Mammendorf, Pfarrkirche St. Jakobus Maior
Pfarrkirche, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung war die Pfarrei Mammendorf Monatspfarrei. Gericht Dachau, Amt Esting
Patrozinium: St. Jakobus Maior
Zum Bauwerk: Der Ostabschnitt der Kirche entstammt der ersten Hälfte des 15. Jh. 1795 wurde das damalige LHs durch einen Sturm so schwer beschädigt, daß man sich zu einem Neubau entschloß. In einer Pfarrbeschreibung von 1817 (AEM, PfB Mammendorf) schreibt Pfarrer Joseph Eibel: »Die Pfarrkirche zu St. Jakob wurde durch Bemühung des Titl. Herrn Xaver Therer Pfarrer und Dechandt, und freywillige Beyträge der Pfarrkinder und Auswertigen ad 2378 f 40 × im Jahre 1796 und 1797 erneuert.« 1903 Erweiterung des LHs um zwei Joche nach W unter Weiterverwendung der klassizistischen Emporenbrüstungen.
Sechsachsiger, weiter Saalbau mit doppelter Westempore und einem stark eingezogenen, zweiachsigen AR mit dreiseitigem Chorschluß. Im zweiten Joch des LHs von O befindet sich auf der S-Seite eine halbrunde Nische, die sog. Kreuzkapelle, mit einer plastischen Gruppe des Gekreuzigten und der Schmerzensmutter. Gute Raumausleuchtung durch hohe Rundbogenfenster im LHs und kleinere im AR. Wandgliederung im LHs durch Pilaster mit ionischem Kapitell, hohem Architravstück und ausladender Deckplatte, im AR durch ein System, das sich von einfachen Pilastern über solche mit Kompositkapitell zu Dreiviertelsäulen in rotem Stuckmarmor mit Kompositkapitell steigert. Der klassizistische Wand- und Deckenstuck im Farbakkord helles Türkis – Weiß – Gold wurde laut Rechnungsbelegen im Pfarrarchiv (frdl. Mitt. von Geistl. Rat Thomas Führer, Jesenwang, ehem. Pfarrer von Mammendorf) von dem Wessobrunner Stukkator Johann Michael Sporen (* 1748 † 1819) ausgeführt. In einer Quittung des Malers
Joh. Nic. Miller vom 6.9. 1748 (Sandizell, Schloßarchiv, Akt Kirchenbau, betrifft Hofmarkskirche St. Petrus) wird seine Abreise nach Mammendorf erwähnt. Es ist denkbar, daß er den 1795/96 abgerissenen Vorgängerbau ausgemalt hat.
Auftraggeber: Franz Xaver Therer, Pfarrer von Mammendorf (1788-1808). Unter seiner Ägide erfolgten Bau und Ausstattung.
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Richard Victor Purnickl (* 1770 Herrieden, Mittelfranken † 1838 München) um 1800
Bildaufbau und Farbgebung belegen eine Entstehung um 1800: Trotz großer Höhenerstreckung des Freskofeldes herrscht überwiegend Tafelbildcharakter; Tiefenräumlichkeit wird nicht mehr angestrebt und die Wolkenformationen hinterlegen die Figuren als relativ flache Folie. Ein Rest von Höhenillusion wird durch maßvolles Kleinerwerden der Figuren zum oberen Bildrand hin erreicht. In der weitgehend entleerten Bildfläche wirken die silhouettenhaft gegebenen Figuren wie erstarrt. Gebrochene, matte Farbtöne charakterisieren die Palette. Zum Vergleich bietet sich das etwa gleichzeitige Hauptfresko B der Kalvarienbergkirche in Bad Tölz an, geschaffen von J. M. Ott 1785 (CBD Bd 2, Abb. S. 31). Das Hochaltarbild, der hl. Jakobus wird zur Richtstätte geführt, ist signiert und datiert Victor Purnickl/inv. & pinx. funrt, 1st signiert und datiert Victor Purnicki inv. & pinx 1794. Vom gleichen Maler stammen mit Sicherheit auch die beiden Seitenaltarbilder (s. Pfarrer Th. Führer, S. 5). Die Fresken stehen formal und stilistisch in keinem Widerspruch zu den Altargemälden. In einer gelb- bis brauntonigen Gesamtfarbigkeit ohne stärkere farbliche Kontraste oder Akzente und ohne Leuchtkraft sind sowohl Altar- als auch Deckenbilder ausgeführt. Die Kompositionen sind ohne Spannung und ohne Temperament angelegt. Die Figuren sind mit weichen überall abgerundeten Konturen gezeichnet; Körper, Gesichter und Hände zeigen das auch im Detail. Von R. V. Purnickl stammt auch das Hochaltarblatt der Marienkirche in Unterlappach (LKr. Fürstenfeldbruck) signiert mit Richard Victor Purnickel/pinx. 1799. Die Figur der Maria zeigt in der Gewandbildung und in den gestreckten Körperproportionen Verwandtschaft mit dem Engel in Fresko C. Richard Victor Purnickel ist bis jetzt jedoch nur als Maler und Lithograph bekannt (Thieme-Becker, Bd 28, S. 465), nicht als Freskant.


