aber genauso gut Hinweise auf ehemalige Besitzungen der Familie Herman abbilden.[4]
Die Deckenmalerei: Darstellung der vier Elemente, vier Jahreszeiten sowie Tag und Nacht
Aufgrund des nicht sehr guten Erhaltungszustandes des Deckenbildes in „polychromer Seccomalerei auf Gipsgrund“[5] konnten die dargestellten Personifikationen erst nach einem zeitintensiven Studium gezählt und bestimmt werden. Um an dieser Stelle diesen Wahrnehmungsprozess abzukürzen und zu erleichtern, versuchen wir aus Gründen der gestalterisch-kompositionellen Übersichtlichkeit und ikonographischen Nachvollziehbarkeit die Beschreibung der eigentlich im Deckenraum verteilten Figuren auf die Fläche eines Grundrisses zu übertragen.
Insgesamt halten sich zehn antike Gottheiten in dem Deckenfresko auf, wobei die sie begleitenden Putten bei dieser Zählung hier bewusst nicht integriert sind, um den figural-ikonographischen Überblick nicht zu verlieren. Die zehn anwesenden Götter repräsentieren insgesamt drei verschiedene Themeneinheiten: die vier Elemente, die vier Jahreszeiten sowie Tag und Nacht.
Die entsprechenden Repräsentanten konzentrieren sich in Gestalt von Neptun (Element Wasser), Mars (Element Feuer) und Kybele (Element Erde) auf der westlichen Deckenseite. Juno, die Versinnbildlichung der Luft, ist von den dreien räumlich etwas entfernt im östlichen Decken-Zenit zu sehen.
Die vier Jahreszeiten in Gestalt von Ceres (Sommer), Herbst (Bacchus) und Winter (Äolus) befinden sich auf der Ostseite. Die Personifikation des Frühlings, Flora, hat ihren Aufenthaltsort direkt gegenüber Juno, womit beide auf einer Kompositionslinie in der nördlichen Hälfte des Götterhimmels miteinander verbunden sind.
Die südliche Hälfte ist hingegen dem mythologischen Geschwisterpaar Apoll und Diana vorbehalten, welche, in diesem Kontext, den Tag und die Nacht versinnbildlichen.
Programm und Synthese: Darstellung der vier Elemente, vier Jahreszeiten sowie Tag und Nacht
Der suboptimale Zustand des Deckenfreskos erlaubt keine bis ins letzte Detail verfolgbare und bildlich belegbare Aussage. Dennoch soll hier ein Deutungsvorschlag gemacht werden, der über die beiden bisher relevantesten Äußerungen zur Thematik des Deckenbildes hinausgeht. 1955 hieß es: „Huldigung an eine Frau mit Kugel und Szepter, Ceres (?), ein Putto bringt einen Früchtekorb, daneben Apoll und Diana und weitere olympische Götter.“[6] Die thematische Ergänzung hierzu folgte 2024: „Das Bildprogramm der Deckengestaltung umfasst bis zu elf Darstellungen von personifizierten Jahreszeitenmotiven in Form von antiken Göttergestalten.“[7]
Ausgehend von unserer eigenen Zählung und Bestimmung der im Deckenfresko anwesenden zehn Gottheiten, scheint die damalige ikonographische Konzeptionierung von der Idee bestimmt gewesen zu sein, sowohl die vier Elemente und vier Jahreszeiten als auch Tag und Nacht symbolisch-allegorisch darzustellen. Der tiefere Sinn-Zusammenhang liegt vermutlich darin, mit diesen drei Zyklen schrittweise die hierarchische Entwicklung des kosmologischen Systems vorzustellen, das letztendlich bis zu den Segnungen irdischen Lebens führen wird.
In der mythologischen Vorstellungswelt sind die vier Elemente die ersten Bestandteile einer langsam sich ausdifferenzierenden und dinglich verfestigenden kosmischen Struktur, die auf den chaotisch verlaufenden Schöpfungsvorgang folgte.
Das antike Geschwisterpaar Apoll und Diana steht für die spätere Etablierung des kosmischen Wandels von Tag und Nacht, oder, allgemeiner formuliert, der Zeit, die wiederum Auswirkungen auf die vier verschiedenen Jahreszeiten hat, die dem irdischen Leben insgesamt zuträglich sind. In dieser Vorstellung von umfassenden zyklischen Bewegungen, die das makro- und mikrokosmische Geschehen zusammenbinden, war die damals durchaus bekannte und verständliche Aussage eines auf Erden aufblühenden Lebens und blühenden Gartens integriert.
Sanierung / Renovierung
Das künstlerisch hochqualitative Gartenhaus mit seiner exzellenten Innenausstattung ist schon seit längerer Zeit in keinem guten Erhaltungszustand. In jüngster Zeit bemüht sich der Besitzer intensiv darum, das Gebäude wissenschaftlich untersuchen zu lassen und, in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, eine breit gefächerte Diskussionsgrundlage für eine künftige Sanierung und Renovierung bereitstellen zu können.[8]
Dies wäre auch die Gelegenheit, die bereits 1880 von A. Oswald getätigten Ausbesserungen wissenschaftlich festzustellen, dessen Name und Datierung über der nordöstlichen Voute zu erkennen ist.[9] „Die Signatur könnte eventuell zu Josef Anton Oswald zugeordnet werden, der ab 1856 in der Antikenklasse an der Akademie der Bildenden Künste München studiert hat.“[10]
Bibliographie
- Appelganz, Diplomarbeit, 2024 — Appelganz, Kathrin: Die Wandgestaltung des spätbarocken Eckpavillons am Hermansbau in Memmingen. Untersuchung und Erarbeitung eines Konservierungs- und Restaurierungskonzepts (=Diplomarbeit: Hochschule für Bildende Künste, Dresden, 2024)
- Breuer, Memmingen, 1959 — Breuer, Tilman: Stadt und Landkreis Memmingen (=Kreisel, Heinrich/Horn, Adam (Hgg.): Bayerische Kunstdenkmale IV: Stadt und Landkreis Memmingen: Kurzinventar), München 1959
- Bushart/Paula, Schwaben, 2008 — Bushart, Bruno/Paula, Georg: Bayern III: Schwaben (=Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bayern III: Schwaben), München 2008 (2. Auflage)
Einzelnachweise
- ↑ Bushardt/Paula, Schwaben, 2008, S. 723.
- ↑ Appelganz, Diplomarbeit, Band 1, 2024, S. 10.
- ↑ Appelganz, Diplomarbeit, Band 1, 2024, S. 22.
- ↑ Breuer, Memmingen, 1959, S. 55; Bushart/Paula, Schwaben, 2008, S. 723; Appelganz, Diplomarbeit, Band 1, 2024, S. 19.
- ↑ Appelganz, Diplomarbeit, Band 2, 2024, Blatt 21 (Abb. Nr. A-67).
- ↑ Breuer, Memmingen, 1959, S. 55.
- ↑ Appelganz, Diplomarbeit, Band 1, 2024, S. 19.
- ↑ Appelganz, Diplomarbeit, Band 1, 2, 2024. Für die vorbehaltlose Bereitstellung des umfangreichen Schrift- und Bildmaterials zu diesem Unterfangen sei Prof. Dr.Dr. Daniel von Wachter, Liechtenstein, herzlichst gedankt.
- ↑ Appelganz, Diplomarbeit, Band 2, 2024, Blatt 20 (Abb. Nr. A-64).
- ↑ Appelganz, Diplomarbeit, Band 1, 2024, S. 23.