Die Hauptdarstellung mit der Glorie des hl. Jakobus verrät eine große Abhängigkeit von den letzten Arbeiten des Münchner Hofmalers Thomas Christian Wink (* 1738 Eichstätt † 1797 München). Vergleicht man z. B. den thronenden Mammendorfer Gottvater zwischen der Weltkugel und dem seitlich in Anbetung niedergesunkenen Engel mit der fast gleichlautenden Gruppe in Fresko C in Hörgertshausen (LKr. Freising; geschaffen 1790/91, Sign. in A; CBD Bd 6) und in Fresko B der Wallfahrtskirche St. Leonhard in Siegertsbrunn (LKr. München, geschaffen 1793, Sign. in A; CBD Bd 3/I, S. 165), so zeigt sich, daß die hochgebauschten, erstarrten Gewandpartien, das kreidig aufgehellte Gelb des Mantels, die lederne Faltenstruktur, die federartig gespreizten Finger, die Gesichtsbildung Winksches Formengut sind.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A, 1–4) stark gedrückte Flachdecke mit Stichkappen; AR Tonne mit Stichkappen (B) und querelliptische Flachkuppel (C)
Rahmen: A stuckierter Lorbeerblattstab, an den Feldecken eingewinkelt; B mehrstäbiger Stuckprofilrahmen, von Goldbändern umwunden; C mehrstäbiger Stuckprofilrahmen, mit Blütenranken umwunden;
Technik: Fresko; A-C polychrom; 1-4 Grisaillen
Maße A Höhe 8,80 m; 10,00 × 5,20
B Höhe 7,80 m; 2,00 × 3,00
C Höhe 7,80 m; 2,20 × 3,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Anläßlich des Erweiterungsbaus 1902/03 nach W wurde die klassizistische Deckenbild über der Orgel und Bilder an der Empore restauriert und in den westlichen Jochen nach Plänen von Sebastian Steiner, Fürstenfeldbruck, und Hofmann, Pasing, in der gleichen Art ergänzt. Das Chordeckenbild C wurde nach dieser Maßnahme als zu stark und zu grell übermalt beurteilt (BLfD, Akten Mammendorf). Die neubarocken Gemälde schuf Hans Kögl, Pasing: Über der Orgel die hl. Cäcilia, seitlich in den Zwickeln musizierende Putten, im Eingangsjoch das Marienmonogramm, an der oberen Emporenbrüstung Engel, die ein Medaillon mit der Raffael-Madonna halten, an der unteren die hll. David und Gregor. Auch im Deckenbild A sind Retuschen von Hans Kögl zu erkennen, besonders bei den Putten.
1940/41 Restaurierung durch Kunstmaler Anton Frank, München, und Kirchenmaler Christian Seibold, Freising. Dabei wurden die Evangelistensymbole 1–4 von Frank erneuert. Am 28./29.12.1947 stürzten, verursacht durch schwere Dachschäden, circa 2 m² vom großen Deckenbild (A) ab, die von Frank 1948 wieder instandgesetzt wurden.
Letzte Restaurierung 1967 durch Toni Mack, Obereglfing (Signatur in A, O-Seite), und Kirchenmaler Hans Hausch, Fürstenfeldbruck. Die Fresken wurden gereinigt und alte Übermalungen z. T. entfernt. Die bereits lockere Malschicht des schadhaften Hauptfreskos, das durch Wassereinwirkungen gelitten hatte, wurde befestigt, die schon vorhandenen Deckenverschraubungen durch weitere ergänzt. Die Farben wurden etwas aufgefrischt.
Der originale Zustand der klassizistischen Fresken ist durch die mechanischen Schäden und durch Übermalungen stark beeinträchtigt. Inwieweit die Farbigkeit dem ursprünglichen Befund entspricht, ist nicht mehr festzustellen.
Beschreibung und Ikonographie
A DER HL. JAKOBUS MAIOR IN DER GLORIE UND ALS PATRON VON MAMMENDORF Einansichtiges, geostetes Bildfeld, das trotz des steilen Hochformats Tafelbildcharakter aufweist. Betrachterstandpunkt im dritten Joch von W.
An den stuckierten Blattstabrahmen schließt eine gemalte, umlaufende Steinbrüstung an, letzte Reminiszenz an einen perspektivischen, von Architektur eingefaßten Durchblick in den Himmel. Die sehr niedrige terrestrische Zone nimmt nur den östlichen Bildrand ein und schwingt an den Ecken die nördliche und südliche Längskante des Freskos ein wenig hinauf. Gemeint ist die flache, buschbestandene Landschaft um Mammendorf. In der Nordostecke des Bildfeldes erscheint in Seitenansicht die Jakobskirche, auf die Strahlen aus den Wolken herniederfallen.
Der größte Teil der Bildfläche gehört dem himmlischen Bereich. Ockerfarbene, flächig aufgetürmte Wolkengruppen, die sich nach W und O hin etwas dunkler zusammenballen, ergeben einen kaum transparenten Bildgrund, der mit nur wenigen Figuren dünn besetzt ist. Ihre Anordnung in drei Etagen übereinander enthält einen letzten Nachklang der vertrauten zickzackförmig verlaufenden Aufstiegslinie der Figurenabfolge. Die untere Wolkenbank mit dem Heiligen stützt ein vom Rücken und von unten her gesehener Engel, dessen grauroter, um die Hüften geschlungener Mantel weit nach W ausflattert. Ein Putto seinerseits stützt diesen Mantelschweif. Der Heilige in blauviolettem Gewand und matt purpurfarbenem Mantel, die kurze Pelerine darübergehängt, kniet als isolierte Profilfigur annähernd im Bildzentrum. Er blickt diagonal zu Christus auf, während seine Linke zur Ortskirche hinabweist, die er Gott anempfiehlt. Vor ihm halten zwei Putten ein Schwert, Hinweis auf seinen Martyrertod durch Enthauptung. Ein Wolkenhügel mit den thronenden Figuren von Gottvater und Gottsohn zu seiten der Weltkugel beschließt das Bild. Über der Weltkugel schwebt die Taube des Hl. Geistes. Die hochgebauschten Gewandpartien – Purpur und Gelb in fahlen Tönen – stehen gleichsam gefroren aufrecht. Eine gelbe Strahlenglorie hinterlegt weitläufig diese göttlichen Personen, die von Engeln und Putten flankiert werden. Drei Putten halten das Kreuz Christi; zu seiten Gottvaters nimmt der von Thomas Christian Wink vielverwendete Typus des anbetend niedergesunkenen Engels einen wichtigen Platz ein.
Die mattfarbige Palette, die mit Abwandlungen gebrochener Violett- und Purpurtöne arbeitet, zu denen sie ein kräftigeres Rostrot und ein lichtes Gelb in Gegensatz stellt, geht auf Thomas Christian Wink zurück; das gilt auch für die Bildung der Wolken, ihre Ockertönung und den Übergang in branstige Brauntöne bei den Randwolken.
1–4 EVANGELISTENSYMBOLE Die vier Zwickelfelder, die an das LHs-Fresko stoßen, zeigen die Evangelistensymbole fast in Gestalt einer Drolerie. In den ungerahmten Grisailleszenen vor Wolkengrund thront jeweils ein Putto spielerisch, beinahe reitend, über dem Symboltier und schreibt in ein Buch. Nur der Engel schreibt selbst, von einem Putto assistiert.










B TAUBE DES HL. GEISTES Kleines queroblonges Feld mit der Hl.-Geist-Öffnung und der gemalten Geisttaube in einem Strahlenkranz, von Putten begleitet. Rosagelblicher Wolkengrund; am östlichen Bildrand gemalte Scheinbrüstung.
C ENGEL ERWARTEN DEN HL. JAKOBUS Das Gewölbe über dem ehem. 5/8-Schluß des AR geht am Scheitel in eine kleine ellipsoide Flachkuppel über, die perspektivisch (geostet) mit einer kassettierten Scheinkuppel ausgemalt ist. Diese öffnet sich zum Himmel, von wo ein Engel in blauem Mantel und Putten herabschweben. Der Engel hält eine goldene Martyrerkrone, durch die ein Strahlenbündel herniederfährt, daneben hält ein Putto einen Martyrerkranz aus weißen und roten Blüten. Das Fresko bezieht sich auf das Hauptaltarbild, wo der hl. Jakob gefesselt zur Hinrichtung geführt wird. Rosagelbliche Töne herrschen vor, das Kassettengerüst zeigt ein fahles Türkis.
Quellen und Literatur
AEM, PfB Mammendorf, »Beschreibung der Säkular = Pfar rev Mammendorf, verfaßt den 18ten November 1817 vo Joseph Eibel Pfarrer in Mammendorf«.
Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 259 f.
Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 313 f.
KDB I OB (r), S. 469
Heimatbuch Fürstenfeldbruck (o.V.), Fürstenfeldbruck 1952, S. 278 f.
Historischer Atlas I, Bd 11/12, S. 41.
Landkreis Fürstenfeldbruck (o.V.), Heimatbuch, Pörsdorf 1963, S. 179.
Führer, Thomas, Geschichte der Pfarrei und der Kirchen von Mammendorf (o.O.), 1966, S. 2–6.
Clementschitsch, Heide, Christian Wink 1738–1797, ungedr. Diss. Wien 1968, Anhang A, Katalog der Fresken von Christian Wink
Kunst- und Kulturdenkmäler, S. 302 f.
Kraft, Klaus und Florian Hufnagel, Landkreis Fürstenfeldbruck (= Baudenkmäler in Bayern, Bd 12), München 1978, S. 66 f.
Dehio 1990, S. 613.